Die RomanzeDorothé Schubarth, Judith Etzion, Rainer Gstrein, Dorothea Redepenning: Romanze. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil Band 8, Bärenreiter und Metzler, Kassel und Basel 1998, Sp. 517–536. ISBN 3-7618-1109-8Marc Honegger, Günther Massenkeil (Hrsg.): Das große Lexikon der Musik. Band 7: Randhartinger – Stewart. Herder, Freiburg im Breisgau u. a. 1982, ISBN 3-451-18057-X. in der Musik ist eine Gattung, die geschichtlich aus der höfischen Musik des spanischen Mittelalters bis ins 20. Jahrhundert reicht. Als Haupttypen können unterschieden werden: Die spanische Romanze vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert Die vokale französische Romanze vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Die vokale deutsche Romanze vom Ende des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Die vokale Romanze in Skandinavien, Italien, England und Russland vom späten 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts Die instrumentale Romanze der europäischen Musik von der Mitte des 18. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts.
Die Romanze in der spanischen Musik bis zum Ende des 17. Jahrhunderts Eine Romanze (von lateinisch romanice oder provenzalisch romans, mit der Bedeutung „in der romanischen Volkssprache verfasst“) ist ursprünglich eine Form des erzählenden Liedes, inhaltlich mit der europäischen Volksballade vergleichbar, und kann als deren spanische Variante gelten. Mit der Ausdehnung des spanischen Herrschaftsbereichs ist sie ab dem 16. Jahrhundert in alle damals bekannten fünf Kontinente vorgedrungen. Sie ist als Gattung seit dem 14. Jahrhundert dokumentiert und geht nach Auffassung des spanischen Historikers Ramón Menéndez Pidal (1953) auf mündlich überlieferte Epen zurück, die zuerst von den juglares (Spielleuten) an den fürstlichen Höfen gesungen wurden und auf diesem Wege von der Volksmusik übernommen wurden. Diese musikalische Form ist in allen Ländern mit ibero-romanischen Sprachen (spanisch, katalanisch, galicisch und portugiesisch) verbreitet und noch heute lebendig; hier bedeutet die Bezeichnung Romancero eine Sammlung von erzählenden Volksliedern. In den lateinamerikanischen Ländern wird sie heute hauptsächlich von der schwarzen Bevölkerung gepflegt. Bei der Vertreibung der sephardischen Juden aus Spanien und Portugal am Ende des 15. Jahrhunderts nahmen diese die Romanzen in ihre neue Heimat mit und haben sie dort (Maghreb, Griechenland, Balkan, Naher Osten) über Jahrhunderte hinweg, unabhängig von ihrer früheren Heimat, erhalten; in diesen Romanzen haben alttestamentliche Themen ein größeres Gewicht als in den hispanischen Romanzen.
Die einstimmigen spanischen Romanzen gliedern sich in folgende Gruppen: Die traditionellen Romanzen einschließlich der Spielmanns-Romanzen (romances juglarescos), die neueren Erzähllieder. Dagegen gibt es bei den mehrstimmigen Romanzen folgende Gruppen: Die alten Romanzen (romances viejos), einschließlich der romances noticieros, die über zeitgenössische Ereignisse berichten, die Kunst-Romanzen (romances artificiosos) mit ihrer Variante der romances novelescos (fiktionale Romanzen).
Sowohl die einstimmige volksmusikalische Romanze wie die mehrstimmigen Versionen sind durch ihre literarische Form festgelegt, nämlich durch eine Aneinanderreihung von 8 + 8, seltener 6 + 6 Silben mit Reim-Ende, wobei dieses Gleichmaß in der mündlichen Überlieferung durchbrochen wurde (unregelmäßige Silbenzahl, wechselnde Reime oder gelegentliches Fehlen eines Halbverses). Die einstimmigen Romanzen haben im Allgemeinen keine fest zugeordnete Melodie. Die Wahl der Melodie hing nicht vom Text, sondern von der jeweiligen Funktion des Gesangs ab. Die benutzten älteren Melodien sind strukturell häufig archaisch mit einem kleinen Tonumfang (Terz, Quart oder Quinte) und gehen oft von gregorianischen Melodien aus. Die etwas jüngeren Melodien, oft Erweiterungen der älteren, mit Sext- bis Oktav-, selten Dezimen-Umfang, besitzen vier und mehr Verszeilen, sind meist wellenförmig mit fallender Tendenz oder fallend. Die Romanze als Lied konnte verschiedenen Liedtypen angehören, so Stücken für den Jahreskreis oder Kirchenjahres-Kreis (Weihnachten, Epiphanias, Passion, Mai- und Marienlieder), für den Lebenslauf (Geburt, Hochzeit, Tod); es gibt Wiegen- und Kinderlieder sowie Arbeitslieder (pflügen, ernten, dreschen). Auch gab es nicht festgelegte Romanzen, die beispielsweise in der Spinnstube, beim Festessen oder zur Kirchweihe gesungen werden konnten; auch die Romanzen als Tanzlieder gehören hierzu. Der Rhythmus der gewählten Melodie wurde vom Typ der Romanze bestimmt, z. B. für Erntelieder, Arbeits- oder Tanzrhythmen oder eine freirhythmische Melodik, und isorhythmische Melodien für Weihnachts- und Mailieder. Als besondere Form hat sich im Verlauf der Maurenkriege der Typ des romance frontiziero (Grenz-Romanze) gebildet, in dem Ereignisse an der Grenze zwischen beiden Gegnern erzählt wurden, und nach dem Fall von Granada 1492 entstand der Typ der romance morisco im Zuge der aufkommenden Maurophilie.
Sehr vielfältig waren in der einstimmigen spanischen Romanze die Möglichkeiten der praktischen Ausführung. Sie wurde solistisch oder von einer Gruppe gesungen. Ein solistischer Vortrag konnte vom Sänger selbst oder einem Instrumentalisten begleitet werden, und zwar mit Drehleier (Galicien), Geige, rabel oder mit Zupfinstrumenten (Galicien, Kantabrien, Provinz Ávila). Beim Gesang in der Gruppe konnten Schlaginstrumente wie pandero, Schellentrommel oder Kastagnetten hinzutreten, aber auch passende Gebrauchsgegenstände wie Emailteller, Blechtornister und ähnliche (Teneriffa, Galicien, Kastilien, Andalusien), und zwar besonders dann, wenn ein Stück als Tanzlied in der Spinnstube, als „Heischelied“ zu Weihnachten oder als Prozessionsgesang erklang. Tempo und rhythmische Gestaltung bestimmten dabei wesentlich den Charakter der Darbietung, wobei ein rasches Tempo bei engräumig-gleichmäßiger Melodie den Ablauf des Geschehens hervorhob und ein langsamer Vortrag mit rhythmisch differenzierter Melodie mehr die einzelnen Motive einer Erzählung hervortreten ließ. Darüber hinaus gab es für den Sänger noch verschiedene Möglichkeiten der Steigerung, wie Auflösung der rhythmischen Struktur, Zusammenziehung von Verszeilen und Weglassen von Wiederholungen und ihr späteres Anhängen.
Viele Melodien wurden mittels Klangsilben oder durch Refrains erweitert; dies reichte von kurzen Einschüben bis zu selbständigen Melodiezeilen mit unabhängiger Länge, wodurch asymmetrische Strophenformen entstanden, bei denen die so getrennten Textmotive stärker hervortraten. Je nach Begabung und Flexibilität des Sängers konnten sehr viele Melodievarianten entstehen; es war sogar eine Improvisation über eine isorhythmische Verszeile möglich. Romanzen als Erntelieder zum Kornschneiden gab es besonders im nördlichen Grenzgebiet zwischen Spanien und Portugal (spanische Provinz Ourense / portugiesischer Distrikt Bragança), bei denen die freirhythmischen, getragenen Melodien einen Vorrang vor dem Text hatten, weil hier das Singen der Zusammengehörigkeit der Ausführenden diente und nicht dem Vortrag einer Erzählung. Die Melodien der sephardischen Romanzen unterschieden sich nicht grundsätzlich von den iberischen Formen, jedoch übernahmen die Sänger vor allem im Nahen Osten die Melodien und Gesangspraktiken der jeweiligen Länder. Gerade im östlichen Mittelmeer (Rhodos, Saloniki) gab es hier Melodien, deren Ablauf den Text ignorierte, so dass dieser ganz hinter den getragenen und ausdrucksvollen, melismatischen Melodien zurücktrat.
Die neuere einstimmige spanische Romanze ab dem 18. Jahrhundert Im 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts ist in Spanien ein Typ des neueren Erzähllieds entstanden, der dem Moritaten-Lied und dem Bänkelgesang anderer Länder entspricht, genannt romance de cordel („Schnur-Romanze“) oder romance de ciego („Blinden-Romanze“). Blinde Sänger, die sich ihr Brot auf Jahrmärkten und Festen verdienten, auch durch den Verkauf von Textblättern, verbreiteten diesen Typ im Land. Die Gliederung der Texte bestand aus fortlaufenden Doppelzeilen mit wechselndem Reim; die Texte selbst waren rührselig, schwülstig oder burlesk. Auf diesem Wege wurde diese Romanze schnell vom Volksgesang aufgegriffen und besonders von Frauen gern gesungen.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand ein neues Interesse an der volkstümliche Romanze, so dass von Agustín Durán (1789–1862) in den Jahren 1849 und 1851 ein erster romanzero (Sammlung von Romanzen) erschien. Dem folgten in verschiedenen iberischen Randgebieten weitere derartige Sammlungen und Studien, so 1856 in Asturien, 1867 in Portugal und 1874 in Katalonien. Auf der Basis dieser Veröffentlichungen haben der Spanier Marcelino Menéndez y Pelayo (1856–1912) und der Portugiese Teófilo Braga (1843–1924) ihre systematischen Sammlungen von Romanzen begonnen, und es ist eine zunehmende Zahl regionaler „Romanzeros“ erschienen. Im Jahr 1900 hat Ramón Menéndez Pidal das Archivo Menéndez Pidal gegründet; seine Arbeitsmethode wurde zum Vorbild für die systematische Sammlung und Edition von Romanzen. Die Melodien blieben hier jedoch weitgehend unberücksichtigt, weil man eine Romanze überwiegend literarisch verstand und die Melodien nur als Mittel zum Vortrag betrachtet wurden. Die frühesten Aufzeichnungen von Melodien erfolgten erst durch M. Manrique de Lara (sephardische Romanzen) etwa 1911 sowie durch Dádasmo Ledesma 1907 und Felipe Pedrell 1919/20. Die Wirkung der Romanze seit ihrer Wiederentdeckung und Sammlung reicht bis in die spanische, portugiesische und lateinamerikanische Literatur der Gegenwart.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden örtlich gebundene Karnevalslieder bekannt, welche meistens auf scherzhafte Weise aktuelle Themen aus Politik und Alltag aufgegriffen haben. Hier wurden häufig von Strophe zu Strophe Ortschaften, Nachbarn oder Berufe aufs Korn genommen; dazu gab es auch die eigentümliche, nur gebietsweise auftretende burleske Sonderform des Tiertestament-Liedes. Dies Karnevalslieder sind heute jedoch weitgehend unbekannt, weil sie die mündliche Tradition nur fragmentarisch überlebt haben oder ganz in Vergessenheit geraten sind.
Die mehrstimmige spanische Romanze In der spanischen Renaissance und im frühen Barock war die Romanze eine der am weitesten verbreiteten poetischen und musikalischen Gattungen. Im Gegensatz zu den Balladen in anderen europäischen Ländern war sie in Spanien nicht nur im volkstümlichen Bereich, sondern in allen sozialen Schichten verbreitet; sie wurde im spanischen „Goldenen Zeitalter“ (siglo de oro), also im 16. und 17. Jahrhundert, von den führenden Vertretern in Literatur und Musik kultiviert. Dieser Aufstieg der Romanze aus der Volksmusik der untersten Schichten zur angesehenen Kunstgattung bei Hofe lässt sich aus der literarischen Überlieferung der Zeit kurz vor und während der Herrschaft von Isabella I. und Ferdinand II. (1469–1516) ablesen. Die Romanzen wurden von den Spielleuten ebenso gesungen wie von den Sängern der Hofkapelle und den königlichen Hofdamen. Die Poeten bei Hofe versahen die alten Romanzentexte mit Kommentaren und schrieben neue Texte, welche anschließend von Musikern mehrstimmig vertont wurden.