Wittgenborn ist heute neben Waldensberg und Leisenwald einer der drei Ortsteile der Stadt Wächtersbach, im hessischen Main-Kinzig-Kreises, die am Rande der Hochebene der Spielberger Platte liegen. Hinzu kommen die Talgemeinden Aufenau, Hesseldorf, Neudorf und Weilers.

Geographie Geografische Lage Das Dorf liegt zwischen Spessart und Vogelsberg am Büdinger Wald 3,8 km nordwestlich von Wächtersbach, gemeinsam mit Waldensberg und Leisenwald auf der Spielberger Platte. Durch den Ort verläuft die Landesstraße 3194. Von Wächtersbach kommend führt sie weiter in Richtung Waldensberg und Leisenwald. In Ortsmitte geht von ihr die Landesstraße 3314 ab, die nach Spielberg und Streitberg führt.

Nachbargemeinden

Geschichte Ortsname Mehrere Herkunftstheorien gibt es zum Namen Wittgenborn. Unstrittig weist der zweite Namensbestandteil Born auf eine Quelle hin, eine unverzichtbare Voraussetzung für jegliche Siedlung. Der erste Teil des Namens dagegen, könnte entweder auf einen Sippennamen oder auf vitu, die althochdeutsche Bezeichnung für Wald oder Gehölz zurückzuführen sein. Fakt aber ist, dass es im Ort zu Beginn der Aufzeichnungen zwei Familiennamen gab: Westerwalt und Witgenstein, die beide auf den Westerwald bzw. auf die Grafen von Sayn-Wittgenstein, die im „Kannenbäckerland …. begütert waren“ hinweisenAndreas Dietz, Geschichte des Ortes Wittgenborn, Samml. Gesch. Wächtersbach, 56. L., Januar 2011, Nr. 390, 6 S., , 9.7.24, S. 2. Im Kannenbäckerland ist eine kontinuierliche Herstellung von Töpferwaren schon ab 1402 belegt. Gesichert ist auch, dass Graf Diether von Isenburg (1412–1482) mit den im Westerwald begüterten Grafen von Sayn-Wittgenstein verschwägert war. So könnten aus dem Westerwald angeworbene Töpfer im Isenburger Land namensgebend für Wittgenborn geworden sein.

Mittelalter Wahrscheinlich ist die Entstehung von Wittgenborn „… zwischen dem 12. Und dem 14. Jahrhundert anzusetzen, falls es nicht erst im 14. Jahrhundert aus Einzelsiedlungen von sogenannten Waldleuten gebildet worden ist“.Alfred Höck, „Wittgenbörner Dippemacher – Zur Sozialgeschichte eines hessischen Töpferdorfes“, Samml Gesch. Wächtersbach, 49,L.,August 2007, Nr. 339, ISSN 0931-2641, 9.7.15, S. 1 Die ersten bekannten Erwähnungen von Wittgenborn stammen aus den Jahren 1470 und 1479. Der Ort zählte zur damaligen Zeit fünf Haushalte.A. Dietz, Geschichte des Ortes Wittgenborn, Samml. Gesch. Wächtersbach, 56. L., Januar 2011, Nr. 390, 6 S., ISSN 0931-2641, 9.7.24, S. 1 Die kleine Siedlung lag an der Gelnhäuser Straße, einer alten Handelsstraße, die von Gelnhausen über die Vier Fichten weiter zur Reffenstraße Richtung Leisenwald führte.

Neuzeit Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hatte der Ort Waldrechte (Holz- und Huterechte) im Büdinger Wald. Die Kirche wurde im 18. Jahrhundert erbaut.

Von 1821 bis 1829 gehörte der Ort zum kurhessischen Kreis Salmünster, von 1830 bis 1866 zum kurhessischen und von 1867 bis 1945 zum preußischen Kreis Gelnhausen, nach 1945 hieß der Kreis Landkreis Gelnhausen. 1939 hatte der Ort 677 Einwohner.

Die Töpferei in Wittgenborn Beginn Schon von der Gründung des Ortes an war Wittgenborn mit dem Töpferhandwerk verbunden. Eine alte Quelle aus dem Jahr 1516A. Dietz, Geschichte des Ortes Wittgenborn, Samml. Gesch. Wächtersbach, 56. L., Januar 2011, Nr. 390, 6 S., ISSN 0931-2641, 9.7.24, S. 2 weist darauf hin, dass aus Anlass des Patronatsfestes des Heiligen Gangolf in Hitzkirchen, zu dem Wittgenborn damals gehörte, „die Euler aus Wittgenborn ihre irdenen Gefäße und Kacheln verkauften“. Die Voraussetzungen, wie der nördlich der Kinzig lagernde Töpferton und die waldreiche Umgebung, waren günstig.Willi Löwer, „Töpfer in Wittgenborn und in der Wächtersbacher Steingutfabrik“, Samml. Gesch. Wächtersbach, 49. L., August 2007, Nr. 344, 2 S., ISSN 0931-2641, 9.7.20, S. 1

Die Entwicklung 1765 erließ Graf Ferdinand Casimir I. von Ysenburg-Wächtersbach eine neue Zunftordnung. Sie enthielt eine detaillierte Regelung der Gestaltung von Meisterstücken, insbesondere aber auch eine Beschränkung der Zahl der Brände pro Jahr und die Festlegung auf einen Lehrling pro Meister usw.„Geschichte des Ortes Wittgenborn 1“, Wächtersbacher Heimatblatt, 3. April 2010 Alle diese Maßnahmen dienten letztlich der Einschränkung des Holzeinschlages in den gräflichen Wäldern. Im Durchschnitt machten die Töpfer etwa 5 Brände pro Jahr, aber auch 8 waren möglich. Für sie musste Brenngeld bezahlt werden. Gleichzeitig mussten beim Brand auch Ziegel für die Herrschaft mit eingestellt werden. Nur einzelne privilegierte Töpfer besaßen eigene ÖfenAlfred Höck, „Wittgenbörner Dippemacher – Zur Sozialgeschichte eines hessischen Töpferdorfes“, Samml Gesch. Wächtersbach, 49,L.,August 2007, Nr. 339, ISSN 0931-2641, 9.7.15. Die übrigen Eulner nutzten Brennöfen im Gemeindebesitz; der letzte dieser Öfen wurde 1954 abgerissen„Wie es damals war“, Peter Tauber, Verlag der Buchhandlung Dichtung und Wahrheit, Wächtersbach, 2000; ISBN 3-9805957-2-2, S. 73.

Noch bis ins Jahr 1820 wurde in jedem zweiten Haus getöpfert und 45 von 460 Einwohnern des Ortes waren Töpfer. Es galt der Spruch: „Die Wittgebörner sei alle Dippemächer nur die Burgermäster is en Häfner“. In dieser Zeit „ist Wittgenborn der Ort in Hessen mit den meisten Töpfern“.Geschichte des Ortes Wittgenborn, Wächtersbacher Heimatblatt, S. 2, 3. April 2010 Dabei war der Lohn in diesem Handwerk alles andere als attraktiv und nur mit dem des Tagelöhners vergleichbar.„Geschichte des Ortes Wittgenborn“, Wächtersbacher Heimatblatt, 3. April 2010 Dennoch gaben mangels Alternativen nur Wenige den Beruf des Töpfers auf.

Die Situation der Töpfer und der Bevölkerung insgesamt änderte sich erst Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Entwicklung der Waechtersbacher Steingutindustrie ab 1832. Es begann mit der Verpflichtung der Töpfer zum Anlegen der Tongruben für das junge Unternehmen. Als dann „das Steingut auf den Markt kam, ging es langsam aber stetig mit dem irdenen Geschirr bergab“.Willi Löwer, „Töpfer in Wittgenborn und in der Wächtersbacher Steingutfabrik“, Samml. Gesch. Wächtersbach, 49. L., August 2007, Nr. 344, 2 S., ISSN 0931-2641, 9.7.20, S. 2 Es endete damit, dass die Töpfer, nach Aufgabe ihrer eigenen Fertigung, vielfach zu Fabrikarbeitern in der Schlierbacher Keramik wurden. Dies führte durchaus auch zu einer Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation. Immerhin wurde die Keramikfabrik zum wichtigsten Arbeitgeber für Wittgenborn. Der nochmalige Aufschwung der Töpferei nach dem Zweiten Weltkrieg war nur noch von kurzer Dauer. „Im August 1986 stellte die letzte Töpferei die Produktion von Blumentöpfen in Wittgenborn ein. Damit endet eine mehr als 500-jährige Tradition“.„Geschichte des Ortes Wittgenborn 4“, Wächtersbacher Heimatblatt, 15. Mai 2010 Das Töpfermuseum im ehemaligen Backhaus in Ortsmitte, mit vielen historischen Sammelobjekten, lässt nochmals die Erinnerung an ein verloren gegangenes wertvolles Kulturgut wach werden.

Die Ware und ihre Verbreitung Die Töpferwaren aus Wittgenborn waren überwiegend einfache, irdene Kochgeschirre und Krüge oder Henkelgefäße. Es gab aber auch reich verzierte, offene - und Deckelkrüge, Sauermilchtöpfe, Backschüsseln, Essensträger, Kaffeekannen, Puppengeschirr usw. Die Gefäße waren teilweise mit weltlichen oder religiösen Sprüchen verziert, und damit auch Träger einfacher Volkspoesie.D. Möckel, Töpfer in Wittgenborn, Samml. Gesch. Wächtersbach, 49. L., August 2007, Nr. 342, 2 S., ISSN 0931-2641, 9.7.18, S. 1 Wittgenborner Töpferwaren fanden zunächst im nahen Umfeld, d. h. im Vogelsberg und der Wetterau, Verbreitung. Bezeugt sind die Waren aber auch, zu verschiedenen Zeiten, auf den Märkten in Bad Orb, Gelnhausen und Büdingen, aber auch in Hanau, Flieden, Frankfurt, Bad Nauheim und Gießen. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts zogen fliegende Händler mit ihren Fuhrwerken durch die Dörfer und boten ihre Ware an.

Bräuche und Erinnerungen des Töpferdorfes Lange hat sich in Wittgenborn der Brauch des Dippewerfen erhalten. Am Aschermittwoch zogen die Kinder mit Wagen, voll fehlerhafter Dippen (Töpfen), bettelnd von Haus zu Haus durch den Ort. Wer ihren Bitten nicht nachkam, bekam eine Ladung Scherben vor die Haustür geworfen.Dieter Möckel, „Töpfer in Wittgenborn“, Samml. Gesch. Wächtersbach, 49. L., August 2007, Nr. 342, 2 S., ISSN 0931-2641, 9.7.18, S. 2

An die Töpfertradition des Dorfes erinnert heute noch das Straßenschild Eulenofenrain.

Braunkohleförderung in Wittgenborn mini|Wittgenborn – Eingang zur ehemaligen Grube Winterfreude Ab 1904 wurde, unter der Leitung von Wilhelm Wagner, eine Untersuchung der Braunkohlevorkommen bei Wittgenborn durchgeführt. Vorausgegangen war bereits über 30 Jahre hinweg, ein Braunkohleabbau in nahen Rinderbügen, in den Jahren 1875 bis 1905, durch die Firma Buderus. Der positive Befund der Förderhöffigkeit führte zu Aufschlussarbeiten des Bergwerks „Winterfreude“, nahe am Ortsrand von Wittgenborn. Die Kohle wurde mit Loren aus dem Berg gefördert. Eine gut drei Kilometer lange Seilbahn, die so genannte „Eselsbahn“, diente dem Abtransport des Fördergutes. Die Endstation der Seilbahn lag an der Wächtersbach-Birsteiner Kleinbahn nahe am Bahnhof Wächtersbach.

Mit Fertigstellung der Be- und Entladestationen begann Mitte 1909 eine erste Periode des Bergbaubetriebes in Wittgenborn. Die Fördermenge betrug zunächst etwa 100 t pro Tag. Wegen der minderen Qualität, gegenüber der gewohnten Steinkohle, fand die Braunkohle zunächst nur schleppenden Absatz. Dies änderte sich noch im Laufe des Ersten Weltkrieges. Danach, 1919 auf 1920, wurde sogar mit dem nahen Kohlefeld „Maria“ ein weiterer Stollen aufgefahren. Dem aufblühenden Absatz nach 1920 entsprechend wurde die Produktion auf bis zu 325 t pro Tag hochgefahren. In dieser Zeit fanden in der Zeche „Winterfreude“ 80 bis 100 Personen Beschäftigung, darunter viele Wittgenborner. Wegen der starken Ausbeutung musste „die Förderstrecke immer tiefer in den Berg getrieben werden, wodurch sich der Deckendruck stark erhöhte“. Stolleneinbrüche, auch mit Todesfällen, waren die Folge.

Durch das Ende der Besetzung des Ruhrgebietes 1925 und die Erholung des Steinkohlemarktes nach dem Verlust der Gruben in Ostoberschlesien 1922, war die in Wittgenborn geförderte Braunkohle endgültig nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber der wieder verfügbaren Steinkohle. Die weitgehend ausgebeutete Grube „Winterfreude“, aber auch „Maria“ wurden 1926 geschlossen, die verwertbaren Anlagenteile abgebaut und verkauft.

Im März 1945 wurde nochmals, als kriegsbedingte Maßnahme, der Betrieb in der Grube „Maria“ mit amerikanischer Genehmigung aufgenommen. Zunächst war es nur eine Minimalbelegschaft von 8 Leuten, erneut unter dem Betriebsleiter Wilhelm Wagner, die 80 t Kohle/Monat förderten. Mit der notdürftigen Wiedererrichtung einer Infrastruktur und Erhöhung der Belegschaft auf 20 Leute konnte die Förderung auf bis zu 800 t/Monat gesteigert werden. Die Kohle fand nur eine geringe Verbreitung, hauptsächlich für den Hausbrand, in der nahen Umgebung. Zeitweise musste wegen schleppenden Absatzes „auf Halde gearbeitet“ und mussten Feiertagsschichten eingelegt werden. Die Währungsreform von 1948 brachte dann das Ende für die vergleichsweise überteuerte und eher minderwertigen Braunkohle: „Zum 31. Mai 1949 musste die Förderung ganz stillgelegt werden“. Spuren der einstigen Tätigkeit in der Grube Winterfreude sind heute noch das verschlossene Mundloch des Stollens und die Abraumhalden in Form vieler kleiner Hügel in seiner nahen Umgebung (Koordinaten: 50°16′36″ N; 9°15′50″ O, 360 m NHN).