Dem deutschen Volke, Untertitel Christo & Jeanne-Claude – Verhüllter Reichstag 1971-95, ist ein Dokumentarfilm der deutschen Filmemacher Wolfram Hissen und seinem Bruder, dem produzierende Regisseur Jörg Daniel Hissen aus dem Jahr 1996. Der Film handelt von dem komplexen Weg zur Verhüllung des Reichstages in Berlin und erzählt, wie eine Idee zum Auslöser einer leidenschaftlich geführten Debatte über das Zusammenspiel von Kunst, Kultur und Politik wird – und wie die Realisation in ein fulminantes Fest mündet, das in den zwei Wochen vom 24. Juni bis zum 7. Juli 1995 mehr als fünf Millionen Besucherinnen und Besucher aus Ost- und Westdeutschland sowie aus dem Ausland anzieht und verbindet.

Handlung Mit der Verhüllung des Reichstagsgebäudes erreicht ein öffentliches Kunstprojekt seinen Höhepunkt, nachdem die Realisierung über mehr als zwei Jahrzehnte zwischen Utopie und Wirklichkeit schwebte. Entsprechend schwebt in der Eröffnungssequenz auch die Kamera zur Musik von Johann Sebastian Bach über das verhüllte Gebäude. Gleich darauf der Zeitsprung in das Jahr 1980. Der Initiator und seit 1971 Verfechter der Realisation Michael S. Cullen stapft mit Christo und Jeanne-Claude vor dem 137 Meter langen Gebäude durch den Schnee. Dann treffen sie auf die frühen Fürsprecher wie u. a. Walter Scheel in Köln, auf Willy Brandt im Oktober 1981 in New York City, aber ebenso auf die Skeptiker und überzeugte Gegner. Der ehemalige Bankmanager Hermann Josef Abs kommentiert in einer der Diskussionen (Zitat, Min.: 21 ff.): „Solange sie (die Gegner) Nein sagen, tragen sie keinerlei Verantwortung. Und deshalb haben sie Angst, Ja zu sagen. Deshalb müssen Sie (Christo) jetzt versuchen, sie davon zu überzeugen, dass das Risiko: Ja zu sagen, nicht größer ist, ja vielleicht geringer, als Nein zu sagen.“ Zu jener Zeit steht die Berliner Mauer noch im Selbstverständnis der Unvergänglichkeit. Schnitt. Das Brandenburger Tor öffnet sich, Mauersegmente fallen. Visionen können Wirklichkeit werden.

Von da an begleitet der Film die künstlerischen, organisatorischen und politischen Etappen eines Projekts, das immer wieder vor dem Scheitern steht. Die Gespräche des Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude und dem Bauhistoriker Cullen mit deutschen Politikerinnen und Politikern über das Für und Wider – sowohl in Christos New Yorker Atelier wie in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn – münden in die von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth geleitete Debatte mit namentlicher Abstimmung am 25. Februar 1994. Die Gebrüder Hissen verzichten auf Kommentar. Sie vertrauen der Aussagekraft ihrer Bilder und den Originaltönen der Protagonisten; der demokratische Findungs- und Entscheidungsprozess geht über alle Parteigrenzen hinweg und ist spannend wie ein Krimi, bewegend wie ein Drama. Mit dem positiven Entscheid der Bundestagsabgeordneten beginnen die konkreten Vorbereitungen. „Von der Software zur Hardware“, lächelt Christo. Die Planung der Verhüllung übernimmt ein Ingenieurbüro in Radolfzell am Bodensee. In Emsdetten wird der Stoff produziert und in Herbolzheim mit Aluminium bedampft. Die Materialprüfung erfolgt beim BAM, Berlin. Im Büro der Bundestagspräsidentin präsentieren Christo und Jeanne-Claude das schimmernde Polypropylengewebe; Christo weist auf das Lichtspiel des Stoffes hin, auf seine Transparenz, aber auch auf das geplante Recycling. In Betrieben der alten wie neuen Bundesländer werden z. B. in Bremen die blauen, über 16 Kilometer langen, 3,2 cm starken Seile geflochten, in Vetschau/Spreewald über 100.000 m² Stoffbahnen sortiert und zu mächtigen Planen vernäht, in Chemnitz die Stahlträger und Schutzgitter für die Skulpturen und die Fassaden geschweißt. Mit drei Sattelzügen erfolgt der nächtliche Transport der über 55 Tonnen schweren Geweberollen von der Probehängung am Hangar des Flugplatzes in Werneuchen nach Berlin. Schließlich beginnen die Montagearbeiten zur Verhüllung des Reichstagsgebäudes durch Technikerinnen und Industriekletterer; das bereits ist ein Schauspiel.

Im Schlussakt begleitet die Dokumentation eine zweiwöchige 24-Stunden-Party ohne jeden Kommerz, aber dem Charakter eines Festes zur friedlichen Wiedervereinigung inmitten der deutschen Hauptstadt. Aus der Debatte im Parlament von Anfang 1994 klingen aus dem Off einige Argumente und Stimmen gegen die Kunstaktion an (zitierte Auswahl, Min.: 101 ff.): „Es sollte und es muss in unserem Land noch Dinge geben, die für private Vergnügungen eben nicht zu Verfügung stehen. Und es ist wichtig, dass der Reichstag dazu gehört.“ – „Eine Verhüllung des Reichstags würde aber nicht einen, sie würde nicht zusammenführen, sie würde polarisieren. So viele Menschen würde es nicht verstehen und nicht akzeptieren können.“ – „Meine Damen und Herren, so etwas tut man schlicht und einfach nicht.“ Widerlegt und anachronistisch wirken die Aussagen durch das, was aufgrund des verhüllten Reichstagsgebäudes in den Köpfen und Herzen der Menschen passiert. Am Ende, zu Luftaufnahmen des verhüllten Gebäudes in Gänze, zitiert Jeanne-Claude aus dem Off den drei Jahre zuvor verstorbenen Willy Brandt: (Min.: 103 ff.) „Im Verhüllten Reichstag wird sich jeder Deutsche widerspiegeln.“

Produktion Der Film wurde von Arte, Estwest-Hissen, Ex Nihilo und dem ZDF produziert. Gedreht wurde von November 1989 bis August 1995 vor allem in Berlin, Bonn, New York City, sowie in Betrieben zur Herstellung der Materialien in West- und Ostdeutschland. Dem Deutschen Volke Christo & Jeanne-Claude – Verhüllter Reichstag 1971–95 entstand als 108-minütiger 35-mm-Kinofilm; eingeflossen sind einige bereits ab 1980 gedrehte Passagen auf 16-mm mittels Blow-up. Die Uraufführung fand am 30. August 1996 in der Berliner Waldbühne statt. Kinostart in Deutschland war am 4. September 1997. Am 3. Oktober 1997 lief der Film erstmals als 98-minütige Fernsehfassung auf Arte.Filmdienst, abgerufen am 27. September 2015.

Nach über 25-jähriger Pause wurde Dem Deutschen Volke Christo & Jeanne-Claude – Verhüllter Reichstag 1971–95 im Rahmen der Reihe Berlin.Dokument erneut am 10. und 15. Mai 2026 im Deutschen Historischen Museum aufgeführt. Wie aus der Publikumsdiskussion unter Leitung des Filmhistorikers Jeanpaul Goergen im Zeughauskino hervorging, hat die Originalfassung von ihrer Faszinationskraft nichts verloren. Aus der Zeit fällt allein die Qualität der Digitalisierung von 1997.

Hintergrund Dem Deutschen Volke Christo & Jeanne-Claude – Verhüllter Reichstag 1971–95 ist der einzige vom Künstlerpaar autorisierte Film über ihr Projekt: Wrapped Reichstag.

Wissenswertes mini|Setfoto Verhüllter Reichstag, Berlin 1995 Auf dem schwarzen Vorspann erklingt die Stimme von Thomas Mann mit einem Auszug seiner Radiotexte: Deutsche Hörer!

Als einer der gewichtigsten Gegner des Projektes: Verhüllter Reichstag formuliert Wolfgang Schäuble in seiner Autobiografie: Erinnerungen – mein Leben in der Politik seine Korrektur: „Ich schätzte die Dinge falsch ein, und meine Ablehnung war ein Irrtum. Die euphorische Reaktion der fünf Millionen Besucher (…) die nach Berlin kamen, um den legenden-und-stoffumwobenen Reichstag mit eigenen Augen zu sehen, war eindrucksvoll. Auch die wortgewaltige Rezeption in den Feuilletons, die sich an Superlativen und beachtlichen Sprachbildern fast verschluckten, bildete einen erstaunlich geschlossenen Chor.“Die Faszination der Kunst: Christos Reichstagsverhüllung, S. 298 in: Wolfgang Schäuble, Erinnerungen: Mein Leben in der Politik, Klett-Cotta, Stuttgart 2025, ISBN 978-3608987041.

Einblicke in das Filmprojekt vermitteln die vom Set-Fotografen Nik Konietzny dokumentierten Dreharbeiten vor und auf dem Schritt für Schritt verhüllten Reichstagsgebäude. Darauf deutlich wird, dass Christo & Jeanne-Claude nicht nur die Außenseiten des Gebäudes, sondern ebenso die Dachflächen und die Seitenwände der beiden Innenhöfe verhüllten.

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Einzelnachweise

Kategorie:Filmtitel 1996 Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Französischer Film Kategorie:Dokumentarfilm