mini|Alexei Gan auf der Ersten Konferenz der OSA (1928)199x199px|rahmenlos|zentriert|Signatur|295x295px Alexei Michailowitsch Gan (; wiss. Transliteration Aleksej Michajlovič Gan; * 1887 in MoskauRomberg (2018), S. 16 weist dieses Geburtsjahr durch mehrere Quellen nach. Die Geburtsjahre 1889, 1893 und 1995, die in älterer Literatur zu finden sind, sind sehr wahrscheinlich falsch., Russisches Kaiserreich; † 8. September 1942 an einem unbekannten Ort in der Sowjetunion) war ein russisch-sowjetischer Künstler, Kunst-, Film- und Theatertheoretiker, Grafik- und Produktdesigner und Filmemacher.
Anfangs vor allem in anarchistischen Theatergruppen aktiv, entwickelte er um 1920 die Massenaktion als „moderne und proletarische Kunstform“, bei der die Unterschiede zwischen Kunst und Leben sowie Künstler und Betrachter aufgehoben werden sollte. 1921 war er Mitbegründer der Ersten Arbeitsgruppe der Konstruktivisten und bei der Entwicklung und theoretischen Formulierung des Konstruktivismus und des daraus entstandenen Produktivismus wesentlich beteiligt. Gan schuf mit seinem Buch Konstruktiwism (deutsch Konstruktivismus) von 1922 eines der meistbeachteten Manifeste der russischen Avantgarde.
Er lehnte die „klassischen“ Künste Malerei und Bildhauerei ab und forderte die Verwendung von zeitgenössischeren künstlerischen Ausdrucksmitteln, eine zentrale Rolle nahmen hierbei die Massenaktion, die Raumkonstruktion, der Film und das Grafik- und Produktdesign ein. Nur diese könnten als zeitgemäße künstlerische Form einer sozialistischen Gesellschaft angesehen werden. Die bürgerlichen künstlerischen Medien hingegen seien einer sozialistischen Gesellschaft, in der die dialektischen Widersprüche aufgehoben seien, unangemessen, da es der Kunst als Kompensator der Widersprüche nicht mehr bedarf. Die Aufhebung des Widerspruches von Kunst und Leben müsste daher Ziel einer angemessenen künstlerischen Praxis sein. Das Endziel aller künstlerischen Bemühungen bestand für Gan in der „sozialistischen Stadt“, worunter er die umfassende Synthese von Leben und Kunst in allen Bereichen verstand.
Leben Kindheit, Jugend und Zeit vor der Revolution (1887–1917)
Gan wurde vermutlich 1887 in der Umgebung von Moskau geboren. Er stammte wohl aus einer nicht sonderlich reichen, aber gebildeten Familie. Sein Familienname Gan ist die russische Form des deutschen Namens Hahn. Über seine Familie und Herkunft ist ansonsten nichts bekannt.
Über seine Tätigkeit vor der Revolution gibt es kaum Informationen. Er war möglicherweise vor und während des Ersten Weltkriegs in einer anarchistischen Untergrundbewegung mit Beziehungen zum Theater aktiv. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass er vor dem Krieg an einer Kunstschule studierte. Aus den 1910er Jahren ist ein Selbstporträt von Gan erhalten, welches symbolistische Einflüsse zeigt. Während des Krieges war er zudem Soldat.
Mitglied in anarchistischen Bewegungen (1917–18) Nach der Revolution war Gan in der Gewerkschaft der Nahrungsmittelarbeiter aktiv sowie vermutlich in anarchistischen Bewegungen. Bei der Gewerkschaft der Nahrungsmittelarbeiter organisierte er im August 1917 eine kleine Theatergruppe für Arbeiter. Im Dezember organisierte Gan eine Versammlung um aus der Theatergruppe eine breitere Bewegung mit dem Namen Proletarisches Theater zu machen, was jedoch nur mäßig gelang. Bei dem Treffen waren etwa dreißig bis vierzig Menschen anwesend. Ende Februar 1918 organisierte er eine diesmal deutlich größere Konferenz zu diesem Thema. Die Moskauer Sektion von Proletkult war gerade gegründet worden, Gan entschloss sich aber seine Theatergruppe unter die Verwaltung der Moskauer Föderation anarchistischer Gruppen zu stellen, da Proletkult ihm zu zentralistisch organisiert war. mini|Morosow-Haus. Gan leitete die Beschlagnahmung dieses Gebäude und stellte die Kunstgegenstände der Öffentlichkeit zur Verfügung. Das Gebäude wurde daraufhin für die Treffen von Künstlern genutzt. Im Januar 1918 arbeitete er an der Zeitschrift Revolutionäres Schaffen mit, von der jedoch nur eine Ausgabe erschien, in der er keinen eigenen Artikel veröffentlichte. Gans Artikel waren für die zweite Ausgabe vorgesehen, die jedoch nie erschien. Ab März 1918 schrieb er dann für die anarchistische Zeitung Anarchija, die von der Moskauer Föderation anarchistischer Gruppen herausgegeben wurde. Er führte dort einen kleinen Kunstteil ein, wo er über aktuelle Veranstaltungen berichtete und Artikel über seine Kunst- und insbesondere Theaterauffassung schrieb. Gan gab Vorträge in den Räumen der Föderation und war in ihr politisch aktiv. Er setzte sich für die Beschlagnahmung von privaten Palästen und ihren Kunstsammlungen ein. Diese Gebäude wurden für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und zu Museen und Arbeitsräumen für Künstler und politische Gruppen umgenutzt. Gan leitete die Gruppe für die Beschlagnahmung des Morosow-Hauses. In dieser Zeit kam er in Kontakt zu anderen Avantgarde-Künstlern, die nun auch in Anarchija publizierten. Dazu gehörten Kasimir Malewitsch, Alexei Morgunow, Alexander Rodtschenko, Olga Rosanowa und Wladimir Tatlin.
Von April bis September 1918 gab es durch die bolschewistische Regierung Repressionen gegen Anarchisten. Viele Mitglieder der Föderation wurden verhaftet und ab Juli 1918 erschienen keine Ausgaben von Anarchija mehr.Malewitsch behauptet in seiner Autobiografie, im Herbst 1919 wären noch einmal mehrere Ausgaben erschienen, allerdings sind keine Exemplare mehr auffindbar. Es ist fraglich, ob diese überhaupt je erschienen, oder ob es sich um einen Irrtum handelt. (vgl. Romberg 2010, S. 38) Gans proletarische Theatergruppe verlor ihre Proberäume und das Morosow-Haus wurde von Proletkult genutzt. Gans letzte belegte Tätigkeit vor seinem Wechsel zu den staatlichen Kunstorganisationen ist die Anwesenheit bei einem Treffen der Gewerkschaft der Nahrungsmittelarbeiter am 10. August 1918.
Arbeit für staatliche Kunst- und Theaterorganisationen (1918–20) Gan trat 1918 in die Kommunistische Partei ein, vermutlich in der Zeit zwischen August und Dezember. Ab Dezember 1918 war er in einer lokalen Organisation der Roten Armee für kulturelle Angelegenheiten zuständig. Er war für die Koordination von kulturellen Organisationen verantwortlich. Im Rahmen dieser Aufgabe schickte er Bücher und Theatergruppen an die Front, um dort die Soldaten zu unterstützen. Gans Wechsel zu einer staatlichen Stelle war wohl im Wesentlichen den politischen Umständen geschuldet. Es war nicht mehr möglich anarchistische Gruppen zu bilden und dort zu arbeiten. Es war zudem eine Strategie vieler Anarchisten, sich in den bolschewistischen Vereinigungen einzubringen, um eine zweite, anarchistische Revolution zu befördern. Sie hielten den Bolschewismus ihrer Position so nahe wie kein anderes Regime zuvor. Ab April 1919 arbeitete er für die neugegründete Politische Abteilung (PUR) des Revolutionären Militärrats, wo er bis 1922 angestellt blieb. Bei der Organisation und Gestaltung der Maifeierlichkeiten 1919 in Moskau war Gan beteiligt und brachte seine Kritik vom Vorjahr ein. Die Feierlichkeiten wurden weniger zu einem inszenierten Spektakel und mehr zu einem öffentlichen Straßenfest. Für den 17. August 1919 plante Gan eine weitere öffentliche Veranstaltung, den Tag der sowjetischen Propaganda, der allerdings abgesagt wurde. Es sind jedoch diverse Materialien für die Veranstaltung produziert worden. Dabei handelte es sich um Grammophonplatten mit Reden sowjetischer Politiker sowie ein Heft mit Slogans, welches angeblich eine Auflage von 2,5 Millionen hatte, was jedoch bezweifelt werden kann. Das Heft beginnt mit den Worten:
Im Laufe des Jahres 1918 ging er zur Theaterabteilung (Abkürzung TEO) des Volkskommissariats für Bildung der RSFSR (Narkompros). Er arbeitete dort bei der Arbeiter-Bauern-Theater-Vereinigung innerhalb der Sektion für Arbeiter-Bauern-Theater, einer Sektion der TEO. In dieser Zeit verfolgte er die Idee der Massenaktion weiter und die Gruppe beschloss im November 1919 auf dem Arbeiter-Bauern-Theaterkongress ihn dabei zu unterstützen. Insgesamt war die Arbeiter-Bauern-Theater-Vereinigung mit ihrer Idee der Massenaktion aber eine Minderheit auf dem Kongress. Die anderen Gruppen wollten traditionelle Formen des Theaters beibehalten, jedoch für Arbeiter und Bauern öffnen und vom Staat unterstützt wissen. Hierbei kam Gan jedoch in eine paradoxe Lage. Massenaktionen sollten Veranstaltungen sein, die neben einer behutsamen Steuerung einen großen Anteil spontaner Partizipation der Massen besitzen. Es war jedoch nicht der Fall, dass Gans Auffassung die Vorstellung der Mehrheit war, die das traditionelle Theater bevorzugte.
Im Oktober 1919 wurde eine neue Sektion der TEO genehmigt, die Sektion für Massenperformances und Spektakel, welche ab Dezember eingerichtet wurde. Zum Direktor der Sektion wurde Walentin Smyschaliajew von Proletkult. Andere Mitglieder waren P. Kogan, M. Libakow, N. Lwow und Gan. Die Sektion war für die Organisation der Maifeierlichkeiten 1920 verantwortlich, die jedoch wegen finanzieller und persönlicher Probleme der Gruppe abgesagt wurden. Die theoretische Konzeption für den Mai 1920 sind jedoch wichtig für die Entwicklung der Massenaktion. Gan veranlasste, dass alle Materialien veröffentlicht wurden.
Ende Februar 1920 starb seine erste Frau Olga, mit der er ein Kind, Katja, hatte. Sie wurde vom Kindesalter an von Verwandten seiner Frau in der Ukraine aufgezogen.
Während des Jahres 1920 schrieb er das Drama Wir, welches auf dem gleichnamigen Roman von Jewgeni Samjatin basierte. Der Roman, der sowohl Aldous Huxley zu Brave New World als auch George Orwell zu 1984 inspirierte, handelt von einer Gesellschaft im 29. Jahrhundert, in der alle Aspekte des Lebens – Arbeit, Freizeit und sogar Sex – durch einen Diktator geregelt werden. Die Namen der Menschen sind durch eine Kombination eines Buchstabens und dreier Ziffern ersetzt. Die zwei Protagonisten des Romans fliehen in ein entlegenes Gebiet, welches nicht dem Diktator unterstellt ist. Sie werden jedoch gefasst und einer Gehirnwäsche unterzogen. Dadurch kehren sie wieder in ihr normales konformistisches Leben zurück. Für das Stück entwarf Alexander Rodtschenko die Kostüme, es kam allerdings nie zur Aufführung. Dabei spielte vermutlich auch die Tatsache, dass Samjatins Roman in der Sowjetunion verboten war, eine Rolle. Daran, dass Gan dieses Stück schrieb, wird deutlich, wie sehr er noch anarchistische Gedanken während seiner Arbeit in den staatlichen Sowjetstellen vertrat.
Erste Arbeitsgruppe der Konstruktivisten und Konstruktiwism (1920–22)
Am 5. Mai 1920 wurde Alexei Gan auf Empfehlung Alexander Rodtschenkos auf der vierten Generalversammlung des INChUK, dem Institut für künstlerische Kultur, in dieses aufgenommen. Das INChUK unterstand der Abteilung für Bildende Kunst (ISO) beim Volkskommissariat für Bildung der RSFSR (Narkompros) und war ein Diskussionsort, an dem verschiedene Maler, Grafikdesigner, Bildhauer, Architekten und Kunstwissenschaftler die Probleme und Zukunft der künstlerischen Experimente im postrevolutionären Russland zu bestimmen versuchten. Das INChUK bestand aus verschiedenen Arbeitsgruppen, in denen über künstlerische Fragen diskutiert wurde. Gan schloss sich keiner dieser eigentlichen Arbeitsgruppen an, sondern arbeitete im Institut an der Ausarbeitung eines Programms des INChUK. Zudem war er in der zweiten Jahreshälfte 1920 Direktor der Subsektion der künstlerischen Agitation beim ISO Narkompros. Im Rahmen dieser Position bearbeitete er Anfragen zu Ausstellungen, der Ausstattung von Museen mit Kunstwerken und organisierte die Öffentlichkeitsarbeit des ISO Narkompros. Er war an zwei Publikationen vom ISO für Künstler beteiligt. Während dieser Tätigkeit beim ISO arbeitete Gan vermutlich eine erste Fassung seines späteren Hauptwerks Konstruktiwism aus.