miniatur|rechts|Eugen Loderer (1978). Eugen Loderer (* 28. Mai 1920 in Heidenheim an der Brenz; † 9. Februar 1995 in Planegg) war ein deutscher Gewerkschaftsfunktionär. Von 1972 bis 1983 war er Vorsitzender der IG Metall.

Leben Kindheit und Schulzeit Eugen Loderer wurde als zweites gemeinsames Kind des Arbeiters Magnus Loderer (* 1876) und der im Jahr 1882 geborenen Arbeiterin Magdalena Loderer (geb. Walz) 1920 in der schwäbischen Industriestadt Heidenheim an der Brenz geboren. Außer dem acht Jahre älteren Bruder Georg hatte Eugen Loderer mit Albertine noch eine 14 Jahre ältere Halbschwester, die seine Mutter mit in die 1911 geschlossene Ehe gebracht hatte. Nach dem Willen ihrer erwerbstätigen Eltern hatte sich Albertine in den ersten drei Jahren nach der Geburt ihres jüngsten Geschwisterkindes um dessen Erziehung zu kümmern.

Eugen Loderer litt als Kind unter den von Armut und emotionaler Kälte geprägten Verhältnissen seiner Herkunftsfamilie. Bereits als Schüler musste Eugen im eigenen Haushalt mithelfen und darüber hinaus auch beim Chef seiner Mutter „ins Laufhaus gehen“, also Hilfsdienste aller Art erledigen. Des Öfteren kam es vor, dass der Junge von seinen Eltern verprügelt wurde.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 35.

Im katholischen Kindergarten und in der ebenfalls katholischen Schule wurde das Arbeiterkind Eugen Loderer autoritär gemaßregelt. Seine ihrerseits autoritätshörig eingestellten Eltern waren zwar politisch nicht aktiv, im Unterschied zu dem seit Ende des 19. Jahrhunderts sozialistisch geprägten Arbeitermilieu der Heidenheimer Oststadt aber praktizierende Katholiken. Eugen Loderer selbst war als Schüler Mitglied bei den katholischen Pfadfindern St. Georg.

Lehre, Lohnarbeit, Kriegsdienst Nach achtjährigem Volksschulbesuch begann Eugen Loderer im April 1935 eine Lehre als Metallgewebemacher in Heidenheim. Unter Verweis auf seine katholische Sozialisation zögerte Loderer zwar zunächst, sich der Hitlerjugend anzuschließen, war aber später eineinhalb Jahre Mitglied der Marine-HJ, bevor er dieser Organisation 1937 aus „innerer Distanz zum NS-Regime“ den Rücken kehrte.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 62–63.

Nach Beendigung seiner Lehre arbeitete der 17-jährige Eugen Loderer weiter in der Metalltuchfabrik Oberdorfer, bevor er im Frühjahr 1940 zum Kriegsdienst einberufen wurde. Loderer entschied sich, zur Kriegsmarine zu gehen und wurde im Juni 1940 zur Ausbildung erst nach Stralsund und später nach Kiel abkommandiert.

Von September 1940 bis Februar 1942 wurde Loderer in Nieuwpoort stationiert, einem Fischerort im besetzten Belgien. Nach seiner Ausbildung zum Unteroffizier beorderte ihn die Kriegsmarine ins besetzte Frankreich. In der Küstenstadt Lorient und später im Fischerort Bénodet war eine Flottille mit Minensuchbooten stationiert, deren Aufgabe darin bestand, deutschen U-Booten Geleitschutz zu geben. Am 1. Oktober 1942 wurde Loderer bei einem Fliegerangriff am Unterarm leicht verwundet. Er war bis Dezember 1942 dienstunfähig. Durch den Kriegsdienst als Besatzungssoldat der deutschen Wehrmacht hatte sich seine anfängliche Distanz zum NS-Regime deutlich verringert.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 79.

Zwischen Mai und Dezember 1944 erwarb Loderer bei einem mehrmonatigen Lehrgang im westpreußischen Gdingen das Obersteuermannspatent. Die letzten Monate seines Kriegsdienstes leistete Loderer im von deutschen Truppen besetzten Kopenhagen ab, wo er am 8. Mai 1945 in britische Kriegsgefangenschaft geriet.

Einstieg in Gewerkschafts- und Parteiarbeit Nach seiner Freilassung aus dreimonatiger Kriegsgefangenschaft arbeitete Eugen Loderer ab dem 1. November 1945 wieder als Metalltuchweber bei seinem alten Arbeitgeber, dem Heidenheimer Metallbetrieb Oberdorfer. Zum gleichen Zeitpunkt trat er dem neu gegründeten Industrie-Verband Eisen und Metall, einer Vorgängerorganisation der IG Metall, bei.

Im Frühjahr 1946 wählte die Oberdorfer Belegschaft Loderer zum Betriebsratsvorsitzenden. Über seinen Betrieb hinaus machte sich Loderer als engagierter Interessenvertreter einen Namen. Dadurch gewann er auch die Aufmerksamkeit von Sigmund Löwi, einem ehemaligen DMV-Funktionär und Exilanten, der als Geschäftsführer der Heidenheimer Metallgewerkschaft zu Loderers „erstem innerverbandlichen Mentor“ wurde.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 89.

Auf Löwis Vorschlag hin wurde Eugen Loderer am 1. Juli 1947 Organisationssekretär in der Heidenheimer Verwaltungsstelle. Loderer konzentrierte sich zunächst auf jugendpolitische Gremienarbeit und knüpfte von hier aus auch Kontakte zu anderen hauptamtlichen Gewerkschaftern der Region, beispielsweise zum Kommunisten Willi Bleicher.

Aus einem Richtungsstreit zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Metallgewerkschaftern in Heidenheim ging die sozialdemokratisch orientierte Fraktion, zu der auch Eugen Loderer bereits gezählt werden konnte, Ende der 1940er-Jahre gestärkt hervor.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 100–102.

Nach einjähriger Geschäftsführertätigkeit wurde Eugen Loderer im August 1950 zum Heidenheimer Bevollmächtigten der IG Metall gewählt. Zu Beginn von Loderers Amtszeit wurden auch in der Heidenheimer IG Metall kommunistische Funktionäre im Zeichen des Kalten Krieges aus der Organisation gedrängt oder politisch marginalisiert.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 117–119.

Loderer war seit 1951 Mitglied der SPD, wurde für die Partei Gemeinderatsmitglied und 1955 auch stellvertretender Ortsvereinsvorsitzender in Heidenheim. 1956 kandidierte er erfolglos für den Landtag von Baden-Württemberg. Außerdem war Loderer in den 1950er-Jahren Vorsitzender der örtlichen Naturfreunde, Mitglied des Beirats der IG Metall sowie der Tarifkommission Stuttgart. Darüber hinaus fungierte er in seiner Heidenheimer Zeit als ehrenamtlicher Arbeitsrichter, saß im Verwaltungsausschuss des Aalener Arbeitsamtes, in der Selbstverwaltung der Heidenheimer OK und im Aufsichtsrat der Heidenheimer Konzerthausgesellschaft.

In Übereinstimmung mit dem bundesdeutschen Trend konnte die Heidenheimer IG Metall im Verlauf der Amtszeit Eugen Loderers ihre Mitgliedszahlen von 5500 zu Beginn der 1950er-Jahre auf über 10.000 gegen Ende des Jahrzehnts in etwa verdoppeln. In der örtlichen Metallindustrie lag der Organisationsgrad bei 60 Prozent und unter den Arbeitern sogar bei 75 Prozent.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 132–133.

Nach Einschätzung seines Biografen Klaus Kempter erwarb sich Eugen Loderer in seiner Zeit als 1. Bevollmächtigter der Verwaltungsstelle Heidenheim „den Ruf eines tüchtigen, agilen und pflichtbewussten Gewerkschafters, der aufgrund seines forschen Auftretens und der Tatsache, dass er im Kreis der hauptamtlichen Funktionäre immer noch zu den Jungen gehörte, immer wieder in die Diskussion kam, wenn es um höhere Aufgaben ging.“Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 138.

Beruflicher Aufstieg auf Landes- und Bundesebene Der Stuttgarter IG Metall-Bezirksleiter Willi Bleicher machte Eugen Loderer 1959 zum für die Bereiche Jugend, Betriebsräte und Vertrauensleute zuständigen Bezirkssekretär. Zusätzlich beauftragte Bleicher Loderer als seinen politischen Emissär damit, gegenüber den Verwaltungsstellen auf die Steigerung von Mitglieds- und Beitragszahlen zu dringen sowie allgemein dafür zu sorgen, dass die politische Linie der Bezirksleitung vor Ort umgesetzt wurde.

Wichtig für Loderers Karriereaussichten war, dass der 1963 von der IG Metall geführte Streik in der baden-württembergischen Metallindustrie dazu beitrug, das innergewerkschaftliche Prestige des Bezirks als durchsetzungsstarker Organisation zu festigen und dass er ihn „zur wichtigsten Gliederung innerhalb der Organisation“ machte.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 166.

Auf Drängen und mit Unterstützung Willi Bleichers ließ sich Eugen Loderer am 8. März 1963 zum Vorsitzenden des DGB-Landesbezirks Baden-Württemberg wählen und rückte damit in die gewerkschaftliche „Führungsreserve“ vor.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 173. Als DGB-Landesvorsitzender bemühte sich Loderer um einen mit der oppositionellen Linie der IG Metall in Einklang zu bringenden Kompromiss zwischen den innergewerkschaftlichen Unterstützern und Gegnern der von der Bundesregierung geplanten Notstandsgesetze.

Nachträglich hielt Eugen Loderer die in der Ablehnung der Notstandsverfassung zum Ausdruck kommende Skepsis der Gewerkschaft gegenüber den politischen Eliten allerdings für übertrieben. „Wenn ich aber rückwärts gewandt daran denke, was an Aufwand, Kraft und Zeit dafür aufgewendet worden war und was an Streit bis hin zur Feindschaft vom Zaune gerissen wurde, kann ich dieses Verhalten nur so deuten, wie sehr sich deutsche Gründlichkeit in extreme Situationen steigern lässt.“Eugen Loderer: Vom Arbeiterjungen zum Vorsitzenden der IG Metall, Präsidenten der Metall-Weltinternationale und Ehrenbürger der Stadt Heidenheim. Meine Lebens- und Familiengeschichte, o.O.u.J., S. 149.

Überregionale Bekanntheit erlangte Eugen Loderer durch einen Auftritt bei einer antifaschistischen Großkundgebung gegen den am 17. Juni 1966 in Karlsruhe abgehaltenen Bundesparteitag der NPD.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 187. Im Januar 1968 wurde Loderer zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der baden-württembergischen SPD gewählt.

Dem Eintritt der Landes- wie der Bundes-SPD in Große Koalitionen, die von den CDU-Politikern und ehemaligen NSDAP-Mitgliedern Hans Filbinger bzw. Kurt Georg Kiesinger geführt wurden, stand er mit Skepsis gegenüber.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 191. Nachdem sich die SPD-Landtagsfraktion 1968 über den von Loderer öffentlichkeitswirksam unterstützten Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz hinweggesetzt hatte, die Große Koalition nicht fortzusetzen, machte sich der stellvertretende SPD-Landesvorsitzende allerdings für eine Billigung einer Regierungsbildung mit der CDU stark.

Im Sommer 1968 wurde Eugen Loderer vom IG Metall-Vorsitzenden Otto Brenner für das Amt seines Stellvertreters vorgeschlagen. Auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall erhielt er am 7. September 1968 347 von 403 abgegebenen Stimmen.Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 203.

Unter dem IG Metall-Vorsitzenden Otto Brenner war Loderer verantwortlich für die Bereiche „Personalwesen“ und „Presse“ sowie für „Organisation und Verwaltung“. Klaus Kempter urteilt, dass sich Loderer mittels der von ihm verkörperten „Sekundärtugenden“ beim mächtigen Vorsitzenden Respekt verschaffte. „Der Zweite Vorsitzende legte einen ungeheuren Fleiß an den Tag und erledigte seine Arbeit peinlich genau. Zugleich war er darum bemüht, sich aus internen Auseinandersetzungen herauszuhalten, Intrigen zu ignorieren, sich von den verschiedenen Seilschaften fernzuhalten und eben vor allem durch zuverlässige Pflichterfüllung zu überzeugen.“Klaus Kempter: Eugen Loderer und die IG Metall. Biografie eines Gewerkschafters, Filderstadt 2003, S. 210.