Rahmatallāh ibn Chalīl ar-Rahmān al-Kairānawī al-Hindī ( geb. 9. März 1818 in Uttar Pradesh, gest. 1. Mai 1891 in Mekka) war ein islamischer Gelehrter aus Indien, der gegen die christliche Mission kämpfte und mehrere Streitschriften auf Urdu und Arabisch gegen das Christentum verfasste. Sie zielten darauf ab, den Nachweis der allgemeinen Verfälschung der christlichen Heiligen Schriften zu erbringen. Seine öffentliche Diskussion mit dem protestantischen Missionar Karl Gottlieb Pfander (1803–1865) in Agra im Jahre 1854 stellt einen Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam im 19. Jahrhundert dar.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 115. Nach dem Indischen Aufstand von 1857 flüchtete Rahmatallāh nach Mekka und gründete dort eine Madrasa. Sie war die erste Madrasa in Mekka, in der auch nicht-religiöse Wissenschaften gelehrt wurden.
Rahmatallāh reiste mehrfach nach Istanbul und stand zu den osmanischen Sultanen Abdülaziz (1861–1876) und Abdülhamid II. (1876–1909) in freundschaftlicher Beziehung. Seine Art der Auseinandersetzung mit dem Christentum wird bis heute von vielen muslimischen Apologeten als vorbildlich betrachtet.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 148.
Leben Abstammung und frühe Jahre in Indien Rahmatallāhs Familie führte sich auf den dritten Kalifen ʿUthmān ibn ʿAffān zurück, weswegen er in manchen Quellen auch mit der Nisba al-ʿUthmānī versehen wird. Ein Vorfahre namens ʿAbd ar-Rahmān Kādharūnī war im 11. Jahrhundert im Fahrwasser der Eroberungsbewegung von Mahmud von Ghazni nach Indien gekommen, hatte dem Herrscher als Qādī gedient und sich in Panipat nördlich von Indien angesiedelt.Vgl. Maġribī: Aʿlām al-Ḥiǧāz. 1984, Bd. II, S. 286.
Al-Kairānawī wurde am 1. Dschumādā l-ūlā 1233 (= 9. März 1818) in Kairana bei Muzaffarnagar im heutigen Bundesstaat Uttar Pradesh geboren. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr erhielt er seine Erziehung bei seinem Vater in Kairāna. 1830 ging er nach Delhi und studierte dort bei Scheich ʿAbd ar-Rahmān al-Aʿmā und in der Madrasa von Maulānā Muhammad Hayāt.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 110. Für eine Zeitlang hielt er sich in Lucknow auf und studierte dort Persische Literatur und Medizin.Vgl. Maġribī: Aʿlām al-Ḥiǧāz. 1984, Bd. II, S. 287. Um 1841 übernahm er den Posten eines Mīr Munschī bei dem Maharadscha Hindu Rao für das Gebiet von Delhi.Vgl. Powell: Maulānā Raḥmat Allāh Kairānawī. 1976, S. 46. Zu einem unbekannten Zeitpunkt kehrte er nach Kairāna zurück und eröffnete dort eine Madrasa, in der er selbst unterrichtete. Zu seinen Schülern dort gehörte Schāh ʿAbd al-Wahhāb, der Gründer der Madrasa al-Bāqiyāt as-Sālihāt in Vellore, einer der wichtigsten islamischen Hochschulen Südindiens.Vgl. Maġribī: Aʿlām al-Ḥiǧāz. 1984, Bd. II, S. 287.
Auseinandersetzung mit den christlichen Missionaren In den 1840er Jahren hörte Rahmatallāh von den missionarischen Aktivitäten des aus Waiblingen bei Stuttgart stammenden evangelischen Missionars Karl Gottlieb Pfander (1803–1865) in dieser Stadt und begann darüber nachzudenken, wie er gegen die Aktivitäten der christlichen Missionare vorgehen könnte.Vgl. Powell: Maulānā Raḥmat Allāh Kairānawī. 1976, S. 46. Ende der 1840er oder zu Beginn der 1850er Jahre lernte er den aus Bihar stammenden Wundarzt Dr. Muhammad Wazīr Chān kennen, der am britischen Thomason Hospital Medical College in Agra tätig und der englischen Sprache mächtig war. Beide verband ein gemeinsames Ziel, nämlich die Bekämpfung der christlichen Missionsarbeit in Indien.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 111. Wazīr Chān war auch deswegen für Rahmatallāh äußerst wichtig, weil er bei einem Studienaufenthalt die neueste europäische theologische Literatur erworben hatte und Rahmatallāh, der selbst keine Englisch-Kenntnisse besaß, diese Texte zugänglich machen konnte.Vgl. Maġribī: Aʿlām al-Ḥiǧāz. 1984, Bd. II, S. 289.
1852 wurde Rahmatallāh von dem muslimischen Theologen ʿAlī Hasan und dem Mogulprinzen Mīrzā Fachr ad-Dīn offiziell gebeten, den christlichen Missionaren argumentativ entgegenzutreten.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 110. Er begann mit einer Gegenkampagne und veröffentlichte mehrere Bücher, die die Widerlegung der Bücher Pfanders und anderer christlicher Missionare zum Ziel hatten.Vgl. Powell: Maulānā Raḥmat Allāh Kairānawī. 1976, S. 50. Außerdem sammelte er viel Material, um über die Bibel und die christlichen Dogmen möglichst gut informiert zu sein.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 112. 1853 oder 1854 veröffentlichte Rahmatallāh noch ein weiteres Buch mit dem Titel Iʿǧāz-i ʿĪsāwī, in dem er die Verfälschung der christlichen Texte zu belegen versuchte.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 123.
Der öffentliche Disput mit Pfander Im Januar 1854 suchte Rahmatallāh Pfander persönlich zu Hause auf, um ihn zu einem öffentlichen Disput herauszufordern, traf ihn dort jedoch nicht an. Nachdem er sich mit seinem Ansinnen brieflich an Pfander gewandt und dieser zugestimmt hatte, wurde die erste Sitzung für den 10. April 1854 vereinbart. Die Debatte fand schließlich in der Schule der Church Mission Society in Agra statt und erstreckte sich über zwei Tage. Neben al-Kairānawī nahm auf muslimischer Seite Wazīr Chān daran teil, der ihm auch übersetzerische Dienste leistete. Teilnehmer der Debatte auf christlicher Seite waren neben Pfander selbst William Muir (1819–1905) und der Missionar Thomas Valpy French (1825–1891). Die Berichte über die Zahl der Anwesenden gehen stark auseinander. Während Pfander selbst von 100 bis 200 Anwesenden spricht, waren nach anderen Berichten bis zu 1000 Personen zugegen.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 122 f.
Im Zentrum der Diskussion am ersten Tag stand die Lehre von der Abrogation: Die beiden Muslime vertraten die Lehre, dass der Koran die früheren Offenbarungen abrogiert habe. Um die Richtigkeit dieser These zu beweisen, führten sie verschiedene Beispiele von Verboten und Geboten an, die von der frühen biblischen Zeit bis zur Gegenwart erhebliche Veränderungen erfahren hatten.Vgl. Powell: Maulānā Raḥmat Allāh Kairānawī. 1976, S. 55. Rahmatallāh griff bei seinen Angriffen auch ausführlich auf das Werk Das Leben Jesu’ von David Friedrich Strauß zurück.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 131. Pfander hatte Rahmatallāhs Angriffen nur wenig entgegenzusetzen. Während er die Zitate seiner Gegner aus der zeitgenössischen bibelkritischen Literatur als bloße Reflexionen von theologischen Kollegen abtun konnte, die dem Zeitgeist folgten, konnte er die Zitate aus der Kirchenväter-Literatur, auf die sich diese Autoren beriefen, nicht so leicht beiseiteschieben.Vgl. Powell: Maulānā Raḥmat Allāh Kairānawī. 1976, S. 56.
Rahmatallāh und die muslimische Öffentlichkeit feierten den Disput hinterher als großen Sieg für den Islam, Pfander dagegen war über das Ergebnis verstört.Vgl. Powell: Maulānā Raḥmat Allāh Kairānawī. 1976, S. 54. Noch im Jahre 1854 wurden mehrere Schriften auf Urdu und Persisch über die Debatte veröffentlicht, die auch Briefe und Rahmatallāh aus der Zeit davor enthielten. In einigen dieser Berichte wurde die Behauptung aufgestellt, Pfander sei vor den muslimischen Theologen geflüchtet.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 127f.
Teilnahme am Indischen Aufstand Drei Jahre nach dem Disput nahm Kairānawī zusammen mit Wazīr Khan und anderen Gelehrten an dem Indischen Aufstand teil.Vgl. Powell: Maulānā Raḥmat Allāh Kairānawī. 1976, S. 44. Nach Alavi spielte er eine führende Rolle unter den Aufständischen seines Heimatortes Kairana.Vgl. Alavi: Muslim Cosmopolitanism. 2015, S. 169. Nach dem Scheitern des Aufstandes wurde auf seine Ergreifung eine Belohnung von 1000 Rupien ausgesetzt.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 112. Nach einer arabischen Quelle verkleidete er sich zunächst eine Zeitlang als einfacher Bauer, um seinen Häschern zu entkommen, und floh dann über den Jemen nach Mekka.Vgl. Maġribī: Aʿlām al-Ḥiǧāz. 1984, Bd. II, S. 293. Sein umfassender Besitz wurde im Januar 1864 konfisziert und auf einer Auktion versteigert.Vgl. Powell: Maulānā Raḥmat Allāh Kairānawī. 1976, S. 60, 63.
Auswanderung nach Mekka und Reisen nach Istanbul Rahmatallāh ließ sich zunächst in Mekka nieder. Dort befreundete er sich mit dem führenden Gelehrten der Stadt, Ahmad Zainī Dahlān, und erhielt eine offizielle Lehrerlaubnis für die Heilige Moschee.Vgl. Maġribī: Aʿlām al-Ḥiǧāz. 1984, Bd. II, S. 294. Nachdem viele Moscheen in Indien im Zusammenhang mit der Niederschlagung des Aufstands beschlagnahmt und in öffentliche oder private Gebäude umfunktioniert worden waren, ermunterte er eine Gruppe von islamischen Gelehrten Indiens mit einer Fatwa, bei der britischen Regierung in einer Petition die Wiedereröffnung der Freitagsmoschee von Delhi zu fordern. 1859 wurde diesem Wunsch entsprochen.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 113.
Rahmatallāhs Gegner Pfander war schon 1858 nach Istanbul versetzt worden war und setzte dort seine missionarische Arbeit fort.Vgl. Schirrmacher: Mit den Waffen des Gegners. 1992, S. 55–58. Als der osmanische Sultan von seinem Disput mit Rahmatallāh erfuhr, sprach er 1863 eine Einladung an Rahmatallāh aus und ließ ihn nach Istanbul kommen.Vgl. Powell: Maulānā Raḥmat Allāh Kairānawī. 1976, S. 61f. Bei diesem ersten Aufenthalt in Istanbul traf sich Rahmatallāh häufig mit dem Sultan, dem osmanischen Staatsmann Hayreddin Pascha und dem Schaich al-Islam Ahmad Asʿad und verfasste sein berühmtestes Werk, das Iẓhār al-ḥaqq („Aufzeigung der Wahrheit“). Der Sultan verlieh ihm für seine Verdienste um die Verteidigung des Islams den Mecidiye-Orden und setzte ihm ein monatliches Gehalt von 500 Rial aus.Vgl. Maġribī: Aʿlām al-Ḥiǧāz. Bd. II, 1984, S. 296.
Die Gründung der Madrasa Saulatīya Nach seiner Rückkehr nach Mekka fasste Rahmatallāh den Entschluss, dort eine Madrasa zu gründen, die neben den religiösen Wissenschaften auch weltliche Wissenschaften vermittelte. Im Jahre 1868 verwirklichte er diesen Plan mit der Aufnahme des Unterrichts in der sogenannten Dār as-Saqīfa, einem Haus am Dschabal al-Hindī, das einem wohlhabenden indischen Auswanderer gehörte. Die ihm dort zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten waren allerdings sehr eng, so dass er sich nach Alternativen umschaute. Im Jahre 1872 kam die Begum Saulat an-Nisā', die Frau eines bengalischen Zamindar zum Haddsch nach Mekka. Sie stellte ihm die Gelder für den Bau einer eigenen Madrasa in der al-Chandarīsa-Gasse im Viertel al-Bāb zur Verfügung. Die Errichtung des Gebäudes konnte am 8. Oktober 1873 abgeschlossen werden. Und zum gleichen Zeitpunkt konnte Rahmatallāh in der neuen Madrasa, die er nach ihrer Stifterin Madrasa Saulatīya nannte, den Unterricht aufnehmen.Vgl. Maġribī: Aʿlām al-Ḥiǧāz. 1984, Bd. II, S. 298.
An seiner Schule lehrte Rahmatallāh nicht nur die religiösen Wissenschaften, sondern auch Logik (manṭiq), islamische Philosophie, Kalām, Disputationskunst (al-munāẓara), Astronomie und Geometrie. In seiner ersten Lehrsitzung stützte er den Unterricht auf das Buch Ḥuǧǧat Allāh al-bāliġa von Schāh Walīyallāh ad-Dihlawī sowie auf die Muqaddima von Ibn Chaldūn.Vgl. Maġribī: Aʿlām al-Ḥiǧāz. 1984, Bd. II, S. 303.