mini|Hans Hermann, Selbstportrait um 1950 Hans Hermann (* 25. Januar 1885 in Kronstadt in der deutschen Siedlungsenklave Siebenbürgen, damals ein Kronland von Österreich-Ungarn; † 13. Februar 1980 in Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien) war ein Maler, Grafiker, Zeichner und Kunsterzieher. Er wurde in einer Epoche des erstarkenden Nationalismus geboren, der zwei Weltkriege auslöste und danach gravierende Auswirkungen auf die Minderheit der Siebenbürger Sachsen hatte. Während viele seiner Landsleute sich zur Auswanderung entschlossen, blieb Hans Hermann in seiner Heimat und lebte hier als ein geachteter Lehrer und Kunstschaffender. Seine von rund 260 Kupferplatten gefertigten über 14.000 Abdrucke fanden in Siebenbürgen weite Verbreitung und erinnern noch heute in vielen Familien an die alte, verloren gegangene Heimat.

Leben Hans Hermann war der zweitjüngste von vier Söhnen des Bildhauers und Lehrers am Kronstädter Honterus-Gymnasium Friedrich Hermann (1842–1908) und der Johanna Henning (1853–1940). Die älteste seiner fünf Schwestern war die Schriftstellerin Thusnelda Henning. Ihre Vorfahren waren Bauern, Handwerker und städtische Bildungsbürger, die seit 1730 in Schäßburg, einem der mittelalterlichen Zentren Siebenbürgens, nachgewiesen sind. Hier wurden auch ihre Eltern geboren. Der Kern der Stadt, heute Sighișoara in Rumänien, ist wegen seiner außergewöhnlich gut erhaltenen historischen Bausubstanz Weltkulturerbe. mini|Friedrich und Johanna Hermann mit Kindern, Hans Mitte hinten Hans Hermann lernte im Atelier seines Vaters verschiedene Werkstoffe kennen und wurde zum Malen, Zeichnen und Modellieren angeregt. In Kronstadt besuchte er zuerst die deutsche Volksschule und danach die ungarische staatliche Realschule. Zu seinen Zeichenlehrern gehörte der Pädagoge, Maler und Zeichner Ernst Kühlbrandt (1857–1933). Die Maler Carl Dörschlag (1837–1917), Octavian Smigelschi (1867–1912), Arthur Coulin (1869–1912) und Friedrich Miess (1854–1935), deren Ateliers Hans des Öfteren besuchte, hatten ebenfalls Einfluss auf seine künstlerische Entwicklung. mini|Johanna Hermann 1933 mit Kindern, Hans hinten links, Thusnelda zweite von rechts Nach dem Abitur entschied sich Hans Hermann für den Beruf eines Zeichenlehrers. Er begann 1903 ein Studium an der Abteilung für Zeichenprofessoren der Hochschule für bildende Kunst in Budapest (Képsömüvészeti Föiskola), wo er nicht nur künstlerisch, sondern auch pädagogisch ausgebildet wurde. 1907 absolvierte er das Lehrerexamen. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterrichtete er am Mediascher Deutschen Gymnasium. Den Ersten Weltkrieg erlebte Hans Hermann als freiwilliger k.k. Leutnant in Wolhynien und Istrien, damals Teile der Österreich-Ungarischen Monarchie. Seine Gesundheit war danach angeschlagen. 1918 begann er eine Tätigkeit als Lehrer am deutschen Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt. Seine erste Ehe wurde geschieden. Er heiratete 1919 Margarethe geb. Müller, Enkelin des Sachsenbischofs Friedrich Müller, mit der er die Söhne Gerold (1922–1945 vermisst) und Volker, geboren 1931 in Hermannstadt, hatte. In den Schulferien unternahm Hans Hermann Studienfahrten nach Österreich, Deutschland, Dalmatien, Bulgarien, Griechenland, Konstantinopel, Prag und Frankreich. 1930 bis 1931 weilte er zu Studienzwecken in Berlin und Wien. 1949 wurde er als Lehrer pensioniert und widmete sich fortan bis zum Alter von 95 Jahren ganz seiner Kunst.

Hans Hermann leistete als Angehöriger der deutschen Minderheit einen Beitrag zur Pflege und Erhaltung der kulturellen Identität der Siebenbürger Sachsen, die trotz Fremdherrschaft und Unterdrückung über sechs Jahrhunderte lebendig geblieben war. Weder zwei Weltkriege noch die nachfolgende kommunistische Diktatur hielten ihn davon ab, als Lehrer und Künstler im Sinne dieser Tradition zu wirken.

Werk mini|Der alte Friedhof in Poiana, Hans Hermann 1922|285x285px Hans Hermanns Frühwerk weist in der Linienführung und der flächigen Malweise Stilmerkmale der Wiener Secession auf. 1911 schuf er die Innendekoration des Gymnasiums in Mediasch, später Stephan-Ludwig-Roth-Lyzeum genannt. Die Zeichnung Die Musik der Kronstädter BergeHans Hermann: Die Musik der Kronstädter Berge. Abgebildet in der von Adolf Meschendörfer herausgegebenen Zeitschrift Die Karpathen (Nr. 18, 15. Juni 1909) zeigt auch Einflüsse des Symbolismus. Bemerkenswert waren seine frühen Aquarelle, von denen nur sehr wenige erhalten sind. Der Übergang zur modernen Kunst am Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte auch Hans Hermann, zum Beispiel beim Holzschnitt Friedhof in Poiana (1922). Er blieb danach jedoch bei der naturalistischen Darstellung, da „diese neuen Wege in Sackgassen führen“.

Das Kriegsgeschehen beeinflusste ihn, wie auch andere Künstler seiner Generation, etwa Ludwig Hesshaimer, Hans Eder und Fritz Kimm. Davon zeugen zwei Ölgemälde, sein Selbstbildnis von 1918 und Brennendes Gorodischtsche von 1916 (ein wolhynisches Dorf in Flammen) sowie das Aquarell Weihnachtsmorgen von 1915. Es zeigt eine schlummernd träumende junge Frau vor einem Weihnachtsbäumchen, auf dem Fähnchen der k.k. Nationen im weihnachtlichen Friedenstraum beieinanderstehen.

Nach seiner Niederlassung in Hermannstadt widmete sich Hans Hermann vor allem dem Landschaftsbild, einem Genre, das entsprechend Siebenbürger Tradition beim Publikum gut ankam. Seine Landschaften sind realistisch, aber von einem romantischen Hauch umgeben. Außer unberührter Natur in winterlichen Gebirgslandschaften und stimmungsvollen Herbstbildern hielt er auch siebenbürgisch-sächsische Dörfer, Kirchenburgen und Stadtansichten in Ölbildern, Radierungen, Kupferstichen, Aquarellen und Monotypien fest. Er schuf Porträts sächsischer Bäuerinnen in Tracht und stellte Episoden aus dem dörflichen Alltag dar. Die Zeichnungen und Aquarelle, die er auf seinen Reisen angefertigt hatte, dienten im Atelier als Vorlage für Werke in unterschiedlichen Techniken. mini|Alter Weg zur Kirche in Schässburg. Radierung von Hans Hermann um das Jahr 1935|326x326px Er war der Auffassung, dass „Kunstwerke auch das bescheidenste Heim schmücken sollten“. Daher bilden Grafiken den Schwerpunkt in seinem Werk. 1911 hatte er in Österreich eine Kupferstich-Druckpresse gekauft, die lange Zeit die einzige dieser Größe in Ungarn und in Rumänien war. Mit ihr erarbeitete er sich als Autodidakt Techniken des Metalldrucks. Von rund 260 Platten fertigte er eigenhändig über 14.000 Abdrucke an. Weitaus geringere Bedeutung haben acht Holzschnitte und zwei Lithografien. Während der ersten Nachkriegszeit schuf er im damals dominierenden Stil des Sozialistischen Realismus Bilder von Glasbläsern, Flößern und Genossenschaftsbauern – eine Phase, die jedoch bald endete. Danach kehrte er zu seiner altbewährten Arbeitsweise und Motivwahl zurück. Sein letztes Werk ist das Ölbild Mein Abendrot aus dem Jahr 1980. Sein Tagebuch enthält dazu die Eintragung „Am 25. Januar, meinem 95. Geburtstag, in 3 Stunden gemalt“.

In der Volksrepublik Rumänien wurde er Vorsitzender der Hermannstädter Filiale des Verbandes der bildenden Künstler, dem er bis 1966 vorstand. Für diese Künstlervereinigung beschaffte er in schwierigen Zeiten Arbeitsmittel und stellte auch seine Druckerpresse zur Verfügung. In der Zeit von 1909 bis 1937 fanden etwa dreißig Einzelausstellungen statt. An ebenso vielen Ausstellungen im In- und Ausland war er beteiligt. Regelmäßig waren seine Werke in den Kollektivausstellungen der Künstlervereinigung zu sehen. Für seine Verdienste um die bildende Kunst Rumäniens wurde er sowohl als Künstler als auch als Organisator mit mehreren Staatspreisen, Medaillen und Orden ausgezeichnet. Zahlreiche Artikel in Zeitungen der Siebenbürger Sachsen in Rumänien, Österreich und Deutschland hielten die Erinnerung an ihn wach.

Ausstellungen 1908 Erste selbständige Ausstellung in Mediasch 1921 Erste Ausstellung in Bukarest in der Galerie Maison d’Art 1924 Einzelausstellung in der Stadtgalerie Mediasch 1929, 1930 Einzelausstellung in Blauen Haus, Hermannstadt (Sibiu) 1930, 1931 Einzelausstellung im Salon Amelang, Berlin und im „Verein bildender Künstler“, Berlin, anschließend im Artaria-Saal, Wien 1937 Einzelausstellung in der Halle des Comedia-Theaters, Bukarest 1939 Einzelausstellung im Dalles-Saal, Bukarest 1942 Teilnahme an der Ersten großen Wanderausstellung „Deutsche Künstler aus Rumänien“ in: Neues Museum, Stuttgart; Kunstsaal in Saarbrücken; Diedenhofen Veranstalter: Gauverband Württemberg des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland 1944 Teilnahme an der Zweiten großen Kunstausstellung „Deutsche Künstler aus Rumänien“, Künstlerhaus, Wien und Salzburg, danach im Breslauer Schloss, Breslau 1947–1957 Beteiligung an allen Ausstellungen des rumänischen Künstlerverbandes in Hermannstadt (Sibiu), Kronstadt (Brașov) und Klausenburg (Cluj-Napoca) 1955 Große Werkschau als Einzelausstellung (150 Gemälde und Grafiken) im Fondul-Plastic-Saal, Bukarest 1952–1957 Teilnahme an den offiziellen rumänischen Kunstausstellungen in Bulgarien, Finnland, China, Argentinien, Mexiko und Albanien 1965 Retrospektive zum 90. Geburtstag in zwei getrennten Ausstellungen: 110 Ölbilder und 140 Grafiken (Radierungen, Aquarelle, Monotypien, Enkaustiken, Holzschnitte) 2015 Retrospektive im Herrmannstädter Teutsch-Haus mit 55 Ölbildern, darunter vielen zuvor noch nicht gezeigten Werken, kuratiert von Heidrun König. 2018 Retrospektive im Herrmannstädter Teutsch-Haus mit Radierungen und Holzschnitten, kuratiert von Heidrun König.

Auszeichnungen 1937 – Staatspreis für Graphik 1954 – Arbeitsmedaille (Medalia Muncii) 1965 – Medaille und Titel „Verdienter Künstler des Volkes“ für seine langjährige Tätigkeit als bildender Künstler 1968 – Verleihung des Arbeitsordens II. Klasse „für hervorragende Tätigkeit auf kulturellem und künstlerischem Gebiet“ 1969, 1971, 1972, 1973 – Ehrendiplome des Kulturrats für seine Tätigkeit als bildender Künstler

Monografien Julius Bielz: Hans Hermann. Editura pentru Literatură și Artă, București 1957 (Seria Maeștri artei românești). Karin Bertalan: Hans Hermann. Kriterion Verlag, Bukarest 1982. Gerhard Eike Hügel: Hans Hermann. Verlag des Südostdeutschen Kulturwerks, München 1979, ISBN 3-88356-002-2.

Literatur (Auswahl) Victor Roth: Hans Hermann. In: Siebenbürgisch-Deutsches Tageblatt (Hermannstadt / Nagyszeben), 44. Jg., Nr. 13904, 21. November 1917, S. 5. Hans Wühr: Die Zinne und die Kronstädter Maler. In: Klingsor. Siebenbürgische Zeitschrift (Kronstadt), 3. Jg., Apr. 1926, Heft 4, S. 128–134. Wolf Aichelburg: Hans Hermann, der Maler Siebenbürgens. In: Volk und Kultur (Bukarest), 9. Jg., Nr. 8; Aug. 1957, S. 16–18. Ingrid Kaiser-Kaplaner: Die Sachsen und Landler in Siebenbürgen. Hermagoras/Mohorjeva, Klagenfurt/Ljubljana 1996, ISBN 3-85013-450-4. Horst Zay: Unerschöpfliche Schaffensfreude. Atelierbesuch bei Hans Hermann. In: Hermannstädter Zeitung (Sibiu), Nr. 23, 17. Juni 1968, S. 5. Claus Stephani: „Bilder müssen wie Brücken sein.“ Gespräch mit Hans Hermann. In: Volk und Kultur (Bukarest), 20/11, 1968, S. 37. Wolf Aichelburg: Stumm in Stein verborgene alte Stadtlandschaften. In: Hermannstädter Zeitung (Sibiu), Nr. 192, 27. August 1971, S. 5. Brigitte Stephani: Ausdruck eines Augenblicks. Zum Ableben Hans Hermanns. In: Volk und Kultur (Bukarest), 32/3, 1980, S. 16–17 (Nachdruck in: Brigitte Stephani (Hg.): Sie prägten unsere Kunst. Studien und Aufsätze. Dacia Verlag, Cluj-Napoca 1985, S. 241–243). Octavian Barbosa: Dicționarul artiștilor români contemporani. Editura Meridiane, București 1976, S. 230–231. Rotraut Wittstock-Reich: Von dem hohen Gebot der Ordnung. Hans Hermann beging seinen 93. Geburtstag. In: Volk und Kultur (Bukarest), 32/3, 1980, S. 17 (Nachdruck in: Brigitte Stephani (Hg.): Sie prägten unsere Kunst. Studien und Aufsätze. Dacia Verlag, Cluj-Napoca 1985, S. 248–250).