Das Necronomicon ist ein fiktives Zauberbuch, das Anfang des 20. Jahrhunderts von H. P. Lovecraft erdacht wurde. Das Buch ist ein Teil des Cthulhu-Mythos, wobei es in die Horror- und Fantasyliteratur eingegangen ist und wie kaum ein anderes zahlreiche andere Autoren zu Geschichten um dieses Werk inspiriert hat. Es hat dabei seinen ganz eigenen Mythos entwickelt.

Etymologie Wie Lovecraft in einem Brief an Harry O. Fischer im Jahr 1937 schrieb, ist der Titel Griechisch und übersetzt sich: nekros νεκρός ‚Leichnam‘, nomos νόμος ‚Gesetz‘, eikon εἰκών ‚Abbild‘, ‚Ebenbild‘ ‚Bild‘, womit sich als Bedeutung Ein Abbild des Gesetzes der Toten ergibt. Neben dieser Etymologie von Lovecraft selbst gibt es andere Möglichkeiten der Herleitung, die wahrscheinlich sprachwissenschaftlich korrekter sind:

Die Toten betreffend – von nemein νέμειν ‚in Betracht ziehen‘, ‚ansehen‘ Wissen von den Toten – vom griechischen gnomon γνώμων ‚Kenner‘, ‚Schiedsrichter‘ oder ‚Zeiger einer Sonnenuhr‘Benselers griechisch-deutsches Schulwörterbuch, 13. Auflage, bearbeitet von Adolf Kaegi, Teubner, Leipzig und Berlin 1911, S. 169. (unter der Annahme, das wortinitiale G sei verloren gegangen). (Das Ding) das die Bräuche/Gesetze der Toten betrifft von: Nekros/nekr-o- (Nomen) ‚Tote (Person)‘ nomos/nom-o- (Nomen) ‚Gesetz‘, ‚Brauch‘ -ikos/-ike/-ikon (adjektivischer Suffix) ‚betreffend‘, ‚bezüglich auf‘ entsprechend: nekr-o- + nom-o- + -ikos > nekronomikos ‚die Bräuche/Gesetze der Toten betreffend‘, als Nomen dann Necronomicon Außerdem taucht manchmal als Übersetzung: Das Buch der toten Namen auf – von onoma όνομά ‚Name‘.

Lovecrafts Necronomicon Das Necronomicon wurde von Lovecraft 1922 zum ersten Mal namentlich in der Erzählung The Hound erwähnt, die 1924 veröffentlicht wurde. Seinen eigenen Briefen zufolge fiel ihm dieser Name in einem Traum ein. Der Titel Necronomicon ist unlösbar mit dem Namen des Autors verknüpft, dem verrückten Araber Abdul Alhazred (dessen Name, englisch ausgesprochen, all has read, also in etwa Der alles gelesen hat bedeutet). Das Necronomicon stellt in Lovecrafts Geschichten ein Mysterium dar. Sein erstes Erscheinen fand nicht durch die Erwähnung seines Titels, sondern durch seinen fiktiven Autor und ein Inhaltsfragment statt (The Nameless City, erschienen 1921). Lovecraft macht in all seinen Geschichten nur Andeutungen zum Inhalt des Buches und bezeichnet es immer als „grässlich, gefährlich, monströs“ und verboten.

Während Lovecraft naturwissenschaftlich und materialistisch orientiert war und seine Erzählungen dies auch widerspiegeln, gab ihm die Verwendung des Necronomicon eine erzählerische „Hintertür“ zur Mystik, über die er seine Liebe zur Poesie und lebhaften Prosa einbringen konnte.

Chronologie der Fiktion bei Lovecraft George T. Wetzel glaubte, dass Lovecraft bereits 1919 in der Kurzgeschichte Die Aussage des Randolph Carter auf das Necronomicon anspielte, ohne es explizit zu nennen. Diese Annahme ist vermutlich falsch, da das erwähnte „teuflische Buch“ weder in arabischer, noch in einer anderen, Carter geläufigen Sprache verfasst wurde, sondern mit Schriftzeichen geschrieben war, die er nie zuvor gesehen hatte.Sunand T. Joshi, David E. Schultz: „Statement of Randolph Carter, The“. In: An H.P. Lovecraft Encyclopedia, Hippocampus Press, Westport 2001, S. 251

The Nameless City (dt. Stadt ohne Namen) – (1921), Erwähnung eines Inhaltsfragmentes und des Autors Abdul Alhazred The Hound (dt. Der Hund) – (geschrieben 1922, erschienen 1924) The Festival (dt. Das Fest) – (1923), Erwähnung zusammen mit anderen „legitimen“ okkulten Büchern The Descendant (dt. Der Sproß) – (geschrieben 1926, erschienen 1938) The Call of Cthulhu (dt. Cthulhus Ruf) – (geschrieben 1926, erschienen 1928), nur knapp erwähnt Eine weitere Anspielung ohne Erwähnung ist möglicherweise auch in The Green Meadow (1927) zu finden The Case of Charles Dexter Ward (dt. Der Fall Charles Dexter Ward) – (geschrieben 1927, erschienen 1941), nur knapp erwähnt The Last Test (dt. Das letzte Experiment) – (geschrieben 1927, erschienen 1928); Revision für Adolphe De Castro; Erwähnung als Alhazred’s Azif History of the Necronomicon (dt. Geschichte und Chronologie des Necronomicon) – (geschrieben 1927, erschienen 1938); Hauptquelle an Informationen bei Lovecraft The Dunwich Horror (dt. Das Grauen von Dunwich) – (geschrieben 1928, erschienen 1929) The Whisperer in Darkness (dt. Der Flüsterer im Dunkeln) – (geschrieben 1930, erschienen 1931) Medusa’s Coil (dt. Das Haar der Medusa) – (geschrieben 1930, erschienen 1939); mit Zealia Bishop At the Mountains of Madness (dt. Berge des Wahnsinns) – (geschrieben 1931, erschienen 1936) The Dreams in the Witch-House (dt. Träume im Hexenhaus) – (geschrieben 1932, erschienen 1933) The Horror in the Museum (dt. Das Grauen im Museum) – (geschrieben 1932, erschienen 1933) mit Hazel Heald Through the Gates of the Silver Key (dt. Durch die Tore des Silberschlüssels) – (geschrieben 1932–33, erschienen 1934) mit E. Hoffmann Price Out of the Aeons (dt. Aus Äonen) – (geschrieben 1933, erschienen 1935) mit Hazel Heald The Thing on the Doorstep (dt. Das Ding auf der Schwelle) – (geschrieben 1933, erschienen 1937) The Shadow Out of Time (dt. Der Schatten aus der Zeit) – (geschrieben 1934–35, erschienen 1936) The Diary of Alonzo Typer (dt. Das Tagebuch des Alonzo Typer) – (geschrieben 1935, erschienen 1938) mit William Lumley The Haunter of the Dark (dt. Der leuchtende Trapezoeder) – (geschrieben 1935, erschienen 1936)

Rezeption zu Lebzeiten Lovecraft wurde oft mit Fragen nach dem fiktiven Buch konfrontiert und musste in vielen Briefen an die Fragesteller „gestehen“, das Necronomicon erfunden zu haben. Besonders viel Aufmerksamkeit erregte das Erscheinen des Buches in Erzählungen anderer Autoren, bei denen Lovecraft das Necronomicon als Scherz einbaute. Später verwendeten andere Autoren auf Basis ihres Briefkontaktes mit Lovecraft ebenfalls dessen Schöpfungen. Das Essay zur Geschichte des Necronomicon wurde zwar erst nach Lovecrafts Tod veröffentlicht, er kommunizierte dessen Inhalt aber bereits 1927 bruchstückhaft in Briefen an seine Schriftstellerkollegen und Brieffreunde, wie zum Beispiel Clark Ashton Smith. Der Eindruck der tatsächlichen Existenz eines Necronomicon wird von Lovecraft bestärkt, indem er die Ausgaben des Buches in den Romanen als „Raritäten“ darstellt, die nur im Besitz ganz weniger Bibliotheken seien, sowie dadurch, dass der Inhalt des fiktiven Necronomicon von den Protagonisten in Lovecrafts Werken sehr ernst genommen wird.

Fiktive Geschichte des Necronomicons Die wichtigste Darstellung der Fiktion ist ein kurzer Essay von H. P. Lovecraft aus dem Jahr 1927, der aber erst 1938 allgemein veröffentlicht wurde: History of the Necronomicon (deutscher Titel: Geschichte und Chronologie des Necronomicons). Darin ist knapp die Geschichte des Buches beschrieben, vom ursprünglichen Autor über mittelalterliche Abschriften und Übersetzungen bis hin zu moderneren Ausgaben, die in seinen Geschichten von den Protagonisten konsultiert oder zitiert werden.

Das „Arabische Original“: Das Kitab Al'Azif Der ursprüngliche Text des Necronomicon stammt von Abdul Alhazred. Dabei ist Abdul Alhazred der Name, den Lovecraft schon im Alter von fünf Jahren als Pseudonym für sich verwendete, nachdem er ihn von einem älteren Verwandten, wegen seiner Liebe zum Orient der 1001 Nacht Geschichten, vorgeschlagen bekommen hatte. Für seine Geschichte und Chronologie des Necronomicon erdachte Lovecraft noch einige weitere Details dieser Figur:

Abdul Alhazred war ein wahnsinniger Lyriker aus Sanaa im Jemen, der um das Jahr 700 n. Chr. lebte. Er erforschte die Geheimnisse der vergangenen Hochkulturen von Ägypten und Babylon und durchwanderte zehn Jahre die innerarabische Wüste, die viele Gefahren und Mysterien beherbergen sollte. Er soll bis in das sagenumwobene Irem (Iram), die „Stadt der Säulen“, vorgedrungen sein und unter den Ruinen einer Wüstenstadt die Geheimnisse und Aufzeichnungen aus einer Kultur gefunden haben, die lange vor der Menschheit lebte. In seinem Wahn hatte er nicht viel für den Islam übrig, sondern verehrte unbekannte Wesen, die er Yog-Sothoth und Cthulhu nannte. Nach seinen Wanderungen ließ er sich in Damaskus nieder, wo er ab etwa 730 n. Chr. am Manuskript des Kitab Al'Azif arbeitete – dem Buch vom Summen (Kitab = Buch; Al = der, die, das …; Azif = Summen), das heißt von dem Geräusch, das die Wüstendämonen machen. Über sein Ende oder sein Verschwinden im Jahre 738 n. Chr. scheiden sich die Geister. So erzählt Ebn Khallikan, ein Biograf aus dem 12. Jahrhundert – ebenfalls eine von Lovecraft erdachte Gestalt, die auf Ibn Challikan, einen kurdischen Biografen des 13. Jahrhunderts anspielte –, dass Alhazred in vollem Tageslicht von einem unsichtbaren Schrecken verschlungen wurde, während die Zeugen des Geschehens, gelähmt vor Angst, nur zusehen konnten.

Die arabische „Originalversion“ oder auch eventuelle Kopien waren entsprechend einer Bemerkung im Vorwort der lateinischen Übersetzung bereits im 13. Jahrhundert verschollen. Anfang des 20. Jahrhunderts soll jedoch eine Kopie in San Francisco aufgetaucht sein, die aber bei einem Feuer zerstört wurde. – In der Ausgabe des „History of the Necronomicon“ von Rebel Press ist der folgende Satz in Klammern hinzugefügt: „there is, however, a vague account of a secret copy appearing in San Francisco during the present century, but later perished in fire“ – Dies scheint eine Anspielung auf Clark Ashton Smith’s „The Return of the Sorcerer“ zu sein.

Bemerkung: Diese Version des Necronomicons wurde am besten von Lovecraft ausgearbeitet, wird von ihm jedoch nur einmal – und das auch nur in einer Revisionsgeschichte – erwähnt (The Last Test [dt. Das letzte Experiment] für Adolphe De Castro).

Die „Griechische Übersetzung“ Lovecraft setzt seine Geschichte des Zauberbuchs im europäischen Mittelalter fort: Unter den Philosophen dieser Zeit soll es unter der Hand herumgereicht worden sein. 950 n. Chr. wurde das Azif dann heimlich von Theodorus Philetas von Konstantinopel ins Griechische übersetzt. Von ihm stammt auch der bekannte Titel Necronomicon. Es muss mehrere Manuskripte gegeben haben, die auch viele der Abbildungen genau reproduzierten und ein Jahrhundert lang zu schrecklichen Experimenten geführt haben, bis das Necronomicon um 1050 vom Patriarchen Michael verboten und verbrannt wurde. Lovecraft führt weiterhin aus, dass eine zwischen 1500 und 1550 in Italien gedruckte Version bei dem Brand der Bibliothek einer gewissen Person in Salem im Jahre 1692 zerstört wurde. Seitdem wurde keine griechische Fassung mehr gesehen, bis auf Gerüchte, dass die Familie Pickman eine griechische Ausgabe aus dem 16. Jahrhundert besessen habe, die aber zusammen mit dem Künstler R. U. Pickman im Jahre 1926 verschwunden sei.

Die „Lateinische Übersetzung“