Die Luftangriffe auf Halle (Saale) im Zweiten Weltkrieg waren, im Gegensatz zu den meisten anderen Großstädten des Deutschen Reiches, keine ausgesprochenen Flächenbombardements mit dem Ziel der Vernichtung des Wohnungsbestandes. Trotzdem waren in Halle (Saale) und dem städtischen Umland am Kriegsende 3.600 Gebäude mit 13.600 Wohnungen (von 66.000 vorhandenen) und 400 gewerbliche Betriebsstätten zerstört oder schwer beschädigt.Werner Piechocki: Eine Chronik der Fliegerangriffe auf Halle. 1955.Ernst-Ludwig Bock: Halle im Luftkrieg. 2002, S. 5.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. 1990, S. 448. Wertvolle Kulturbauten gingen verloren. 300.000 Kubikmeter Schutt waren zu beseitigen. Der materielle Schaden wurde auf 90 Millionen Reichsmark geschätzt. Von den NS-Behörden wurden insgesamt 1.284 Bombenopfer angegeben, diese Zahl ist jedoch nicht vollständig.Ernst-Ludwig Bock: Halle im Luftkrieg 1939–1945. Halle 2002, S. 5,6.
Nach drei leichteren Attacken der britischen Royal Air Force (RAF) im Jahre 1940 flogen die United States Army Air Forces (USAAF) im Zeitraum von Juli 1944 bis April 1945 sieben größere Luftangriffe auf die Stadt. Insgesamt 1.024 Bomber der 8th Air Force warfen zusammen über 2.600 Tonnen Bombenlast ab.
Am 16. April 1945, dem Tag vor der Besetzung Halles durch Truppen der US-Armee, erfolgte noch Artilleriebeschuss und die Drohung mit einem vernichtenden Bombengroßangriff.
Luftschutz mini|Luftschutzbunker (etwa 1941) in Wohngegend von Halle (2016)
Seit 1935 bestand für alle Bürger eine „Luftschutz-Pflicht“. Dazu gehörte besonders die Schulung zur Selbsthilfe. Schutzräume in Wohnhäusern, öffentlichen Einrichtungen und Betrieben mussten eingerichtet werden. Im Süden von Halle entstand 1937 in Wörmlitz eine Flak-Kaserne für das Flak-Regiment 33.Matthias J. Maurer: Our Way to Halle. 2001, S. 11–13. Halle wurde mit einem Gürtel von schweren Flak-Batterien des Mitteldeutschen Flakgürtels umgeben. Im Oktober 1940 wurde für 79 deutsche Städte das „Führer-Sofortprogramm“ zur Schaffung von Luftschutzräume ins Leben gerufen. Dazu gehörte auch das als besonders schutzwürdig eingestufte Halle im Luftgau IV Halle-Merseburg.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Berlin 1990, S. 243. Von da an entstanden stadtweit 14 Luftschutzbunker, der größte unter dem Platz der SA (heute Georg-Schumann-Platz), ein anderer, sehr großer Tiefbunker mit 80 cm dicken Stahlbetonwänden, unter dem Universitätsplatz. Für die in der Nähe der Siebel Flugzeugwerke lebende Bevölkerung gab es einen Bunker Helmut-Just-/Ecke Klopstock-Straße. In der Seebener Straße, an den Klausbergen, wurde 1943 unter Einsatz britischer und ukrainischer Kriegsgefangener, ein sehr großer Luftschutzbunker gebaut. Weitere Bunker befanden sich in den anderen Wohngebieten, so an der Merseburger Straße, der Damaschke-Straße und am Riveufer.
Vom 8. September 1939 bis zur Kapitulation von Halle am 17. April 1945 musste 553 mal Fliegeralarm ausgelöst werden,Matthias J. Maurer: OUR Way to Halle. 2001, S. 14. meist bei Über- oder Vorbeiflügen alliierter Bomberverbände – nicht zuletzt wegen der Nachbarschaft zu den Leunawerken und anderen mitteldeutschen Industrieanlagen. Die Bevölkerung musste oft stunden- und nächtelang in den Schutzräumen ausharren. Der 200. Alarm erfolgte am 23. März 1944, der 350. vor Weihnachten 1944, der 501. am 31. März 1945 und der 553. am 16. April 1945.Werner Piechocki: Eine Chronik der Fliegerangriffe auf Halle. 1955.
Die Angriffe mini|250px|Amerikanische strategische Bomber B-24 Liberator in Formation mini|250px|Amerikanische B-17 „Flying Fortress“ beim Bombenwurf mini|Amerikanische Jagdbomber P-38 Lightning mini|Amerikanischer Jagdbomber Thunderbolt
Obwohl Halle in den Angriffsplanungen des RAF Bomber Command regelmäßig als Ziel vorgesehen war,Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Berlin 1990, S. 22, 35, 62, 332, 356, 366, 383, 385, 389, 432. kam es nur 1940 zu zwei nächtlichen Bombenabwürfen auf die Stadt mit dem Decknamen „Pickerel“ (Grashecht). Der Stellvertreter von Arthur Harris, Oberbefehlshaber des Bomber Command, war Air Vice-Marshal Robert Saundby. Der begeisterte Angler versah alle in Auswahl kommenden deutschen Städte mit einem „Fish code“.Fish code names, (britisches Original, PDF; 292 kB), deutsche Übersetzung (PDF; 214 kB), Auf: bunkermuseum.de (Bunkermuseum Emden), abgerufen am 23. Oktober 2017. Die sieben mittelschweren bis schweren Angriffe auf Halle erfolgten dann von Juli 1944 bis April 1945 durch die 8th Air Force der US-amerikanischen Streitkräfte, alle am Tage. Die begleitenden Jagdflugzeuge betätigten sich, bei erlahmender deutscher Luftabwehr, auch zunehmend als Tiefflieger bzw. Jagdbomber.
Die einzelnen Angriffe Diese Zusammenstellung stützt sich auf die unter „Literatur“ angeführten Schilderungen von Bock, Freeman, Groehler und Piechocki.
16./17. August 1940: Gegen 2.00 Uhr nachts griff die RAF militärische Anlagen in der Umgebung von Halle mit Spreng- und Brandbomben an. Es entstanden Schäden an Wohnhäusern und Werkstätten. Opfer waren nicht zu beklagen.Werner Piechocki: Eine Chronik der Fliegerangriffe auf Halle. 1955.
28./29. August 1940: in dieser Nacht fielen britische Brand- und Sprengbomben auf ein Wohnviertel in Halle (Giebichen-Schule, Trift- und Große Brunnenstraße) und beschädigten es schwer. Zwei Personen wurden getötet und zwei schwer verletzt.Ernst-Ludwig Bock: Halle im Luftkrieg. 2002, S. 19.
20./21. November 1940: Britische Brandbomben wurden in größerer Zahl auf den Süden Halles, rund um den Wasserturm, geworfen. Zerstörungen entstanden an der Blindenanstalt und an Wohngebäuden. Angaben über Opferzahlen wurden nicht gemacht.Ernst-Ludwig Bock: Halle im Luftkrieg. 2002, S. 21.
28. Mai 1944: Ein im Kriegstagebuch der 8th Air Force erwähnter Angriff von 66 Bombern vom Typ B-24 „Liberator“ mit 155 Tonnen Bombenlast auf Lützkendorf (Krumpa) und Halle betraf wohl nur das Hydrierwerk Lützkendorf, jedenfalls wird er von Bock und Piechocki für Halle nicht erwähnt.Roger A. Freeman: Mighty Eighth War Diary. 1981, S. 252.
7. Juli 1944: 64 schwere B-24 Bomber der 1st Bombardment Division der 8th Air Force, begleitet von starker Jägereskorte (Lightnings, Thunderbolts, Mustangs) warfen 156 Tonnen Bomben auf die im Norden Halles gelegenen Siebel Flugzeugwerke. Diese wurden getroffen, doch auch Wohngebiete im Stadtteil Frohe Zukunft schwer mitgenommen. 16 Tote wurden registriert.Ernst-Ludwig Bock: Halle im Luftkrieg. 2002, S. 30.Werner Piechocki: Eine Chronik der Fliegerangriffe auf Halle. 1955.
16. August 1944: Die 1st Bombardment Division der 8th Air Force griff mit 60 B-17 „Flying Fortress“ und starker Eskorte von Jagdflugzeugen erneut die Siebel-Flugzeugwerke als „Primärziel“ an, die nahezu völlig zerstört wurden. Wieder wurden auch Wohngebiete bombardiert. Zusammen mit dem 7. Juli waren über 10 Straßen betroffen. Die Heilandskirche brannte aus. Auf dem Gertraudenfriedhof entstanden eine große Anzahl Bombentrichter, Gräber wurden aufgewühlt, die Gärtnerei und Verwaltungsgebäude gingen in Trümmer. Vor dem Friedhof traf eine Bombe den Unterstand einer Gärtnerei, 11 Tote waren hier zu beklagen. Auf der offiziellen Trauerfeier wurde verkündet, dass es „23 Opfer des Terrorangriffs auf ein Wohnviertel unserer Stadt“ gegeben habe.Ernst-Ludwig Bock: Halle im Luftkrieg. 2002, S. 30.Werner Piechocki: Eine Chronik der Fliegerangriffe auf Halle. 1955.
2. November 1944: 23 B-17 der 3rd Bombardment Division mit 57 Tonnen Bombenlast und Jägereskorte (Lightnings, Mustangs) flogen einen „leichteren Angriff“ auf Halle. Ein Flügel der als Hilfslazarett dienenden Pestalozzi-Schule wurde zerstört.Ernst-Ludwig Bock: Halle im Luftkrieg. 2002, S. 33. Angaben über Todesopfer wurden nicht gemacht.
25. November 1944: In den Mittagsstunden erfolgten Bombenabwürfe auf das Süd- und das Ostviertel Halles. Schäden entstanden in über sieben Straßen. Bei einer Trauerfeier auf dem – ebenfalls betroffenen – Südfriedhof wurden 29 Opfer (beider November-Angriffe?) genannt.Ernst-Ludwig Bock: Halle im Luftkrieg. 2002, S. 34.
19. Februar 1945: zum ersten Mal erscheinen Tiefflieger über der Stadt.Werner Piechocki: Eine Chronik der Fliegerangriffe auf Halle. 1955.
27. Februar 1945: Den bis dahin schwersten Angriff auf Halle als „Primärziel“ führten kurz nach dem Alarm um 12.30 Uhr 314 schwere Bomber des Typs B-24 Liberator der 2nd Air Division mit 723 Tonnen Spreng- und Brand-Bomben durch, in Begleitung durch Jagdflugzeuge. Besonders die Bahnhofsgegend und die Südstadt waren betroffen. Tagelang wüteten in diesen Stadtteilen Brände. Für längere Zeit fielen dort Strom und Wasserversorgung aus. 312 Opfer wurden auf dem Südfriedhof bestattet, eine unbekannte Zahl weiterer auf dem Gertraudenfriedhof.Ernst-Ludwig Bock: Halle im Luftkrieg. 2002, S. 35.
31. März 1945 (Karsamstag): an diesem Tag erfolgte der schwerste Angriff auf Halle als „Sekundär-Ziel“ durch die 1st Air Division mit 369 B-17 und Abwurf von 1.069 Tonnen Spreng- und Brandbomben, sowie starker Jägerbegleitung (Mustangs). Voraus ging um 8.55 Uhr der 501. Luftalarm in Halle. Betroffen war besonders der Umkreis des mit Flüchtlingen überfüllten Hauptbahnhofs, die Innenstadt und die Südstadt. Zahlreiche öffentliche Gebäude, bekannte Geschäftshäuser und Hotels verschwanden aus dem Stadtbild oder wurden beschädigt. Dazu gehörten am Riebeckplatz die Hotels „Goldene Kugel“, „Europa“, „Weltkugel“, „Hohenzollernhof“ und „Riebeckbräu“, in der Leipziger Straße das Geschäftshaus „Ritterhaus“. Zu den (teil)zerstörten Kulturbauten gehörten das Alte Rathaus, die Ratswaage und der Festsaal im Hauptgebäude der Franckeschen Stiftungen sowie das Wohnhaus von A. H. Francke. Unter dem Gymnasium der Stiftung wurden 45 Jungen verschüttet, die nur noch tot geborgen werden konnten. Die Christuskirche in der Freiimfelder Straße wurde getroffen, im Stadtgottesacker wurden viele Gräber aufgewühlt und die Rundbogen von Nickel Hoffmann durchsiebt. Industrieanlagen waren weniger betroffen: eine Eisengießerei und eine Maschinenfabrik. Noch tagelang lag Brandgeruch und Staub über der Stadt. 796 Tote und 369 Schwerverletzte mussten gezählt werden. Für diese Opfer und die des nächsten Angriffs am 6. April fand eine Trauerfeier auf dem Hof der Moritzburg am 8. April statt. In Unterlagen des Stadtarchivs Halle finden sich zum Teil höhere Angaben zu den Opferzahlen, als die von der Administration bekanntgegebenen. Der 31. März ging als „schwarzer Tag“ in das Gedächtnis der Hallenser ein.Werner Piechocki: Eine Chronik der Fliegerangriffe auf Halle. 1955.
6. April 1945: an diesem Tag griffen 183 schwere Bomber des Typs B-24 Liberator der 2nd Air Division die Stadt als „Primärziel“ mit 402 Tonnen Bombenlast an, dazu 11 B-17 der 1st Air Division mit 37 Tonnen Bomben. 218 Jagdflugzeuge (P-47 Thunderbolts, P-51 Mustangs) begleiteten die an diesem Tag auf Halle und Eisleben angesetzten schweren Bomber und betätigten sich als Tiefflieger. Besonders betroffen wurden Verwaltungsgebäude der Universität, das Reichsbahnausbesserungswerk, der Stadtteil Glaucha, doch auch Gartengebäude des Elisabeth-Krankenhauses und die Universitäts-Frauenklinik. Wie überall, waren Krankenhäuser und Lazarette mit den Zeichen des Roten Kreuzes auf den Dächern gekennzeichnet. Die offiziellen Opferzahlen lagen bei 106 Toten und 30 Schwerverletzten.
16. April 1945: Die Stadt lag unter amerikanischem Artilleriebeschuss, besonders die Bauten um den Marktplatz. Der Rote Turm, das Wahrzeichen der Stadt, brannte vollständig aus.