mini|Geräte für den Sportunterricht: Kasten und Weichboden

Sportunterricht (auch Bewegungsunterricht, Lernbereich Bewegung, Spiel und Sport oder verkürzt Sport, veraltet: Leibeserziehung oder Turnen) ist eine fachlich ausgerichtete Ausbildungsform. Er wird in Schulen durch akademisch ausgebildete Lehrer und in Sportvereinen durch Trainer bzw. Übungsleiter praktiziert. Sportunterricht ist in den meisten europäischen Ländern verbindliches Schulfach und in speziellen Lehrplänen mit eigenen Zielen, Inhalten und Methoden ausgewiesen.Arnd Krüger (Hrsg.): Leibesübungen in Europa 1 / Die Europäische Gemeinschaft. Arena Publ, London 1985, ISBN 0-902175-42-4; Arnd Krüger, Else Trangbæk (Hrsg.): The history of physical education & sport from European perspectives. University of Copenhagen, Copenhagen 1999, ISBN 87-89361-69-5.

Sportunterricht entwickelte sich seit den 1970er-Jahren von einem reinen „Bewegungsfach“ und einem „Unterricht der Sportarten“ hin zu einem an der motorischen Entwicklung (Bewegung, Spiel und Sport) ausgerichteten, ganzheitlich fordernden und fördernden Unterricht. Er will einen körperlichen Ausgleich zum primär sitzend ausgeübten Unterricht bieten, darüber hinaus aber auch einen grundsätzlichen Beitrag zur körperlichen, geistigen, sozialen und emotionalen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen leisten.

Sportunterricht ist der verbindliche Teil des Schulsports. Schulwettkämpfe, Arbeitsgemeinschaften, Pausensport u. a. werden zum außerunterrichtlichen Schulsport gezählt.

Bedeutung

Die hohe gesellschaftliche Bedeutung des Sportunterrichts drückt sich in Verlautbarungen aller Parteien und der Sportorganisationen aus. 2004 war das Europäische Jahr der Erziehung durch Sport (Europäische Kommission), 2005 das von der UNO ausgerufene Internationale Jahr des Sports und der Sporterziehung.

Fast zwei Drittel aller Schüler in Deutschland halten den Sportunterricht – bei geringen Unterschieden der beiden Geschlechter – für wichtig bzw. sehr wichtig. Nur 13 % erklären ihn für unwichtig. Allerdings lässt die Bedeutung für sie mit zunehmendem Alter nach. Für die Jungen und Mädchen ist der Sportunterricht in der Schule genauso wichtig wie Aktivitäten in der Freizeit und wichtiger als der Sport im Verein.Deutscher Sportbund (Hrsg.): DSB-Sprint-Studie - Sportunterricht in Deutschland; Eine Untersuchung zur Situation des Schulsports in Deutschland. Meyer und Meyer, Aachen 2006, ISBN 3-89899-191-1, Online Volltext

Schulleiter schätzen den Schulsport bisweilen vor allem, weil er zur positiven Außendarstellung der Schule beiträgt. Bei Investitionen wird das Fach gleichrangig mit anderen Fächern behandelt.

Mehr als 80 % der Eltern in Deutschland betonen die Bedeutung des Sportunterrichts für die Entwicklung ihrer Kinder. Darin sind sich Väter und Mütter weitestgehend einig. Obwohl das Elternurteil über den Sportunterricht sehr positiv ausfällt, sind etwa 20 % der Eltern nicht über die konkreten Zielsetzungen, Methoden und Bedingungen vor Ort informiert. Dies zeigen auch leichtfertig ausgestellte Freistellungsanträge und Atteste. Kontakte zum Sportlehrer sind selten, belastbare Aussagen daher nicht möglich.

Pädagogische Konzepte und Bildungsziele

Entwicklungsförderung durch Bewegung, Spiel und Sport und die Erschließung der Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur können als eine zentrale Leitidee des Schulsports angesehen werden.

Angesichts des stetig wachsenden Bewegungsmangels bei Kindern und Jugendlichen ist Sport für den Gesundheitszustand der Schüler besonders wichtig. Darüber hinaus rücken aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse die engen Verbindungen von muskulärer Tätigkeit und Bewegung einerseits sowie Gehirnaktivität und kognitiver Entwicklung andererseits in den Blickpunkt pädagogischer Bemühungen.Siegbert Warwitz: Zur kognitiven Komponente im Sozialisationsprozess. In: Ausschuss Deutscher Leibeserzieher (Hrsg.): Sozialisation im Sport. VI. Kongress für Leibeserziehung in Oldenburg 1973. Verlag Hofmann, Schorndorf 1974, S. 366–371.

Historische Betrachtungen gesellschaftspolitischer Veränderungen und didaktischer Prioritäten sollen eine kritische Einstellung z. B. zum Dopingproblem, zur einseitigen Leistungsausrichtung oder zu Formen des passiven Sportkonsums wecken sowie Kenntnisse über die vielseitigen aktivierenden Möglichkeiten des Sports im Freizeit- und Leistungsbereich befördern.

Der pädagogische Anspruch, der damit an den Sport und andere Bewegungs- und Spielformen herangetragen wird, ist vielfältig: Der Sportunterricht sollte inhaltlich, methodisch und vom Umfang her so ausgerichtet sein, dass er alle Schüler erreicht und motiviert und zugleich berücksichtigt, dass nicht alle Schüler gleichermaßen talentiert sind. Er sollte daher auch in geeigneter Weise auf Schwächen eingehen und auch Interesse bei denjenigen wecken, die sportlicher Betätigung distanziert gegenüberstehen.

Erziehender Sportunterricht und Mehrperspektivität

Der erziehende Sportunterricht verfolgt die pädagogische Leitlinie, dass Sportunterricht einen Doppelauftrag erfüllen soll:Landesinstitut für Schulentwicklung Baden-Württemberg: Bildungsplan Sport Sport Orientierungsstufe 2015. Arbeitsfassung zur Erprobung. Stuttgart 2013, S. 2, (Volltext) Durch eine Erziehung zum Sport soll den Schülern Bewegung als Lebensprinzip bewusst gemacht und eine Motivation zu lebenslangem Sporttreiben geschaffen werden. Dazu werden grundlegende motorische Fertigkeiten, Kenntnisse und Einstellungen vermittelt.Landesinstitut für Schulentwicklung Baden-Württemberg: Bildungsstandard Sport Gymnasium 2004. S. 300, (Volltext) Erziehung im und durch Sport bedeutet eine altersgemäße Förderung von Gesundheitsbewusstsein und Fitness. Individuelle Leistungsfortschritte und Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit sollen zu einem positiven Körpergefühl und zur Stärkung der Persönlichkeit führen. Dies steht vor dem Hintergrund einer Umwelt, die den Schülern immer weniger natürliche Bewegungsanlässe und Bewegungsmöglichkeiten bietet.

Dem erziehenden Unterricht wird in den Sportlehrplänen in Deutschland inzwischen ein hoher Stellenwert zugemessen. Er kann durch einen mehrperspektivischen Unterricht und mehrdimensionales Lernen umgesetzt werden, bei dem es unter anderem folgende pädagogische Ansatzpunkte gibt: Wahrnehmungsfähigkeit verbessern und Bewegungserfahrungen erweitern sich körperlich ausdrücken und Bewegungen gestalten etwas wagen und verantworten das Leisten erfahren und reflektieren gemeinsam handeln, wettkämpfen und sich verständigen Fitness verbessern und Gesundheitsbewusstsein entwickeln

Kompetenzorientierung

mini|Die Trendsportart Parkour im Schulsport

Kompetenzorientierter Sportunterricht ist Unterricht, der bewusst und geplant Bewegung und Bewegungslernen ermöglicht und zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortung erzieht.

In entsprechenden Lernsituationen werden motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten, sportbezogenes Wissen sowie weitere fachübergreifende Kompetenzen entwickelt. Dies führt zum Erwerb einer umfassenden Handlungskompetenz.

Die zu vermittelnden Kompetenzen werden in den Bildungsplänen der Bundesländer unterschiedlich eingeteilt, in Baden-Württemberg wurde mit dem Bildungsplan 2016 folgende Einteilung gemacht: Bewegungskompetenz: alters- und entwicklungsgemäße konditionelle Anforderungen bewältigen, koordinative Fähigkeiten und technische Fertigkeiten anwenden Bewegungen gestalten und sich durch Bewegung ausdrücken grundlegendes Fachwissen (zum Beispiel taktische Kenntnisse) in sportlichen Handlungssituationen anwenden und sachgerecht nutzen

Reflexions- und Urteilskompetenz: durch die Analyse sportlicher Handlungssituationen verschiedene Sinnrichtungen des Sports erkennen aufgrund ihrer sportpraktischen Erfahrungen und fachlichen wie methodischen Kenntnisse eigene Positionen zu verschiedenen Sinnrichtungen sportlichen Handelns entwickeln das eigene sportliche Handeln selbstbestimmt steuern Personalkompetenz: ein realistisches Selbstbild entwickeln aus den eigenen sportlichen Stärken und Schwächen kurz- und mittelfristige Ziele ableiten und dafür ausdauernd üben die Bedeutung von Bewegung für das eigene Wohlbefinden und die Gesundheit einschätzen und gesundheitsbewusst handeln physische und psychische Auswirkungen ihres Bewegungshandelns, zum Beispiel Entspannung oder Fitness, wahrnehmen und verstehen eigene Emotionen und Bedürfnisse in sportlichen Handlungssituationen wahrnehmen und regulieren in sportlichen Handlungssituationen ihre Aufmerksamkeit steuern Sozialkompetenz: Mitschülerinnen und Mitschüler beim sportlichen Handeln unterstützen und ihnen verlässlich helfen wertschätzend miteinander umgehen und andere integrieren bei der Lösung von Konflikten die Interessen und Ziele aller Beteiligten berücksichtigen in Übungs- und Wettkampfsituationen verantwortungsvoll handeln, zum Beispiel Regeln und Vereinbarungen einhalten den Unterschied zwischen fairem und unfairem Handeln erkennen und sich selbst fair verhalten – auch bei Erfolgs- und Misserfolgserlebnissen bei sportlichen Aktivitäten kommunizieren, kooperieren und konkurrieren in sportlichen Handlungssituationen (zum Beispiel bei der Organisation von Wettkämpfen) unterschiedliche Rollen und Aufgaben übernehmen und reflektieren

Bei der Planung von kompetenzorientiertem Sportunterricht muss der Lehrer dabei versuchen, folgende Aspekte zu beachten: Problemorientierung: Fachinhalte werden nicht nur vermittelt, sondern auch problematisiert. Es wird systematisch an Bewegungsproblemen und Sinnfragen gearbeitet. Klare Zielvorgabe: Die Lernziele sind jederzeit präsent. Offenheit und Mitgestaltungsmöglichkeit: Die Schüler haben individuelle Entscheidungsspielräume und können selbsttätig arbeiten. Individuelle Verantwortlichkeit für den eigenen Lernerfolg: Die Schüler sind für ihren Lernerfolg und das Ergebnis mitverantwortlich. Prozesshaftigkeit und Nachhaltigkeit: Der Unterricht wird in sogenannten „Unterrichtseinheiten“ über mehrere Wochen geplant, nicht in Form von Einzel- und Doppelstunden. Inhalte müssen immer wieder geübt und vertieft werden. Sie müssen vernetzt sein, so dass es nicht zu einer beliebigen Aneinanderreihung von Themen kommt. Taktische Elemente werden zum Beispiel in verschiedenen Sportarten aufgegriffen, Bewegungselemente werden in verschiedenem Kontext eingeübt. Ganzheitlichkeit: Sportunterricht soll nicht nur körperlich, sondern auch geistig, emotional und sozial beanspruchen und fördern. Zudem wird Sport nicht nur unter dem Aspekt der Leistung unterrichtet, sondern berücksichtigt auch weitere Aspekte wie Spiel, Spaß, Gesundheit, Gemeinschaft, Kooperation. Reflexion: Die Schüler müssen ihr Handeln durchdenken, sich mit dem Lernstoff und den Lernprozessen auseinandersetzen und daraus Hinweise für ihr weiteres Tun ableiten. Schülerorientierung: Die Planung erfolgt danach, was die Schüler schon können, was sie besonders interessiert, zu welchen (auch individuell unterschiedlichen) Zielen man sie führen will und wie sie Gelegenheit bekommen, sich dazu zu äußern. Differenzierung / Individualisierung: Der Unterricht gibt jedem Schüler die Möglichkeit, im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas zu erreichen. Er ist integrierend und nicht selektierend.

Merkmale eines guten Sportunterrichts

Der Sportpädagoge Ulf Gebken nennt folgende 10 Merkmale eines guten Sportunterrichts:Ulf Gebken: Gütekriterien des Sportunterrichts, abgerufen am 20. Februar 2014.

Strukturiertheit (= klare Strukturierung des Lehr-Lernprozesses) Optimale Nutzung der zur Verfügung stehenden Zeit Lange Einbindung der Schüler in motorische Aktivitäten (= Ausweitung des Anteils „echter“ Bewegungszeit der Schülerinnen und Schüler) Methodenvielfalt (= Berücksichtigung der Lernvoraussetzungen und Vermittlung von Methodenkompetenz) Stimmigkeit der Ziele, Inhalte und Methoden Unterrichtsklima (= Schaffung einer lernförderlichen, positiven Arbeitsatmosphäre)