mini|Frieder Butzmann nach dem Livehörspiel „Stadt der 1000 Feuer“ in Mannheim (2014) Frieder Butzmann (* 6. April 1954 in Konstanz) ist ein deutscher Komponist, Musiker, Hörspielautor und Performancekünstler.
Leben Frieder Butzmann studierte von 1975 bis 1982 an der Technischen Universität Berlin die kommunikationswissenschaftlichen Grundlagen von Sprache und Musik und Musikwissenschaft und Psychologie. Er war Mitglied verschiedener Bands (u. a. Nachdenkliche Wehrpflichtigen zusammen mit Diedrich Diederichsen und FM Einheit), baute Burkhardt Seilers Schallplattenlabel Zensor mit auf und beschäftigte sich mit der Restaurierung und akustischen Dokumentation analoger Synthesizer und Effektgeräte am Studio for Electro-Instrumental Music (STEIM), Amsterdam. Seit 1979 arbeitet er als freier Komponist, Hörspielautor, Schauspieler, Künstler, Vortragsreisender und Crachmacheur.
Butzmann begann bereits Ende der 1960er Jahre mit Musik zu experimentieren. Ein Album mit Material aus dieser Zeit, Wunderschöne Rückkoppelungen erschien 2004. In den späten 1970er Jahren gehörte Butzmann zu den Pionieren des deutschen Industrial. Er stand in enger Verbindung mit Bands wie Throbbing Gristle, mit dessen Gründungsmitglied Genesis P-Orridge er auf der LP Vertrauensmann des Volkes (1981) auch zusammenarbeitete. Butzmann gehörte zur losen Gruppe der selbsternannten Genialen Dilettanten. Er trat 1981 auf dem Festival Genialer Dilletanten im Berliner Tempodrom auf und ist auch in dem von Wolfgang Müller im Merve Verlag erschienenen Manifest vertreten.
In der ersten Hälfte der 80er Jahre trat er international zusammen mit Alexander Hacke auf, der sich damals noch „Alexander von Borsig“ nannte. Stets wurde die musikalische Vorführung von Super-8-Filmen und Film-Loops des Filmemachers Thomas Kiesel begleitet. Ab Mitte der 1980er Jahre bis in die 2000er Jahre bildete er oft ein Duo mit dem Autor und Künstler Thomas Kapielski. Ein Duo, das zeitweise durch den Musiker und bildenden Künstler Sven-Åke Johansson oder den Künstler und Instrumenterfinder Nils Krüger zum Trio erweitert wurde.
Von Mitte der 80er Jahre bis 2007 unterrichtete er an der Fachhochschule Düsseldorf im Fach „Gestaltung des Tons in Film, Video und Neuen Medien“. Von 1995 bis 2003 hatte er einen Lehrauftrag Musik und Multi Media an der Hochschule der Künste Berlin (heute Universität der Künste Berlin) inne.
Seit den späten 1980er Jahren widmet sich Butzmann verstärkt dem Radio. Schon 1986 entstand das Hörspiel „Radio Postnormal“, in dem sein Koautor Thomas Kapielski sagt, man solle die Bildlosigkeit des Radios nicht als Mangel empfinden, weil das Sehen den noch größeren Mangel habe. Man sehe nur die Häute der Dinge und auch die nur, weil das, was zwischen ihnen und dem Auge liege, unsichtbar sei. In zahlreichen Features mit mehr oder weniger hohem narrativen Anteil hat Frieder Butzmann sich mit der Materialität dieses Unsichtbaren beschäftigt. Die natürlichen physikalischen Eigenschaften des Schalls wurden ebenso thematisiert (z. B. in dem Infraschall-Feature „Musik + Zerstörung“, 2000 oder „über das Pfeifen im Leben“ – „Von der Nachtigall zum Tinnitus“, 1998 – ) wie die technischen Bedingungen ihrer Übertragung.
1997 veranstaltete Butzmann zusammen mit dem Kurator und Kulturmanager Matthias Osterwold im Berliner Podewil ein Festival mit dem Titel Komische Musik, mit Livekonzerten und Musik von Erik Satie, Karl Valentin, dem Oberkreuzberger Nasenflötenorchester, Jerry Lewis, Joshua Fried, Hans Reichel, Clément Jannequin, Manon Anne Gillis, The Legendary Stardust Cowboy. Das Komische in seinen verschiedenen Bedeutungsvarianten spielt für das Werk Butzmanns eine kaum zu überschätzende Rolle, was man in seinem akustischen Manifest der Komischen Musik hören kann.
Als Vortragsreisender und Performer erklärt Frieder Butzmann Techniken, Verfahrensweise und Gerätschaften der akustischen Künste. Wie zum Beispiel in seinem Vortrag Wir hören Musik bzw. We're listening to musicWe're listening to music, live in Copenhagen oder in der Fernsehserie Lost in Music, in der er die Funktionsweise eines SynthesizersDer Synthi – Aufzucht und Hege erklärt.
In zahlreichen TextenLesbares von Frieder Butzmann hat sich Butzmann theoretisch mit Musik, Hörspiel und akustischen Künsten auseinandergesetzt. Sein Lexikon Musik im Großen und Ganzen (MGG), das den Titel der Enzyklopädie Musik in Geschichte und Gegenwart parodiert, beschäftigt sich mit allen Phänomenen, die keinen Eingang in das Standardwerk gefunden haben, zum Beispiel dem Geronto Jazz, der Klingonischen Oper oder Comish Music wie auch der Komischen Musik. Das zusammen mit Jean Martin verfasste Werk filmgeräusch setzt sich stark an Michel Chions Theorien anlehnend mit den Wahrnehmungsfeldern des Mediums Film auseinander. Die Musikwissenschaftlerin Helga de La Motte erwähnt, dass der Begriff Filmgeräusch in seiner speziellen Konnotation hier zum ersten Mal auftaucht und seither in der Fachwelt diskutiert wird.Helga de la Motte. Perspektiven des Seherhörers. in Musik, Texte 136, S. 87–88 Feb 2013 2020 veröffentlicht Butzmann ein Buch unter dem Titel „Wunderschöne Rückkopplungen“. Er unterhält sich dort mit verschiedenen Weggefährten und Kollegen der letzten 40 Jahre. Im ersten größeren Kapitel unterhält er sich ausführlich mit Thomas Pargmann vom Plattenlabel MauerstadtmusikThomas-Pargmann Mauerstadtmusik und dem Verleger Martin Schmitz über seine Wurzeln in Konstanz am Bodensee und die ersten Jahre in Berlin. Es entwickelt sich aus diesen Gesprächen auf 325 Seiten, vielen Bilder und QR Codes, die zu Videos und Musiken verweisenden quasi eine Autobiografie.
2022 zeigt Butzmann in der Galerie Vincenz Sala unter dem Titel „Nebelkerzen in Dauerschleife“Nebelkerzen in Dauerschleife über 60 seiner Videos / Filme mit einer Gesamtdauer von fast 6 Stunden. Bei einigen ist er der Regisseur oder Autor, bei anderen der Komponist oder der Darsteller. Einige der Videos sind in seinem Video Kanal YouTube zu sehen, andere Videos sind Ausschnitte aus Fernsehsendungen oder gar bisher unveröffentlichtBrigitte Werneburg, Die Kunst der Woche für Berlin: Das Material der Emotion. So wie ein Video mit dem Titel „Street Music“, das er für das Glasgow Tectonic Festival Glasgow aufgenommen hat.
Werke
Tonträger 1979: Valeska / Spanish Fly / Waschsalon Berlin (EP, Marat Records) 1981: Bunte Flügel (MC, Eisengrau) 1981: Vertrauensmann des Volkes (LP, Marat Records) 1984: Das Mädchen auf der Schaukel (Doppel-LP, Zensor Records) 1986: War Pur War (LP, zusammen mit Thomas Kapielski, Zensor Records) 1992: Dive Bombers (CD, mit Barbara Bloom, Blixa Bargeld, Jörg Straßburger u. a., Zensor Records) 1993: Fan Videos (VHS Kassette, Wir hören Musik, 4 Lieder zur Kunst, Anpfiff u. a.) 1995: Wir forschen weiter (CD, zusammen mit Wissenschaftlern des Wissenschaftszentrum Berlin) 1999: Bunte Flügel (LP, Weltklasse, Wiederveröffentlichung) 2000: 7 Weltrekordversuche und 10 Kurzhörspiele (CD, Pharos Medien) 2000: Konzert für 14 Kindernähmaschinen in 10 Sätzen (CD, Hrsg.: Museum Kreuzberg) 2000: Vertrauensmann des Volkes (LP, Re-Isue in blau und weiß, 90 % Wasser) 2001: Musik für eine Barocke Party – mix, mix the elements (CD, Hoanzl) 2002: Die Wauwautheorie (CD, Hörspiel zusammen mit Hermann Bohlen) 2002: juHrop – Oper in Klingonischer Sprache (nicht auf Tonträger erschienen, aber in voller Länge im Radio gesendet«JuHrop – Eine Klingonische Oper» von Frieder Butzmann. In: Schweizer Radio und Fernsehen. Radio SRF 2 Kultur, 10. September 2016, abgerufen am 12. Januar 2019.. Übersetzt von Lieven L. Litaer; Mit Diamanda Galas, David Moss, Moabiter Motettenchor, Wu Jiang, Udo Scheuerpflug, Margarete Huber u. a.) 2004: Wunderschöne Rückkoppelungen (LP, Vinyl-On-Demand, Friedrichshafen) 2005: Jubiläums-Single – 25 Jahre Geniale Dilletanten (7", zusammen mit Wolfgang Müller + Namosh, Schuldstruktur, Er ist ein Punk Star von 1979 u. a., Monitorpop, Berlin) 2007: Oi! Oi! Oi! – Nazi Punks Are Not Electric (7", zusammen mit Chris Lunch, Mauerstadtmusik, Berlin) 2010: I’m A 7 Inch Single / I’m the Backside (Ultra Eczema, Antwerpen) 2011: … Wie Zeit Vergeht … / Blauwellen / In einem Netzwerk (LP on 45, Pan Records, London Berlin Athen) 2020: SinusToneSuite Live at Mühle Zernikow, Label 90% Wasser 2021: Fluxus +/- (LP mit Lutz Glandien/Christine Dreier/Mama Baer, Psych.KG)
Bücher 2009: Musik im Großen und Ganzen (MGG), 272 Seiten, Abbildungen. Martin Schmitz Verlag, Berlin, ISBN 978-3-927795-47-1 2012: Filmgeräusch – Wahrnehmungsfelder eines Mediums, 267 Seiten, Wolke Verlag, Hofheim am Taunus, ISBN 978-3-936000-97-9 2020: Wunderschöne Rückkopplungen. 352 Seiten, Abbildungen. Martin Schmitz Verlag, Berlin, ISBN 978-3-927795-87-7
Filme/Videos (Auswahl) 1982: Wolfsburg (VW tanzt)Wolfsburg (VW tanzt) (aus Oper Wolfsburg) 1984: Geflüster (YouTube)Geflüster bei YouTube 1990: DER SYNTHI – aufzucht und hege (Christoph Dreher / ZDF) 1992: Help! Most Tremendous Version (YouTube) 2009: White Is The Noise (Copenhagen Art Festival zusammen mit Mogens Jacobsen) 2011: Windrosendenkmal (für Festival BONE, Luzern) 2011: I’m a 7″ Single (für Label Ultra Eczema, Antwerpen)I’m a 7″ Single 2015: Spartakus Barock (YouTube) 2021: Street Music (Tectonics, Glasgow)Street Music
Hörspiele und Features 1971: Fick Fack heißt der Automat, O-Ton-Hörspiel 1982: Es geht durch die Welt ein Geflüster, Tonbandhörspiel (SFB) 1984: Wolfsburg auf Doppel-LP Das Mädchen auf der Schaukel 1987: Die Musikermaschine – Vom Abschied der Avant Garde, Feature (HR) 1987: Radio Postnormal zusammen mit Thomas Kapielski, (RIAS) 1989: Die Kleine Trompete oder Das linke Ohr ist dem Geschehen am nächsten zusammen mit Thomas Kapielski, Akademie der Künste (SFB) 1991: “Eeeeeee tschp!” – Das Wassersportmuseum Grünau (DS Kultur) 1991: Kopfzusammenschnürungsmaschine Daniel Paul Schreber zusammen mit Wolfgang Röhrer (DS Kultur) 1992: Böcklinblau zusammen mit Wolfgang Röhrer (Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung, Freiburg / SWF) 1993: Transatlantique zusammen mit Marie Goyette (SFB) 1995: Das Leben des Josef Stalin im Spiegel westlicher Popmusik zusammen mit Bridge Markland 1995: Die Wauwautheorie zusammen mit Hermann Bohlen (Deutschlandradio Berlin) 1995. Die zyklische Krise anno 1977 in der Reihe Internationale Digitale Radiokunst (SFB) 1995: Fick Fack und der Götterhaufen zusammen mit Zissy Grunenberg (SFB) 1995: Sugar’s NOT a vegetable zusammen mit Marie Goyette (SFB) 1996: Kunst und Irrsinn zusammen mit Zissy Grunenberg (SFB) 1997: Erkenntnis aus Lärm – Akustische Raumerfassung in der Reihe Internationale Digitale Radiokunst (SFB) 1997: Göttliche Vergeltung nach Texten von Carl von Linné, (Deutschlandradio Berlin) 1997: Sieben Weltrekordversuche (SWF) 1998: Baumwollripp-Weiss Live-Hörspiel und Gesang mit Texten von Thomas Hauser 1998: Von der Nachtigall zum Tinnitus – Über das Pfeifen im Leben (SWF) 1998: Das Pfeifen im Walde zusammen mit Thomas Kapielski, (Deutschlandradio Berlin) 1999: Das Manifest der Komischen Musik oder Können Töne lachen?, Feature (SWF) 1999: Radio Postnormal / Live Live-Präsentation beim SWF-Nachmittag in Mainz Feature (SWF) 2000: Musik + Zerstörung – Tiefe Töne in Konzertsaal Disko und Umwelt, Feature (SWR) 2000: Zwischen Hörrohr und Hörsturz – Zwischen laut und leise in Musik und Umwelt (SWF) 2001: Das Spunkkrachlexikon – Vom, zum und über das Hören – Kein Hörspiel Kein Feature! Sondern ein Lexikon! (mit Friederike Feldmann, Thomas Hauser, Thomas Kapielski, Jochen Meißner), (Deutschlandradio Berlin)Frieder Butzmann: Das Spunkkrachlexikon. Vom, zum und über das Hören. In: Deutschlandradio. Magazin. Hörspiel und Feature, 2001, abgerufen am 12. Januar 2019. 2001: Tierische Laute, Feature (SWR) 2001: Unfinished Music – Alvaro, die singende Nase, Feature (SWR) 2001: sieben versuche mit einer polaroid Nach einer Partitur von Hilka Nordhausen zusammen mit Max Glauner