rechts|mini|400px|Ein Beispiel für Historienmalerei: Jan Matejko, Verabschiedung der Verfassung vom 3. Mai 1791 in Warschau, gemalt anlässlich ihres hundertjährigen Jubiläums 1891. Dargestellt ist, wie Mitglieder des Sejm unter dem Jubel der Einwohner Warschaus die Johanneskathedrale betreten, wo der Eid auf die soeben beschlossene Verfassung abgelegt werden soll. Im Mittelpunkt ist Sejmmarschall Stanisław Małachowski zu sehen, der von begeisterten Abgeordneten auf den Schultern getragen wird und den Verfassungstext schwenkt. Dem König Stanislaus II. August Poniatowski wird vom Maler nur eine Nebenrolle eingeräumt. Er ist am linken Bildrand (mit Hut) zu sehen, wie er seine Mätresse Elżbieta Szydłowska begrüßt. Die Historienmalerei ist eine Kunstgattung, die ihre Ursprünge in der Renaissance hat.Der Gattungsname Historie oder Historienmalerei leitet sich etymologisch aus dem Wort historia oder auch istoria ab. In der Historienmalerei werden historische, religiöse, mythisch-sagenhafte oder literarische Stoffe auf einen ahistorischen Moment verdichtet dargestellt.

Als wichtiges Kennzeichen der Historienmalerei gilt, dass die dargestellten Hauptpersonen benennbar sind.Norbert Schneider: Historienmalerei / Vom Spätmittelalter bis zum 19. Jahrhundert, Böhlau Verlag, 2010, S. 11. Oft steht im Mittelpunkt ein Held, eine als autonom handelnd dargestellte Einzelpersönlichkeit. Historienbilder dienen seiner absichtsvollen Verklärung, seiner Überhöhung und der Ausgestaltung eines Geschichtsmythos, nicht einer realistischen Darstellung eines vergangenen Geschehens. Sie wurden oft von Herrschenden in Auftrag gegeben, erworben oder ausgestellt.

Die Gattung Historienmalerei

Ein Grund für die Entstehung dieser Kunstdisziplin war das sich wandelnde Geschichtsbewusstsein sowie ein damit verbundenes Bedürfnis, Vergangenheit mit bestimmten Intentionen bildlich darzustellen. Künstler malten in großem Format und manchmal in Kohärenz mit dem Ausstellungsort Geschichtsmotive, die sie in Bildern deuteten und fingierten.

Gemein bleibt der Historienmalerei in allen kunstgeschichtlichen Epochen die Abgrenzung zum Ereignisbild, das oftmals alltägliche Geschehen wie die Feldarbeit oder das Stadtleben darstellte. Das Historienbild hingegen kann und will durch zeitlose und übertragbare Symbolik von dem geschichtlich besonderen Moment erzählen. Oft stellt sich die Frage, ob es sich bei einem Historienbild um Kunst oder um Geschichte handelt. Beide Disziplinen können hierauf eine Antwort geben, die je nach fachwissenschaftlicher Perspektive verstanden werden muss.

Für den Historiker ist das Historienbild insofern auch Historie oder Geschichte, wenn man den dargestellten historischen Moment von der Entstehungsgeschichte und den Umständen, in denen sich der Maler befand, abstrahiert. Ansichten und Intentionen sowie für eine Zeit typische Gestaltungsmittel geben dem Historienbild erst einen eigentlichen geschichtlichen Gehalt. Der Inhalt, der oftmals geschickt inszeniert, manipuliert oder um einen Wahrheitsgehalt beschnitten ist, ist lediglich die Deutung eines Ereignisses bzw. die Deutung von Vergangenheit durch den Künstler. Ausgehend von diesem Standpunkt kann man sich nun dem Bild unter der Perspektive der Kunst nähern. Inhalt und Ausdruck von Historienbildern sind durch ästhetische Gestaltungsprinzipien der Kunst bestimmt, so dass die bildliche Inszenierung von Geschichte als Kunst(-werk) zu betrachten ist.

Auch die künstlerische Inszenierung und Gestaltung des Malers erfolgt in der Regel nicht in eigener Regie, da Absichten wie die Adoration der Herrschenden, die zur politischen Selbstdarstellung einer Person oder eines Staates sowie dessen Legitimierung von den dargestellten Parteien oft selbst in Auftrag gegeben wurden. So schließen sich künstlerische Eigenarbeit und politisches Zweckinteresse aus. Dem zeitgenössischen Betrachter war diese Dimension jedoch nicht unbedingt klar, denn die oftmals verklärende Darstellung wirkte auf den Rezipienten real. Also erfolgte in den wenigsten Fällen eine Trennung von Fiktion und Realität, was an dem Bildungsstand aber auch dem Grad der Mündigkeit großer Teile der Gesellschaft lag.

Des Weiteren ist die Greifbarkeit des Mediums Bild von Vorteil gewesen, da in diesem scheinbar objektiv etwas abgebildet wurde. In diesem Sinne deutete also der Künstler in der Gegenwart, der Entstehungszeit des Bildes, unter der Einnahme einer bestimmten Perspektive die Vergangenheit und aktualisierte sie somit für das Publikum. Den Betrachtern und Betrachterinnen sollte eine durch das Bild initiierte Symbiose zwischen Vergangenheit und Zukunft aufgezeigt werden, womit eine Historisierung des dargestellten Stoffes im Gedächtnis angestrebt wurde. Gerade für naive und ungebildete Rezipienten war dieses visuelle Angebot verlockend.

Die Entstehung und Entwicklung der Historienmalerei

15. Jahrhundert

Im 15. Jahrhundert entwickelte sich neben den Disziplinen Genre, Porträt, Landschaft und Stillleben auch die der Historienmalerei. Nicht zuletzt durch die zunehmende Beschäftigung mit der eigenen Identität und der Vergangenheit der Gesellschaft bildete sich diese Gattung durch ein in diesem Maße zuvor nicht vorhandenes Geschichts- und Vergangenheitsbewusstsein heran.

Es galt als Konsens, dass ein Mensch schwieriger darzustellen sei als eine Landschaft und aus diesem Grund entwickelte sich sukzessive eine Hierarchisierung unter den Malern. Diese genossen für die Erstellung von Historien oder Porträts höheres Ansehen und auch eine bessere Bezahlung. Bildinhalte sowie Motive der ersten Historienbilder lehnten sich an Elemente und Figuren aus der antiken Welt an und adaptierten somit die Figuren oder Themen der Mythologie. Neben dieser gestalterischen Funktion wiesen die Bilder durchweg geschichtliche oder religiöse Inhalte auf, nicht selten vereinten sie auch beides zusammen im Bild.

Als Zentrum der ersten Phase der Historienmalerei ist Italien zu lokalisieren, wo sich Leon Battista Alberti schon früh mit der Kunsttheorie dieser Bildgattung beschäftigte. Für ihn sollte der Historienmaler einen besonderen Status unter den anderen Künstlern einnehmen. Neben historischem Faktenwissen, das für die Inhalte des Bildes wichtig war, sollte der Maler durch die von ihm im Bild ausgerichtete Gestaltung der Wirklichkeit den Betrachter begeistern können. Um diese Wirkung beim Rezipienten zu hinterlassen, war das primäre Bildungsziel eines Malers das Studium der Natur und Mathematik – nicht etwa die humanistische Bildung –, um Figuren und Elemente des Bildes durch die Mimesis der Wirklichkeit möglichst ansprechend zu gestalten.

16. Jahrhundert

mini|François Dubois: Bartholomäusnacht (nach 1576) An den Gestaltungsprinzipien des 15. Jahrhunderts sollte zunächst auch im folgenden 16. Jahrhundert festgehalten werden. Die Auffassung der sich langsam konstituierenden italienischen Kunsttheorie war es weiterhin, dem Maler Richtlinien und Rahmen für sein Werk aufzustellen. Der Fakt, dass Historienmaler unbedingt auch Kenntnisse über die von ihnen dargestellten historischen Stoffe besitzen müssen, reifte also weiter aus. Die Darstellungsform hatte weiterhin den Anspruch, dass der Betrachter vom Bild angezogen und betroffen gemacht werden sollte. Neu war die Forderung nach der Wahrung der convenevolezza – der Beachtung der Angemessenheit der Darstellung. So wurden idealisierende Motive in der Theorie so weit wie möglich zurückgedrängt und an die Darstellungskunst des Malers appelliert. Neben den Einflüssen der katholischen Kirche auf Motive und Bildinhalte – vielfach deutete man Kunstwerke als Predigt in Bildern – kennzeichnete die Forderung nach einer einfachen Lesart der Bilder diese Phase der Historienmalerei. Gabriele Paleotti forderte eine stringente und klare Gestaltung, die dem Betrachter die Lesart der Bilder vereinfachen sollte. Des Weiteren sah er in dem Medium Bild die Möglichkeit, einen viel größeren Rezipientenkreis anzusprechen, als es mit Schriften und Texten möglich war, da nur wenige Menschen eine Ausbildung in Lesen und Schreiben genossen. Der Epochenübergang von Renaissance zum Barock, der als Manierismus bezeichnet wird, stellte den Maler nicht nur als künstlerischen Handwerker dar, der Bilder entwarf, sondern vielmehr als Schöpfer eines Werkes, dessen Begabung sich in den von ihm geschaffenen Werken widerspiegelt.

17. Jahrhundert

mini|Nicolas Poussin: Der Raub der Sabinerinnen (1637/38) Gegen Ende des 16. Jahrhunderts und mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts verlagerte sich das Zentrum der (Historien-)Malerei von Italien zunehmend nach Frankreich. Immer mehr spaltete sich auch hier die Meinung über Zweck und Inhalt der Historienmalerei. Einerseits wurde diese Bildgattung zum Gegenstand der nun an der Académie Française institutionalisierten Disziplin. Dem Kunstausschuss der Academie kamen sowohl organisatorische wie auch konzeptionelle Aufgaben im Bereich der Malerei zu. Der Rat entschied über die Statusvergabe der Berufsbezeichnung Maler, über die Regeln der vorherrschenden Kunst, über die Lehrjahre und Lehre der Maler sowie die Funktionalisierung der Malerei in politischen Angelegenheiten. Andererseits hielten Maler und Kritiker wie Roger de Piles an der Eigenständigkeit der Maler fest. De Piles nahm eine deutliche Gegenposition zur akademischen Kunst ein, deren Kern sich auf die Wahrnehmung des Malers und nicht auf aufgestellte Regularitäten bezog. Beide kunsttheoretischen Ansätze, der der Academie sowie der de Piles’, vereinten jedoch den erzieherischen und moralischen Aspekt, der Historienbildern zukam.

18. Jahrhundert

Die Vorleistungen des 17. Jahrhunderts im Bereich der Kunstkritik eröffneten eine im 18. Jahrhundert noch größere Auseinandersetzung in Institutionen, aber auch durch Privatpersonen mit dem Gegenstand der Historienmalerei. Denis Diderot legte den Zwiespalt, der schon zwischen den Grundgedanken der Académie Française und denen de Piles bestand, erneut offen. Eine Opposition zwischen ästhetischen Gestaltungsprinzipien im Sinne des Malers selbst und den konservativen Regeln der Malerei sei nur schwer zu vereinbaren, so Diderot. In den zeitgenössischen Malern sah dieser lediglich die Unfähigkeit, moralische Aussagen der dargestellten Heldenfiguren ins Bild zu transferieren, sodass jeglicher Ausdruck von Leidenschaft fehlte. Diderots Gedanken zur Ästhetik gingen sogar über die alten Prinzipien der Gattung hinaus und er räumte Malern ausdrucksvoller Landschaftsmalereien den gleichen Stellenwert wie den Historienmalern ein.

Der Kunsttheoretiker Louis Etienne Watelet hingegen wies diese Einschätzung klar zurück und sah die Gattungshierarchie in der Malerei als begründet an. Da der Historienmaler mehr Wissen benötige als Künstler anderer Disziplinen, müsse ihm auch dementsprechend mehr Ruhm sowie Förderung zukommen, so Watelet. Weiterhin forderte er, dass die Öffentlichkeit und die Institutionen sowie Herrscherhäuser den Historienmaler durch Aufträge unterstützen müssen.

mini|250px|Benjamin West: Der Tod des General Wolfe (1770) Die Diskussion zwischen Regeln der Malerei und den selbstständigen Gestaltungsprinzipien wurde von dem Maler Benjamin West entscheidend gebrochen. In den Fokus rückte bei Wests Bild Der Tod des General Wolfe nicht mehr unmittelbar das Gestaltungsprinzip, sondern vielmehr der dargestellte Inhalt. West malte, wie der Titel aussagt, den Tod des britischen Generals James Wolfe in der Schlacht auf der Abraham-Ebene gegen französische Truppen bei Quebec im September 1759. Das Besondere an diesem Bild war, dass es ein Ereignis der Zeitgeschichte zeigte und unmittelbar nach dem Tod des Generals angefertigt wurde. Nach einigen Diskussionen über die Ausstellung des Bildes konnte sich West durchsetzen und es wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. West begründete sein Bild damit, dass er sich neben der Position des Malers auch als Historiker verstand, dessen Pflicht es war, solch bedeutende Zeitgeschichte im Medium Bild zu dokumentieren.