mini|Evangelische Kirche Breidenbach Die evangelische Kirche Breidenbach ist ein Kirchengebäude in Breidenbach im Hessischen Hinterland. Die dreischiffige frühgotische Hallenkirche ist als denkmalgeschütztes Werk in der Liste der Kulturdenkmäler in Breidenbach verzeichnet. Der Chor geht in seinen Grundmauern möglicherweise auf die Zeit des Bonifatius zurück. Der Westturm mit seinem gedrehten Spitzhelm ist das Wahrzeichen Breidenbachs.Bezzenberger: Sehenswerte Kirchen in den Kirchengebieten Hessen und Nassau und Kurhessen-Waldeck. 1987, S. 69.
Geschichte Eine Kirche in Breidenbach ist urkundlich erstmals im Jahr 913 erwähnt, als Priester Guntbald seinen Besitz einschließlich der Taufkirchen (legitimas ecclessias) in Breidenbach im Perfgau und Muffendorf im Bonngau dem Walpurgisstift Weilburg vermacht. Wahrscheinlich geht eine Vorgängerkapelle, die dem heiligen Martin von Tours geweiht war, auf die Zeit des Bonifatius zurück.Huth: Breidenbach. Mittelpunkt einer historischen Kleinlandschaft. 1963, S. 58. Im Jahr 993 schenkte König Otto III. dem Hochstift Worms das Stift Weilburg, wozu auch die Breidenbacher Kirche gehörte. Die Kirche ging im Jahr 1100 in den Besitz des Grafen Werner über, der bis zu seinem Tod im Jahr 1121 Vogt (advocatus) und Patron für die Kirche blieb.Failing: Aus der Jugendzeit der Breidenbacher Kirche. 1974, S. 166. Bis 1103 gehörten 29 Filialen zum Breidenbacher Kirchspiel.Ostrowski: Die evangelische Kirche zu Breidenbach. 2005, S. 4–5. Im Jahr 1103 wurden Ober- und Niedereisenhausen aus der Mutterkirche Breidenbach ausgepfarrt und bildeten eine eigene Pfarrei. Von 1122 bis 1339 waren die Grafen von Nassau Besitzer und Patronatsherren, von 1339 bis 1570 die Herren von Hohenfels. Die heutige Kirche geht auf das 13. Jahrhundert zurück, wurde aber mehrfach umgebaut. Gerlach von Breidenbach und seine Frau stifteten 1479 das südliche Chorfenster.Huth: Breidenbach. Mittelpunkt einer historischen Kleinlandschaft. 1963, S. 22.
Im ausgehenden Mittelalter war Breidenbach Sendkirche des Bezirks innerhalb des Dekanats Kesterburg (Christenberg) und gehörte im Archidiakonat St. Stephan zur Erzdiözese Mainz.Huth: Breidenbach. Mittelpunkt einer historischen Kleinlandschaft. 1963, S. 59. Vor Einführung der Reformation waren noch 16 Ortschaften als Filialen nach Breidenbach eingepfarrt. Als die Reformation eingeführt wurde, wechselte die Kirchengemeinde zum evangelischen Bekenntnis. Erster protestantischer Pfarrer war von 1528 bis 1564 Balthasar Kleinhenn, der zunächst römisch-katholischer Priester war. Seit 1540 bildeten Lixfeld und Oberhörlen eine eigene Pfarrei. Die Filialen Wallau und Weifenbach lösten sich 1551 von der Mutterkirche und wurden zur selbständigen Pfarrei Wallau erhoben.Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch. 1933, S. 215. Das Kirchspiel umfasste 1582 noch zehn Orte. Im Jahr 1606 nahm die Gemeinde Breidenbach das reformierte Bekenntnis an, um 1624 endgültig zum lutherischen zurückzukehren. Die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zusätzlich zur Pfarrstelle eingerichtete Kaplanei wurde 1624 wieder aufgehoben, im Jahr 1660 aber wieder installiert.Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch. 1933, S. 216.
mini|hochkant|Wappen derer von Breidenbach (1631) an der nördlichen Chorempore Eine umfassende Sanierung fand von 1624 bis 1629 statt, bei der unter anderem eine neue Kanzel angeschafft wurde und die Emporen erweitert wurden. Während der Dienstzeit von Pfarrer Andreas Beißenherz folgte 1774 eine umfassende Innenrenovierung.Huth: Breidenbach. Mittelpunkt einer historischen Kleinlandschaft. 1963, S. 23. Die Emporen erfuhren eine nochmalige Erweiterung und erhielten die Brüstungsmalereien. Für die neue Orgel wurde der Adelsstand im Nordosten 1768 versetzt. Ein zweiter Adelsstand mit verglasten Fenstern an der gegenüberliegenden Südseite wurde 1966 bei Arbeiten am Fundament der Kirche beschädigt und abgebrochen. Die Spitze des Helmaufbaus, Turmknauf und Hahn wurden im Jahr 1858 erneuert.Ostrowski: Die evangelische Kirche zu Breidenbach. 2005, S. 58.
Im Zuge einer Innenrenovierung von 1952 bis 1954 wurden die übertünchten Wandmalereien in Gelb, Braun und Rot wieder freigelegt und teilweise ergänzt, ein neues Kirchengestühl angeschafft und der Fußboden mit neuen Platten belegt. Durch das Einziehen einer Wand unter der Mittelempore entstand ein separates Turmzimmer.Ostrowski: Die evangelische Kirche zu Breidenbach. 2005, S. 63. 1969 folgte die Erneuerung der Kirchenfenster, Anfang der 1970er Jahre die Renovierung von Kanzel, Orgel, Altarkreuz und Taufstein. Eine grundlegende Restaurierung der Kirche in den Jahren 1999 bis 2004 schloss auch den Kirchturm ein.Rudolph: Evangelische Kirchen im Dekanat Biedenkopf. 2012, S. 28. Das südliche Chorfenster wurde 2003 teilweise rekonstruiert und erhielt Maßwerk mit Dreipass und eine wabenförmige Bleiverglasung. Im selben Jahr wurde hinter der Ostwand des Südschiffs ein Hohlraum entdeckt, dessen mittelalterliche Malereien freigelegt und konserviert wurden, bevor der Hohlraum wieder verschlossen wurde. Sie zeigen Johannes den Täufer und eine Leiter mit einem Henkelkorb und einem Dreizack. Weitere Wandmalereien aus dem südlichen Vorraum zur Sakristei mit Szenen aus der Passionsgeschichte, die wahrscheinlich im 13. Jahrhundert entstanden, wurden 2004 entdeckt und gesichert.Ostrowski: Die evangelische Kirche zu Breidenbach. 2005, S. 76–81.
Architektur mini|links|Grundriss von Turm, Schiff und Chor mini|hochkant|Gedrehter Spitzhelm des Westturms mini|Nordseite des Schiffs Die in etwa geostete, hellgelb verputzte Kirche wurde in der Mitte des 13. Jahrhunderts im Ortszentrum errichtet. Sie lässt südwestfälischen Einfluss erkennen. Die ältesten Baukörper sind der Chor auf quadratischem Grundriss und der vierseitig aufgemauerte Schaft des Kirchturms, dessen wehrhafte romanische Konstruktion auf die Zeit um 1000 weist. Turm, Chor und Mittelschiff weisen dieselbe Breite auf.
Das Langhaus wird von einem steilen Satteldach von 1477/1478 bedeckt, dessen Dachfirst fast an die Traufe des Turms reicht. Von außen stützen schräg gestellte Strebepfeiler aus der Zeit um 1460 die Gewölbe der drei gleich hohen Hallen mit je drei Jochen. Die ursprünglichen kleinen Nebenapsiden an den Seitenschiffen sind nicht erhalten.Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 217. Das Mittelschiff wird von Gratkuppeln aus der Mitte des 13. Jahrhunderts überwölbt, die in den Seitenschiffen in halber Form ausgeführt sind. Arkaden mit stumpfen Spitzbögen öffnen die schmalen Seitenschiffe zum Mittelschiff. Die Schildbögen der Seitenschiffe sind halbkreisförmig, die Gurte des Mittelschiffs gedrückt.Feldtkeller: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Landkreises Biedenkopf. 1958, S. 18. Die vier Mittelschiffpfeiler auf quadratischen Grundrissen haben angeputzte Kapitelle aus Bruchstein. Pfeiler und Gurte weisen Quaderbemalung auf. Ursprünglich waren kleine hochsitzende Rundbogenfenster im oberen Drittel der Seitenschiffe eingelassen. Heute wird das Schiff durch große schlanke Fenster belichtet, deren Rundbogen noch aus romanischer Zeit erhalten sind, während andere in gotischer Zeit durch Spitzbogen ersetzt wurden. Das Schiff wird an den beiden Langseiten durch je ein rundbogiges Portal erschlossen. Die Westtür im Turm stammt aus neuerer Zeit.
Der massiv aufgemauerte Turmschaft hat drei Geschosse, von denen das obere durch ein umlaufendes Gesims abgesetzt ist. Der Turm wird von einem gedrehten, verschieferten Spitzhelm von 1501 bedeckt, der sich aus vier Dreiecksgiebeln entwickelt, die in einer steil aufragenden, kantigen Nase enden.Ferdinand Luthmer: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungsbezirks Wiesbaden. Nachlese und Ergänzungen zu den Bänden I bis V Orts- und Namensregister des Gesamtwerkes. Keller, Frankfurt am Main 1921, S. 168 (online). In den Giebeln sind an jeder Seite je zwei kleine Schalllöcher eingelassen und ein Ziffernblatt für die Turmuhr angebracht. Der Helm wird von einem Turmknauf, einem verzierten Kreuz und einem Wetterhahn bekrönt. Das Glockengeschoss beherbergt ein Dreiergeläut mit zwei Glocken aus vorreformatorischer Zeit. Eine goss im Jahr 1454 Delman von Hungen (= Teil von Keppel), die andere 1512 vermutlich Hinrich von Dortmund.Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 219. Das Erdgeschoss öffnet sich in der ganzen Breite zum Mittelschiff. Das erste Obergeschoss schließt mit einem Kreuzgratgewölbe ab und war ursprünglich in der ganzen Breite zum Schiff geöffnet, möglicherweise um als Herrschaftsempore zu dienen. Das oberste Geschoss dient als Glockenstube und hat spitzbogige Schallöffnungen.Luthmer: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. 1910, S. 19 (online).
Der Chor auf quadratischem Grundriss ist gegenüber dem Schiff niedriger und eingezogen. Zwei Maßwerkfenster versorgen das Innere, das mit einem Kreuzgratgewölbe aus der Mitte des 13. Jahrhunderts überwölbt ist, mit Licht. Das östliche Fenster geht auf das dritte Viertel des 13. Jahrhunderts zurück und ist ohne Mittelpfosten. In der Giebelspitze erhebt sich ein Vierpass über zwei Spitzbögen. Das südliche ist zweibahnig und hat zwei nasenbesetzte Rundbögen unter einer Fischblase. Darunter sind in der Außenmauer zwei quadratische Blenden eingelassen, die das Wappen von Breidenbach und ein weiteres zeigen, eine Bauinschrift von 1479 tragen und das Stifterehepaar nennen: „anno domini mdcccclxxix gerard von Breidbach, Lyse sin husfraw“.Luthmer: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Kreise Biedenkopf, Dill, Oberwesterwald und Westerburg. 1910, S. 18 (online). Links unten ist ein kleines Rundbogenfenster und rechts unten ein kleines Rechteckfenster eingelassen. Der Chor wird von einem verschieferten Satteldach bedeckt, dem ein kleiner verschieferter Dachreiter aus der Zeit um 1500 aufgesetzt ist.Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 218. Dieser besteht aus einem kubusförmigen Schaft und einem oktogonalen Spitzhelm. Im Inneren öffnet ein hoher, eingezogener Spitzbogen den Chor zum Mittelschiff. Im Nordosten ist in der Ecke zwischen Schiff und Chor eine kleine Sakristei auf rechteckigem Grundriss angebaut. Sie steht in der Flucht der Nordwand des Schiffs und ist im Inneren mit einem Tonnengewölbe überspannt.
Ausstattung mini|hochkant|Blick zum Altarraum und Chor mini|links|Wandfresken: heiliger Martin und Weihekreuz Zur Erstausstattung aus der Zeit um 1250 gehört das Taufbecken aus Lungstein mit Rundbogenfries, das jahrzehntelang im Pfarrgarten stand und seit 1976 wieder in der Kirche aufgestellt wurde und seinen Platz links des Altars gefunden hat. Der heimische Kunstschmied Erwin Thomä schuf den schmiedeeisernen ringförmigen Aufsatz nach einem Entwurf von Pfarrer Ulrich Contag und einer Zeichnung von Günther Ostrowski. Er zeigt in Kreisen Symbole der Kirche als Schiff und der Taufe sowie das Christusmonogramm und nimmt in der Mitte die silberne Taufschale auf.Hinterländer Geschichtsblätter. Jg. 55, Nr. 4, 1976, S. 47. Auf dem Blockaltar steht ein Kruzifix aus der Zeit um 1300, dessen ursprüngliche Fassung Kirchenmaler Hermann Velte 1975 wiederherstellte.Ostrowski: Die evangelische Kirche zu Breidenbach. 2005, S. 37.
mini|links|hochkant|Renaissance-Kanzel von 1628