Der Cthulhu-Mythos umfasst die vom US-amerikanischen Schriftsteller H. P. Lovecraft und anderen Autoren der Horrorliteratur erdachten Personen, Orte, Wesenheiten und Geschichten. Bekanntester Bestandteil dieses Mythos ist das ebenfalls fiktive Buch Necronomicon, in dem die interstellaren Wesenheiten mit übernatürlichen Kräften ausführlich beschrieben sind. Diese Wesen werden von Lovecraft als die „Alten“ oder die „Großen Alten“ bezeichnet. Sie stammen aus weit entfernten Teilen der Galaxis oder sogar des Universums und unterliegen keinen uns bekannten Naturgesetzen. Nach menschlichen Maßstäben verfügen sie über eine gottgleiche Macht und scheinen unsterblich zu sein. mini|hochkant=1.4|„The Call of Cthulhu“, Illustration einer Szene von Hugh Rankin, erstveröffentlicht in Weird Tales, Februar 1928
Der Ursprung des Mythos hochkant|mini|alt=Kopfporträt von H.P. Lovecraft in schwarz-weiß; er blickt direkt in die Kamera und trägt eine gerundete Brille, das dunkle Haar ist seitlich gescheitelt. Bekleidet ist er mit einem dunklen Anzug, einem weißen Hemd und einer dunklen Fliege.|H. P. Lovecraft, Fotografie aus dem Jahre 1915 Der Begriff Cthulhu-Mythos wurde vom amerikanischen Autor August Derleth, Verleger und Briefkontakt H. P. Lovecrafts, geprägt. Cthulhu ist ursprünglich eine Schöpfung von Lovecraft. Er tritt erstmals in der 1926 geschriebenen Erzählung The Call of Cthulhu auf, die 1928 im Weird Tales Magazin veröffentlicht wurde. Cthulhu nimmt bei Lovecraft keine herausragende Stellung ein.u. a. Dissertation von Oliver Plaschka: Lovecraft selbst spricht von seinem „Arkham Cycle“ (Selected Letters, II 246); Shreffler schlägt „New England Mythos“ vor (cf. Shreffler, The H.P. Lovecraft Companion, 24) Erst August Derleth griff Cthulhu als Basis für den von ihm weitergesponnenen Mythos auf, machte ihn zum Hauptgegenstand vieler seiner Erzählungen und schuf dadurch den Begriff.
Entstehung eines Mythos Ausgangspunkt des Mythos sind Lovecrafts Kurzgeschichten und Erzählungen, die meist im Neuengland der 1920er- und 1930er-Jahre angesiedelt sind. Als Stilmittel für seine Texte verwendete Lovecraft unter anderem wiederkehrende Elemente in Form von fiktiven Orten, Gegenständen und Wesen. Er schuf dadurch eine übergreifende Struktur, die seinen Geschichten einen scheinbaren Zusammenhang verleiht, ohne dass die Geschichten sich direkt aufeinander beziehen. Durch die mysteriöse Natur dieser wiederkehrenden Elemente schafft er eine entsprechende Atmosphäre in seinen häufig sehr rationalen Beschreibungen und erreicht zusätzlich durch den steigenden Bekanntheitsgrad dieser Elemente, dass er auf ihnen aufbauen kann, ohne sie jedes Mal neu erfinden zu müssen.Schweitzer: Discovering H.P. Lovecraft, Wildside Press, Holicong, 2001 S. 7ff. Die von Lovecraft auf diese Weise ins Leben gerufenen Zusammenhänge zwischen seinen Erzählungen erfuhren eine noch breitere Basis durch seine Korrespondenz mit gleichgesinnten Autoren und Bewunderern. Zunächst baute Lovecraft lediglich Elemente anderer Autoren in seine Geschichten ein. „The Hound“ (dt. Der Hund) enthält zum Beispiel zahlreiche Anspielungen auf Edgar Allan Poe und Arthur Conan Doyle.Shreffler: H. P. Lovecraft Compendium, Greewood, Westport, 1977
Frank Belknap Long verwendete als erster das Necronomicon, welches Lovecraft erfunden hatte, in seiner Geschichte „The Space-Eaters“ (dt. Die Raumfresser). Im weiteren Verlauf seiner vielfältigen Korrespondenz mit anderen Autoren wurden weitere Elemente ausgetauscht, wobei nicht nur andere Autoren Lovecrafts Elemente verwendeten, sondern auch umgekehrt. Zusätzlich nahm Lovecraft oft das Überarbeiten von Erzählungen anderer Autoren an. Dabei baute er ebenfalls solche übergreifenden Elemente ein.Harms: The Cthulhu Mythos Encyclopedia, S. ix–x
Nach dem Tod H. P. Lovecrafts erweiterte sich die Basis für den Mythos nochmals. Zum einen geschah dies ab 1939 durch den Nachdruck von Lovecrafts Erzählungen in gebundener Form durch Arkham House. Arkham House veröffentlichte auch neue Geschichten, die Elemente von Lovecraft und seinen befreundeten Autoren enthielten und um neue Elemente erweiterten. Dabei handelte es sich um sowohl bekannte als auch neue Autoren. Zum anderen erweiterte die Veröffentlichung des Rollenspiels Call of Cthulhu 1981 den Kreis der Leser von Lovecraft- bzw. Mythos-Geschichten erneut und enthält selbst eine Liste von Mythos-Elementen, die von potenziellen Autoren verwendet werden.Harms: The Cthulhu Mythos Encyclopedia, S. xiii–xvi
All diese Elemente wurden von diversen Autoren phantastischer Literatur aufgegriffen und auf unterschiedlichste Weise interpretiert, erweitert und verarbeitet. Aufgrund der Verschiedenheit der Verwendung von Lovecrafts Elementen, ja sogar der Elemente von Autoren, die selbst lediglich Lovecrafts Elemente verwendeten und interpretierten, ist eine Abgrenzung von Elementen, die zum Cthulhu-Mythos gehören, äußerst schwierig.
Rezeption durch die Leser
Schon zu Lebzeiten von Lovecraft wurden die verschiedenen Elemente des Mythos sehr unterschiedlich aufgenommen. Einerseits fielen den Lesern des Weird Tales-Magazins die Parallelen zwischen Elementen einzelner Autoren auf.Harms: The Cthulhu Mythos Encyclopedia. x bezieht sich auf einen Leserbrief von N.J. O’Neail, der 1930 im Weird Tales Magazin abgedruckt war und nach entsprechenden Zusammenhängen fragt Andererseits wurden bestimmte Elemente für real gehalten, wie beispielsweise das fiktive Necronomicon. Lovecraft hatte sich die Mühe gemacht, für andere Autoren eine Geschichte des Buches zusammenzuschreiben.H.P. Lovecraft: History of the Necronomicon. 1927; erschienen In: A History of the Necronomicon. The Rebel Press, 1938; zu lesen in The H.P. Lovecraft Archive Diese Geschichte wurde von einigen Autoren als Beweis angesehen, dass es sich um ein reales Buch handeln müsse.Donovan K. Loucks: Quotes Regarding the Necronomicon from Lovecraft’s Letters. The H.P. Lovecraft Archive
Weitere Mythosautoren Robert Bloch Lin Carter August Derleth Clark Ashton Smith Ramsey Campbell Graham Masterton Robert E. Howard Frank Belknap Long Brian Lumley Colin Wilson Ljubko Deresch Richard A. Lupoff Andrzej Sapkowski Wolfgang Hohlbein
Von diesen Autoren abgesehen wurde der Cthulhu-Mythos in einzelnen Aspekten auch von anderen Autoren aufgegriffen. So finden sich in der Romantrilogie Illuminatus! von Robert Anton Wilson und Robert Shea zahlreiche Anspielungen auf den Cthulhu-Mythos, es wird zum Beispiel gemutmaßt, dass das Pentagon ein Gefängnis für einen der „Alten“ wäre. Auch erscheint Yog-Sothoth als Gegner der Eris. In Stephen Kings Roman In einer kleinen Stadt steht auf Leland Gaunts Garagenwand „Yog-Sothoth rules“. Des Weiteren gibt Gaunt an anderer Stelle an, seinen Kokainvorrat von der Hochebene von Leng zu beziehen. Auch in der Kurzgeschichte Crouch End von Stephen King wird unter anderem „die Ziege mit den tausend Jungen“ erwähnt sowie eine Beschreibung eines Wesens, das diese darstellen könnte. Cthulhu, Shoggothen und viele andere Elemente aus Lovecrafts Geschichten spielen in der Romanreihe Der Hexer, Nyarlathotep in der Genesis-Trilogie von Wolfgang Hohlbein eine wesentliche Rolle. Ebenso hat sich Michael Marrak für seinen Roman Imagon von Berge des Wahnsinns inspirieren lassen. Der polnische Schriftsteller Andrzej Sapkowski bereichert die magischen Phänomene des mystisch angehauchten 15. Jahrhunderts seiner Narrenturm-Trilogie mit cthulhoiden Anspielungen.
Die Großen Alten Das irreale Element erlangt die von Lovecraft beschriebene Erde seiner Zeit durch die Annahme der Existenz außerirdischer Rassen und sehr mächtiger Wesen, die teilweise seit mehreren Milliarden Jahren auf der Erde vertreten sind. Dabei stellt er den Menschen, seine Moral und Ethik als völlig unbedeutend im kosmischen Zusammenhang dar.Derleth, Wandrei: Selected Letters II, Arkham House, Sauk City, 1968, S. 150. Diese fundamentale Bedeutungslosigkeit ist das, was die Protagonisten seiner Erzählungen oftmals ins Verderben stürzt, wenn sie sich dieser Tatsache bewusst werden.Marco Frenschkowski u. a.: Gesammelte Werke: Werkgruppe I – Vorwort
Die mächtigsten der von Lovecraft beschriebenen Entitäten stammen aus anderen Dimension und wurden von ihm als Old Ones (dt. die Alten) bezeichnet. In Cthulhus Ruf werden Cthulhu und sein Gefolge in R’lyeh als Great Old Ones (dt. Die Großen Alten) bezeichnet. Von anderen Autoren wurde dieser Begriff später auf Azathoth und seine Abkömmlinge ausgeweitet. Beide Begriffe (Old Ones und Great Old Ones) werden von Lovecraft auch auf andere außerirdische Wesen (Ältere Wesen bzw. K’n-Yanier) angewandt. August Derleth ging so weit, diese Wesen nach Zugehörigkeit zu den vier Elementen zu kategorisieren, was jedoch bei genauerer Betrachtung in sich unstimmig zu sein scheint.Harms: The Cthulhu Mythos Encyclopedia. S. 92.
Sandy Petersen führte im Rollenspiel Call of Cthulhu eine weitere Kategorisierung ein und unterteilte die Alten in Große Alte und Äußere Götter (engl. Outer Gods).Harms, The Cthulhu Mythos Encyclopedia, xv Letztere sind jene Alten, die außerhalb des uns bekannten Universums hausen und als blind, stumm und hirnlos beschrieben werden. Sie werden in Lovecrafts Texten als „die äußersten Götter“ (ultimate gods), „die anderen Götter“ (other gods) oder „die Götter der äußeren Höllen“ (gods of the outer hells) bezeichnet.
Azathoth
mini|Azathoth (Fan-Art, 2006) auch: Azazoth oder Azag-Thoth
Azathoth, der Dämonensultan, ist bei H.P. Lovecraft das ursprüngliche Chaos im Zentrum der Unendlichkeit, das blinde Chaos auf seinem Thron inmitten der Leere, umringt von anderen Göttern, über deren Tanz er wacht. Er existierte bereits vor Anbeginn aller Zeiten und vor Entstehung des Universums. Als einer der Äußeren Götter ist Azathoth eine Wesenheit von immenser, gar unendlicher Macht. Gerüchten zufolge wurde er wegen gewisser Vergehen mit Irrsinn gestraft, während andere Quellen besagen, dass Nyarlathotep der Geist und die Seele Azathoths sei, der sich von seinem Leib getrennt habe. Nyarlathotep ist der einzige, der den geistlosen Dämonensultan besänftigen kann.
Ursprung: Azathoth, H.P. Lovecraft Weitere: „Strange Eons“, Robert Bloch; „The Insects from Shaggai“, „The Mine on Yuggoth“, John Ramsey Campbell; „The Nameless Tower“, John S. Glasby; „Mandelbrot Moldrot“, Lois H. Gresh; „Spawn of Azathoth“, Keith Herber; „Hydra“, Henry Kuttner; „Professor Peabody’s Lat Lecture“, Jack Laird; „The Burrowers Beneath“, „Elysia“, Brian Lumley; „The Last Night on Earth“, Gary Myers; „The Philosopher’s Stone“, Colin Wilson; Call of Cthulhu, Petersen and Willis; „Die Anbetung der Eidechse Oder Wie man Engel vernichtet“, „Kult“ Ljubko Deresch
Cthulhu mini|Skizze von Lovecraft (1934) Auch: Thulu, Kutulu, Kthulhut, Thu Thu, Tulu oder Tornasuk
Cthulhu ist ein vor mehreren hundert Millionen Jahren auf die Erde gekommenes Wesen von großer Macht, das nach der Interpretation von August Derleth durch einen Fluch in der versunkenen Stadt R’lyeh im Pazifischen Ozean in todesähnlichem Schlaf gefangengehalten wird. Den mythologischen Quellen zufolge wird es wieder auferstehen, wenn die Sterne richtig stehen, um erneut seine Schreckensherrschaft über die Erde auszuüben, was letztendlich den Tod allen Lebens auf der Erde bedeuten würde. Sein Körper ist entfernt humanoid, allerdings äußerst aufgedunsen. Sein Kopf ähnelt einem Tintenfisch, das Gesicht besteht aus einem Gewirr von Tentakeln. Es besitzt ein Paar langer, schmaler Flügel.Lovecraft: Azathoth · Vermischte Schriften, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, S. 182. Die folgenden, bekanntesten Zeilen aus dem Necronomicon beziehen sich auf Cthulhu. Es zählt zu den Großen Alten. Das wird in der Geschichte Cthulhus Ruf deutlich: Die Polizei nimmt Angehörige eines Kultes fest, die an die Großen Alten glauben. Sie verehren unter anderem den finsteren Gott selbst und beten eine Statuette mit seinem Konterfei an.
mini|Cthulhu (Fan-Art, 2006)