mini|Der Kastrat Gaetano Berenstadt (oder Baerenstadt) wurde wegen seiner wuchtigen Erscheinung auch als singender Elephant bezeichnet. Die Darstellung stammt von dem italienischen Maler und Karikaturisten Pier Leone Ghezzi mini|John Vanderbank: Karikatur einer Aufführung von Händels Flavio (3. Akt, Szene 4). Die Zeichnung zeigt den Starkastraten Senesino links, die Primadonnen-Diva Francesca Cuzzoni in der Mitte und ganz rechts den Kastraten Gaetano Berenstadt, der die Titelrolle spielte. mini|William Hogarth: The Bad Taste of Town (Alternativtitel: Lame Theatre) Karikatur, im Banner über dem Eingang des linken Gebäudes die abgewandelte Szene aus dem Flavio (s. Karikatur oben) mit Cuzzoni im Vordergrund und den beiden Kastraten Senesino und Berenstadt hinter ihr, vorn rechts knien Adlige und „betteln“, wie das Schriftbanner über ihnen offenlegt, darum, dass die Sänger (oder nur die Cuzzoni?) bitte 8000 Pfund entgegennehmen wollen. mini|Titelblatt des Notenauszugs zu Händels Oper Flavio (London 1723)
Gaetano Berenstadt (* 7. Juni 1687 in Florenz;Maria Augusta Morelli Timpanaro: Su Gaetano Berenstadt, contralto (Firence 1687–1734) e suoi amici. In: Studi italiani. Jg. 9 (2), Band 18, 1997, , S. 145–211, hier S. 147, DOI:10.1400/11100. begraben 9. Dezember 1734 ebenda) war ein deutschstämmiger Altkastrat, der vor allem durch seine Mitwirkung an Opern von Georg Friedrich Händel zu größerer Bekanntheit gelangte.
Namensalternativen Neben der gewählten Form des Nachnamens, der sich an den in Italien produzierten Librettos sowie der bevorzugten Schreibung in der englischsprachigen Literatur orientiert, sind folgende Namensformen überliefert: Gaetan Bärenstadt (ältere deutschsprachige Literatur über ihn) Gaetano Baerenstadt in vereinzelten Librettos auch: Gaetano Bernstad Gaetano Bernstattz. B. im Libretto der Oper L’amor tirannico (Komponist unbekannt; Aufführung Florenz 1712)
Herkunft und musikalische Ausbildung Die Eltern Berenstadts waren Deutsche und kamen aus Bernstadt in Schlesien, dem heutigen Bierutów. Sein Vater, mit schon italienisierter Namensform Giorgio Berenstadt, war als Paukist der Kapelle des Großherzogs der Toskana angestellt. Seine Gesangsausbildung erhielt er an der bekannten Gesangsschule des (und bei) Francesco Antonio Pistocchi in Bologna und zählt zu einem der bekanntesten Absolventen dieser Schule.
Der Beginn seiner Gesangskarriere Sein Bühnendebüt gab er vermutlich als Orondate in der Oper Le regine di Macedonia von Marc’Antonio Ziani, die 1708 am Teatro San Bartolomeo in Neapel uraufgeführt wurde. Darin spielte er die Rolle des Orondate. Im Libretto wird er als Gaetano Beynstetter angekündigt.Libretto von Zianis Le regine di Macedonia
Aus diesem Grunde wurde vermutet, dass Berenstadt zunächst an einem der Waisenhäuser-Konservatorien in Neapel ausgebildet wurde. Auf jeden Fall aber ging er bei Francesco Antonio Pistocchi in Bologna.
Erwiesen als nächste Auftritte sind seine Mitwirkung an einem Fest zu Ehren des Hl. Gaudentius in Novara im Jahre 1711, bei dem sein Gesangslehrer Pistocchi die Rolle des primo uomo sang, sowie ebenfalls im Jahre 1711 in Predieris La virtù in trionfo, o sia La Griselda in Bologna. Im Jahre 1712 trat er in zwei Pasticcios in Florenz auf.
In Florenz machte er die Bekanntschaft des pfälzischen Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz, der ihn als Hofsänger an den Hof von Düsseldorf verpflichtete. Für Düsseldorf sind die Mitwirkung in der Amalasunta des Düsseldorfer Hofkapellmeisters Johann Hugo von Wilderer im Jahre 1713 sowie an einer Oper mit dem Titel Annibale pacificatore eines unbekannten Komponisten im Jahre 1715 nachgewiesen.
Im Juni 1716 starb der pfälzische Kurfürst und Berenstadt verlor seinen Posten. Dennoch trat er in einigen Librettos vor 1720 noch als Kammersänger des Kurfürsten der Kurpfalz.
Debüt in London: 1717 Im Jahre 1717 ging Berenstadt erstmals nach London, wo er in der Wiederaufnahme von Georg Friedrich Händels Oper Rinaldo die Rolle des mit der bösen Zauberin Armida paktierenden Argante übernahm. Für seine Wiederaufnahme des Rinaldo hatte Händel die ursprünglich, wie üblich für Bösewichte, für den Bass Giuseppe Maria Boschi geschriebene Rolle für Berenstadt ins Altfach transponiert und diverse Arien neu komponiert. Dass Kastraten in den Rollen des Bösewichts auftraten war eher ungewöhnlich in der Barockoper, aber Berenstadt blieb, wohl ob seiner gigantischen Gestalt, auf böse Charaktere abonniert. Des Weiteren spielte Berenstadt in dieser ersten Spielzeit in London als Mario in Pyrrhus and Dimetrius (UA am 2. Februar 1717) als Vincislao in Vincislao, re di Polonia von Francesco Mancini (WA der UA Neapel 1714 am 14. März 1717) als Titelheld in Tito Manlio (UA am 4. April 1717) von Ariosti
Da danach, zwischen 1717 und 1720, keine italienischen Opern in London aufgeführt wurden, kehrte Berenstadt zunächst wieder zurück aufs europäische Festland.
Intermezzo in Dresden: 1718 Berenstadt kehrte nach diesem seinem Debüt in London noch einmal nach Italien zurück. Auf dem Weg machte er Zwischenstation in Dresden und trat für ein Jahr in die Dienste des sächsischen Kurfürsten Friedrich August I., besser bekannt als König August II. von Polen bzw. August der Starke. Für dieses einjährige Engagement erhielt Berenstadt eine Gage von 3000 Talern.Moritz Fürstenau: Zur Geschichte der Musik und des Theaters am Hofe zu Dresden. Band 2. Kuntze, Dresden 1862, S. 105, books.google.de. Dort werden auch die Gagen der anderen zu dieser Zeit beschäftigten Künstler genannt: „Antonio Lotti und seine Frau, die erste Sopranistin Santa Stella Lotti 2100 Doppien oder Louisd’or à 5 Thlr. — 10500 Thlr. Die zweite Sopranistin Margherita Catterina Zani, genannt Marucini 800 Ld. – 4000 Thlr. Die Contraaltistin Lucia Gaggi, genannt Bavarini 600 Ld. — 3000 Thlr. Der erste Sopranist Francesco Bernardi, genannt Senesino 1400 Ld. – 7000 Thlr. Der zweite Sopranist Matteo Berselli 900 Ld. – 4500 Thlr. Der Tenorist Francesco Guicciardi 600 Ld. — 3000 Thlr. Der Dichter Antonio Maria Abbate Luchini 1000 Thlr. Der Contrabassist Gerolamo Personelli 1000 Thlr. Außer diesen Italienern wurden um dieselbe Zeit und im Jahre 1718 noch engagirt: Die Sopranistin Livia Constantini, genannt La Polacchma — 1600 Thlr., der Bassist Lucrezio Borsari – 1333 Thlr. 8 Ggr, der Altist Gajetano Bernstadt – 3000 Thlr., der Altist Giuseppe Maria Boschi 700 Ld. – 3500 Thlr., der Violinist Francesco Maria Veracini (1. August 1717) 1200 Thlr., der Contrabassist Angelo Gaggi 400 Thlr.“ Was er allerdings konkret in Dresden tat, muss vorerst unklar bleiben. Entgegen der Behauptung bei Grove Online Music ist seine Mitwirkung in Antonio Lottis Oper Ascanio ovvero gli odi delusi dal sangue im Februar 1718 nicht nachweisbar.Weder Fürstenau (books.google.de) noch das gedruckte italienisch-französische Libretto weisen Berenstadt als Mitwirkenden aus.
Rückkehr nach Italien: 1719 bis 1722 Von Dresden aus ging er nach Italien zurück. Dort sang er vor allem in Rom, Bologna und in Venedig, darunter in mehreren Opern von Francesco Gasparini, so als Vologeso in Lucio Vero (UA Rom, Teatro d’Alibert Januar 1719)Libretto von Gasparinis Lucio Vero als Pilade in Astianatte (UA Rom, Teatro d’Alibert Karneval 1719)Libretto von Gasparinis Astianatte als Amasi in Sesostri, re d’Egitto (WA der UA Venedig 1710 in Bologna, Teatro Malvezzi Frühjahr 1719)Libretto von Gasparinis Sesostri, re d’Egitto als Arsace in Amore e maestà (UA Rom, Teatro d’Alibert 7. Januar 1720)Libretto von Gasparinis Amore e maestà als Gustavo in Il Faramondo (UA Rom, Teatro d’Alibert Februar 1720)Libretto von Gasparinis Il Faramondo als Leonildo in Il più fedel tra vassalli (WA Mailand, Regio Ducal Teatro 26. Dezember 1720)Libretto von Gasparinis Il più fedel tra vassalli – hier firmiert Berenstadt erstmals als „Virtuoso della Musica del Rè Augusto“
In der Karnevalsaison 1721–1722 war er zusammen mit der Altistin Vittoria Tesi, der Sopranistin Francesca Cuzzoni, dem Altkastraten-Kollegen Antonio Bernacchi sowie dem Soprankastraten Giovanni Ossi am Teatro San Giovanni Grisostomo in Venedig unter Vertrag. Er wirkte hier in drei Opern mit: Plautilla von Antonio Pollarolo Giulio Flavio Crispo von Giovanni Maria Capelli (UA: 17. Januar 1722 Teatro San Giovanni Grisostomo) – in der TitelrolleLibretto von Capellis Giulio Flavio Crispo Venceslao (Pasticchio von Pollarollo, Capelli und Giovanni Porta; UA: 7. Februar 1722 Teatro San Giovanni Grisostomo) – als AlessandroLibretto von Venceslao
Mit Francesca Cuzzoni ging er noch im Jahre 1722 nach London. (Auch Bernacchi sollte in der Spielzeit 1729–1730 in London für Händel singen.)
Rückkehr nach London: 1722 bis 1724 Im Jahre 1722Allatson Burgh behauptet in seinen Anecdotes of music, historical and biographical: in a series of letters (books.google.de), dass Berenstadt auch an den Aufführungen des Astarto von Bononcini beteiligt war, die ab dem 19. November 1720 begannen. Wenn aber die Angaben in dem gedruckten Libretto des Il più fedel tra vassalli von Gasparini stimmen, würde das bedeuten, dass er bis Mitte Dezember noch in London war und danach nach Mailand reiste, um dort am 26. Dezember auf der Bühne zu stehen. In Anbetracht der Fahrzeiten zur damaligen Zeit scheint das recht unwahrscheinlich. kam er nach London zurück und wirkte in verschiedenen Opern der Royal Academy of Music, die 1719 gegründet worden war – und zwar in 4 Opern von Händel, 3 Opern von Giovanni Bononcini und 2 von Attilio Ariosti.
Spielzeit 1722–1723 Floridante von Händel (4. Dezember 1722) – als Timante Ottone von Händel (12. Januar 1723) – als AdelbertoDokumentation der Oper bei Corago Cajo Marzio Coriolano von Attilio Ariosti (23. März 1723) – als SicinioDokumentation der Oper bei Corago Erminia von Giovanni Bononcini (30. März 1723) – als NisoDokumentation der Oper bei Corago, Mitwirkung und Rolle bei Highfill Flavio von Händel (14. Mai 1723) – in der Titelrolle des FlavioDokumentation der Oper bei Corago Spielzeit 1723–1724 Farnace von Giovanni Bononcini (30. November 1723) – als OsmanoDokumentation der Oper bei Corago, Mitwirkung und Rolle bei Highfill Vespasiano von Attilio Ariosti (17. Januar 1724) – als SergioDokumentation der Oper bei Corago Giulio Cesare in Egitto von Händel – als TolomeoLibretto der Oper Calfurnia von Giovanni Bononcini (18. April 1724) – als LucioDokumentation der Oper bei Corago
Wohl auch weil er in London zunehmend in Nebenrollen eingesetzt wurde und keine Hauptrollen mehr sang, dazu zumeist nur kurze Arien ohne zu schwierige Passagen bekam,Lowell Lindgren: La carriera di Gaetano Berenstadt, contralto evirato (ca. 1690–1735). In: Rivista italiana di musicologia Band 19 (1984), S. 58 verließ Berenstadt im Jahre 1724 London und ging zurück nach Italien.
Berenstadt und Leonardo Vinci Zurück in Italien entspann sich eine intensive Zusammenarbeit mit Leonardo Vinci. Die erste Rolle, die Berenstadt in einer Vinci-Oper übernahm, war die des „bösen“, afrikanischen Königs Jarba, der Didone bedrängt, in Didone abbandonata, die 1726 am Teatro Bernabò in Rom uraufgeführt wurde.Libretto von Vincis Didone abbandonata Danach wirkte er in folgenden Opern von Vinci mit: Libretto von Vincis Didone abbandonata
als Ricimero in L’Ernelinda (UA Neapel, Teatro San Bartolomeo 4. November 1726) und (WA der UA Neapel 1726 in Florenz, Teatro alla Pergola 26. Dezember 1727)Lowell Lindgren: La carriera di Gaetano Berenstadt, contralto evirato (ca. 1690–1735). In: Rivista italiana di musicologia Band 19 (1984), S. 109 als Pirro in L’Andromaca (WA der UA Neapel 1726 in Florenz, Teatro alla Pergola 17. Februar 1728)Lowell Lindgren: La carriera di Gaetano Berenstadt, contralto evirato (ca. 1690–1735). In: Rivista italiana di musicologia Band 19 (1984), S. 109 als Ircano in Semiramide riconosciuta (UA Rom, Teatro delle Dame 6. Februar 1729)Libretto von Vincis Semiramide riconosciuta