Die Straßenbahn Washington, D.C. war ein Straßenbahn-Betrieb in Washington, D.C., der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie bestand aus einer Strecke und wurde in der englischen Kurzform als DC Streetcar bezeichnet. Die Infrastruktur befand sich im Besitz und wurde durch das District of Columbia Department of Transportation (DDOT), Abteilung Transit Delivery verwaltet. Den Betrieb führte RATP Développement durch. Vor 2020 gab es an Werktagen rund 3.300 Fahrgäste, im ersten Quartal des Jahres 2025 gab es durchschnittlich 2.400 Fahrgäste. Alle Fahrgäste fuhren kostenfrei und fahrscheinlos. Die jährlichen Betriebskosten liegen bei 10 Millionen US-Dollar. Im Oktober 2025 beschloss der District of Columbia, den Betrieb zum 31. März 2026 dauerhaft einzustellen.
Von einem geplanten neuen Straßenbahnnetz wurde nur eine Strecke in Betrieb genommen: Die H-Street-Strecke hat acht Haltestellen und führt von einer Brücke über dem Gleisvorfeld der Washington Union Station 3,4 Kilometer ostwärts entlang der H-Street und der Benning Road Northeast bis zur Oklahoma Avenue nahe der Ethel-Kennedy-Brücke über den Anacostia River. Ihr Bau begann 2007, der Fahrgastbetrieb begann am 27. Februar 2016. An der Strecke im Nordost-Quadranten der Stadt liegt ein Betriebshof.
Eine Strecke südlich des Anacostia River an der Grenze von Südwest- und Südost-Quadranten der Stadt wurde nur zum Teil gebaut und nicht in Betrieb genommen. Es entstanden dort ein rund 1,5 Kilometer langes Streckenfragment und ein eigener kleiner Betriebshof. Die Planung für die Anacostia-Strecke begann im Jahr 2004, Gleise wurden von 2009 bis zum vorzeitigen Ende der Bauarbeiten 2010 im Bereich westlich der Station Anacostia der Metro Washington und östlich des Geländes der ehemaligen Bolling Air Force Base, Teil der Militärbasis Joint Base Anacostia-Bolling, gelegt. Ihr wurde nur geringes Fahrgastpotenzial zugestanden.
DC Streetcar war der zweite Straßenbahnbetrieb im District of Columbia, nachdem die 1862 eingerichtete alte Straßenbahn im Jahr 1962 stillgelegt worden war. Um die Jahrtausendwende gab es eine Reihe von Planungen für Straßenbahnbetriebe in verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten, die als Anzeichen für eine Renaissance der Straßenbahn gewertet wurden. Sie wurden zumeist als Werkzeug der Stadterneuerung und Aufwertung einzelner Stadtviertel begriffen, nicht als umfassendes Nahverkehrsangebot. In Washington sollten die Strecken als Ergänzung zum vorhandenen Metro- und Busnetz die innerstädtische Erschließung verbessern, durch geringer entwickelte Geschäftsviertel führen und in späteren Ausbaustufen unzureichend erschlossene Quartiere besser anbinden.
Vorgängersystem
Die Geschichte der Straßenbahn in Washington, D.C. begann im 19. Jahrhundert, als 1862 die erste Straßenbahn in der Hauptstadt eröffnet wurde. Obwohl das Verkehrsmittel große Bedeutung für den Personenverkehr hatte, wurde es ab Beginn der 1960er Jahre auf Beschluss des Kongresses der Vereinigten Staaten stillgelegt und durch Buslinien ersetzt. Die letzten Straßenbahnwagen wurden am 28. Januar 1962 vom Betrieb abgezogen.
Erste Planungen
Ende der neunziger Jahre zog die Verwaltung des Washington Metropolitan Area (Metropolregion Washington) die Einrichtung von Schnellbuslinien, eines Stadtbahn- oder Straßenbahnnetzes in Anbetracht, um die durch das starke Bevölkerungswachstum im Großraum von Washington, D.C. bevorstehenden Verkehrsprobleme bewältigen zu können und neue Verkehrsmittel im innenstädtischen- und regionalen Verkehr zu etablieren. Ein erstes Projekt war für die Stadt Alexandria in Virginia angedacht.O’Hanlon, Ann: Light Rail Idea Gets Lukewarm Response. In: The Washington Post. 26. August 1999. Im Januar 2002 wurde eine Studie durch den District of Columbia begonnen, welche die Wirtschaftlichkeit und mögliche Kosten eines 53,1 Kilometer langen Straßenbahnnetzes durch die Stadt ermitteln sollte.Greenfield, Heather: Trolleys Service for Washington Discussed, In: Associated Press., 23. Januar 2002. Das Projekt erhielt die Unterstützung der Metro-Verwaltung.Layton, Lyndsey: Metro Looks for Something Between a Bus and a Train, In: The Washington Post., 22. Februar 2002. Das District Department of Transportation untersuchte dazu sowohl ein stadtweites, zusammenhängendes Netz als auch die Option, mit einer oder mehreren einzelne Linien die Straßenbahn einzuführen. Dass auch ein Straßenbahnanschluss des Viertels Anacostia in der Studie aufgegriffen werde, wurde dabei gesondert erwähnt.
Erster Streckenvorschlag
Das DDOT legte einen positiven Abschlussbericht zur Untersuchung der Wirtschaftlichkeit vor, zudem wurde 2002 eine Investition von 310 Millionen $ durch den Stadtrat des District of Columbia genehmigt. Die erste zu errichtende Linie sollte auf einer Länge von 11,6 Kilometern durch Anacostia verlaufen. Der Vorteil der Straßenbahn gegenüber einer U-Bahn ist die schnell einzurichtende und vergleichsweise günstige Verbindung des Viertels mit der Innenstadt.
Zunächst war geplant worden, die Strecke von der Station Minnesota Avenue der Washington Metro entlang der Gleise einer aufgegebenen Industriebahn zur Metrostation Anacostia und von dort weiter über die 11th Street Bridges zu den Stationen Navy Yard – Ballpark sowie Waterfront zu führen.Layton, Lyndsey: Light-Rail Project Would Link Anacostia With Southwest D.C. In: The Washington Post, 19. September 2002 Zum Einsatz kommen sollten Diesel-Triebzüge des Herstellers Colorado Railcar, welche die ersten in dieser Form produzierten und durch die zuständige Federal Railroad Administration zugelassenen Schienenfahrzeuge in den Vereinigten Staaten gewesen wären.
Finanzierungsprobleme
Die Finanzierung der Linie stellte sich schon bald als problematisch heraus: Nachdem durch den District of Columbia noch im gleichen Monat die Förderung des Projektes zugesagt worden war, veränderte die Verwaltung des Metropolitan Area die Strategie im Bereich der Verkehrsentwicklung. Geplant waren nun Investitionen von 12 Milliarden $, um innerhalb von zehn Jahren Schnellbusverbindungen, Stadtbahnen und Straßenbahnprojekte im gesamten Großraum zu verwirklichen.Layton, Lyndsey: $12 Billion Metro Plan Has Trolleys, Rapid Buses. In: The Washington Post., 13. September 2002. Die Hälfte des Betrags sollte für den Bau der Straßenbahnlinie in Washington, D.C., die Vollendung der Silver Line der Washington Metro, eine Straßenbahnlinie entlang der Columbia Pike im Arlington County (Virginia) sowie für die Stadtbahnlinie Purple Line, eine geplante Tangentiallinie nördlich der Hauptstadt, bereitgehalten werden. Jedoch war es der Zentralregierung sowie den einzelnen Kommunen entlang der Strecke nicht möglich, ihren Teil der Investitionen beigetragen, und daher wurden die Planungen zunächst wieder zu den Akten gelegt.
Infolgedessen beschloss der District of Columbia, auf eigene Kosten erste Teile des Straßenbahnnetzes in der Hauptstadt aufzubauen. Daher wurde eine verkürzte Variante der Linie durch Anacostia vorgeschlagen, welche nur noch 4,3 km lang gewesen wäre und 4 Stationen gehabt hätte. Sie sollte von der Bolling Air Force Base aus über die Metro-Station Anacostia zum U-Bahnhof Minnesota geführt werden. Im Juli 2003 begann das DDOT eine Überprüfung der Wirtschaftlichkeit für die neu geplante Strecke.Layton, Lyndsey: D.C. to Study 2.7-Mile Light-Rail Line in Anacostia. In: The Washington Post, 4. Juli 2003 Die Verwaltung des Metropolitan Area war mit dem Projekt einverstanden, dessen Kosten von 45 Millionen $ nun vollständig durch den District of Columbia getragen werden sollten. Die Errichtung der Straßenbahnlinie sollte im November 2004 beginnen und 2006 abgeschlossen werden.Smith, Candace: Light Rail Closer to Coming to Anacostia. In: Associated Press, 12. Februar 2004; Greenfield, Heather: Metro Decides on Station Openings Plus Future Expansion. In: Associated Press, 16. September 2004; Lively, Tarron: Metro Approves Subsidy Increase. In: Washington Times, 17. September 2004.
Aufsichtsbehörde
Im Dezember 2009 schlug Jim Graham, ein Mitglied des Stadtrats von Washington, vor, eine gemeinsame Aufsichtsbehörde für das seit 2005 bestehende (2024 eingestellte) städtische Bussystem DC Circulator sowie die zukünftige Straßenbahn einzurichten. Als Aufgaben sollte durch die Behörde die Einrichtung von neuen Linien sowie die Festlegung von Fahrpreisen organisiert und geleitet werden.O’Connell, Jonathan: New Transit Board Would Manage Streetcars. In: Washington Business Journal., 4. Januar 2010. Um herauszufinden, ob die lokale Wirtschaftsgemeinschaft das Straßenbahnprojekt unterstützen würde, besuchten Investoren und Unternehmer aus dem Umfeld der neuen Linie die Portland Streetcar, das Straßenbahnsystem in der Stadt Portland (Oregon). Ziel war es, zu untersuchen, inwiefern eine Straßenbahn positive Effekte auf die lokale Wirtschaft ausübt und ob sich Investitionen auszahlen würden. Lokale Medien berichteten, dass die Delegation aus dem District of Columbia positiv über die Wirkung der Straßenbahn überrascht war.O’Connell, Jonathan: Streetcar Backers Gather Ammo to Sway Skeptics. In: Washington Business Journal., 27. November 2009.
H Street/Benning Road Line
Bei der H Street/Benning Road Line handelt es sich um die einzige in Betrieb befindliche Straßenbahnlinie der Stadt. Sie verbindet mit acht Haltestellen die Union Station mit der östlichen Kernstadt.
Ankündigung
In 2003 veröffentlichte der damalige Bürgermeister Anthony A. Williams eine Entwicklungsstrategie, welche die Revitalisierung von sechs heruntergekommenen Stadtvierteln vorsah, zu denen auch das Gebiet an der H Street und der Benning Road zählte. Inbegriffen war auch eine Straßenbahnlinie, welche das Stadtentwicklungsgebiet mit der Innenstadt verbinden und innerhalb von fünf bis zehn Jahren fertiggestellt werden sollte.Wilgoren, Debbi: New Residences, Stores To Transform H Street. In: The Washington Post, 13. März 2003. Im folgenden Jahr wurde der Plan formell gemacht. Bei den betroffenen Anwohnern und Einzelhändlern stieß das Vorhaben auf Ablehnung, da Verkehrsstaus und eine Gefahr für Fußgänger in dem starken Verkehr ausgesetzten Bereich fürchteten.Deane, Daniela: H Street NE, The Next Hot Spot. In: The Washington Post, 12. Juni 2004.
Am 20. Januar 2006 teilte das District Department of Transportation mit, es plane bei einem Kostenpunkt von 13 Millionen $ eine Straßenbahnlinie von der Union Station über die H Street NE und die Benning Road bis zur Minnesota Avenue Metrostation, welche sich in den Stadtteilen jenseits des Anacostia Rivers befindet. Der Streckenverlauf entspricht in etwa der ehemaligen Linie der Straßenbahngesellschaft Columbia Railway Company, welche bereits 1870 eröffnet wurde. Die Bauarbeiten für die Strecke, bei denen gleichzeitig der Straßenraum komplett neu gestaltet wird, sollten im Frühling 2007 beginnen und in 2009 beendet werden.Thompson, Robert: A (Working) Cure for the Trolley Blues. In: The Washington Post, 15. Oktober 2006.
Gleisverlegung mini|Errichtung der H Street/Benning Road Line im Oktober 2009
2008 wurde der Brückenschlag über den Anacostia River zur Minnesota Avenue Station aus den Planungen entfernt. Am innerstädtischen Endpunkt wiederum sollten Vorarbeiten für eine Verlängerung der Linie durch das Stadtzentrum getroffen werden, in deren Korridor Buslinien des 2024 eingestellten DC Circulator verkehrten.Sun, Lena H: Streetcars Could Be Running on D.C. Roads by Late Next Year. In: The Washington Post, 13. Juli 2008.
Ab Juli 2009 wurden bereits Gleise im Rahmen der Straßenerneuerung verlegt, obwohl die Planungen für die Straßenbahn noch gar nicht abgeschlossen waren. Unter anderem musste noch über die Elektrifizierung, Wendemöglichkeiten und die Unterbringung der Fahrzeuge entschieden werden.
Zusätzliche Erweiterung