mini|hochkant=1.8|Vom Industrie- zum Freizeitzentrum: Der Innenhafen Duisburg (äußerer Bereich) mini|hochkant=1.8|Innenhafen Duisburg (innerer Bereich): Früher ein Getreidespeicher, heute Gaststätte und Museum
Deindustrialisierung bezeichnet Prozesse sozialen oder wirtschaftlichen Wandels, die verursacht werden durch eine Schrumpfung der industriellen Sektoren, beispielsweise der Schwer- und verarbeitenden oder fertigenden Industrie, in einem Land oder einer Region. Häufig wird Deindustrialisierung als relativer Bedeutungsverlust der industriellen Produktion gegenüber anderen Sektoren verstanden. Andere Sektoren als die Fertigungsindustrie sind z. B. der öffentliche Sektor, Einzelhandel, Bildung und Gesundheit, oder andere Dienstleistungen. Das Gegenteil der Deindustrialisierung ist die Industrialisierung.
Der Begriff Deindustrialisierung wird auch als einseitig negativ konnotiertes politisches Schlagwort verwendet. Schrumpfungsprozesse in einigen Sektoren der Wirtschaft können vielmehr auch einhergehen mit der Ansiedlung neuer Industriebetriebe in anderen Bereichen, wie beispielsweise der Produktion von Autobatterien oder Halbleiterchips. Auch eine Transformation zu einer wissens- und forschungsbasierten Dienstleistungswirtschaft kann mit einer Deindustrialisierung einhergehen und insgesamt zu einer Modernisierung führen. Die Rede von einer Deindustrialisierung kann somit den Blick verengen und zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Überschneidet sich der Abbau alter mit dem Aufbau neuer Strukturen, wird von einem Strukturwandel oder einer Transformation gesprochen.
Geschichte Die Ursachen für eine Deindustrialisierung sind verschieden. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges entwarf der US-amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau einen Plan zur Deindustrialisierung Deutschlands: den Morgenthau-Plan. Das Land sollte wieder in einen Agrarstaat verwandelt werden. Das Land Deutschland wurde jedoch zu einer zentralen Industrienation in Europa und wurde weltweit bekannt unter der Bezeichnung „Made in Germany“. (Siehe dazu auch das „Made for Germany“ weiter unten.)
Im Zuge der Globalisierung der Arbeitsmärkte verlagert sich die Produktion zunehmend in Niedriglohnländer. Viele betroffene Regionen – das heißt ehemalige „Industriehochburgen“ des 18. und 19. Jahrhunderts – und Großstädte versuchen, die Industrie durch Standort- und Wirtschaftsförderung zu erhalten und durch Dienstleistungen (Gesundheitswesen, Tourismus, Finanzwesen, Vergnügungsstätten usw.) umzubauen. Bekannte Beispiele aus neuerer Zeit sind die Auto-Stadt Detroit, die 2013 Insolvenz anmelden musste (vgl. Autokrise), aber auch Städte im Ruhrgebiet wie die Industriestadt Duisburg.
Beschreibung Altindustrien verlieren an volkswirtschaftlicher Bedeutung wegen struktureller Verschiebungen zwischen Industrie- und Dienstleistungssektor. Dies bewirkt Produktionsverlagerungen und die Stilllegung von Werken, eine Zunahme der Arbeitslosigkeit sowie ein Rückgang der Wertschöpfung im Zweiten Sektor. Häufig ist damit auch ein Stadtverfall verbunden. Ehemalige Industrieanlagen und Gebäude werden manchmal als Industriedenkmäler erhalten, zum Beispiel die Völklinger Hütte.
Die strukturellen Verschiebungen zwischen Industriesektor und Dienstleistungssektor können ihrerseits auf eine geänderte Strategie der Unternehmen zurückgeführt werden, die eine Verschiebung der Arbeitsteilung bewirken: Rückbesinnung auf Kernkompetenzen, Outsourcing oder Reorganisation von Großunternehmen durch „Downsizing“. Als Folge werden aus Großunternehmen kleine dezentrale Einheiten gebildet und viele bislang unternehmensinterne Dienstleistungen von externen Dienstleistungsunternehmen geliefert.
Veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen wie etwa die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik ermöglichen solche Veränderungen. Dieselben reagieren damit auch auf veränderte Nachfragepräferenz (etwa hin zu mehr produktbezogener Beratung und Wartung), Beschleunigung der Produkteinführung (Time-to-Market). Daneben mag sich auch eine positivere Einstellung gegenüber Kooperationen herausgebildet haben.Markus Kowalik: Industriekompass Rheinland-Pfalz 2004. 3., erweiterte und aktualisierte Auflage, Mainz 2004, S. 21 f.
Industriezweige mini|Bethlehem Steel, 1899 gegründet, ist ein Symbolbild für die Deindustrialisierung in den USA. Das Unternehmen war im 20. Jahrhundert der größte Stahlproduzent, stellte seinen Betrieb jedoch ab den 1980er Jahren teilweise ein und meldete im Jahr 2001 Insolvenz an. 2003 wurde es schließlich vollständig aufgelöst. Bethlehem Steel war ebenfalls führend im Schiffsbau und bei konventionellen Rüstungsgütern. Im folgenden Abschnitt werden einige Beispiele für Industrien skizziert, die sich stark gewandelt haben. Die Inhalte erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sollen lediglich einen Überblick geben.
Atomindustrie
Die Atomindustrie entstand mit der Entdeckung der Kernspaltung 1938 und wurde als Alternative zur Kohleindustrie entwickelt. Die zivile Nutzung der Kernenergie (auch Kernenergiewirtschaft) zur Stromproduktion wird in vielen Ländern genutzt, war jedoch im Laufe ihrer Geschichte zahlreichen strukturellen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen unterworfen. Das erste Kernkraftwerk Deutschlands, Kahl, wurde im Jahr 1961 ans Netz angeschlossen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde der Primärenergieverbrauch durch fossile Quellen gedeckt. Der Anteil der Kernenergie stieg dann bis in die 1980er Jahre auf etwas mehr als 30 %.
In den 1970er Jahren wurde die Technologie der schnellen Reaktoren weiterentwickelt, z. B. in Dounreay in Schottland und im Kernkraftwerk Kalkar in Deutschland. Die Entwicklung endete schnell, da die Kommerzialisierung in Europa und den USA nicht erfolgreich war. Dies lag zum einen an der komplexen Technologie und zum anderen an der Verfügbarkeit von Brennstoffen (siehe auch Uranwirtschaft), sodass ein erbrüten von spaltbarem Material keine Priorität mehr hatte. Die genannten Standorte wurden umgewandelt. Ersterer befindet sich seitdem im Rückbau, letzterer ist zu einem Freizeitpark geworden. Zudem haben diverse Unfälle im Zusammenhang mit der Kernenergie zu gesellschaftlichen Verwerfungen und Ablehnung geführt. Dies hatte unmittelbar Auswirkungen auf Beschäftigung. Die damalige Kraftwerk Union (KWU) beschäftigte bis zu 14.000 Mitarbeiter. Das Nukleargeschäft von KWU bzw. Siemens wurde vollständig an die Framatome GmbH veräußert. Der französische Mutterkonzern Framatome ist z. B. am Bau des modernen European Pressurized Water Reactors (EPR) beteiligt.
Die deutschen Brennelementefabriken am ehemaligen Industriestandort Wolfgang-Hanau wurden „deindustrialisiert“ bzw. alle Aktivitäten eingestellt. Der Standort ist heutzutage der Industriepark Wolfgang.
Europäische „Schwergewichte“ aus der Atomindustrie waren die British Nuclear Fuels (BNFL) und Cogema. Beide hatten weit über zehntausend Mitarbeiter und waren seit Jahrzehnten im Geschäft. Die Unternehmen oder Anteile wurden diversifiziert, teilweise aufgelöst oder weiterverkauft. Die Atommächte Russland und Frankreich betreiben weiterhin eine aktive Nuklearwirtschaft. Die russische Atomindustrie hat sich jedoch seit dem Zerfall der Sowjetunion stark verändert. Heute exportiert Rosatom kommerzielle Nukleartechnologie weltweit durch seine Tochter Atomstroiexport und dessen Subunternehmen.
Auch die weltweite Uranwirtschaft, eine spezialisierte Schwerindustrie, befindet sich seit vielen Jahrzehnten im Wandel. So sind die USA seit etwa 1980 zum Importeur von Kernbrennstoffen geworden. Die nationale Förderung in den USA ist damit nahezu zum Erliegen gekommen.
Die Nutzung der Kernspaltung zur Produktion von Strom steht in Deutschland politisch und wirtschaftlich seit dem Beginn der deutschen „Energiewende“ nicht mehr im Fokus. Politisch wurde in dem Land Deutschland bereits 1986 von der Partei SPD eine Energiewende und Abkehr von der Kernenergie gefordert. Zitat „Doch CDU und CSU halten stur an der Atomenergie fest. Weitere Kernkraftwerke gehen ans Netz. Erst unter Rot-Grün kann die lang herbeigesehnte Energiewende eingeleitet werden. 2000 beginnt der Ausstieg aus der Atomenergie.“ Die Ablehnung der Kernenergie durch bestimmte Gruppen hat jedoch bereits in den 1970er Jahren begonnen.
Wirtschaftlich stehen Kernkraftwerke in direkter Konkurrenz zu Kohlekraftwerken. Beide werden zu den Grundlastkraftwerken gezählt. Die Wettbewerbsfähigkeit wurde häufig untersucht. Experten kamen z. B. 1995 zu dem Entschluss das „In Deutschland fällt wie in Westeuropa der Wirtschaftlichkeitsvergleich Kernenergie/heimische Steinkohle positiv für die Kernenergie aus.“ Das Argument für Investitionen in die Kernenergie unterstreichen auch heute noch Experten. Der Bundeskanzler Olaf Scholz bezeichnete die zivile Nutzung der Kernkraft als „totes Pferd“. Mit der Energiewende und dem Atomausstieg wurden die letzten Kernreaktoren vom Netz genommen. Dieser Ausstieg hat u. a. zu Preissprüngen in dem Nachbarland Schweden geführt. Die amtierende schwedische Energieministerin Ebba Busch äußerte sich verärgert über die Entscheidung. Folglich wurde der deutsche Atomausstieg in einem Untersuchungsausschuss behandelt.
Andere Länder sehen jedoch speziell ab etwa dem Jahr 2020 wieder Chancen in der Nutzung der zivilen Kernenergie. So wollen die USA ihren Atomstromanteil vervierfachen (von derzeit c. 100 auf 400 GWe) und auch die Atomnation Russland erhöht seine Bedarfsplanung auf über 30 neue Kernreaktoren bzw. Kernkraftwerke. Schätzungen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zufolge könnte der weltweite Anteil nuklearer Kapazitäten von 9,8 % auf 14 % wachsen. Die EU plant im Rahmen der Atomallianz (vgl. auch die Net Zero Nuclear Industry Pledge, vorgestellt als Teil der COP28, welcher 120 Länder beigetreten sind), die Kapazitäten bis 2050 auf 150 GW auszubauen. Dadurch entstünden auch ein erhebliches Potenzial für die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Die Teilnahme Deutschlands an diesem ersten Treffen der Atomallianz fand nicht statt.
Mit dem deutschen Ausstieg aus der Kernenergie hat sich auch eine Kluft zwischen dem Land Deutschland und dem Nachbarland und Atomstrom-Befürworter Frankreich in Bezug auf die Energiefrage aufgetan, denn der im Jahr 2022 verabschiedete EU-Plan REPowerEU sieht die Nutzung der Kernenergie vor, Zitat: „Darüber hinaus könnten einige der bestehenden Kohlekapazitäten länger als ursprünglich geplant genutzt werden, und auch die Kernenergie und die Gasvorkommen in der EU werden eine Rolle spielen“.
Es gibt jedoch innovative Unternehmen, wie z. B. das Startup Focused Energy aus Darmstadt, die versuchen, das Potenzial der Fusionsenergie zu erschließen. Speziell investiert das Land Deutschland seit Jahrzehnten auch in die Erforschung und Erprobung der Kernfusion zur Nutzung in Fusionskraftwerken. Bekannte Beispiele sind der Tokamak Reaktor ASDEX und der Stellerator Wendelstein 7-X. Deutschland Forschung ist außerdem an JET und ITER beteiligt. Andere Unternehmen, wie die Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe (KTE), haben sich auf die Stilllegung und den Abbau von Kernanlagen spezialisiert.
Kohleindustrie
Die Kohleindustrie gilt als Treiber der Industrialisierung. Diese Industrie ist in den westlichen Ländern bereits seit Jahrzehnten im Niedergang. Im Black Country, in England, wurde die Kohleindustrie dort vollständig beendet und die Region hat neue Industrien erschließen müssen. In Deutschland ist das Ruhrgebiet für eine ähnliche Entwicklung bzw. Transformation bekannt.
In England wollte die West Cumbria Mining Company ein neues Bergwerk in Cumbria eröffnen, das erste seit 30 Jahren. Das Vorhaben wurde von Gegnern (Friends of the Earth) vor Gericht angefochten. Richter Holgate erklärte die Entscheidung, das Bergwerk zu genehmigen, für „rechtlich fehlerhaft“.