Der Monte Verità (italienisch; deutsch sinngemäss «Wahrheitsberg» oder «Berg der Wahrheit») ist ein hoher Hügel und ein kulturgeschichtliches Ensemble im Schweizer Kanton Tessin.

Das Gelände liegt auf dem Gemeindegebiet von Ascona, etwa einen halben Kilometer nordwestlich der Altstadt. Der am Langensee gelegene Monte Verità war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein bekannter Treffpunkt von Lebensreformern, Pazifisten, Künstlern, Schriftstellern sowie Anhängern unterschiedlicher alternativer Bewegungen. Nach 1940 verlor der Ort an Bedeutung. Der Versuch einer Wiederbelebung Ende der 1970er Jahre hatte einen sehr begrenzten Erfolg.

Das Ensembledenkmal Monte Verità umfasst unter anderem das Museum Casa Anatta, das Hotel und Restaurant Albergo Monte Verità, das von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich auch als Kongresszentrum genutzt wird, ein Kulturzentrum und einen öffentlich zugänglichen Park.

Monte Verità war ursprünglich der Name der dortigen Naturheilanstalt und findet sich erstmals in einem 1902 publizierten Prospekt;Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Huber, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2000, S. 60. zum Motiv siehe unten. In der Folgezeit wurde er auch auf den bislang Monte Monescia genannten Hügel übertragen.Im Kartenwerk der Eidgenössischen Landestopographie erscheint Monte Verità erstmals 1907, wobei nicht auszumachen ist, ob der Eintrag die Naturheilanstalt oder den Berg benennt. Siehe Blatt 514 «Locarno» des Topographischen Atlasses der Schweiz, Erstausgabe 1895, Nachführung 1907; online auf map.geo.admin.ch unter Zeitreise.

Geschichte Zur Vorgeschichte des Siedlungsprojekts Monte Verità gehört eine ganze Reihe auswärtiger Intellektueller, die im 19. Jahrhundert rund um den Lago Maggiore ihren zeitweiligen oder festen Wohnsitz hatten. Die Gegend um Locarno war damals ein Zufluchtsort für politische Rebellen, unter anderem verschiedener russischer Anarchisten. Unter ihnen war Michail Bakunin, der im November 1869 ins Tessin gezogen war. Er lebte zunächst in Locarno und kaufte sich später eine Villa in Minusio, die zum Zufluchtsort für steckbrieflich gesuchte Revolutionäre wurde. Als grosse Gastgeberin vieler bekannter Künstler betätigte sich die russische Baronin Antoinette de Saint Léger. Ort der grossen Feste waren die seit 1885 in ihrem Besitz befindlichen Brissago-Inseln; sie liegen in Sichtweite von Ascona. Um 1889 entwickelte der Politiker und Theosoph Alfredo Pioda gemeinsam mit Franz Hartmann und Countess Constance Wachtmeister den Plan, auf dem Monte Monescia ein theosophisches Kloster mit Namen «Fraternitas» zu errichten. Monteverita.org; abgerufen am 7. Dezember 2015. Vermutlich als «Kandidat» für dieses nie realisierte Kloster hatte sich in Monti sopra Locarno der deutsche Lebensreformer Karl Max Engelmann niedergelassen, der zum «Pythagoräer-Bund» um den Naturprediger Johannes Friedrich Guttzeit gehört hatte und nun eine vegetarische Pension betrieb. Im November 1900 begegnete er den Gebrüdern Gräser und machte sie vermutlich auf das bereits von Alfredo Pioda erworbene Grundstück auf dem Monte Monescia aufmerksam. Der Hügel war damals ein durch Reblausbefall bedrohter Weinberg und auf der kahlen Kuppe liessen Schaf- und Ziegenhirten ihre Herden weiden.Stefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, S. 11. Henri Oedenkoven und Ida Hofmann schlossen sich dem Vorschlag der Gebrüder Gräser an, dieses Gelände als Siedlungsplatz zu erwerben.

mini|Henri Oedenkoven und Ida Hofmann (1903) mini|hochkant|Der ehemalige Konsul Joseph Salomonson beim Ackerbau in der Vegetabilen Cooperative Monte Verità (1907)Bernd Wedemeyer-Kolwe: Aufbruch. Die Lebensreform in Deutschland. Philipp von Zabern/WBG, Darmstadt 2017, ISBN 978-3-8053-5067-9, S. 139. Die eigentliche Geschichte des alternativen Siedlungsprojekts begann bereits 1899 in Veldes (damals zu Österreich gehörend, heute in Slowenien). Dort trafen sich bei einem Kuraufenthalt in der Naturheilanstalt Rikli die in Siebenbürgen aufgewachsene Musiklehrerin Ida Hofmann und der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven. Beide waren einander bis dahin unbekannt, entwickelten aber in den wenigen Wochen ihrer gemeinsamen Kur eine starke Sympathie füreinander. Zu ihnen gesellte sich Karl Gräser, ein Offizier der habsburgischen Armee, der ebenfalls beim Heliopathen («Sonnendoktor») Arnold Rikli eine Kur absolvierteStefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, S. 13. und vorhatte, so bald wie möglich zu demissionieren.Stefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, S. 23. Karl war in seinen Anschauungen von seinem Bruder Gusto geprägt, der bereits seit einem Jahr ein Wanderleben führte. Gemeinsam unternahmen die drei Brüder Karl, Ernst und Gusto von Veldes aus eine Wanderung nach Florenz. Der angehende Kunstmaler Ernst H. Graeser (1884–1944) lebte später zeitweise ebenfalls auf dem «Wahrheitsberg» und lockte Studienkollegen wie Willi Baumeister, Oskar Schlemmer und Johannes Itten in die nahverwandte Kolonie in Amden am Walensee.

Zwischen Oedenkoven und Hofmann entwickelte sich ein intensiver Briefwechsel, der im Oktober 1900 zu einem Treffen in München führte.Die Daten und Fakten dieses Abschnitts richten sich (wenn nicht anders vermerkt) nach den Angaben von Robert Landmann: Ascona Monte Verità. (Von Ursula von Wiese überarbeitete und ergänzte Ausgabe unter Mitarbeit von Doris Hasenfratz [Insel der Seligen]). Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1979, S. 13–27. Ausser den Initiatoren Oedenkoven und Hofmann nahmen an dieser Zusammenkunft die Brüder Karl und Gustav Gräser («Gusto») teil sowie Idas Schwester Jenny, die Lehrerin Lotte Hattemer und deren Freund Ferdinand Brune aus Graz, ein theosophisch geprägter Gutsbesitzersohn.Stefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, S. 32. Nachdem «Henris Plan»,Gemeint ist Henri Oedenkoven. So bezeichnete Ida Hofmann in ihrem Bericht die Idee eines vegetabilen Siedlungsprojektes; zitiert nach Robert Landmann: Ascona Monte Verità. Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1979, S. 19. die Gründung einer so genannten «vegetabilen Cooperative», vorgestellt worden war, wurde der Beschluss gefasst, dass «das bewegliche Vermögen jedes Einzelnen […] zur Gründung einer Naturheilanstalt […] beigesteuert» werden sollte. Der Hauptteil des zu erwartenden Gewinns würde wieder dem Projekt zufliessen, der Rest des Gewinns unter den Mitgliedern verteilt werden. Falls ein Mitglied – aus welchen Gründen auch immer – die Projektgemeinschaft später einmal zu verlassen beabsichtige, solle ihm das eingezahlte Kapital sobald zurückerstattet werden, «als es flüssig ist». Beschlossen wurde ausserdem, dass die Kooperative am Ufer eines der oberitalienischen Seen gegründet werden sollte und dass man sich, um den entsprechenden Ort zu finden, unverzüglich – und zwar zu Fuss – auf den Weg machen wollte.

1900 bis 1920 Kooperative und Naturheilanstalt Im Herbst 1900 wurden Henri Oedenkoven und Ida Hofmann gemeinsam mit Karl Gräser, Gusto Gräser und Lotte Hattemer nach einigen Wochen des Suchens in Ascona fündig und kauften das Grundstück von Alfredo Pioda auf dem Monte Monescia. Mit Zukäufen von anderen Eigentümern erwarben sie vier Hektar.Stefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, S. 45. Sie gründeten ihre «vegetabile Cooperative»,Hans-Peter Koch: Verlag Michael Müller, 2005. eine Siedlungsgemeinschaft auf zunächst veganer und später vegetarischer Grundlage, und gaben dieser 1902 den Namen Monte Verità. Hinter diesem Namen verbarg sich nicht der Anspruch der neuen Eigentümer, im Besitz der Wahrheit zu sein. Vielmehr sollte der neue Name das Bemühen, wahrhaftig zu leben, zum Ausdruck bringen. Ida Hofmann schrieb später in der hauptsächlich von Oedenkoven entwickelten neuen ortografi:

Vorbilder des Siedlungsprojekts Monte Verità gab es bereits. Dazu gehörte unter anderen die einige Jahre zuvor gegründete Oranienburger Obstbau-Kolonie Eden e.G.m.b.H. Direkter Vorläufer war die Künstlergemeinschaft um den Maler und Lebensreformer Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913) auf dem «Himmelhof» bei Wien. Gusto Gräser war dort 1898 sein Schüler gewesen und vermittelte die Anschauungen Diefenbachs auch an seine Brüder Karl und Ernst.

Die Brüder Gusto und Karl Gräser strebten eine kommunitäre Lebens- und Arbeitsgemeinschaft an. Der utopische Sozialist Charles Fourier hatte schon zur Zeit der französischen Revolution das Gesellschaftsmodell von ländlichen Grosskommunen entworfen, in denen volle sexuelle Freiheit gegeben sein sollte. Diese «Harmonie» genannte Lebensform wurde zum Vorbild für Karl Gräser, der damit Erich Mühsam beeinflusste und über diesen den Arzt und Psychiater Otto Gross. Mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud gab Gross der Utopie von Fourier ein modernes psychologisches Fundament, er verwandelte zugleich die freudsche Analyse in eine antiautoritäre, kulturrevolutionäre Theorie mit der Forderung: «Revolution fürs Mutterrecht». Der in Deutschland lebende russisch-griechische Philosoph Afrikan Spir hat mit seiner Identitätslehre nicht nur Nietzsches Denken entscheidend beeinflusst, er hatte auch 1869 in seinem Vorschlag an die Freunde einer vernünftigen Lebensführung das Modell einer lebensreformerisch-philosophischen Kommune entworfen, das Friedrich Nietzsche mit Freunden in Süditalien kurzzeitig verwirklichte. Von Kant her kommend hat Spir eine Philosophie der Identität entwickelt: «Identität mit sich selbst ist die höchste Norm»Moralität und Religion. Leipzig 1878, S. 3. Daraus ergibt sich für das Handeln und Streben des Menschen: «Moralisch wollen und handeln = In Uebereinstimmung mit sich selbst (mit seiner wahren Natur) wollen und handeln».Vorschlag an die Freunde …. Leipzig 1869, S. 4. Von Spir her sowohl wie von Indien her kommt Gusto Gräsers Grundthema: «Heimkehr zum Selbst».

Um das Siedlungsprojekt zu finanzieren und gleichzeitig einer grösseren Öffentlichkeit bekannt zu machen, gründeten Oedenkoven und seine Lebenspartnerin Hofmann die Naturheilstätte Sonnen-Kuranstalt, dem wenig später das Sanatorium Monte Verità folgte. Einer der frühen Gäste dieser Einrichtung war der barfüssige Wanderprediger gustaf nagel, der auf seiner Missionsreise von Arendsee nach Jerusalem auf dem Monte Verità im November 1902 eine kurze Pause einlegte. Ida Hofmann berichtete über diesen Besuch:Zitiert nach In: TicinArte.ch. mini|hochkant|gustaf nagel – einer der frühen Besucher des Monte Verità