mini|König Ödipus in der 1340 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 920, fol. 193v König Ödipus oder Ödipus der Tyrann () ist Sophokles’ dramatische Bearbeitung (ca. 429–425 v. Chr.) des Ödipus-Mythos. Es ist der zweite Teil der „Thebanischen Trilogie“, zu der außerdem Antigone und Ödipus auf Kolonos gehören. Sowohl vorher als auch danach wurde der Stoff von verschiedenen, teilweise bedeutenden Dramatikern bearbeitet: (Aischylos, Euripides, Xenokles, Meletos, Seneca, Friedrich Hölderlin u. a.), wobei sich aus der Antike neben der sophokleischen nur die Version des Seneca erhalten hat. Der Ödipus des Sophokles zählt zu den herausragenden Werken der Weltliteratur.
Vorgeschichte zum Drama König Laios von Theben hatte einst die Gastfreundschaft des Königs Pelops missbraucht, indem er dessen Sohn Chrysippos entführen wollte, weil er sich in den Knaben verliebt hatte. Das Orakel von Delphi sagte Laios daraufhin voraus, falls er je einen Sohn zeugen sollte, werde ihn dieser töten und seinerseits des Laios Gemahlin heiraten. Für einen König, der eine Dynastie gründen oder weiterführen soll, ist dieser Spruch natürlich eine Katastrophe. Laios lässt also im Einverständnis mit seiner Frau Iokaste dem Neugeborenen die Füße durchstechen und zusammenbinden und ihn von einem Hirten im Gebirge aussetzen.
Der Hirte hat jedoch Mitleid mit dem Neugeborenen und übergibt ihn einem befreundeten Hirten in Korinth. Über diesen gelangt das Kind zum Königspaar Polybos und Merope von Korinth, das ihn adoptiert und nach seinen geschwollenen Füßen Ödipus (deutsch: „Schwellfuß“) nennt. In neuerer Zeit ist diese Etymologie des Namens angezweifelt worden. Einige Gräzisten schlagen vor, „Oidipous“ mit „Der, der alles weiß“ zu übersetzen.Wolfgang Christlieb: Der entzauberte Ödipus. Ursprünge und Wandlungen eines Mythos. Nymphenburger Verlag, München 1979, ISBN 978-3-485-01850-0.
In Korinth wächst Ödipus auf, ohne von seiner Herkunft zu wissen. Als er erwachsen ist, macht ein Betrunkener auf einem Fest Andeutungen, denen zufolge er nicht der leibliche Sohn seiner Eltern sei. Ödipus ist beunruhigt, die Antwort von Polybos und Merope befriedigt ihn nicht und so befragt er schließlich seinerseits das Orakel. Als ihm dieses verkündet, er werde seinen Vater töten und seine Mutter zur Frau nehmen, bricht er in die Ferne auf, um zu verhindern, dass sich die Prophezeiung an seinen vermeintlichen Eltern in Korinth erfüllt.
An einer engen Weggabelung im Gebirge trifft er einen Wagen und gerät in heftigen Streit mit dessen Fahrer, der ihn seiner Meinung nach zu arrogant behandelt. In diesem Streit trifft er den Passagier des Wagens tödlich – nicht ahnend, dass er damit seinen biologischen Vater Laios getötet hat, womit sich der erste Teil der Vorhersage des Orakels verwirklichte.
Vor den Toren Thebens stößt er auf die Sphinx (ein drachenartiges Ungeheuer mit Menschenkopf), welche alle Reisenden verschlingt, die an ihr vorbei wollen und das von ihr aufgegebene Rätsel nicht lösen können. Das Rätsel der Sphinx lautet: „Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig und am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit seiner Zahl seiner Füße; aber wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder am geringsten.“ Ödipus findet das Rätsel jedoch nicht schwierig und antwortet: „Dein Rätsel ist der Mensch, der am Morgen seines Lebens, solang er ein schwaches und kraftloses Kind ist, auf allen Vieren geht; ist er stark, so geht er am Mittag seines Lebens aufrecht auf zwei Füßen; ist er endlich am Lebensabend als ein Greis angekommen, so nimmt er den Stock als dritten Fuß zu Hilfe.“
Weil das Rätsel gelöst ist, stürzt sich die Sphinx vom Felsen und Theben ist somit von dieser Plage befreit. Zur Belohnung wird Ödipus als Nachfolger des soeben getöteten Laios zum König von Theben ernannt und erhält Iokaste, seine leibliche Mutter, zur Frau. Mit ihr zeugt er die Zwillinge Eteokles und Polyneikes und die Töchter Antigone und Ismene. Mutter und Sohn wissen jedoch nichts von Ödipus’ Tötung des Laios und von ihrer verwandtschaftlichen Beziehung.
Sophokles’ Bearbeitung des Mythos erfuhr bereits in der griechischen Antike höchste Wertschätzung. So erklärt im 4. Jahrhundert v. Chr. Aristoteles in seiner Poetik das sophokleische Drama zum Musterfall der Tragödie, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Handlungsführung, des Umschlagens von Glück in Unglück (Peripetie) sowie von Verblendung zur Selbsterkenntnis (anagnorisis).
Das Drama König Ödipus reflektiert das Unvermögen des Menschen, sein Schicksal voraussehen zu können.
Sophokles’ Ödipus Personen Ödipus: König von Theben, zwei Töchter (Antigone und Ismene) und zwei Söhne (Eteokles und Polyneikes).
Iokaste: Königin, Frau von Ödipus und zugleich dessen Mutter.
Laios: Vater von Ödipus, hatte Iokaste als Frau
Kreon: Iokastes Bruder und Berater von König Ödipus.
Teiresias: Blinder Seher.
Bote: Steht in Diensten des Königs von Korinth
Hirte: Steht in Diensten des Königs von Theben
Chor: Begleitet den Zuschauer anregend und belehrend durch das Geschehen, indem er Zwischenszenen singt, auf Rätsel und Hinweise aufmerksam macht oder die Götter preist, die das Schicksal bereits bestimmt haben.
Chorführer: Greift Gesagtes immer wieder auf und stellt es in Frage. Dazu kommentiert er Dialoge oder steht als neutraler Betrachter zwischen zwei Fronten. Er dient zudem als hinzugezogener Ratgeber, seine Meinung wird geschätzt.
Priester: Bittet Ödipus um Hilfe, um das Volk vom schlimmsten Grauen zu befreien. Schildert den Zustand der erkrankten Stadt in Not.
Diener: Berichtet in der Schlussszene, dass Iokaste sich erhängt und Ödipus sich geblendet habe.
Merope und Polybos: Scheineltern von Ödipus
Stammbaum
Vorgeschichte und Inhalt Aufgrund eines Orakels, das prophezeit hat, er werde durch seinen eigenen Sohn sterben, setzt Laios den späteren thebanischen König Ödipus als Kind aus. Später weissagt ein anderes Orakel Ödipus, er werde seinen Vater erschlagen und mit seiner Mutter in Schande leben. Daraufhin verlässt er Polybos und Merope, den korinthischen König und dessen Frau, die ihn als Sohn aufgezogen haben. Auf seiner Wanderung trifft er an einer Wegkreuzung auf Laïos und dessen Begleiter. Er wird in einen Kampf mit ihnen verwickelt und erschlägt – ohne es zu wissen – seinen leiblichen Vater Laios. Vor den Toren Thebens kann er die Stadt von der Sphinx, einem Ungeheuer, erlösen und erhält als Belohnung Iokaste, die Witwe des Königs Laios. Er nimmt sie zur Frau und bekommt das Königreich Theben. Damit setzt die eigentliche Dramenhandlung ein, in der Ödipus in sechs Stufen seine Vergangenheit aufdeckt. Ein Orakel, das die Ursachen einer seit längerem wütenden Seuche andeutet, bezieht Ödipus’ Schwager Kreon auf den ungesühnten Mord an Ödipus’ Vorgänger Laios. Daraufhin leitet der neue König von Theben eine Untersuchung des Falles ein. Der einzige überlebende Zeuge gibt an, dass der Mord von einer Räuberbande verübt wurde.
Als Ödipus den blinden Seher Teiresias zu sich holen lässt, um Licht ins Dunkel zu bringen, weigert sich dieser, die wahren Zusammenhänge auszusprechen. Erst als er selbst von Ödipus verdächtigt wird, zögert er nicht länger: Ödipus selbst sei der Mörder von Laios. Dieser glaubt ihm nicht und wittert eine Verschwörung zwischen Kreon und dem Seher. Doch mit der Erinnerung an den Vorfall an der Wegkreuzung stellen sich erste Zweifel ein. Als Ödipus von einem aus Korinth eintreffenden Boten erfährt, dass der verstorbene Polybos und dessen Frau nicht seine leiblichen Eltern sind, sondern ihn von einem Knecht des Laios erhalten haben, werden seine Befürchtungen zur Gewissheit. Iokaste erkennt, dass die delphischen Prophezeiungen sich an ihnen erfüllt haben. Die Gegenüberstellung des korinthischen Boten, der Ödipus als Kind erhalten hatte, bringt die Wahrheit ans Licht, die Narben an seinen damals durchstochenen Füßen sind offensichtlich: Ödipus ist Laios’ und Iokastes Sohn. Als Ödipus entsetzt ins Haus stürzt, findet er Iokaste erhängt. Er blendet sich selbst mit ihren goldenen Spangen. Ödipus, der nun nichts sehnlicher wünscht als zu sterben, muss sich damit abfinden, dass die Entscheidung darüber bei den Göttern liegt. Er übergibt seine Kinder Kreon, der die Herrschaft über Theben übernehmen wird.
Vorszene Ein alter Priester und eine Gruppe Kinder und Jugendliche klagen Ödipus das Leid der Stadt, das Ödipus natürlich selbst längst kennt, aber das Publikum will informiert sein: Eine Seuche sucht Theben heim. Das Volk erwartet von Ödipus, der seinerzeit die Stadt von der bösen Sphinx befreit hat, Hilfe aus der verfahrenen Situation. Ödipus beteuert, er leide unter dem Elend mehr als jeder andere. Er habe deswegen bereits Kreon nach Delphi gesandt, das Orakel zu befragen, und seine Rückkehr sei schon überfällig.
In diesem Moment, exakt aufs Stichwort, kommt Kreon von Delphi zurück. Kreon will lieber nicht vor dem versammelten Volk sprechen, sondern im Palast; Ödipus meint jedoch, er solle draußen reden. Kreon erzählt also, es laste eine ungesühnte Blutschuld auf Theben, die zuerst getilgt werden müsse, eher werde die Pest nicht verschwinden. Es gehe dabei um Laios, den Vorgänger des Ödipus. Kreon erzählt Ödipus die Geschichte von Laios’ Tod und dass man sich damals nicht um die Aufklärung der Tat habe kümmern können, da die Sphinx die ganze Stadt in Atem gehalten habe. Ödipus und Kreon sind sich einig, dass hier ein politischer Anschlag ausgeübt wurde, von Bürgern Thebens in Auftrag gegeben und bezahlt. Ödipus verspricht rasche Aufklärung, denn der Mörder von Laios könne es ja auch auf ihn abgesehen haben. Er handle also ganz eigennützig. Man ist allgemein optimistisch.
Einzugslied des Chors
Man ruft durch den Chor verschiedene Gottheiten an.
Erste Hauptszene
Ödipus betont, dass er Neubürger sei, dass er die alte Geschichte von Laios’ Tod nur ungefähr und vom Hörensagen kenne. Er fordert alle jene Bürger auf, die irgendetwas von der alten Geschichte wissen, dies kundzutun, und sichert ihnen Straffreiheit zu. Jedem, der trotzdem schweigt, droht er härteste Konsequenzen an, droht mit Ächtung und Verbannung. Ödipus macht den Bürgern von Theben Vorwürfe, weil sie seinerzeit der Geschichte nicht nachgegangen sind. Er wolle jetzt den Mörder von Laios suchen, als wäre es der Mörder seines eigenen Vaters. Der Chorführer beteuert vorerst, nichts zu wissen, dann fällt ihm ein, dass eventuell Teiresias, der greise, blinde Seher, helfen könnte, denn Teiresias wisse alles. Ödipus sagt, er hätte, auf Kreons Rat hin, schon zweimal nach Teiresias geschickt, und wundere sich selbst, dass er bislang noch nicht erschienen sei. Der Chorführer meint, was man so munkele, sei Unfug, da irgendwelche Wanderer den Mord verübt hätten.