mini|Maria-Sibylla Lotter (Philosophicum Lech 2014) Maria-Sibylla Lotter (geboren 9. August 1961 in Kassel) ist eine deutsche Philosophin und Kolumnistin.

Leben Lotter studierte als Stipendiatin des Evangelischen Studienwerks Villigst in Freiburg im Breisgau, Berlin und St. Louis Philosophie, Religionswissenschaft und Ethnologie. 1994 wurde sie an der TU Berlin mit einem Thema zu Alfred North Whitehead promoviert. Zwischen 1989 und 1999 lehrte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Berlin und Heidelberg und anschließend an verschiedenen Universitäten in Deutschland und der Schweiz. 2010 schloss sie die Habilitation an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich ab. Lotter wurde 2014 an die Ruhr-Universität Bochum als Professorin für Ethik und Ästhetik berufen. Sie schreibt regelmäßig Kolumnen zum Tagesgeschehen für die Rheinische Post und hat eine Reihe von Artikeln zu kultur- und wissenschaftspolitischen Fragen in der Zeit und der NZZ veröffentlicht. Sie ist Mitglied der Heterodox Academy und des PEN Berlin. 2021 war sie Gründungsmitglied des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit, aus dem sie 2024 wieder ausgetreten ist. Ihr Buch Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild wurde 2026 mit dem Tractatus-Preis für philosophische Essayistik ausgezeichnet.

Forschung Lotters Arbeiten verbinden Fragestellungen der praktischen Philosophie und Ästhetik mit sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektiven. Ein wiederkehrendes Thema ist die Frage, wie moralische Begriffe, Selbstverhältnisse und Praktiken aus historisch und kulturell unterschiedlichen Formen des sozialen Zusammenlebens hervorgehen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Verhältnis von Ästhetik und praktischer Philosophie. In zahlreichen Arbeiten zu Literatur und Film untersucht Lotter, wie narrative und ästhetische Darstellungen Fragen nach moralischer Wahrnehmung, Selbstverständnis, Vertrauen und zwischenmenschlichen Beziehungen erschließen. Sie befasst sich außerdem mit dem Verhältnis von Wahrheit, Täuschung und Schein.

In ihrer Dissertation Die metaphysische Kritik des Subjekts (1996) entwickelt Lotter aus den in Whiteheads Process and Reality entworfenen metaphysischen Kategorien und seiner Kritik an der modernen Subjektphilosophie eine universalisierte Sozialontologie. Im Zentrum stehen Fragen nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und nach der Eignung traditioneller Subjekt- und Substanzbegriffe für dessen Beschreibung.

In Scham, Schuld, Verantwortung (2012) geht Lotter von der Frage aus, ob sich die Person kulturübergreifend bestimmen lässt, ohne dabei die besonderen Vorstellungen der modernen westlichen Kultur zu universalisieren. Sie verneint, dass der moderne Begriff der Person, der Personalität wesentlich an Selbstbewusstsein und Autonomie bindet, transkulturelle Gültigkeit beanspruchen kann. Zugleich wendet sie sich gegen die Schlussfolgerung, Personalität lasse sich deshalb nur innerhalb einzelner kultureller Traditionen bestimmen. Einen kulturübergreifenden Zugang entwickelt sie im Ausgang von der Scham: Scham tritt in unterschiedlichen kulturellen Formen auf, bildet aber kulturübergreifend eine Grundlage des Menschen als moralisch ansprechbares Wesen. Von dort aus untersucht sie anhand unterschiedlicher kultureller und historischer Praktiken, wie grundlegende Dimensionen moralischer Personalität – darunter Schuld und Verantwortung, Respekt, Recht und Gerechtigkeit – verschieden verstanden und sozial ausgestaltet werden können.

In Schuld und Respekt. Über die Praxis von Vergeltung und Versöhnung (2024) untersucht Lotter Schuld nicht primär als Verletzung moralischer oder rechtlicher Normen, sondern im Zusammenhang mit gestörten Beziehungen zwischen Personen und Gruppen. Ausgangspunkt ist die Frage, wie durch Gewalt, Demütigung und andere Formen der Missachtung beschädigte Beziehungen des Respekts wiederhergestellt werden können. Anhand von Rache und Vergeltung, restaurativer Verantwortung und politischen Entschuldigungen erörtert sie unterschiedliche Praktiken einer solchen moralischen Reparatur.

In Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild (2026) nimmt Lotter eine zunehmende Verlagerung der Aufmerksamkeit von Autonomie und Handlungsmacht auf Verletzlichkeit und Opfererfahrungen in den Blick. Sie verfolgt diese Entwicklung unter anderem anhand der Ausweitung medizinischer, psychologischer und moralischer Begriffe wie Trauma, Gewalt und Diskriminierung auf immer weitere Bereiche menschlicher Erfahrung. Diese Entwicklung versteht sie als ambivalent: Die erhöhte Sensibilität für bislang wenig beachtete Formen von Leid und Unrecht kann deren Anerkennung und Schutz ermöglichen, zugleich aber die Wahrnehmung von Menschen als verletzliche und schutzbedürftige Wesen verstärken und die Maßstäbe verändern, nach denen Konflikte, Sprache und soziale Beziehungen beurteilt werden. Lotter untersucht die Folgen dieses Wandels für individuelle Selbstverhältnisse ebenso wie für Recht, Politik, Wissenschaft und öffentliche Auseinandersetzungen.

Schriften (Auswahl) Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild. Hanser, München 2026, ISBN 978-3-446-28791-4. Schuld und Respekt. Über die Praxis von Vergeltung und Versöhnung, Suhrkamp, Berlin 2024 (stw 2407), ISBN 978-3-518-30007-7. Hrsg.: Probleme der Streitkultur in Demokratie und Wissenschaft. Baden-Baden: Karl Alber, 2023, ISBN 978-3-495-49262-8. Hrsg. mit Saskia Fischer: Guilt, Forgiveness and Moral Repair, London: Palgrave Macmillan, 2022, ISBN 978-3-030-84609-1. Hrsg. mit Eike Brock: Besser geht's nur in der Komödie. Cavell über die moralischen Register von Literatur und Film. Mit Beiträgen von Eike Brock, Elisabeth Bronfen, Lorenz Engell, Josef Früchtl, David Gern, Michael Hampe, Lars Leeten, Dimitri Liebsch, Maria-Sibylla Lotter, Ludwig Nagl und Jochen Schuff. Kulturphilosophische Studien, hrsg. v. Volker Steenblock und Hans-Ulrich Lessing, Freiburg: Karl Alber, 2019, ISBN 978-3-495-49021-1. Die Lüge: Texte von der Antike bis in die Gegenwart. Stuttgart, Reclam, 2017, ISBN 978-3-15-019474-4. Hrsg. mit Volker Steenblock: Ethik und Kunst. Sonderband Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik, 2015. Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen Grundlagen der Moral. Berlin: Suhrkamp, 2012. Diesseits von Freiheit und Autonomie. Philosophische Untersuchungen zu den Grundlagen und kulturellen Kontexten von Verantwortung und Personalität. [Titel der Habilitationsschrift] Stanley Cavell: Cities of Words. Ein moralisches Register in Film, Literatur und Philosophie. Übersetzung Maria-Sibylla Lotter. Zürich: Chronos, 2010. mit Michael Hampe (Hrsg.): „Die Erfahrungen, die wir machen, sprechen gegen die Erfahrungen, die wir haben“. Über Formen der Erfahrung in den Wissenschaften. Duncker & Humblot: Berlin, 2000. Gesetze und Personen: über die Erkenntnis und Distanzierung von sozialen und kulturellen Regeln. Universität Kassel, Interdisziplinäre Arbeitsgruppe für Philosophische Grundlagenprobleme der Wissenschaften und der Gesellschaftlichen Praxis, 2000. Hrsg.: Normenwandel und Normenbegründung in Gesellschaft und Recht. Tagungsband. Baden-Baden: Nomos, 1999. Die metaphysische Kritik des Subjekts. Eine Untersuchung von Whiteheads universalisierter Sozialontologie. Hildesheim: Olms, 1996, ISBN 978-3-487-10155-2. [Dissertation 1994]

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