mini|Siegelsbach Bahnhof miniatur Die Heeresmunitionsanstalt Siegelsbach war eine Munitionsanstalt (kurz Muna) des Heeres der Wehrmacht in der Zeit des Nationalsozialismus bei Siegelsbach im Landkreis Heilbronn im nördlichen Baden-Württemberg. Sie wurde 1939 eingerichtet. Wie alle Heeres-Munitionsanstalten diente sie zunächst zur Fertigstellung von Artilleriegranaten, war in der Endphase des Krieges auch Zwischenlager für Raketen des Typs Aggregat 4 (kurz A4, Propagandabezeichnung V2). Nach dem Zweiten Weltkrieg waren kurzzeitig ehemalige Zwangsarbeiter und später Heimatvertriebene im Gelände einquartiert. Ab 1950 nutzte die US-Armee 117 Hektar des Geländes, während die Gemeinde Siegelsbach auf den restlichen Flächen zunächst Gewerbe ansiedelte, bevor ab 1959 die Bundeswehr die nicht von den Amerikanern genutzten Flächen beanspruchte. Über Jahrzehnte waren in der Anlage dann Geräte- und Munitions-Depots von US-Armee und Bundeswehr, zeitweise waren dort auch Atomsprengköpfe der amerikanischen Pershing-Raketen gelagert. Nach dem Abzug der Amerikaner 1993 machte die Bundeswehr die nun allein genutzte Anlage zum Gerätehauptdepot, nutzte sie aber seit 2002 nur noch als Verwahrlager und räumte sie 2010 vollständig. Seitdem wird das Gelände privatisiert und einer Gewerbenutzung zugeführt. Die rund 208 Hektar umfassende Anlage war die größte militärische Einrichtung im Kraichgau.
Geschichte Heeresmunitionsanstalt Das Waldgebiet zwischen Siegelsbach, Obergimpern und Wagenbach war spätestens seit 1938 in das Interesse der Wehrmacht gerückt. Die genauen Gründe für die Standortwahl sind heute nicht mehr bekannt, mögen aber wie bei der nahen Neckar-Enz-Stellung mit der Absicherung gegen einen möglichen Angriff aus Frankreich oder wie bei den später in der Umgebung erbauten Rüstungsstollen des nahen KZ Neckarelz mit der versteckten Lage in einem ansonsten militärisch wenig genutzten Landstrich zu tun haben. Sicher im Zusammenhang stand die Anlage mit dem Gipsstollen in Neckarzimmern, der als Lager der in Siegelsbach zu produzierenden Munition dienen sollte und für den sicher dieselben Standortkriterien galten.
Das Oberkommando des Heeres ordnete am 1. Dezember 1938 die Errichtung einer oberirdischen Heeresmunitionsanstalt mit Gleisanschluss und Übergabebahnhof im bezeichneten Waldgebiet an.Erlass vom 1. Dezember 1938 Nr. 31 47/38 g V 2 d Die Gemeinden Siegelsbach und Obergimpern wurden Anfang Februar 1939 über eine geplante, nicht näher bezeichnete militärische Anlage auf ihren Gemarkungen in Kenntnis gesetzt. Von der Gemeinde Siegelsbach wurden 70 Hektar Wald dafür eingefordert, von der Gemeinde Obergimpern 115 Hektar. Durch einige im Umfeld errichtete zugehörige Gebäude hat sich die Gesamtfläche später noch etwas erhöht. Die Erschließung der Anlage sollte von Siegelsbach aus erfolgen. Die Gemeindevertreter, die zu Stillschweigen verpflichtet wurden, hatten dem Vorhaben trotz großer Zweifel nichts entgegenzusetzen. Der Gemeinderat von Siegelsbach stimmte dem Verkauf der geforderten Fläche am 24. März 1939 zu. In Obergimpern kam der Verkauf erst am 28. Dezember 1941, als man auf Siegelsbacher Seite längst zu bauen begonnen hatte, vor den Gemeinderat, der ebenfalls zustimmte. Im Mai 1943 wurden nachträglich die Kaufverträge geschlossen. Die Vermögensverwaltung des Heeres zahlte den Kaufpreis von über 1 Mio. RM anteilig an die Gemeinden jedoch nicht in bar, sondern als Reichsanleihen, die schon zwei Jahre später mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches ihren gesamten Wert verloren.
Noch im Frühjahr 1939 begann der Bau der Heeresmunitionsanstalt auf dem Siegelsbacher Teil der Fläche. Erbaut wurde der Eingangsbereich im Nordosten der Anlage mit Verwaltungsgebäuden, Unterkünften und Sozialgebäuden, außerdem die Gebäude zur Munitionsbearbeitung sowie verschiedene technische Gebäude, darunter Kesselhaus, Werkstätten und Garagen. Der größte Teil der Fläche wurde für die verstreut liegenden 75 Munitionshäuser und Packmittelschuppen benötigt. Zur Gewinnung der zum Bau der Gebäude benötigten Steine pachtete die Hanauer Firma W. Franz im Juli 1939 den damals brachliegenden Siegelsbacher Steinbruch, viel weiteres Baumaterial kam über die Krebsbachtalbahn, deren zuvor bescheidenes Güteraufkommen sich mit Beginn der Bauarbeiten vervielfachte. Die Planungen sahen vor, die Anlage in Siegelsbach für 600 Beschäftigte aufzuschlagen und im zugehörigen Lager in Neckarzimmern weitere 200 Arbeitsplätze zu schaffen. Die Arbeiter sollten im Ort oder in der Umgebung wohnen. Eine kleine Wohnsiedlung für höhere Dienstgrade sollte an der Zufahrtsstraße von Siegelsbach aus entstehen. Zusätzlich zu errichtende Unterkunftsbaracken sollten nur im Falle der Mobilmachung belegt werden, in Friedenszeiten aber als Erholungsheime für Arbeiter anderer Munitionsanstalten dienen, da man die Siegelsbacher Anlage von amtlicher Seite auch als die schönstgelegene Munitionsanstalt Großdeutschlands betrachtete.
Noch während der Bauarbeiten brach der Zweite Weltkrieg aus, so dass die Heeresleitung auf rasche Fertigstellung der Anlage drängte. Insbesondere sollten die Gebäude nun nicht mehr massiv, sondern in schneller Holzbauweise fertiggestellt werden, worüber sich die örtliche Bauleitung aber nachweislich der doch in Sandstein gefertigten meisten Bauten hinweg gesetzt hat. Im Dorf Siegelsbach sah man die militärische Bautätigkeit kritisch, da Siegelsbach nun auch militärisches Angriffsziel sein konnte.
Der Siegelsbacher Bahnhof wurde 1940 zur Bewältigung des großen Güteraufkommens massiv ausgebaut und erhielt drei zusätzliche Rangier- und Abstellgleise. Die Munitionsanstalt erhielt einen eigenen Gleisanschluss, und auf ihrem Gelände wurden insgesamt rund 18 Kilometer Gleise verlegt – etwa ein Kilometer mehr als die Länge der Krebsbachtal-Hauptstrecke. Der Bahnhof erhielt 1942 noch zwei Stellwerke. Am Munawald entstand ein Haltepunkt der Nebenbahn, der nach dem damaligen Kommandeur Hauptmann Thom Thoms Hütten genannt wurde (heute: Siegelsbach Wald).
Ab Oktober 1940 wurden in der Munitionsanstalt von 250 Arbeiterinnen und Arbeitern Artilleriegranaten gefertigt. Sprengstoff, Zündmittel, Kartuschen und Pulver der Granaten kamen aus anderen Produktionsanlagen, in Siegelsbach erfolgte die Endmontage und die Versandverpackung. Sofern die Granaten nicht sofort an die Front ausgeliefert wurden, hat man sie in den 75 Munitionshäusern der Siegelsbacher Anlage zwischengelagert. Die geplante Lagerung in Neckarzimmern ließ sich nicht verwirklichen, da nach Neckarzimmern keine direkte Eisenbahnverbindung bestand und nach Beginn der Kriegsproduktion auch der Bau einer geplanten Linie nicht mehr sinnvoll gewesen wäre. So verließen die Munitionszüge Siegelsbach direkt an ihre Bestimmungsorte. Jeden Tag verließ mindestens ein Zug, manchmal auch zwei Züge mit 25 bis 30 gedeckten Güterwagen mit je 15 Tonnen Munition die Anlage. Als Lokomotiven kamen angemietete schwere Dampflokomotiven der Reichsbahn zum Einsatz, da die schwachen Lokomotiven der Krebsbachtalbahn die schweren Güterzüge nicht hätten bewegen können. Eingesetzt waren eine ehemalige polnische Güterzuglok des Typs PKP Tp 108 als Beutelokomotiven sowie drei Tenderlokomotiven der Baureihe 93 aus den Beständen der ehemaligen Badischen Staatsbahnen.
Im Laufe des Zweiten Weltkriegs stieg die Zahl der in der Muna beschäftigten Menschen auf rund 2000 an. Zu den ursprünglichen Handwerkern, Feuerwerkern und Feuerwehrleuten sowie der Wachkompanie kamen kriegsdienstverpflichtete Frauen, russische Kriegsgefangene, italienische Militärinternierte sowie diverse dienstverpflichtete Ausländer und Wehrmachtsstrafgefangene. Ein geringer Teil der Beschäftigten wohnte in der Taubenäckersiedlung am Wagenbacher Weg, der die Verbindung zwischen Ort und Muna bildete. In der Taubenäckersiedlung waren ab 1940 drei Häuser einer geplanten Wohnsiedlung fertiggestellt worden, in der man später mit Rücksicht auf den dörflichen Charakter Siegelsbachs nur höchstens 30 Familien von höheren Beamten und Offizieren unterbringen wollte. Zur Unterbringung der vielen restlichen Beschäftigten führte die Heeresverwaltung Verhandlungen mit der Gemeinde Siegelsbach zur Ausweisung neuer Baugebiete, die jedoch alle nicht fruchteten. Schließlich wurden verschiedene Barackenlager innerhalb und außerhalb des Muna-Geländes errichtet: das Frauenlager aus vier Wohn-, zwei Wasch- und einer Küchenbaracke am Wagenbacher Weg, sieben weitere Baracken innerhalb des Muna-Geländes sowie das aus weiteren Baracken bestehende Russenlager zwischen Muna und Wagenbacher Weg.
Ab 1943 wurde das Süd- und Sonderlager der Muna ausgebaut, in dem ab 1944 V2-Raketen zwischengelagert wurden. Das Südlager erhielt eine eigene Weiche von der Krebsbachtal-Hauptbahn, über die die Raketenteile getrennt nach Sprengköpfen und Zündern mit Tarnzügen vom KZ Dora angeliefert wurden. Von der Lagerung in der bewaldeten, uneinsehbaren und abgeschiedenen Siegelsbacher Muna versprach man sich einen besseren Schutz vor Luftangriffen. Im Südlager gab es 30 hölzerne Hallen, die mit Lorengleisen verbunden waren und jeweils neun Raketen aufnehmen konnten, die in der Reihenfolge, in der sie ankamen, auch wieder weiter verschickt wurden.
Ab Sommer 1944 begannen zahlreiche Luftangriffe in der Umgebung. Am 27. Mai 1944 wurde der Bahnhof Neckarbischofsheim-Reichsbahn, an dem die Nebenbahn zur Muna abzweigte, von Tieffliegern angegriffen, wobei ein Lokführer getötet wurde. Im Herbst ereigneten sich weitere Angriffe auf den Bahnhof, wobei drei Zwangsarbeiter getötet und drei Bahnbeschäftigte schwer verletzt wurden. Im Herbst 1944 ging auch die Produktion in der Muna deutlich zurück, da immer weniger des benötigten Sprengstoffs und der sonstigen Teile nach Siegelsbach gelangten. Mit sinkender Produktion wurde auch die Personalstärke der Anlage reduziert.
Am Sonntag, den 25. Februar 1945 ereignete sich ein schwerer Luftangriff in zwei Wellen. Nicht nur die abgeworfenen Bomben, sondern auch die auf dem Gelände detonierenden Explosivstoffe verursachten schwere Schäden.USAAF 320th Bomb Group, 25. Februar 1945: ; Bomb Ploot; Abschlussbericht (en.) (PDF; 852 kB) Da an diesem Sonntag nicht gearbeitet wurde und sich nur Wachposten und einige Kriegsgefangene in der Anlage befanden, waren nur sechs Todesopfer zu beklagen. Ein weiterer Angriff fand am 2. März 1945 statt, die meisten Bomben gingen aber auf dem freien Gelände zwischen dem Ort und der Muna nieder. Der Ort blieb bei beiden Angriffen von Bombentreffern verschont, gleichwohl waren viele Dächer und Fenster durch Druckwellen zerstört worden.
Gleich nach dem ersten Angriff wurden die Arbeiten in der weitgehend zerstörten Muna größtenteils eingestellt, gleichzeitig rückte auch die Front immer näher. Einige transportable Maschinen wurden ausgelagert. Ein Teil der Beschäftigten wurde im Ort noch mit einfachen Arbeiten wie dem Reinigen von Waffen weiterbeschäftigt. In der Karwoche Ende März 1945 hat ein Sprengkommando tagelang einen Großteil der noch übrigen Sprengmittel der Muna gesprengt. Am Karsamstag rückten die letzten Soldaten ab. Die Amerikaner erreichten am Ostersonntag den Nachbarort Hüffenhardt, wo es wegen des Widerstands einer SS-Einheit zu erbitterten Kämpfen kam. Am Folgetag rückten die Amerikaner kampflos in Siegelsbach ein.
Nutzung nach dem Zweiten Weltkrieg