mini|Cillie Rentmeister (Oktober 2018)
Cäcilia „Cillie“ Rentmeister (* 25. September 1948 in West-Berlin) ist eine deutsche Kunsthistorikerin, Hochschullehrerin, Geschlechterforscherin und Musikerin. Neben der Untersuchung von Geschlechterverhältnissen in der Kulturgeschichte hat sie sich mit dem Matriarchat befasst. Rentmeister war Keyboarderin der Frauenrockband Flying Lesbians.
Leben Rentmeister besuchte das humanistische Goethe-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf und studierte nach dem Abitur 1968 an der Freien Universität Berlin und der Universität zu Köln Kunstwissenschaften, Archäologie und Amerikanistik. Sie promovierte 1980 an der Universität Bremen zum Thema "Ödipus, Sphinx, Kulturgeschichte und Betroffenheit“. Rentmeister lebt in Berlin und Brandenburg und lehrte von 1994 bis 2014 als Professorin an der Fachhochschule Erfurt an der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften Kulturvergleichende Geschlechterstudien sowie Interaktive Medien. Sie gehört zu den ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterstudien an deutschsprachigen Hochschulen.Zum Zusammenhang zwischen zweiter Frauenbewegung und ihrer Berufsbiografie, sowie zur wissenschaftlichen und politischen Bedeutung von Frauen- und Geschlechterstudien gibt Rentmeister Auskunft in Ulla Bock: Pionierarbeit. Die ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen 1984-2014. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-593-50301-1.
Rentmeister ist eine Nichte der Frauen- und Kulturpolitikerin Maria Rentmeister, die – zusammen mit anderen Gründerinnen des DFD – als eine der „Mütter der Gleichberechtigung in der DDR“ gilt.Grit Bühler: (Die) Mütter der Gleichberechtigung in der DDR. Die frauenbewegte Gründerinnenzeit des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) 1945–1949, in: Bundeszentrale für Politische Bildung, Deutschland Archiv, 7. November 2023. Maria Rentmeister war Mitbegründerin des DFD und Mitglied des ersten Bundesvorstands des DFD und von 1947 bis 1949 deren erste Generalsekretärin bzw. Bundessekretärin.Zu Maria Rentmeister siehe auch Grit Bühler, Cillie Rentmeister: Maria Rentmeister, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, Rubrik: Akteurinnen – Biografien. 2024, online, abgerufen am 10. Februar 2024.
2010 erhielt sie den Lehrpreis der Fachhochschule Erfurt für ihr Seminar Politische und institutionelle Bedingungen der Sozialen Arbeit sowie ihre Vorlesung Gender – Geschlechterverhältnisse: Differenzen, Gleichheit, Gleichberechtigung. „Nach acht Preisverleihungen an Männer ist sie die erste Frau, die sich im Auswahlverfahren durchsetzen konnte.“CEWSJournal Nr. 77 | 17.11.2010. GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. „Lehrpreis 2010 an Prof. Dr. Cäcilia Rentmeister“, S.54. Abgerufen am 23. Januar 2023Lehrpreis 2010 an Prof. Dr. Cäcilia Rentmeister
Rentmeister war bereits ab den frühen siebziger Jahren aktiv in der „autonomen“ neuen Frauenbewegung.„Autonome“ resp. „Neue“ Frauenbewegung waren die Selbstbezeichnungen der Gründerinnengeneration, – die „Zweite Welle“ ist eine spätere Etikettierung, zum Selbstverständnis vgl. Frauenbewegung#Autonom und basisdemokratisch: „Autonom und basisdemokratisch. Für die autonome Frauenbewegung bedeutete autonom Unabhängigkeit von allen Formen traditioneller und neuer linker Politik (und in Absetzung vom ‚Sozialistischen Frauenbund‘), aber auch Unabhängigkeit von Parteien, Institutionen und ‚Staatsknete‘ – alle Projekte wurden bis 1976 (erstes Frauenhaus) aus eigener Kraft finanziert […]“
Einige Schlaglichter auf das Jahr 1975 – auf die deutschen Frauenbewegungs-Proteste gegen das Internationale Jahr der Frau, ihre Band Flying Lesbians, auf den Austausch mit Frauen in der DDR – wirft sie als Zeitzeugin in der Fernseh-Dokumentationsreihe des rbb „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt: 1975“.„Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt: 1975“, von Karoline Kleinert, in der rbb-Mediathek , und der ard-Mediathek , Erstausstrahlung am 18. Mai 2019, Interview Rentmeister ab Min.5'55, und nochmals ab 1h:16'min, kurzer Ausschnitt auch bei Youtube .Ausschnitte auch im inforadio des rbb, von Harald Asel und Jens Lehmann: Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt – CDU gewinnt im „Jahr der Frau“ in Berlin – Das Jahr 1975, Rentmeister ab Min.2:03 .
Ab 1974 schrieb sie Beiträge zur feministischen Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft, die auch international beachtet wurden.A selection of translated publications, in twelve languages – print, music and websites und A selection of translated publications in English – print, music and websites, abgerufen am 27. Mai 2013. Insgesamt wurden ihre Schriften in zwölf Sprachen übersetzt.Übersetzungen hier teils online verfügbar
Sie lehrte ab 1977 an Kunsthochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Universitäten in Berlin, Hamburg und Bremen. Unter anderem gehörte sie auch als Mitglied der „Gruppe Berliner Dozentinnen“ zu den Initiatorinnen der interdisziplinären Sommeruniversitäten für Frauen, an denen von 1976 bis 1983 in Berlin-West circa 30.000 Frauen teilnahmen, und von wo wichtige Impulse für die Frauen- und Geschlechterforschung in allen wissenschaftlichen Disziplinen ausgingen.Inge von Bönninghausen zu Rentmeister u. a. Dozentinnen auf den Sommeruniversitäten, in: Ariadne 37-38, Kassel 2000, S. 130, Rubrik „Persönliche Denkgeschichten“
Cäcilia Rentmeister war Keyboarderin der Flying Lesbians, der ersten Frauenrockband auf dem Kontinent (1974–1977), die 1975 eine erfolgreiche LP veröffentlichte. Die LP erschien 2007 anlässlich des Berlin-Revivals auch als CD sowie einzelne Songs auch auf YouTube. Anschließend wandte sich Rentmeister elektronischer Musik und Synthpop zu, trat live mit ihrer Frauenband LesBeTon auf, und veröffentlichte 1983 die Solo-Single EMP – End of Manmade Power.»Dass Frauen mit der Trickkiste der modernen Elektronik mitunter mehr anfangen können, als ihre männlichen Kollegen, beweist Cillie Rentmeister mit ihrer E.M.P., […] Ein gelungenes Debüt!« (zitty, Berlin 24/83); »Keine Angst, Cillie Rentmeister ist nicht zum Mikrochip geschrumpft […] Die „Tanne-tot-Samba“ ist mir in die Füsse gefahren – Marke Ohrwurm. Im anderen Stück „Deadly Force“ ist der Text musikalisch gut inszeniert mit einem Tropfen Nina Hagen extra scharf.« (taz, Dez. 83). Die „Tanne-tot-Samba“ erschien u. a. 2022 neu auf LP und CD Die Bedeutung von „Frauenmusik“ und „Frauenbands“ reflektierte sie in ihren Texten zu RitualenCecilia Rentmeister: Rituale als soziales Drama – Zur Bedeutung von Ritualen im menschlichen Leben, in: Scheiblich, Wolfgang (Hrsg.): Bilder – Symbole – Rituale, Freiburg 1999, S. 69–99 und Frauenfesten.Cillie Rentmeister: Frauenfeste als Initiationsritual, in: Heinrich-Böll-Stiftung, Feministisches Institut (Hrsg.) Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion, Berlin 1999Entwicklungen der „Frauenmusik“ der 70er und frühen 80er Jahre erörterte Rentmeister bereits 1985 in Vorträgen u. a. in Finnland in „Sounds of Women’s Movement – The Finland Lectures“ – gehalten in Helsinki, Sibelius-Akademie und an der University of Jyväskylä, Dept. of Music, Art and Culture Studies (auf Englisch, mit Illustrationen) Im Online-Musikjournal MELODIVA tauschen sich im Generationendialog „18 trifft 68“ Rentmeister und die Komponistin und Sängerin Laura Winkler über das Verhältnis von Frauenbewegung, Feminismus und Musik aus, inwieweit die 68er-Bewegung sie beeinflusst hat, und werfen kritisch-reflektierende Blicke auf aktuelle feministische Entwicklungen., „18 trifft 68“: Cillie Rentmeister & Laura Winkler. Musikerinnen sprechen über die 68er, in: Online-Musikjournal MELODIVA, Autorin: Mane Stelzer, 16. Oktober 2018, abgerufen am 30. November 2022
2021 wurden die Flying Lesbians in Bonn im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in der Ausstellung „Hits & Hymnen. Klang der Zeitgeschichte“ mit präsentiert, sowie in Leipzig 2023 bis Juli 2024 im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – Zeitgeschichtliches Forum Leipzig. In der Ausstellung wird auch ein NDR-Fernsehbeitrag von Alice Schwarzer über die Flying Lesbians gezeigt, mit den Bandfrauen während der Aufnahme ihrer LP, 1975 im Berliner Studio.Bonn 4.11.2020–10.10.2021, Leipzig 28.09.2023 bis 21.07.2024.
In den 1970er und 1980er Jahren publizierte Rentmeister auch kunst- und kulturkritische Schriften zu „feministischer Ästhetik“ und löste damit Kontroversen aus. Ihre Positionen diskutierte sie unter anderem auf den Berliner Sommeruniversitäten für Frauen 1977 und 1979 Titel und Literaturverweise zu den Vorträgen Mehrere der Schriften im Volltext. und im Stedelijk Museum in Amsterdam 1978 mit Ulrike Rosenbach und Lucy Lippard anlässlich der Ausstellung „Feministische Kunst Internationaal“. In den 1980er Jahren publizierte Rentmeister als Wissenschafts-Autorin für den Rundfunk, unter anderem zu patriarchalen Motiven des Bevölkerungswachstums und kritisch zum New Age.
Seit 1973 arbeitet sie mit ihrer Lebensgefährtin, der Regisseurin und Autorin Cristina Perincioli zusammen: 1975 schrieben sie das Drehbuch zu „Anna und Edith“ – dem ersten Spielfilm zu einer lesbischen Beziehung im deutschen Fernsehen (ZDF). In: Youtube
Gemeinsam wandten sich Rentmeister und Perincioli ab 1985 dem Thema „Computer und Kreativität“ zu. Sie entwickelten Modelle für die künstlerische und bildungsbezogene Arbeit mit Multimedia und publiziertenGemeinsames Buch Perincioli, Rentmeister: Computer und Kreativität: Ein Kompendium für Computergrafik, -animation, -musik und Video, Köln 1990 und lehrten dazu mit dem ausdrücklichen Ziel, in einem damals noch computerskeptischen Umfeld auch Frauen für diese neuen digitalen Technologien zu interessieren, unter anderem auch 1989 auf der 1. MultiMediale des ZKM.Für eine zeitgeschichtliche Einordnung des Ereignisses, rückblickend aus dem Jahr 2014, vgl. Cillie Rentmeister: „An den Schnittstellen zur Revolution: >Auge und Ohr< bei der ersten Multimediale des ZKM“, in: Rolf Funck, Michael Heck und Peter Weibel (Hg.): Das ZKM | Karlsruhe. Die Anfänge der Zukunft, Paderborn 2014, S. 358–360
Ab den 1990er Jahren wirkte Rentmeister als Herausgeberin und beim Praxistransfer von Websites zu „heiklen“ sozialen und Gender-Themen mit, die von Perincioli kreiert wurden.darunter 4human, Gewaltschutz, Save Selma, Ava2, Abgerufen am 29. Dezember 2010
Als Privatpilotin engagiert sich Rentmeister für die Förderung von Mädchen und Frauen in der Luftfahrt, in den Pilotinnen-Netzwerken Ninety NinesHomepage der US-Ninety-Nines, abgerufen am 30. November 2022 und der VDP/Vereinigung Deutscher Pilotinnen,Homepage der Vereinigung Deutscher Pilotinnen, abgerufen am 27. Mai 2013 durch Vorträge, in TV und Printmedien,Rentmeisters Lebenslauf und Veröffentlichungen zu Frauen in der Luftfahrt, u. a. Volltexte zum Download, abgerufen am 29. November 2022 im internationalen Austausch und mit Aktionen zum Girls’ Day; Melanie Katzenberger schreibt: „Die Pionierinnen der Lüfte gehören in die Schulbücher, fordert Cecilia Rentmeister. Mädchen müsse das Gefühl vermittelt werden: Wenn die das kann, kann ich das auch…“.Melanie Katzenberger: Keine Angst vorm Fliegen – Die Professorin und Freizeitpilotin Cecilia Rentmeister ermutigt Frauen, den Himmel zu erobern, MAZ, Pfingsten 2002. Abgerufen am 29. Dezember 2010.