miniatur|Porträt Brants; Zeichnung von Albrecht Dürer (Ausschnitt), 1492 mini|Hans Burkmair d. Ä.: Sebastian Brant, 1508 Sebastian Brant oder Sebastian Brandt (latinisiert Titio; geboren 1457 oder 1458 in Straßburg; gestorben am 10. Mai 1521 ebenda) war ein deutscher Humanist, Jurist, Professor für Rechtswissenschaft an der Universität Basel (1489–1500) und von 1502 bis zu seinem Tod 1521 Stadtsyndikus und Kanzler der Freien Reichsstadt Straßburg. Er war einer der produktivsten Autoren lateinischer Andachtslyrik und Herausgeber von antiken Klassikern und Schriften italienischer Humanisten. Seine 1494 veröffentlichte Moralsatire Das Narrenschiff begründete seinen Ruhm als Autor des deutschen Humanismus.
Leben Sebastian Brant wurde als erstes Kind des Straßburger Ratsherrn und Gastwirts der „Großen Herberge zum goldenen Löwen“ Diebolt Brant des Jüngeren und seiner Frau Barbara Brant, geborene Picker, in Straßburg geboren. Sein Vater starb 1468.Vgl. Lemmer 1977, Sp. 992. Über Brants Leben bis zur Aufnahme des Studiums in Basel 1475 ist nichts bekannt. Entsprechend seinen beiden beruflichen Wirkungskreisen und Wohnsitzen wird sein Leben gemeinhin in die Basler Periode (1475–1500) und in die Straßburger Periode (1500–1521) unterteilt.Vgl. Knape 2005, Sp. 247.
Basler Periode (1475–1500) mini|hochkant|links|Sebastian Brant, Holzschnitt von 1590 aus Nicolaus Reußners Icones mini|hochkant|Haus zum Sunnenluft, Basel, Augustinergasse, in dem Sebastian Brant im Jahr 1494 wohnte Zum Wintersemester 1475/76 nahm Brant in Basel das Studium der Artes und der Rechte an der städtischen Universität Basel auf. Studienhefte mit einer Horaz-Abschrift und einem Cisiojanus haben sich aus seiner Studienzeit als Autograph erhalten. Sein juristisches Bakkalaureat erwarb er im Studienhalbjahr 1477/78, einige Jahre später, 1484, auch das Lizenziat. Nach Abschluss seines Studiums heiratete er 1485 die Basler Bürgerin Elisabeth Burgis (in anderen Quellen auch Burg oder Bürgi). Ihr Vater war Zunftmeister der Basler Messerschmiede. Das Paar hatte zusammen sieben Kinder. Ein Sohn Brants, Onophrius Brant, trat später als Jurist und Gelegenheitsdichter hervor und wurde in den Rat der Stadt Straßburg gewählt. Brant promovierte 1489 zum Doktor beider Rechte und war seitdem ordentliches Mitglied des Professorenkollegiums. Er lehrte beide Rechte, also das kanonische (kirchliche) und das römische (zivile) Recht, außerdem seit 1484 regelmäßig Poesie. 1492 war Brant für ein Jahr Dekan der juristischen Fakultät. Entsprechende Einträge in die Rektorats- und Fakultätsmatrikel von seiner Hand haben sich erhalten. Neben seiner Tätigkeit in der universitären Lehre war er in seiner Basler Zeit auch als Rechtsgutachter, Advokat und Richter tätig. Erst 1496 erhielt er eine besoldete Professur für römisches und kanonisches Recht. Von 1497 bis 1500 lehrte er dann nur Kirchenrecht.Wolfgang Wegner: Brant, Sebastian. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 206 f.; hier: S. 206.
Im literarischen Bereich sind Brants Basler Jahre durch eine rege Publikationstätigkeit geprägt, die sich ab den 1490er Jahren entfaltete. Neben Dichtungen veröffentlichte er auch Fachliteratur und engagierte sich im Bereich der Aktualitäten- und Gelegenheitsdichtung mit Einblattdrucken und Flugschriften. Er war in dieser Zeit nicht nur als Autor, sondern auch als Förderer und Herausgeber von Literatur aktiv. Die Jahre zwischen 1490 und 1500 begründeten mit dem Narrenschiff (1494) und zahlreichen anderen Dichtungen seinen literarischen Ruhm.„Zwischen 1490 und 1500 begründete er seinen literarischen Ruhm mit dem ‚Narrenschiff‘ (1494) und zahlreichen Gelegenheitsdichtungen“. Knape 2005, Sp. 248.
Mit dem Wintersemester 1500 verließ er die Universität und bereitete sich auf seine Übersiedlung nach Straßburg vor.Vgl. Knape 2005, Sp. 247–248.
Sebastian Brant, präsentiert von König Maximilian I., war Assessor (Richter) am 1495 gegründeten Reichskammergericht.Gesellschaft für Reichskammergerichtsforschung e. V.: Reichskammergerichtsmuseum [Katalog]. 2. Auflage. Wetzlar 1997. ohne ISBN, [Katalog], S. 77, Nr. 52.
Straßburger Periode (1500–1521) mini|Straßburg um 1490 Brant siedelte im Frühjahr 1501 nach Straßburg überZur Übersiedlung Brants schreibt Lemmer (1977, Sp. 992): „Daß sein Weggang aus Basel mit dem Abfall der Stadt vom Reich im Zusammenhang gestanden habe, scheint eher patriotische Legende als wahres Motiv“. und trat am 14. Januar 1501 die Stelle eines Syndikus an. Nachdem er einige Zeit als Jurist, Syndikus und Diplomat tätig war, wurde er 1502 zum Stadtschreiber und Kanzler und damit zum obersten Verwaltungsbeamten der Freien Reichsstadt Straßburg bestimmt.Vgl. Knape 2005, Sp. 248. Der Einstellungsbrief ist erhalten geblieben. In seinen Straßburger Jahren änderte sich Brants literarische Tätigkeit, er trat verstärkt als Förderer literarischer Arbeiten in Erscheinung, veröffentlichte aber kaum noch eigene Arbeiten. Als Zensor war Brant mit der Genehmigung aller Straßburger Drucke befasst. Die Zeugnisse aus Brants Amtstätigkeit werden in einem eigenen Abschnitt behandelt. 1520 reiste Brant nach Gent, wo er dem neuen Kaiser, Karl V., für die Freie Reichsstadt Straßburg huldigte.
Werke Deutsche Dichtungen Das Narrenschiff mini|Titelseite aus Brants Narrenschiff, Albrecht Dürer um 1493 Hauptartikel: Narrenschiff
Das Narrenschiff gilt gemeinhin als Brants Hauptwerk und dominierte lange die hauptsächlich germanistisch geprägte Beschäftigung mit Brant.„Als B.s Hauptwerk gilt mit Recht das erstmals 1494 in Basel bei Bergmann von Olpe in einem opulent gestalteten Druck erschienene 'Narrenschiff'.“ Knape 2005, Sp. 252. Das reich bebilderte und aufwendig gestaltete humanistische Buch mit didaktisch-satirisch dargestellten Lebensweisheiten und die Missstände, Torheiten und Laster der Welt des 15. Jahrhunderts allegorisch glossierend, erschien 1494 bei Johann Bergmann von Olpe in Basel.
Aufbau und Inhalt des Werks
Das Buch besteht aus 112 weitgehend selbstständigen Kapiteln. Die äußere Klammer des Werks bildet die Schiffsallegorie, die mit dem Titelblatt und der Vorrede eingeführt, allerdings im Text erst wieder in den Kapiteln 103, 108 und 109 aufgegriffen wird. Die Kapitel selbst folgen additiv in lockerer Reihung aufeinander und stehen thematisch unverbunden nebeneinander. Verbindendes Element zwischen den Kapiteln ist die Figur des Narren und der gleiche Aufbau der Kapitel.Vgl. Knape 2005, Sp. 252.
Alle Kapitel folgen einem einfachen Konstruktionsschema, das für das ganze Werk durchgehalten wird. Das Kapitel beginnt normalerweise auf der linken Seite mit einem drei- oder vierzeiligen Motto, dem der Holzschnitt und dann das Spruchgedicht folgt. Idealerweise umfasst das Spruchgedicht 34 meist jambische Verse.Vgl. Knape 2005, Sp. 252 sowie Sp. 253. Da jeweils 30 Verse auf eine Seite passen, erreicht Brant, dass ein Kapitel jeweils genau eine Doppelseite füllt und der Leser bei der Lektüre ein Ganzes vor Augen hat.Zum Kapitelaufbau vgl. Knape 2005, Sp. 252–253. Die heute gängige, von Joachim Knape verantwortete und im Reclam-Verlag erschienene Textausgabe (2005, RUB 18333) wird Brants klarem und streng durchkomponierten Konzept nur bedingt gerecht. In der Reclam-Ausgabe füllen Motto und Holzschnitt bereits die erste Seite des Kapitels, so dass das Kapitelende nicht mit dem Seitenende übereinstimmt. So kann sich der ganzheitliche Eindruck der Kapitel, der der Erstausgabe eigen war, beim Leser nicht mehr einstellen. Auch die Zierleisten fehlen. Wo Brant das Kapitel um eine oder mehr Seiten zu 30 Versen erweitert, wird das Grundschema des Narrenschiffs notwendigerweise verlassen. Das folgende Kapitel beginnt dann auf der rechten statt der linken Seite.
Ein weiteres Einheit stiftendes Element des Werks ist der Narr. Es sind 109 Narren, die das Schiff besteigen und sich auf die Reise nach „Narragonien“ machen. Seeleute oder ein Steuermann sind nicht unter den Narren. Die Narrheit im Werk Brants wird verstanden als Torheit oder mangelnde Einsicht in die Anforderungen des Lebens. Der Narr „ist der Mensch, der sich seinen fragwürdigen Neigungen ergibt, etwa dem Quacksalbertum oder der Prozesssucht, den Modetorheiten oder dem Reliquienhandel frönt. Torheit und sittliche Defizienz sind im Narren vereint.“Knape 2005, Sp. 252. Dem Narren stellt Brant in resümierenden Kapiteln (Kapitel 22, 107 und 112) als Gegenentwurf den nach Weisheit strebenden Menschen entgegen.
Die Holzschnitte
Zur Bebilderung des Werks engagierten Brant und Bergmann von Olpe mindestens vier Reißer, darunter auch den jungen Albrecht Dürer, dem gut zwei Drittel der Holzschnitte zugeschrieben werden.Vgl. hierzu Knape 2005, Sp. 253. – In neueren kunst- und buchgeschichtlichen Studien wird Dürers Beteiligung am Narrenschiff-Erstdruck in Zweifel gezogen; vgl. dazu etwa Anja Grebe: Albrecht Dürer. Künstler, Werk und Zeit. 2. Aufl. Darmstadt 2013, 32 sowie ausführlich Annika Rockenberger: Albrecht Dürer, Sebastian Brant und die Holzschnitte des »Narrenschiff«-Erstdrucks (Basel, 1494). Ein forschungskritischer Einspruch. In: Gutenberg Jahrbuch 86 (2011), 312–329. Für die Illustration des Werks gilt: „Der Text führt Regie,“Vgl. Knape 2005, Sp. 253, außerdem Mausolf-Kiralp 1997, S. 130 und Bässler 2003, S. 75–81. d. h. der Text lag bereits vor, als die Arbeit an den Holzschnitten begann. Die Holzschnitte gehen thematisch unterschiedlich mit dem Inhalt der Kapitel um. Teilweise nehmen sie Bezug auf das Kapitelthema und setzen es graphisch um, manchmal greifen sie allerdings nur einzelne Aspekte des Kapitels auf oder aber erweitern den Kapitelinhalt.
Drucke und Übersetzungen
Vom Erstdruck (Basel 1494) sind 14 Exemplare erhalten geblieben.Vgl. Knape 2005, Sp. 253–254. Das Fribourger Exemplar befindet sich in der Library of Congress in Washington, D.C. Das Exemplar galt lange als verschollen. Vgl. Knape 2005, Sp. 253. Insgesamt gab es bis zu Brants Tod 16 Auflagen, sowohl autorisierte Nachdrucke als auch Raubdrucke in deutscher Sprache.Vgl. Knape 2005, Sp. 254. Knape meint: „Bis 1512 autorisierte B. selbst sechs Drucklegungen des Werkes.“ Ebenda, Sp. 253–254.
mini|Seite (47v) aus der lateinischen Ausgabe der „Stultifera navis“ Lochers von Johannes Grüninger, Straßburg 1497Die lateinische Ausgabe des Narrenschiffs verantwortete Jakob Locher. Seine Übersetzung erschien 1497 bei Johann Bergmann von Olpe in Basel unter dem Titel „Stultifera navis“.05054 Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. In: Gesamtkatalog der Wiegendrucke, Nr. 05054; Digitalisat der Ausgabe von 1498 im Rahmen des Projekts „Verteilte Digitale Inkunabelbibliothek“. Locher kürzte die Kapitel und ersetzte einige völlig, ansonsten behielt er aber das Werkkonzept des Narrenschiffs bei. Dem Text gab er einen philologisch-gelehrten Apparat bei.Vgl. Knape 2005, Sp. 254. Die lateinische Übersetzung war für die Verbreitung des Werks wichtig, da diese hierdurch außerhalb des deutschen Sprachraums in Gang kam bzw. überhaupt ermöglicht wurde. Bald auf die Veröffentlichung erschienen Übersetzungen des lateinischen Texts in die Volkssprachen, so erschienen bald französische, englische und niederländische Ausgaben des Narrenschiffs.Vgl. Knape 2005, Sp. 254. Bei der englischen Ausgabe handelt es sich um die erste Übersetzung eines deutschsprachigen Werks ins Englische überhaupt. Eine niederdeutsche Übersetzung des Narrenschiffs erschien ebenfalls 1497 unter dem Titel „Dat narren schyp“ in Lübeck. Basis hierfür war allerdings der deutsche Text.
Bedeutung Zum großen Erfolg des Narrenschiffs trugen sowohl die reichlich eingestreuten Sprichwörter, als auch die wirkungsvollen Holzschnitte bei. Die Bedeutung des Narrenschiffs fasst Joachim Knape wie folgt zusammen: