mini|Schlumpf Erwin Mord in der Werkausgabe des Limmat Verlages, 1995 Schlumpf Erwin Mord (frühere Ausgaben als «Wachtmeister Studer») ist der erste Wachtmeister-Studer-Roman des Schweizer Autors Friedrich Glauser. Der Krimi, geschrieben im Jahre 1935, behandelt einen Mord im fiktiven Dorf Gerzenstein und etablierte Glauser als Autor im Krimi-Genre.Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon. Band 6, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-476-04000-8, S. 288/289.

Romanbeginn Der Gefangenenwärter mit dem dreifachen Kinn und der roten Nase brummte etwas von «ewigem G'stürm», weil ihn Studer vom Mittagessen wegholte. Aber Studer war immerhin Fahnderwachtmeister von der Berner Kantonspolizei, und so konnte man ihn nicht ohne weiteres zum Teufel jagen. Der Wärter Liechti stand also auf, füllte sein Wasserglas mit Rotwein, leerte es auf einen Zug, nahm einen Schlüsselbund und kam mit zum Häftling Schlumpf, den der Wachtmeister vor knapp einer Stunde gebracht hatte.

Inhalt Ausgangslage Im Gerzensteiner Wald wird der Handelsreisende Wendelin Witschi erschossen aufgefunden. Schnell ist für die Dorfbewohner klar, wer der Täter sein muss: Der vorbestrafte Erwin Schlumpf, welcher in der ortsansässigen Baumschule arbeitet. Zudem hat er eine Beziehung mit der Tochter des Ermordeten. Nach seiner Flucht wird er von Wachtmeister Studer zur Untersuchungshaft ins Schloss Thun gebracht. Der Versuch des Tatverdächtigen, sich in der Zelle zu erhängen, wird im letzten Moment von Studer verhindert. Dieser hat Mitleid mit dem jungen Burschen und glaubt nicht an dessen Schuld.

Ermittlung Studer hat den Untersuchungsrichter davon überzeugt, dass die Frage der Täterschaft unklar ist, und reist deshalb nach Gerzenstein, um die Ermittlungen aufzunehmen. Während der nächsten vier Tage dringt er in den Mikrokosmos des Dorfes und seiner Bewohner ein und stellt bald fest, dass mehrere Personen in den Fall verwickelt sind. Bereits auf der Zugfahrt nach Gerzenstein trifft Studer auf Sonja Witschi, die Tochter des Ermordeten, welche ein Geheimnis mit dem Coiffeurlehrling Gerber zu teilen scheint. Auffällig verhält sich auch Sonjas Bruder Armin, der grossspurig im Dorf auftritt und ein Verhältnis mit der Kellnerin des Restaurants «Bären» hat. Der Besitzer der Baumschule, Gottlieb Ellenberger, wirkt zwielichtig und seine Arbeiter, ehemalige Kleinkriminelle, verbergen etwas. Im Laufe des ersten Tages findet Studer eine mögliche Tatwaffe und Patronenhülsen. Nach dem Abendessen lernt er den aalglatten Gemeindepräsidenten Emil Aeschbacher sowie den Gemeindeschreiber und Lehrer Schwomm kennen. Am zweiten Tag, einem Sonntag, besucht Studer das Dorffest, während dessen Verlauf er einen Telefonanruf vom Untersuchungsrichter erhält und zurückgerufen wird, da Schlumpf gestanden habe und somit der Fall gelöst sei. Der Wachtmeister glaubt nach wie vor an dessen Unschuld und besucht daraufhin die Witwe des Toten, Anastasia Witschi, um weitere Indizien für seine Theorie zu finden. Obwohl Studer dringend wegen einer Brustfellentzündung ins Spital müsste, findet er, mit Hilfe seiner beiden Freunde Korporal Murmann und Notar Hans Münch, weitere Beweise.

Auflösung Am dritten Tag seiner Ermittlungen bringt Wachtmeister Studer Sonja nach Thun und konfrontiert sie mit dem inhaftierten Erwin Schlumpf. Die beiden lassen sich durch Studers Beweise und Zureden zu ausführlichen Aussagen vor dem Untersuchungsrichter bewegen. Dabei bestätigt sich Studers Vermutung, dass es sich um einen tragischen Fall von Versicherungsbetrug handelt: Von Schulden und Verzweiflung geplagt, hat sich Wendelin Witschi in Absprache mit seiner Frau und seinem Sohn entschlossen, sich selbst ins Bein zu schiessen, um die Versicherungssumme für Invalidität für seine Familie zu bekommen. Aber der Schuss fiel tödlich aus. Und da bei Suizid das erhoffte Geld nicht ausbezahlt wird, sollte das Ganze als Raubüberfall dargestellt werden. Erwin Schlumpf wurde dazu überredet, nötigenfalls die Schuld auf sich zu nehmen; sollte die Familie Witschi dann das Geld bekommen haben, würde man ihn mit einem Anwalt aus dem Gefängnis holen und er dürfte Sonja heiraten.

Nachdem der Fall offiziell gelöst ist, bleiben Studer jedoch Zweifel. Aus seinen Untersuchungen weiss er, dass zwei Schüsse gefallen sind und schliesst daraus, dass Wendelin Witschi letztendlich doch ermordet wurde. Er entscheidet sich, trotz der sich verschlimmernden Brustfellentzündung, im Alleingang den einzigen in Frage kommenden Täter aufzusuchen und diesen zu stellen. Dabei kommt es zum dramatischen Finale, in dessen Verlauf Studer knapp einem tödlichen Autounfall entkommt und Witschis wahrer Mörder stirbt. Um dessen Familie zu schützen, behält Studer die Wahrheit für sich.

Entstehung mini|Psychiatrische Klinik Waldau 1934 verfiel Friedrich Glauser erneut seiner Morphiumsucht und begann daraufhin Rezepte zu fälschen. Dies führte dazu, dass er im März desselben Jahres in der Psychiatrischen Klinik (damals Irrenanstalt) Waldau interniert wurde. Das Protokoll der Eintrittsuntersuchung von Jakob Klaesi, dem damaligen Direktor der Anstalt (und Autor diverser Dramen und Lyrik), hielt unter anderem zu Glauser fest: «Moralischer Defekt. – Masslose Überheblichkeit bei so geringer Intelligenz, dass sie gerade für eine schriftstellerische Tätigkeit seiner Gattung [gemeint ist die Gattung des Kriminalromans] noch ausreicht.»Gerhard Saner: Friedrich Glauser – Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Zürich/Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-518-40277-3, S. 273.

Ende September 1934 wurde Glauser in die (zur Klinik gehörenden) offenen Kolonie «Anna Müller» bei Münchenbuchsee versetzt. Dort begann sich die Idee zu seinem zweiten Kriminalroman (nach Der Tee der drei alten Damen) zu konkretisieren. An seine damalige Lebensgefährtin Berthe Bendel (die er als Pflegerin in der Psychiatrischen Anstalt in Münsingen 1933 kennen gelernt hatte) schrieb er am 8. Februar 1935: «Ich hab eine längere Sache angefangen, die im Dorf Münsingen spielen soll, weisst, so eine Art Kriminalroman. Aber ich weiss nicht, ob was draus wird.»Bernhard Echte (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 2. Arche, Zürich 1988, ISBN 3-7160-2076-1, S. 7. Und am 12. März: «Aber den Studer, den du ja kennst, spielt die Hauptrolle. Ich möcht den Mann so ausbauen zu einem Typ von gemütlichem Schweizer Detektiv. Vielleicht wird das ganz lustig.» Im Mai begann Glauser dann mit der Schreibmaschinen-Niederschrift von Schlumpf Erwin Mord. Da er in der Kolonie täglich Feldarbeit zu verrichten hatte, konnte er daran lediglich an drei Nachmittagen pro Woche arbeiten. Bis zum August 1935 hatte er die 21 Kapitel in einem 198-Seitigen Typoskript niedergeschrieben.Friedrich Glauser: Schlumpf Erwin Mord. Zürich 1992, ISBN 3-293-20336-1, S. 244–246 (Nachwort von Walter Obschlager)

Biografischer Hintergrund Das Kindler Literatur-Lexikon schreibt zu Glausers Schaffen: «Glausers persönliche Erfahrungen aus jener Odyssee durch Besserungsanstalten aller Art (…), das Zusammenleben mit Deklassierten und Aussenseitern aller Art, gingen inhaltlich und atmosphärisch in fast alle seine Romane ein.»Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon. Band 6, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-476-04000-8, S. 289. Tatsächlich verarbeitete Glauser in seinen Texten beinahe ausnahmslos Schauplätze, Personen und Erlebnisse aus seiner eigenen Vergangenheit. Im Februar 1932 schrieb er diesbezüglich an seinen Freund Bruno Goetz aus den Asconeser Tagen: «Ich möcht gern einen neuen Roman schreiben, wo ich einmal selber nicht drin vorkomme.»Bernhard Echte (Hrsg.): «Man kann sehr schön mit dir schweigen» – Briefe an Elisabeth von Ruckteschell und die Asconeser Freunde 1919–1932. Nimbus, Wädenswil 2008, ISBN 978-3-907142-32-5, S. 160.

Figuren In Schlumpf Erwin Mord tauchen einige Charaktere aus Glausers bisherigem Leben auf:

In Witzwil lernte Glauser den Mithäftling Adolf Schreier kennen. Mit ihm arbeitete er nach der Entlassung bei Jakob Heinis in Liestal zusammen, bewohnte gemeinsam ein Zimmer und verwendete ihn bei der Niederschrift des ersten Studer-Romans sogar mit demselben Hauptnamen «Schreier». Für die Figur des alten Ellenbergers diente Glauser Jakob Heinis als Vorbild; dieser stellte ebenfalls ehemalige Sträflinge bei sich ein. Armin Witschi möchte gegen Ende des Romans in die Fremdenlegion flüchten. Glauser war von 1921 bis 1923 ebenfalls in der Fremdenlegion in Algerien und hatte dies ausführlich in seinem zu Lebzeiten unveröffentlichten Roman Gourrama beschrieben (geschrieben 1928–1930, publiziert 1940) Der Untersuchungsrichter in Schlumpf Erwin Mord scheint in seiner Engstirnigkeit eine Verkörperung der Schweizer Behörden zu sein, wie Glauser sie seit Jahren erlebte. Die Beschreibung des Erwin Schlumpf als Gestrauchelten und Opfer erinnert an Glauser selbst: «Der Schlumpf! Sicherlich kein wertvoller Mensch! Man kannte ihn auf der Kantonspolizei. Ein Unehelicher. Die Behörde hatte sich fast ständig mit ihm beschäftigen müssen. Sicher wogen die Akten auf der Armendirektion mindestens anderthalb Kilo.»Friedrich Glauser: Schlumpf Erwin Mord. Zürich 1992, ISBN 3-293-20336-1, S. 7.

Erlebnisse Suizidversuche mini|Arbeits- und Erziehungsanstalt Witzwil, um 1895 Die erste Szene in Schlumpf Erwin Mord ist stark autobiographisch: Das Motiv des Unschuldigen, der sich in einer Zelle erhängen will und im letzten Moment gerettet wird, erlebte Glauser selbst zehn Jahre vor der Niederschrift des ersten Studer-Romans. Am 16. Dezember 1925 hatte er in der Zelle der Arbeits- und Erziehungsanstalt Witzwil ebenfalls einen Suizidversuch unternommen. In einem Brief an seinen Therapeuten Max Müller schrieb Glauser ein Jahr später dazu: «Eines Tages wurde ich im WC beim Rauchen ertappt. (…) So wurde ich zur Strafe in meine Zelle gesperrt. (…) Nun müssen Sie wissen, dass ich unzurechnungsfähig werde, sobald ich mich strafweise eingesperrt fühle. (…) Ich habe mich aufgehängt und bin nur durch Zufall abgeschnitten worden.»Bernhard Echte, Manfred Papst (Hrsg.): Friedrich Glauser – Briefe 1. Arche Verlag, Zürich 1988, ISBN 3-7160-2075-3, S. 109.

Glauser hatte insgesamt fünf Mal versucht, sich sein Leben zu nehmen: 1913 bereits als 17-Jähriger mit Chloroform im Landerziehungsheim Glarisegg und 1920 in einem Arrestlokal in Bellinzona durch Erhängen. Dieses Erlebnis hatte er noch im selben Jahr in seiner autobiographischen Erzählung Ein DiebFriedrich Glauser: Das erzählerische Werk, Band 1: Mattos Puppentheater. Zürich 1992, ISBN 3-85791-203-0, S. 132 verarbeitet. Glausers dritter Suizidversuch folgte 1922 in der Fremdenlegionszeit im Aussenposten «Gourrama» (Marokko), wo er sich die Pulsadern aufschnitt; dieselbe Methode wandte er 1924 nochmals in Charleroi (Belgien) an. Und schliesslich folgte der bereits erwähnte Suizidversuch in Witzwil.Gerhard Saner: Friedrich Glauser – Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Zürich 1981, ISBN 3-518-40277-3, S. 424–426.

Baumschule Neben dem Schauplatz der Zelle in der Untersuchungshaft, entspringt auch die «Baumschule Ellenberger» Glausers Erlebnissen: Vom Juni 1926 bis zum März 1927 arbeitete er in Liestal als Handlanger in Jakob Heinis Baumschule. 1930 trat Glauser dann in die Gartenbauschule Oeschberg ein und schloss ein Jahr später mit Diplom ab; die Erfahrungen in Gartenbaumschulen verarbeitete er dann 1937 in seinem vierten Studer-Roman Der Chinese detailliert zu einem Hauptschauplatz.

Literarische Anregungen