Die Theoretische Psychologie hat das Ziel, die auf den verschiedenen Gebieten der Psychologie entwickelten einzelnen Theorien in einer übergeordneten Sichtweise zusammenzufassen, möglichst zu einer Metatheorie der Psychologie zu vereinheitlichen und dabei metawissenschaftlich die bestehenden Probleme und Kontroversen zu analysieren. Daneben kann Theoretische Psychologie in allgemeinster Weise die abstrakten theoretischen Prinzipien im Unterschied zur Empirie und zur Praxis der Angewandten Psychologie meinen.

Geschichte Gustav Theodor Fechner und Wilhelm Wundt, die einflussreichen Gründergestalten der Psychophysik bzw. der Experimentellen Psychologie, setzten sich mit der traditionellen philosophischen und der spekulativen Psychologie auseinander und diskutierten die Möglichkeiten und Grenzen einer empirischen, auch experimentell vorgehenden und messenden Psychologie (Carl Gustav Carus, 1808; Friedrich Albert Lange, 1866; Ludwig, J. Pongratz, 1967; Eckart Scheerer, 1995; Wolfgang Schönpflug, 2013; Harald Walach, 2013). Wundt und die Psychologen seiner Zeit verwendeten jedoch noch nicht die Begriffe Theoretische Psychologie und Wissenschaftstheorie (Fahrenberg, 2015). Insbesondere Wundt entwickelte eine umfassende und wissenschaftstheoretisch anspruchsvolle Grundlegung der Psychologie, ihrer Erkenntnismöglichkeiten und Fragestellungen, Prinzipien und Methoden. Zu dieser Bestimmung der Psychologie als neue Disziplin in den Wissenschaftslandschaften um 1900Paul Ziche: Wissenschaftslandschaften um 1900: Philosophie, die Wissenschaften und der nichtreduktive Szientismus. Chronos, Zürich 2008, ISBN 978-3-0340-0877-8. gehörten die Definition der Psychologie, ihre Abgrenzung von der Philosophie und von der Physiologie (Neurophysiologie), eine eigenständige Methodenlehre sowie die erste Diskussion über Grundlagenforschung und Angewandte Psychologie.Wilhelm Wundt: Über reine und angewandte Psychologie. In: Psychologische Studien. 5, 1909, S. 1–47. Während Wundt die Verbindung der Psychologie zur Philosophie für unverzichtbar hielt, weil bei einer Trennung nur jeder Psychologe seine eigene Metaphysik entwickeln würde, forderten andere eine institutionelle und fachliche Eigenständigkeit.Wilhelm Wundt: Die Psychologie im Kampf ums Dasein. Kröner, Leipzig 1913.Nicole Schmidt: Philosophie und Psychologie. Trennungsgeschichte, Dogmen und Perspektiven. Rowohlt, Reinbek 1995, ISBN 3-499-55556-5. Im Unterschied zu Wundts perspektivischer Sicht, die erkenntnistheoretisch dem Komplementaritätsprinzip ähnlich ist, folgten viele der bedeutenden Psychologen entweder einem naturwissenschaftlich orientierten Wissenschaftsverständnis oder der Idee einer Verstehenden Psychologie.

Für die entstehende Theoretische Psychologie und die Psychologie als akademische Disziplin waren Abgrenzungen nach verschiedenen Seiten wichtig:Siehe die Vorbereitungen der ersten Internationalen Kongresse. Mark R. Rosenzweig, W. H. Holtzman, M. Sabourin, D. Belanger (Hrsg.): The History of the International Union of Psychological Science (IUPsyS). Psychology Press, Hove, East Sussex 2000. von den traditionellen metaphysischen Themen und den Fragen nach einer unsterblichen Seele, nach den Seelenvermögen (Vermögenspsychologie) und nach der Geistigkeit des Menschen sowie nach dem Leib-Seele-Problem; von Spiritismus und Esoterik; von einer extrem idealistischen Sicht, welche die Priorität des geistigen Seins und Bewusstseins postuliert (erkenntnistheoretischer Idealismus, Empiriokritizismus); von einer extrem materialistischen Sicht, welche die Bewusstseinsvorgänge nur als sekundäre Eigenschaften der zugrundeliegenden Hirnphysiologie auffasst und nur objektive Daten als Basis einer empirischen Wissenschaft akzeptiert (Epiphänomenalismus, radikaler Positivismus).

In diesen Anfängen sind bereits wichtige Aufgaben der Theoretischen Psychologie zu erkennen: die Definition der Psychologie mit den Konsequenzen für die Fragestellungen und die Methodik; die Verbindung oder die Trennung von Psychologie und Philosophie; die Untersuchung der verschiedenen Richtungen und Kontroversen der Psychologie; die Kriterien der Wissenschaftlichkeit.

Bereits um die Jahrhundertwende 1900 existierten verschiedene Hauptrichtungen der empirischen Psychologie und Auseinandersetzungen über die philosophischen Voraussetzungen, über die passende Definition und über die adäquate Methodik der Psychologie. Viele dieser Kontroversen bestehen weiterhin (Fahrenberg 2015; Scheerer 1995; Schönpflug 2013; Walach 2013). Einerseits gab es den Begriff Psychologie ohne SeeleFriedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Baedeker, Iserlohn, 1866, S. 464 f.Gerd Jüttemann (Hrsg.): Psychologie als Humanwissenschaft. Ein Handbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-46215-8. und auf der anderen Seite das Beharren auf Psychologie als „Seelenwissenschaft“.Felix Krueger: Eröffnung des XIII. Kongresses. Die Lage der Seelenwissenschaft in der deutschen Gegenwart. In: O. Klemm (Hrsg.). Bericht über den XIII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Leipzig vom 16.-19. Oktober 1933. Fischer, Jena 1934, S. 6–36.Albert Wellek: Psychologie. Franke, München 1962. Christlich orientierte Psychologen kritisierten scharf, dass von einigen der Experimentalpsychologen die Seele verleugnet werde.Joseph Geyser: Lehrbuch der allgemeinen Psychologie. Schöningh, Münster 1912.Constantin Gutberlet: Die Psychologie ohne Seele. In: Philosophisches Jahrbuch. 21 (1), 1888, S. 145–176.Constantin Gutberlet: Der Kampf um die Seele. Kirchheim, Mainz 1903. Entsprechende Kritik gab es an Sigmund Freud. Heute werden wahrscheinlich viele Psychologen, auch die weltanschaulich gebundenen, diese Grundfragen nach der Seele und nach der Bestimmung des Menschen an die Philosophische Anthropologie, die Metaphysik oder die Religion verweisen.Eckart Scheerer: Seele. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer (Hrsg.). Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, S. 54–89.Gerd Jüttemann (Hrsg.): Psychologie als Humanwissenschaft. Ein Handbuch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-46215-8.Gerd Jüttemann (Hrsg.): Die Entwicklung der Psyche in der Geschichte der Menschheit. Pabst Science Publishers, Lengerich 2013, ISBN 978-3-89967-859-8.

Definitionsproblem der Psychologie Die Psychologie steht im Grenzgebiet mehrerer Disziplinen: der Philosophie, Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften, Kulturwissenschaften, Biologie, Physiologie, Medizin. Ihrem Programm nach steht sie sogar im Zentrum der Humanwissenschaften, denn sie ist mehr noch als andere Disziplinen darauf angelegt, die Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Perspektiven zu erfassen und in forschender und berufspraktischer Hinsicht zu berücksichtigen. Die grundsätzlichen Schwierigkeiten jeder Theoretischen Psychologie zeigen sich bereits beim Versuch, die Psychologie als eigenständige Disziplin zu definieren.

In ähnlichen Aufzählungen wird anstelle des Erlebens häufig das Bewusstsein genannt, außerdem zwischen reaktivem Verhalten und absichtlichen Handlungen unterschieden; eventuell wird noch auf die Grundlagen in der Biologischen Psychologie (Neurowissenschaften, Psychophysiologie) hingewiesen. Die ursprüngliche inhaltliche Definition der Psychologie als Lehre von der Seele des Menschen wird nicht mehr erwähnt, ebenso wenig wie die durch ihre Mehrdeutigkeit ähnlich belasteten Folgebegriffe Psychisches, Geist, Mentales. Auch Lehrbücher und LexikaMarkus A. Wirtz (Hrsg.): Dorsch Lexikon der Psychologie. Huber, Bern 2013, ISBN 978-3-456-85460-1. belassen es regelmäßig bei ähnlichen Aufzählungen anstelle einer expliziten Definition der Psychologie durch Angabe des Oberbegriffs und der spezifizierenden Merkmale, etwa: „Psychologie ist eine Humanwissenschaft, die ...“

Der Hauptstrom der Psychologie wird in Deutschland durch die Fachgesellschaften DGPs und BDP sowie die Prüfungsordnungen der Hochschulen bestimmt. Es gab Abspaltungen – wie in der Neuen Gesellschaft für Psychologie (siehe auch Klaus Holzkamps Kritische Psychologie und die Subjektwissenschaft) – und problematische Versuche zur Integration der Psychoanalyse bzw. Tiefenpsychologie. Von außen betrachtet ist das Definitionsproblem ein Diagnostikum des Pluralismus der Theorien und Methoden sowie der tiefreichenden Gegensätze. Wenn es an einer breit akzeptierten Definition der Psychologie mangelt, sind die Gründe für diesen Zustand zugleich Kernthemen der Theoretischen Psychologie. – Auch die wissenschaftstheoretischen Auffassungen sind sehr heterogen. Wäre nicht eine Metatheorie der diversen Wissenschaftstheorien der Psychologie ein notwendiger erster Schritt auf dem Wege zu einer Metatheorie?

Anfänge der Theoretischen Psychologie Die Theoretische Psychologie von Johannes Lindworsky (1922/1926), Jesuit und Psychologie-Professor, ist das erste deutschsprachige Buch mit diesem Titel. Einleitend bezeichnet Lindworsky die Experimentelle Psychologie als Hilfswissenschaft der Philosophie und grenzt sie von der Philosophie ab, insbesondere von der Frage nach der Seele und ihren charakteristischen Eigenschaften.

Auch der bekannte Experimentalpsychologe Richard Pauli forderte in seinen nach 1930 entstandenen Entwürfen zu einer Theoretischen Psychologie, dass sie analog zur Theoretischen Physik zu entwickeln sei (Holzapfel, 1995).

Nach einer tiefgehenden Wendung seiner Interessen von der Experimentalpsychologie zur Philosophie und Religion hob Pauli als Grundfragen das Leib-Seele-Problem, die Unsterblichkeit der Seele und die Existenz Gottes hervor und erörterte, inwieweit naturwissenschaftliche Erkenntnisse Hinweise auf die Gültigkeit verschiedener Hypothesen, zumindest auf „Möglichkeiten“ geben könnten.

Krise der Psychologie