Boris Wladimirowitsch Assafjew (, Pseudonym Igor Glebow (); * in Sankt Petersburg; † 27. Januar 1949 in Moskau) war ein russischer Musikforscher und Komponist.

Leben Assafjew begann auf Anraten Wladimir Wassiljewitsch Stassows und Nikolai Rimski-Korsakow am Sankt Petersburger Konservatorium bei Anatoli Ljadow und Nikolai Rimski-Korsakow Komposition zu studieren. Zusätzlich besuchte er bis 1908 auch Vorlesungen in Geschichte und Philologie der Universität St. Petersburg. 1910 wurde er Ballettkorrepetitor am Petersburger Mariinski-Theater und begann Ballette und Schauspielmusiken zu verfassen. 1914 begann er mit der Veröffentlichung von Aufsätzen in der Moskauer Zeitschrift Musyka. 1919 wurde er Leiter der Musikbibliothek der Staatlichen Theater in Sankt Petersburg. Nach dem Ende der Russischen Revolution leitete er ab 1921 die Abteilung für Musikabteilung des reorganisierten Staatlichen Instituts für Kunstgeschichte. 1925 gründete er die Musikwissenschaftliche Fakultät des Konservatoriums in Leningrad. Ab 1943 leitete er das Kunsthistorische Institut in Moskau.

Assafjew schuf in dieser Zeit den Begriff der „Intonation“, hierzu verfasste er die grundlegende Schrift Musykalnaja forma kak prozess (auch in deutscher Übersetzung von Ernst Kuhn erschienen: Die musikalische Form als Prozeß. 2 Bände, II: Die Intonation. Moskau und Leningrad 1930, 1947; herausgegeben von Dieter Lehmann und Eberhard Lippold).

Assafjew beteiligte sich an der 1926 gegründeten Leningrader Assoziation für zeitgenössische Musik, die sich mit Beschäftigung mit der modernen Musik Westeuropas befasste. Aus dieser Tätigkeit entstand das erste russische Buch zu Igor Strawinsky (Leningrad 1929). Er schrieb Biografien über weitere russische Komponisten des 19. Jahrhunderts. In den folgenden Jahren wandte er sich jedoch wieder verstärkt der Komposition zu.Assafjew, Boris Wladimirowitsch (Pseudonym: Igor Glebow). In: Riemann Musik Lexikon. Zwölfte völlig neubearbeitete Auflage, Personenteil A–K. Schott, Mainz 1959, S. 58–59 (). 1943 übersiedelte er als einer der Leiter des Instituts für Kunstgeschichte der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften nach Moskau. Hier setzte er sich in zahlreichen Artikeln für die Gründung des „Sozialistischen Realismus“ in der Musik ein. Im Jahr 1948 wurde er zum Vorsitzenden des Verbandes sowjetischer Komponisten gewählt.

Bedeutung Assafjew komponierte zehn Opern, 27 Ballette, drei Sinfonien, zwei Kantaten und zahlreiche Lieder. Er trat außerdem als Autor musikwissenschaftlicher Werke (u. a. Die musikalische Form als Prozess, Die Musik in Russland) hervor.

Als Analytiker und Kritiker gilt Assafjew als Begründer der russischen/sowjetischen Musikwissenschaft. Er prägte unter anderem den Begriff Simfonizm, der für die stehe. Durch ihren konstruktivistischen Charakter war die Musikwissenschaft der frühen Sowjetzeit eng mit der Musikpraxis verbunden – Assafjew ist so unter anderem der Widmungsträger der 1. Symphonie von Sergei Prokofjew.

Igor Glebow Im April 1916 erschien im Fachheft Der musikalische Zeitgenosse ein Aufsatz von Igor Glebow über einige Romanzen des Komponisten Sergei Iwanowitsch Tanejew. Dieser wurde in der „Russischen Bibliothek Zürich“ aufgefunden. Glebow schreibt darin:

mini|Grabstein Assafjews auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau

Werke Opern Aschenbrödel („Cinderella“), 1906 Die Schneekönigin, 1907 Die Frau des Kämmerers, 1935 Minin und Poscharski, 1936–1938 Altyn-Tschetsch („Das Mädchen mit den goldenen Haaren“), 1938 Der eherne Reiter, 1939 Das Gewitter, 1939–1940 Das Gelage während der Pest, 1940 Die slawische Schönheit („Das Zauberschloß“), 1940 Klarettas Karriere, Operette, 1940 Herkules, Operette, 1941

Ballette Die weiße Lilie („Dichterträume“), 1910–1914, Das Geschenk der Fee, 1910 König Karneval, 1914 Das Eismädchen („Solveig“), 1918 La Carmagnola, 1918 Plamja Parischa – Die Flamme von Paris, 1932 Bachtschissaraj – skij fontan – Die Fontäne von Bachtschissarai, 1933/1934 (nach Puschkin) Verlorene Illusionen, 1934 Partisanen, 1935 Der Gefangene im Kaukasus, 1936 Die Nacht vor Weihnachten, 1937 Die schöne Radda, 1937 Iwan Bolotnikow, 1938 Kawkasskij plennik – Der Gefangene aus dem Kaukasus, 1938 (nach Puschkins Der Gefangene im Kaukasus) Stepan Rasin, 1939 Aschik-Kerib, 1939/1940 Porträts der Ballettkünstler – Ballettsuite, 1940 Sulamith, 1940/41 Schneeflöckchen, 1941 Graf Nulin, 1941–1943 Der Totengräber, 1943 Der Steinerne Gast, 1943 Lada, 1943 Francesca da Rimini, 1943 Die Prinzessin als Bäuerin, 1945 Frühlingsmärchen, 1946 Ein Frühlingsmärchen, 1946 Die Familie, 1947 Miliza, 1942–1947

Schriften (Auswahl) Simfonitscheskije etjudi. Sankt Petersburg 1922 (russisch Symphonische Etüden, gesammelte Aufsätze, Sankt Petersburg). Instrumentalnoje twortschestwo Tschaikowskowo Sankt Petersburg 1922 (Über das Instrumentalschaffen Pjotr Iljitsch Tschaikowskis). Russkaia poesija w russkoj musyke. Sankt Petersburg 1922 (Russische Dichtung in der russischen Musik). Die musikalische Form als Prozess. Verlag Neue Musik, 1976, ISBN 3-7333-0040-8. Alexander Borodin – Sein Leben, seine Musik, seine Schriften. Verlag Ernst Kuhn, 1992, ISBN 3-928864-03-3 (mit Beiträgen von Boris Assafjew, Alexander Glasunow, Wassili Jakowlew, Nikolai Rimski-Korsakow, Grigori Timofejew u. a.). Programmheft Die Fontäne von Bachtschissarai. Ballett von Boris Assafjew. Druckkombinat Berlin, 1970. Igor Glebov’, Die Romanzen S. I. Taneevs. In: Der musikalische Zeitgenosse. April (Band VIII) Sankt Petersburg 1916, S. 94–114. Die Musik in Russland: (Von 1800 bis zur Oktoberrevolution 1917). Entwicklungen – Wertungen – Übersichten. Verlag Ernst Kuhn, 1996, ISBN 978-3-928864-12-1.

Auszeichnungen 1943, 1948 Stalinpreis 1944, 1945 Leninorden 1938 Orden des Roten Banners der Arbeit Medaille „Für heldenmütige Arbeit im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“ 1938 Volkskünstler der RSFSR 1946 Volkskünstler der UdSSR

Nach ihm ist der Assafjew-Gletscher in der Antarktis benannt.

Literatur

Weblinks

Boris Assafjew russisches-musikarchiv.de Elina Viljanen: Boris Asaf'ev and the Soviet Musicology. (PDF) 2005

Einzelnachweise

Kategorie:Komponist klassischer Musik (20. Jahrhundert) Kategorie:Komponist (Oper) Kategorie:Komponist (Operette) Kategorie:Komponist (Ballett) Kategorie:Komponist (Russland) Kategorie:Absolvent des Sankt Petersburger Konservatoriums Kategorie:Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Träger der Medaille „Für heldenmütige Arbeit im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“ Kategorie:Träger des Stalinpreises Kategorie:Träger des Leninordens Kategorie:Träger des Ordens des Roten Banners der Arbeit Kategorie:Verdienter Künstler der RSFSR Kategorie:Volkskünstler der RSFSR Kategorie:Volkskünstler der UdSSR (Darstellende Kunst) Kategorie:Sowjetbürger Kategorie:Russe Kategorie:Geboren 1884 Kategorie:Gestorben 1949 Kategorie:Mann