Selbstwirksamkeitserwartung (-belief, perceived self-efficacy), kurz SWE, bezeichnet das Vertrauen einer Person, aufgrund eigener Kompetenzen gewünschte Handlungen auch in Extremsituationen erfolgreich selbst ausführen zu können. Ein Mensch, der daran glaubt, selbst etwas bewirken und auch in schwierigen Situationen selbstständig handeln zu können, hat demnach eine hohe SWE. Der Begriff wurde in den 1970er-Jahren von dem kanadischen Psychologen Albert Bandura entwickelt.
Aspekte von Selbstwirksamkeitserwartung Eine Komponente der SWE ist die Annahme, dass eine Person gezielt Einfluss auf die Dinge und die Welt nehmen kann, statt äußere Umstände, andere Personen, Zufall, Glück und andere unkontrollierbare Faktoren als ursächlich anzusehen (siehe auch Kontrollüberzeugung). Es ist wichtig zu verstehen, dass es dabei um die Wirksamkeitserwartung und nicht um eine Ergebniserwartung (Optimismus) geht. Selbstwirksame Menschen zeichnen sich durch eine Handlungskompetenz-Überzeugung aus und nicht zwingend durch die Gewissheit, dass ihnen (fast) alles gelingt. Selbstwirksame Menschen trauen sich Dinge auch dann zu, wenn sie sich nicht sicher sind, damit erfolgreich zu sein. Manche Psychologen vertreten die Auffassung, dass Selbstwirksamkeitserwartung ein natürliches Bedürfnis des Menschen sei. In der psychologischen Forschung wird zudem unterschieden zwischen den generalisierten und den verschiedenen handlungsspezifischen Selbstwirksamkeitserwartungen (etwa mit dem Rauchen aufzuhören oder vor einer Menschenmenge frei sprechen zu können). Untersuchungen zeigen, dass Personen mit einem starken Glauben an die eigene Kompetenz größere Ausdauer bei der Bewältigung von Aufgaben, eine niedrigere Anfälligkeit für Angststörungen und Depressionen und mehr Anerkennung in Ausbildung und Berufsleben haben. SWE und Handlungsergebnisse wirken oft zirkulär: Eine hohe SWE führt zu hohen Ansprüchen an die eigene Person, weshalb sie eher anspruchsvolle, schwierige Herausforderungen suchen wird. Die Bewältigung dieser Herausforderungen führt wiederum zur Bestätigung bzw. sogar Erhöhung der eigenen SWE. Diesen zirkulären Effekt griffen Locke und Latham (1990, 1991) auf und überführten ihn in den sogenannten high performance cycle. Die Autoren untersuchten, ob es einen Zusammenhang zwischen Zielsetzung oder Zielfestlegung und der realisierten Leistung gibt. Selbstwirksamkeitserwartung ist förderlich für ein positives Gesundheitsverhalten Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung sind der Überzeugung, für ihr eigenes Glücksgefühl verantwortlich zu sein. Im Gegensatz zur SWE stehen z. B. die Erlernte Hilflosigkeit, die „innere Erstarrung“, das Gefühl von „dem Außen ganz ausgeliefert sein“, Vermeidungsverhalten u. ä. Wie stark die eigene Selbstwirksamkeit ausgeprägt ist, kann ein jeder für sich selbst leicht beispielsweise anhand seiner Resonanz und Antworten auf folgende Aussagen prüfen: * Hindernissen sehe ich gelassen entgegen, weil ich immer auf mich selbst vertrauen kann. * Wenn schwierige Situationen auftreten, schaffe ich es aus eigener Kraft heraus. * Auch bei plötzlich auftretenden Problemen bin ich der Überzeugung, dass ich gut damit fertigwerden kann. Je stärker jemand diese Aussagen für sich bejahen kann, umso selbstwirksamer ist die Person.
Quellen der Selbstwirksamkeitserwartung Sozialkognitive Lerntheorie Im Rahmen seiner sozialkognitiven Lerntheorie ging Bandura in den 1970er Jahren von vier verschiedenen Quellen aus, die die Selbstwirksamkeitserwartung einer Person beeinflussen können.Albert Bandura: Self-Efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. In: Psychological Review. Band 84, Nr. 2, 1977, S. 191–215 (englisch).
Eigene Erfolgserlebnisse Erfolg bei der Bewältigung einer schwierigen Situation stärkt den Glauben an die eigenen Fähigkeiten – man traut sich auch in Zukunft das Beherrschen solcher Situationen zu –, während Misserfolge dazu führen können, an der eigenen Kompetenz zu zweifeln und in Zukunft vergleichbare Situationen eher zu meiden. Damit es zu einer solchen Beeinflussung der eigenen Selbstwirksamkeitserwartung durch Erfolgserlebnisse oder Misserfolgserlebnisse kommt, muss die Person jedoch diese Erlebnisse ihren eigenen Fähigkeiten zuschreiben (d. h. internal und stabil attribuieren). Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung zeigten trotz einzelner Rückschläge eine höhere Frustrationstoleranz.
Stellvertretende Erfahrung Meisterten andere Menschen mit Fähigkeiten, die den eigenen gleichen, eine Aufgabe, traue man sie sich selbst auch eher zu. Andererseits demotiviere ein Misserfolg solcher Personen. Dabei gelte: Je größer die Ähnlichkeit zur beobachteten Person, desto stärker die Beeinflussung durch das Vorbild.
Verbale Ermutigung Menschen, denen gut zugeredet wird und denen von anderen zugetraut werde, eine bestimmte Situation zu meistern, strengten sich eher an. Sie glaubten mehr an sich, als wenn andere an ihren Fähigkeiten zweifelten. Zugleich sei es wichtig, jemanden nicht unrealistisch zu fordern. Das würde bei wiederholtem Misserfolg eher demotivieren.
Emotionale Erregung Die eigenen physiologischen Reaktionen auf eine neue Anforderungssituation sind oft Grundlage eigener Situations- und Selbstwirksamkeitsbewertung. Beispielsweise gehen Herzklopfen, Schweißausbrüche, Händezittern, Frösteln, Übelkeit oft mit emotionalen Reaktionen wie Anspannung oder Angst einher. Diese Anzeichen lassen sich leicht als Schwäche interpretieren und Selbstzweifel aufkommen. Ein Abbau von Stressreaktionen kann Menschen helfen, entspannter an Herausforderungen heranzugehen und sie so besser zu meistern.
Genetische Ursachen Entgegen den Annahmen der sozialkognitiven Lerntheorie zeigen die Ergebnisse von Zwillingsstudien, dass SWE zu einem großen Teil genetisch bedingt sein könnte. So untersuchte eine Zwillingsstudie die Erblichkeit von SWE bei Heranwachsenden anhand der Auskünfte von Müttern, Vätern und der Kinder in über 1.300 Familien mit über 2.600 Zwillingen. Es zeigte sich, dass Unterschiede in dem zugrunde liegenden Faktor der SWE zu 75 % durch genetische Faktoren erklärbar sind. Die Studie merkt zugleich selbstkritisch an, dass ein Studienaufbau basierend auf zusammen aufgezogenen Zwillingen die Wirkung genetischer Einflüsse über- und gemeinsame Umwelteinflüsse wie z. B. Erziehungsstile unterschätzen kann.
Entwicklungsphasen bzw. -kontexte der SWE Selbstwirksamkeit entwickelt sich in verschiedenen Lebensstadien bei jedem Individuum unterschiedlich, je nach den Lebensumständen und den unterschiedlichen Einflüssen der oben genannten Quellen.
Neugeborene sind sich noch nicht selbst als eigenständige Person bewusst. Sie lernen erst nach und nach, wie ihre Handlungen bestimmte Folgen und Reaktionen hervorrufen (z. B. produziert das Schütteln einer Rassel Geräusche, Schreien ruft Erwachsene herbei), und dass sie eine von anderen abgegrenzte Person sind.
Die Familie, in der Kinder größtenteils ihre physischen, kognitiven, sozialen und linguistischen Fähigkeiten erlernen und ausbauen, die häusliche Umgebung, auch Lernmaterialien und Geschwisterkonstellationen sind äußerst wichtig. Kinder vergleichen sich in diesem Umfeld zum ersten Mal mit anderen Menschen, d. h. mit Eltern und Geschwistern. Ein nächster Schritt ist, Peers zu begegnen: Erstmals kann man im Vergleich mit Gleichaltrigen die eigenen Fähigkeiten bewerten. Schon hier haben Kinder mit einer niedrigen Selbstwirksamkeitserwartung Probleme, sich anderen Kindern anzuschließen. In der Schule erweitern sie ihre kognitiven Kompetenzen und erwerben Wissen und Problemlösungsfertigkeiten. Später konfrontiert die Entwicklung Jugendliche mit Veränderungen wie Pubertät und Berufswahl. Wie leicht oder schwer man das nimmt, hängt von der vorher aufgebauten Selbstwirksamkeit ab. Führt diese Phase zur positiven Wahrnehmung der nunmehr erweiterten Kontrollmöglichkeiten in immer neuen Situationen, steigert dies die SWE. Finden die Jugendlichen jedoch keine Selbstbestätigung oder erleben sie sich sogar als machtlos, verhindert das den Aufbau einer positiven SWE.Edward T. Hall: Beyond Culture. Anchor Books, 1989, S. 6 (englisch).
Das Erwachsenenalter bringt neue Anforderungen wie das Berufsleben und das Eingehen längerfristiger Beziehungen bis zur Ehe und Elternschaft mit sich. Menschen mit Selbstzweifeln haben tendenziell stärkeren Stress und neigen eher zu Depressionen, können sich schlechter motivieren und weniger gut negative Emotionen kontrollieren. Auch die Erfahrung, in großen Bürokratien keinen Einfluss entfalten zu können, kann diese Neigung verstärken. Im Alter sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit und jeder muss mit neuen Veränderungen wie Rente oder Verlust von Freunden, Partnern und/oder körperlicher Leistungsfähigkeit bzw. Unversehrtheit zurechtkommen. Auch beim Bewältigen dieser Veränderungen spielt die individuelle Selbstwirksamkeitserwartung eine entscheidende Rolle.
Selbstwirksamkeitserwartung und Berufswahl Selbstwirksamkeitserwartung lässt sich als eine zentrale Variable bei der Karriereentwicklung im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) beschreiben.Frank Pajares: Self-Efficacy Beliefs in Academic Settings. In: Review of Educational Research. 1996 (englisch). Insbesondere zeigen Studien, dass die Selbstwirksamkeitserwartung in Mathematik ein stärkerer Prädiktor für das Interesse an Mathematik, die Wahl von Veranstaltungen mit Mathematikbezug sowie die Wahl eines Abschlusses in Mathematik ist, als bisherige Leistungen in Mathematik oder das erwartete Ergebnis in den entsprechenden Kursen. Im Bereich der Programmierausbildung wurde gezeigt, dass die Selbstwirksamkeitserwartung einen größeren Einfluss auf erreichte Leistung hat als beispielsweise das Geschlecht der Kursteilnehmer.P. Brauner, T. Leonhardt, M. Ziefle, U. Schroeder: The effect of tangible artifacts, gender and subjective technical competence on teaching programming to seventh graders. In: Proceedings of the 4th International Conference on Informatics in Secondary Schools (ISSEP 2010), LNCS 5941. 2010, S. 61–71 (englisch). Es zeigt sich, dass sich die niedrige Repräsentation von Frauen in den MINT-Berufen auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Selbstwirksamkeitserwartung zurückführen lässt.Nancy E. Betz, Gail Hackett: Applications of Self-Efficacy Theory to Understanding Career Choice Behavior. In: Journal of Social and Clinical Psychology. Band 4, Nr. 3, September 1986, S. 279–289 (englisch).
Selbstwirksamkeit in der Gesundheitsförderung Das Modell der Selbstwirksamkeitserwartung spielt auch in der Gesundheitsförderung und der Rehabilitation bzw. Physiotherapie eine bedeutende Rolle. Die Forschung konnte zeigen, dass hohe Werte der Selbstwirksamkeitserwartung die Erfolgschancen von Verhaltensänderungen (z. B. im Gesundheitsverhalten) deutlich erhöhen. Glauben Menschen nicht daran, gesundheitsfördernde Verhaltensweisen umsetzen zu können, ist es unwahrscheinlicher, dass sie es überhaupt probieren. Da viele Ansätze zur Gesundheitsprävention eine Veränderung des Verhaltens nötig machen, ist ein ausreichendes Maß an Selbstwirksamkeitserwartung grundsätzlich wichtig, um entsprechende Handlungen zu initiieren.
Die Selbstwirksamkeitserwartung gilt somit als Prädiktor, um überhaupt mit gesundheitsförderlichem Verhalten zu beginnen. Glücklicherweise konnten Untersuchungen zeigen, dass sich die Selbstwirksamkeitserwartung von Personen steigern lässt.