mini|400px|Titelblatt der ersten BuchausgabeIrrungen, Wirrungen ist ein RomanDie Erstveröffentlichung in der Vossischen Zeitung bezeichnet den Roman im Untertitel als Eine Berliner Alltagsgeschichte. Fontane hat sein Werk zunächst wiederholt als „Novelle“ bezeichnet. Die Veröffentlichung von der ersten Buchausgabe an als „Roman“ wird schon in einer Rezension von 1888 kritisiert, die wegen der Handlung im Umfang einer „Nussschale“ nicht einmal die Kriterien einer Novelle erfüllt sieht. Betz: Erläuterungen und Dokumente. S. 111. Auch der Lektüreschlüssel XL hält die Bezeichnung „Novelle“ wegen eines Mangels an „menschlicher Totalität“ für angemessener. Ladenthin, Leis: Lektüreschlüssel XL, S. 47. von Theodor Fontane, der zunächst im Jahr 1887 in der Vossischen Zeitung und anschließend 1888 in Buchform erschien. Hauptthema ist die nicht standesgemäße Liebe zwischen dem Baron und Offizier Botho von Rienäcker und der kleinbürgerlichen Schneidermamsell Lene (Magdalene) Nimptsch. Beide wollen ihre Standesgrenzen nicht überwinden und heiraten „aus Vernunftgründen“ einen anderen Partner, denn: „Die Sitte gilt und muß gelten, aber daß sie’s muß, ist mitunter hart.“So Fontane am 16. Juli 1887 an Friedrich Stephany, den Chefredakteur der Vossischen.
Handlung Der Roman spielt in der zweiten Hälfte der 1870er Jahre in Berlin. Die hübsche, tüchtige und pflichtbewusste Lene wohnt als Waisenkind bei ihrer alten Pflegemutter Nimptsch in einem kleinen Häuschen auf dem Gelände einer Gärtnerei in der Nähe des Zoologischen Gartens. Bei einer Bootspartie lernt sie den gesellschaftlich gewandten und unterhaltsamen Baron Botho von Rienäcker kennen. Die beiden verlieben sich ineinander, wohl wissend, dass wegen des Standesunterschieds eine Heirat ausgeschlossen ist. Während Botho, der weichere und schwächere von beiden, sich vagen Hoffnungen auf eine mögliche Fortdauer der Beziehung zu dem natürlichen und heiteren Mädchen hingibt, weiß die realistische und klarsichtige Lene genau, dass ihre Liebe keine Zukunft hat. Dennoch ist sie entschlossen, ihr Glück zu genießen, solange es dauert.
Nach einem gesellig verbrachten Sommer soll eine Landpartie zu Hankels Ablage zum Höhepunkt in Lenes und Bothos Beziehung werden. Sie verbringen den Tag und die Nacht miteinander. Ihre Stimmung wird jäh getrübt, als sich am nächsten Tag auch drei Regimentskameraden Bothos mit ihren jeweiligen „Verhältnissen“ im Gasthaus einfinden und beide spüren, dass die Gesellschaft keinen Unterschied macht zwischen ihrer aufrichtigen Liebe zu Botho und den Beziehungen seiner Freunde zu den sie begleitenden Huren.
Am nächsten Morgen erhält Botho einen Brief seiner Mutter, in dem sie die prekäre Finanzlage der Familie schildert und auf baldige Abhilfe durch Bothos seit langem geplante Heirat mit seiner reichen Cousine Käthe von Sellenthin drängt. Botho beugt sich der Notwendigkeit und trennt sich von Lene. Er muss erkennen, „dass das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zugrunde gehn, aber er geht besser zugrunde als der, der ihm widerspricht.“Zwischen Bothos Freunden und ihren Begleiterinnen geht es um eine Geldbeziehung: Die Männer machen sich „über die Rollen ihrer Freundinnen keine Illusionen, sie kennen den Handel, den Vertrag, der geschlossen wurde, und nutzen ihn.“ Die Mätressen ziehen „hieraus materielle Vorteile“ wie auch Botho sich von Lene trennt, „weil er eine Vernunftehe mit Käte eingeht, die einen Geldsegen für seine Familie bedeutet.“ Ladenthin, Leis: Lektüreschlüssel XL, S. 37 f. Botho entscheidet sich für die gesellschaftlich respektablen Form einer „Vernunftehe“ aus Geldnot - wie groß ist der Unterschied zur Prostitution der Mätressen? Lene, die diese Entwicklung von Anfang an kommen sah, hat Verständnis für Bothos Entschluss und ergibt sich ihrem Schicksal. Botho heiratet die lebenslustige Käthe, führt eine wenig leidenschaftliche, doch erträgliche konventionelle Ehe, kann aber Lene ebenso wenig vergessen wie sie ihn. Als Lene ihrem früheren Geliebten und dessen Frau zufällig auf der Straße begegnet, ohne dass er sie bemerkt, ist sie einer Ohnmacht nahe und beschließt, in ein anderes Stadtviertel umzuziehen.
In ihrer neuen Umgebung lernt Lene den älteren Fabrikmeister Gideon Franke kennen. Als dieser ihr einen Heiratsantrag macht, fühlt Lene sich verpflichtet, ihm von ihrem Vorleben zu erzählen. Gideon, ein Laienprediger, der schon einen Amerika-Aufenthalt hinter sich hat, ist bereit, über ihre Vorgeschichte hinwegzusehen, sucht aber dennoch Botho in dessen Wohnung auf, um sich von der Beziehung zu Lene erzählen zu lassen. Von den alten Erinnerungen aufgewühlt, verbrennt Botho anschließend Lenes Briefe und einen mit einem ihrer Haare zusammengebundenen Blumenstrauß. Doch kann dieser symbolische Akt seine Sehnsucht nach seiner ehemaligen Geliebten nicht auslöschen: „Alles Asche. Und doch gebunden.“ Als Käthe in der Zeitung die Hochzeitsanzeige von Lene Nimptsch und Gideon Franke liest und sich über deren Namen lustig macht, reagiert Botho mit dem vieldeutigen Schlusssatz: „Gideon ist besser als Botho.“
Komposition Der Roman ist in sechsundzwanzig zeitungsgerecht kurze Kapitel gegliedert, die in einen ersten Teil (Kapitel 1 bis 16) mit dem Schwerpunkt der Beziehung von Lene und Botho und einen zweiten Teil (Kapitel 17 bis 26) mit dem Schwerpunkt der Ehe von Käthe und Botho zusammengefasst werden können.Ladenthin, Leis: Lektüreschlüssel XL, S. 11.
In den zeitgenössischen und neueren Rezensionen werden vor allem drei Abschnitte genauer untersucht: das erste Kapitel wegen seiner Auftaktfunktion für den ganzen Roman, der Abschnitt vom dreizehnten bis sechzehnten Kapitel wegen des Übergangs zum zweiten Teil und das letzte Kapitel wegen des vieldeutigen allerletzten Satzes. In Übereinstimmung mit der Romantheorie Fontanes, der den ersten Seiten eine Schlüsselfunktion für Thema und Durchführung zusprach,„Das erste Kapitel ist immer die Hauptsache […]. Bei richtigem Aufbau muß in der ersten Seite der Keim des Ganzen stecken. (…) An den ersten drei Seiten hängt immer die ganze Geschichte.“ Aus Briefen Fontanes zitiert nach: Betz: Erläuterungen und Dokumente. S. 8. werden im ersten Kapitel besondere Hinweise auf den Fortgang der Handlung identifiziert: eine von der Straße aus in der Gärtnerei sichtbare Kulisse und ihr tatsächlicher Hintergrund, die erste Erwähnung der Liebenden kurz vor einem Abschied für den Tag („Er bleibt ja nich.“ Sic.) sowie die mit der Standesgrenzen überschreitenden Liebe oft verbundene Hoffnung auf Dauer (das „Einbilden“).„Die Täuschung über die wahren sozialen Verhältnisse stört das erträglich Normale und führt zu dem, was Frau Dörr das ´Schlimme´, das unglückliche Bewusstsein nennt. Hierin besteht, wie im Einleitungskapitel des Romans thematisiert, das Grundproblem ´unserer Erzählung´.“ Ladenthin, Leis: Lektüreschlüssel, S. 52 f. Betz nennt unterstützend die erste Erwähnung der Liebenden in der Situation des Abschieds, folgt aber Christian Grawe (2000), der gegen die Annahme einer schon vollinhaltlichen ersten Seite argumentiert, dass im ganzen ersten Teil erst Lenes Welt zu entwickeln war, bevor der Roman Käthes und Bothos Welt darstellen konnte. Betz: Erläuterungen und Dokumente. S. 8, 137 f.
Der Übergang vom ersten zum zweiten Teil wird je nach Gewichtung der Ereignisse in den Kapiteln dreizehn bis 16 gesehen, nach den kommentierend ergänzten Überschriften vom „Mätressen-Intermezzo“, über das „Ende der vermeintlichen Idylle“ und „Botho trennt sich von Lene“ bis zum Kapitel „Käthe und Botho heiraten“.Inhaltsanzeigende Überschriften nicht bei Fontane, sondern bei Ladenthin, Leis: Lektüreschlüssel XL, S. 20 ff. Betz zitiert Joachim Biener (1970) und Cordula Kahrmann (1976), die im 14 Kapitel den „Knotenpunkt“, die „Peripetie“ des Romans sehen, sowie Christian Grawe (2000), der den symbolischen Tod Lenes und ihre Vertreibung aus dem Dörrschen ‚Schloss‘ im 16. Kapitel betont. Betz: Erläuterungen und Dokumente. S. 34, 43, 138.
Der berühmte letzte Satz des Romans („Gideon ist besser als Botho.“) im sechsundzwanzigsten Kapitel wird je nach Kontextualisierung verschieden gedeutet: Auf einer ersten Ebene kann es um Bothos Namen als solchen gehen, der, wie Frau Dörr gegenüber Lene kommentiert, „ja gar kein christlicher Name“ sei,Fontane: Irrungen, Wirrungen, Ullstein-Ausgabe 1992, S. 20. während ein „Gideon“ immerhin in der Bibel vorkommt. Auf einer zweiten, von Käthe nicht einsehbaren Ebene könnte Botho damit die erfolgreiche Abwendung seiner sozialen Deklassierung meinen und sich die Richtigkeit seiner Trennung von Lene bestätigen, auf einer dritten Ebene könnte Botho das „besser“ dagegen selbstkritisch meinen als Eingeständnis eigener Feigheit, von Gideons Mut und dessen Aussicht auf eine erfüllte Beziehung.Zu den einzelnen Quellen der Kontextualisierung vergleiche Betz: Erläuterungen und Dokumente. S. 63, 123, 125, 132 sowie Ladenthin, Leis: Lektüreschlüssel, S. 9, 34.
Unterhalb der durch die Kapitel vorgegebenen Makrostruktur ist der Text mit einer Reihe von Leitmotiven durchwirkt,Ladenthin, Leis: Lektüreschlüssel XL, S. 41, 52 ff., 110 f. Unterhalb der Leitmotivik arbeitet der Text mit in der Forschung noch nicht untersuchten Mikrostrukturen, in denen Wahrheit und Unwahrheit der kulturellen Selbstmystifikationen gegeneinander gestellt werden. die dem Thema zuarbeiten und den Leseeindruck formen. Hierzu gehören unter anderen
die Trennungshinweise, die, von Lene oder anderen geäußert, der Übermacht der Verhältnisse das Wort reden,Betz: Erläuterungen und Dokumente. S. 8, 104 f. und Ladenthin, Leis: Lektüreschlüssel XL, S. 100 f. die Verbundenheitshinweise, die Lene und Botho durch ihre Erinnerung auch nach der Trennung aneinanderbinden,Betz: Erläuterungen und Dokumente. S. 28, 46. die „Redensartlichkeit“, mit der Fontane durch das gemeinsame Merkmal des häufigen Gebrauchs von Redensarten Sprache und Denken von Adel und Kleinbürgertum quer zu den sozialen Unterschieden und im Gegensatz zu Lene orchestriert,Betz: Erläuterungen und Dokumente. S. 17, 43, 107, 130 f. Bothos „Volkstümlichkeit“, die er in einem Moment jovial äußert, im nächsten aber durch Distanzierung dünkelhaft zurücknimmt,Betz: Erläuterungen und Dokumente. S. 130 sowie Ladenthin, Leis: Lektüreschlüssel XL, S. 39. das „Komische“ der Dinge in Käthes Sicht, das eine gewisse Oberflächlichkeit signalisiert und damit in ihrem Habitus Klugheit, Sensibilität und sexuelle Versuchungen verdeckt,Betz: Erläuterungen und Dokumente. S. 46, 130, 138 f. Vergleiche Käthes Bericht über ihren Kuraufenthalt in Schlangenbad, den interessanten Mr. Armstrong und ihre mehrfach nachdenklichen Bemerkungen bei ihrer Heimkehr. Fontane: Irrungen, Wirrungen, Ullstein-Ausgabe, S. 151 ff. Aberglauben und Magie, die sich, die Macht des Schicksals betonend, in der Vorzeichensensibilität Lenes äußern oder die Symbolik der Blumen und Farben.
Die Dichte der in diesem relativ kurzen, handlungsarmen, „kleinen Roman“ vorhandenen kompositorischen Elemente unterstreicht den Konstruktionsaufwand des Textes, der mit längeren Unterbrechungen zwischen 1882 und 1887 und daher mitnichten als „ein Werk freudiger Kraftentfaltung [entstand], bei dem die innere Sicherheit mühelos vorwärtstrieb und kaum erhebliche Schwierigkeiten vorfand.“Zitat von Conrad Wandrey (1919) in: Theodor Fontane, Irrungen, Wirrungen, Ullstein-Ausgabe 1992, S. 175 f.
Sexualität im Widerstreit mit den Standesgrenzen