mini|Béla Bartók (1927) mini|hochkant|Bronzestandbild an der Place d’Espagne in Brüssel

Béla Bartók ([]; * 25. März 1881 in Nagyszentmiklós, Österreich-Ungarn; † 26. September 1945 in New York City) war ein ungarischer Komponist, Pianist und Musikethnologe und gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Moderne.

Kurzbiografie Bartóks Vater, Béla Bartók der Ältere (1855–1888), war Direktor einer landwirtschaftlichen Schule und spielte Cello in einem Amateurorchester. Seine Mutter, Paula Bartók, geborene Voit (1857–1939), war Lehrerin. Bartók hatte eine jüngere Schwester namens Elza (1885–1955). Nach dem frühen Tod des Vaters 1888 übernahm die Mutter allein die Erziehung und gab Bartók den ersten Klavierunterricht. Ab 1893 erhielt er Musik- und Kompositionsunterricht in Pressburg. Ab 1899 studierte Bartók Klavier und Komposition in Budapest. Von 1908 bis 1934 war er Professor für Klavier an der Franz-Liszt-Musikakademie Budapest. 1909 heiratete er Márta Ziegler, mit ihr hatte er den 1910 geborenen Sohn Béla.Béla Bartók jun.: Erinnerungen an meinen Vater. In: Sinn und Form 1/1983, S. 214–220. (Der Text wurde als Gespräch am 23.10.1980 von Katharina Wauer in Budapest aufgezeichnet und am 25.3.1981 als Pausengespräch während der Originalübertragung des Festkonzerts anläßlich des 100. Geburtstages von Béla Bartók aus der Budapester Musik-Akademie im zweiten Programm von Radio DDR gesendet. Für den Abdruck in Sinn und Form wurde das Gespräch von Monika Helmecke vorbereitet.) Die Ehe wurde 1923 geschieden, im selben Jahr heiratete er seine Klavierstudentin Ditta Pásztory. Auch aus dieser Ehe ging 1924 ein Sohn, Péter, hervor. Aus Angst vor der Ausbreitung des Faschismus emigrierte Bartók 1940 in die USA, wo er zunächst nur wenige Aufträge bekam und weitgehend unbekannt war. 1945 starb er nach längerer Krankheit an Leukämie. Zunächst in New York begraben, wurde sein Leichnam 1988 überstellt und im Rahmen eines Staatsbegräbnisses auf dem Farkasréti-Friedhof in Budapest beigesetzt.

Neben dem Komponieren befasste Bartók sich wesentlich mit dem systematischen Sammeln von Volksliedern. Er unternahm dafür weitläufige Reisen durch Ungarn, Rumänien, die Slowakei, Siebenbürgen und den Vorderen Orient und sammelte dabei über 10.000 Lieder, die er phonographierte oder direkt schriftlich fixierte. Er sprach und schrieb mehrere Fremdsprachen, darunter Deutsch, Englisch, Französisch, Rumänisch und Russisch. Im Jahr 1916 trat Bartók der Unitarischen Kirche bei, sein Sohn Béla wurde später Präsident der Ungarischen Unitarischen Kirche.

Kindheit und frühe Jahre Bartók verbrachte seine Kindheit im Königreich Ungarn des österreichisch-ungarischen Reiches, das durch den Vertrag von Trianon nach dem Ersten Weltkrieg aufgeteilt wurde. Nach dem Tode seines Vaters 1888 lebte Bartók mit seiner Mutter in Nagyszőllős (heute Wynohradiw, Ukraine) und Beszterce (Bistritz), bevor er für die höhere Schule nach Pozsony (Preßburg, heute Bratislava, Slowakei) wechselte. Schon sehr früh fiel Bartóks außergewöhnliche musikalische Begabung und sein absolutes Gehör auf. Die Mutter förderte ihn in musikalischer Hinsicht von frühester Kindheit an.Bence Szabolcsi: Béla Bartók. Leipzig, 1981, S. 9 und S. 11. Sie berichtete: Ebenso früh begann Bartók, wie etwa auch Mozart, mit kleinen Kompositionen. So schrieb Bartóks Mutter weiter: Mit elf Jahren trat Bartók zum ersten Mal öffentlich auf. Auf einem Wohltätigkeitskonzert in Nagyszöllös spielte er unter anderem einen Satz aus einer Beethoven-Sonate und seinen Lauf der Donau.

Im Alter von zwölf Jahren spielte Bartók in Beszterce bereits Violinsonaten von Beethoven und Mendelssohns Violinkonzert. Früh fiel allerdings auch seine Neigung zu allerlei Krankheiten auf, was ihn ein Leben lang begleiten sollte und auch für seinen frühen Tod verantwortlich war.

Frühes Schaffen Später begann Bartók unter dem Liszt-Schüler István Thomán Klavier und unter Hans Koessler Komposition zu studieren. Koesslers Unterricht stieß ihm jedoch schon bald als zu konservativ und verschult auf. An der Königlichen Musikakademie von Budapest lernte er um 1905 Zoltán Kodály kennen. Dieser brachte Bartók auf das systematische Studium der Volksmusik. Fortan arbeitete er mit Kodály zusammen. Diese Tätigkeit hatte nachhaltigen Einfluss auf Bartóks künstlerischen Stil. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er die ungarische Volksmusik vor allem mit der von Roma in den Städten vorgetragenen Musik in Verbindung gebracht, so wie sie etwa von Franz Liszt in den Ungarischen Rhapsodien oder auch von Johannes Brahms in den Ungarischen Tänzen verarbeitet worden war und so diesen Werken internationale Popularität verschafft hatte.

Bald stellte sich heraus, dass es sich hierbei eher um romantisch nachempfundene, neu komponierte Kunstlieder handelte. Bartók dagegen suchte nach der originären Musik der ländlichen Bevölkerung, die er selbst als „Bauernmusik“ bezeichnete.Béla Bartók: Das Ungarische Volkslied (Ethnomusikologische Schriften-Faksimile Nachdrucke). D. Dille (Hrsg.), Mainz 1965, S. 17. Schon im Jahre 1903 hatte Bartók ein ausführliches Orchesterwerk mit dem Namen Kossuth geschrieben. Dieses Werk fällt in die Phase eines gesteigerten Nationalbewusstseins Bartóks und ist Lajos Kossuth gewidmet, dem Helden der ungarischen Revolution im Jahre 1848. Hier ist noch der populäre, romantische ungarische Stil verarbeitet, der auch von Bartók damals für „original ungarisch“ gehalten wurde. Das rührt daher, dass der Komponist sich in seinem frühen Schaffen stark verpflichtet fühlte, national geprägte ungarische Musik zu schreiben.

Dieses gesteigerte Nationalbewusstsein Bartóks muss im Kontext gesellschaftlicher Strömungen der Zeit gesehen werden. Große Teile der ungarischen Bevölkerung empfanden selbst die nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich weitgehend selbstständige Position Ungarns (die nur in Fragen der Außenpolitik und der Streitkräfte mit Österreich koordiniert war) als österreichische Fremdherrschaft. Dementsprechend kam auch die Deutsch-Mode in wohlhabenden Familien nicht gut an, wo es chic war, deutsch zu sprechen (auch Bartók beklagte das in einem Brief) und die übermäßige Orientierung des Kulturbetriebes (u. a. in Budapest) auf Österreich und Deutschland.

Bartók, wie auch viele andere Künstler in ganz Europa, war hinsichtlich der Musik auf der Suche nach einem nationalen Stil. Dieser sollte aus dem Alten, was es noch zu entdecken galt, schöpfen und gleichermaßen etwas Neues schaffen. Während der junge Bartók um 1900 „Nieder mit den Habsburgern!“ auf seine Briefe schrieb, demonstrativ ungarisch gekleidet in der deutschfreundlichen Budapester Musikakademie erschien und mit seinem Schaffen zeitlebens „der ungarischen Nation, der ungarischen Heimat dienen“ wollte (so in einem Brief von 1903),Bence Szabolcsi: Béla Bartók. Leipzig, 1981, S. 26. war ihm später an bloßer „Ungar-Tümelei“ nicht mehr gelegen. Vor allem durch seine intensiv betriebenen musikethnologischen Forschungen vor allem in Osteuropa, aber auch in der Türkei und nordafrikanischen Ländern, erkannte er, wie wenig regionale Kulturen auf Nationalität zu beschränken sind und in welcher gegenseitigen Einflussnahme sie schon immer standen. In einem Brief an seinen rumänischen Freund Octavian Beu aus dem Jahr 1931 heißt es: .Bence Szabolsci: Béla Bartók. Weg und Werk – Schriften und Briefe. Budapest, 1957, S. 265.

Einflüsse auf Bartóks Musik Die Musik von Richard Strauss, den Bartók im Jahre 1902 bei der ungarischen Erstaufführung von Also sprach Zarathustra in Budapest traf, hatte zunächst großen Einfluss auf sein Schaffen hinsichtlich Orchestermusik. Der romantische Überschwang erschien ihm jedoch bald als nicht mehr zeitgemäß. Einen bleibenderen Eindruck hinterließ dagegen die Musik von Franz Liszt.

Besonderen Einfluss übte die Volksmusik bzw. das Volkslied aus. Gerade ihre Schlichtheit und bisweilen raue Direktheit faszinierten Bartók. Daneben sah er in der Verwendung diatonischer Tonformeln jenseits des Dur-Moll-Systems (beispielsweise aus dorischen, mixolydischen Tonleitern) oder der Pentatonik, wie sie die originäre Volksmusik fast überall aufweist, einen kreativen Anschub in Richtung eines neuen, eigenen harmonischen Stils. Nie hat die Inspiration durch die Volksmusik oder archaische Tonalitäten bei Bartók zu einem schlichten Folklorismus geführt. Wie viele andere Komponisten des 20. Jahrhunderts war er auf der Suche nach einer Tonsprache, die zwar einen Neubeginn gegenüber der Musik der Romantik markieren sollte, dabei aber nicht Traditionen negieren wollte. Von der Zwölftonmusik hielt Bartók daher wenig. Neben der bereits erwähnten Pentatonik und Diatonik verwendete er auch die Bitonalität und legte großen Wert auf rhythmische Vielfalt (wie auch Igor Strawinsky). So hatten Orchester seiner Zeit anfangs große Schwierigkeiten mit von Bartók komponierten, wiederum der Volksmusik entlehnten, ungeraden Rhythmen.

Für seine Klaviermusik war neben der frühen Abkehr von der romantischen Klang- und Ausdruckswelt wichtig, dass das Klavier nicht mehr ein Melodie-, sondern ein Rhythmusinstrument mit neuartigen Klangfarben und -mischungen darstellte.Peter Hollfelder: Das große Handbuch der Klaviermusik. Auch die Musik französischer Komponisten, wie etwa Claude Debussy und Maurice Ravel, hatte starken Einfluss auf Bartók. Impressionistische Klangfarben hat er danach in der Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta eingesetzt. Volksmusik findet sich explizit in der Tanzsuite oder auch im 1. Streichquartett verarbeitet.

Bartóks berufliche Entwicklung Bartók war ein ausgezeichneter Pianist und strebte zunächst auch eine Karriere als solcher an. Doch schon 1907 bekam er von der Königlichen Akademie eine Anstellung als Professor. Dies machte es ihm möglich, in Ungarn zu bleiben, anstatt als Pianist Tourneen durch Europa unternehmen zu müssen. Zu seinen Schülerinnen und Schülern zählten unter anderen Fritz Reiner, Irma Schaichet, Sir Georg Solti, György Sándor, Ernö Balogh und Lili Kraus.

In die Jahre 1907/08 fällt mit dem 1. Violinkonzert die Komposition eines der wohl persönlichsten Werke Bartóks. Damals hatte ihn eine unglücklich verlaufende Liebe zu der knapp 20-jährigen Violinistin Stefi Geyer erfasst. Er widmete ihr sein erstes Violinkonzert und schenkte ihr die Partitur. Geyer spielte das Konzert nie öffentlich und hielt das Manuskript beinahe ein halbes Jahrhundert unter Verschluss. Während dieser Zeit bekam niemand die Partitur zu Gesicht, sie galt zeitweise als verschollen. Wenige Jahre vor ihrem Tod beschloss Stefi Geyer, dass das Werk nach ihrem Tod aufgeführt werden solle, und vertraute ihr Geheimnis Paul Sacher an. Geyer starb 1956. Die Partitur wurde Paul Sacher, dem Leiter des Basler Kammerorchesters und späteren Kunstmäzen, mit dem Bartók seit den 1930er Jahren engen Kontakt hielt, überreicht. Das wiederum brachte ein merkwürdiges Zusammentreffen ans Licht: Das Stefi-Motiv Bartóks aus drei Terzen [D–Fis–A–Cis] war identisch mit einem zentralen Motiv in Willy Burkhards 1943 vollendetem, Geyer und Sacher zugeeigneten, Violinkonzert.Maria Stader: Nehmt meinen Dank. Erinnerungen. Nacherzählt von Robert D. Abraham. München, 1979, S. 120–121. 1958 wurde schließlich Bartóks Violinkonzert uraufgeführt.