High-Rise ist ein britischer Science-Fiction-Film von Ben Wheatley und eine Verfilmung des 1975 erschienenen dystopischen Romans High-Rise des britischen Schriftstellers James Graham Ballard, der 1982 unter dem Titel Der Block und 1992 unter dem Titel Hochhaus auf Deutsch erschien. Der Film feierte am 13. September 2015 beim Toronto International Film Festival Premiere und kam am 30. Juni 2016 in die deutschen Kinos.
Inhalt Handlung London im Jahr 1975. Robert Laing, ein frisch geschiedener, junger und wohlhabender Arzt, zieht in ein gerade fertiggestelltes modernistisches Hochhaus des Architekten Anthony Royal. Die Bewohner leben hier als isolierte Gemeinde vom Rest der Gesellschaft abgeschnitten. Das Gebäude soll eine ganz neue Ebene von Luxus ermöglichen: Es bietet Bewohnern alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens, vom Supermarkt bis zum Fitnessstudio, und ein Verlassen des Hochhauses ist eigentlich nicht mehr nötig. Einer seiner Nachbarn ist der Kieferorthopäde Nathan Steele, und über ihm wohnt die attraktive, alleinerziehende Mutter Charlotte Melville, die er kennenlernt, als er gerade nackt auf seinem Balkon in der Sonne liegt.
Je höher man im Hochhaus wohnt, desto höher ist der Status einer Person. Nach und nach kommt es zu Spannungen zwischen den Bewohnern und zu einer gefährlichen sozialen Situation: Es entstehen Unruhen innerhalb der Hausgemeinschaft und unter den sozialen Schichten, die sich im Laufe der Zeit gebildet haben. Es kristallisieren sich drei Schichten heraus: Die Bewohner der luxuriösen Penthäuser, wie die verblasste Schauspielerin Jane Sheridan und der streitlustige Gynäkologe Pangbourne, werden zur Oberschicht, die der mittleren Stockwerke zur Mittelschicht und die Bewohner der unteren Stockwerke werden zur Unterschicht gezählt. Auch Familien mit Nachwuchs stehen in der sozialen Rangordnung des Gebäudes ganz unten und wohnen entsprechend nah am Boden.
Stromausfälle und Müllberge führen jedoch schon bald zur Verschärfung der Konflikte innerhalb der Hausgemeinschaft, und es werden an mehreren Punkten im Gebäude Barrikaden errichtet. Während einer Party stürmen die Bewohner der unteren Stockwerke den Swimmingpool, der bis dahin von den Bewohnern der oberen Etagen okkupiert war. Der Supermarkt wird geplündert, und im Haus kommt es zu Vergewaltigungen. In diesem spannungsgeladenen Umfeld freundet sich Laing mit dem Dokumentarfilmer Richard Wilder an, der es nur in den zweiten Stock geschafft hat und hier gemeinsam mit seiner schwangeren Frau Helen lebt, und macht auch die Bekanntschaft mit dem Architekten des Gebäudes, Anthony Royal, der mit seiner Frau Anne ganz oben wohnt, wo den beiden eine riesige Parkanlage zur Verfügung steht, auf der sogar ein Pferd Platz findet. Laing selbst wohnt in der Mitte des Hochhauses, was ihn wegen eines geplanten Mordanschlags von Wilder an Royal zwischen die Fronten bringt, und der Opportunist muss sich entscheiden, auf welcher Seite dieser Geschichte er stehen will.
Filmanalyse Chris Hall von The Guardian erkennt im Film die durch die drei Protagonisten repräsentierten Bereiche der menschlichen Psyche nach Sigmund Freud, vereint unter einem Dach. Bei Richard Wilder handele es sich um das Es, Dr. Robert Laing (dessen Name deutlich auf R. D. Laing Bezug nehme, den Autor von The Divided Self) symbolisiere das Ich, und der Architekt des Gebäudes, Anthony Royal, sei das Über-Ich.Chris Hall: Why JG Ballard’s High-Rise takes dystopian science fiction to a new level In: theguardian.com, 3. Oktober 2015. Royal ist eine tragische Figur und erkennt letztlich den Fehler seiner Schöpfung. In der Psychoanalyse ist er, das Über-Ich repräsentierend, die moralische Instanz oder auch das Gewissen, das die moralischen Normen und Wertvorstellungen der kulturellen Umgebung verinnerlicht hat. Wilder als Dokumentarfilmer mit anarchistischen Tendenzen, der fremdgeht, obwohl seine Ehefrau hochschwanger ist, symbolisiert als Es laut Freud den unbewussten und triebhaften Teil des Individuums, insbesondere den Bereich der sexuellen Begierde und der aggressiven Impulse. Zwischen oben und unten, zwischen Über-Ich und Es, hin- und hergerissen, befindet sich Dr. Laing, der nur aufgrund seiner Ausbildung als Mediziner eine distanzierte freundschaftliche Beziehung zu Royal pflegen kann, während er von Wilder wegen dessen draufgängerischer Art beeindruckt ist.Frank Arnold: Kritik zu High-Rise In: epd Film, 24. Juni 2016. Als Ich ist er in Freuds Modell jene Instanz, die dem bewussten Denken des Alltags entspricht und „zwischen den Ansprüchen des Es, des Über-Ich und der sozialen Umwelt“ vermittelt. Das Ich hat das Ziel, psychische und soziale Konflikte konstruktiv aufzulösen und hat seine Triebe unter Kontrolle.Kacper Piontkowski: ‚Gedanken an Freud natürlich‘, Zum psychoanalytischen Aspekt ausgewählter Texte von Franz Kafka, 2014.
Wheatley sieht in Royals Versuch, in seinem Hochhaus möglichst vielen Menschen ein angenehmes Leben zu ermöglichen, ein zwar gut gemeintes, jedoch gescheitertes soziales Experiment. Der Architekt selbst bezeichne sein Projekt in der Geschichte zwar als einen Verwandlungsschmelztiegel, doch habe er zu viele Fehleinschätzungen in Bezug darauf gemacht, wie die Menschen aufeinander reagieren werden.Thomas Page: Retromania: Inside 'High-Rise', Ballard’s Brutalist nightmare In: CNN, 15. März 2016. In der Romanvorlage ist Royal nicht alleine der Verantwortliche dafür, dass das Experiment schiefgeht. Ballard selbst beschreibt das Gebäude im Buch einmal als Büchse der Pandora, die ihre tausend Deckel, einen nach dem anderen, nach innen öffnet.David Brussat: A high-rise schimflexicon In: architecturehereandthere.com, 6. Juli 2015. Auch für Sienna Miller sind es nicht die einzelnen Bewohner, sondern das Hochhaus selbst, das die Geschehnisse vorantreibe: „Der wirkliche Star des Films ist das Gebäude.“Sienna Miller und Tom Hiddleston im Gespräch mit Chris Morrison: Tom Hiddleston interviewed on the set of High-Rise in Bangor In: irishnews.com, 11. März 2016.
Produktion Literarische Vorlage Der 1975 erschienene Roman High-Rise des britischen Schriftstellers James Graham Ballard diente dem Film als literarische Vorlage. Chris Hall von The Guardian fühlt sich bei dem von Ballard beschriebenen Hochhaus an die Unité d’Habitation (französisch für Wohneinheit) in Marseille erinnert, die dort umgangssprachlich auch als Wohnmaschine bezeichnet wird und als ein moderner Wohnhaustyp von dem Architekten Le Corbusier entwickelt wurde. Auch der Montparnasse-Turm in Paris weise Ähnlichkeiten auf, besonders jedoch der Balfron Tower in London, in dessen Nähe auch Ballard sein Hochhaus im Roman verortete.
High-Rise ist nach The Atrocity Exhibition (1970), Crash (1973) und Concrete Island (1974) der letzte Teil einer Tetralogie von Ballard. Im ersten Satz des Romans High-Rise heißt es: „Later, as he sat on his balcony eating the dog, Dr Robert Laing reflected on the unusual events that had taken place within this huge apartment building during the previous three months.“ (deutsche Übersetzung: „Später, als er auf seinem Balkon saß und den Hund aß, dachte Dr. Robert Laing über die ungewöhnlichen Ereignisse nach, die in den vergangenen drei Monaten in dem riesigen Apartmentgebäude stattgefunden hatten.“) Hierdurch nimmt der Roman einige narrative Elemente vorweg, die im Film erst später angesprochen werden.Tim Robey: High-Rise is 'the height of decadence' – review In: The Telegraph, 17. März 2016.
Produktionsgeschichte mini|170px|Ben Wheatley (re.) beim Toronto Film Festival 2015 Der Produzent Jeremy Thomas, der mit Crash von David Cronenberg bereits 1996 eine Adaption eines Werkes von Ballard auf die Leinwand gebracht hatte, war mit dem 2009 verstorbenen Schriftsteller befreundet und plante nach dessen Tod die Verfilmung eines weiteren Werkes von ihm.Mark Olsen: Tom Hiddleston moves into Ben Wheatley’s dystopian 'High-Rise'; Luke Evans makes things chaotic In: LA Times Online, 11. September 2015.
Stab und Besetzung Im August 2013 berichtete ScreenDaily, dass Ben Wheatley an einer Adaption des Buches arbeite.Andreas Wiseman: ScreenDaily, Ben Wheatley to direct JG Ballard’s High Rise for RPC In: screendaily.com, 29. August 2013. Die Arbeiten am Drehbuch übernahm seine Frau Amy Jump.
Tom Hiddlestons Beteiligung am Film und die Übernahme der Hauptrolle des Dr. Robert Laing wurden im Februar 2014 bekannt.Meredith Woerner: Tom Hiddleston will star in the movie adaptation of High Rise! In: io9.com, 5. Februar 2014. Wheatley sagte zur Besetzung der Hauptrolle: „Tom hat diese Art eines britischen Matinée idols der 40er oder 50er Jahre, die wir nicht mehr haben.“Mark Kermode: Ben Wheatley: 'Financing a film as crazy as this takes good casting' In: The Guardian, 6. März 2016. Zur Vorbereitung auf seine Rolle eines Arztes hatte Hiddleston einem Pathologen bei der Arbeit zugeschaut und war während einer Autopsie anwesend.Etan Vlessing: TIFF: Tom Hiddleston Recounts Viewing an Autopsy to Prepare for 'High-Rise' Role In: The Hollywood Reporter, 14. September 2015.
Im Juni 2014 stießen die im Film das Ehepaar Wilder spielenden Schauspieler Luke Evans und Elisabeth Moss zur Crew, und zur gleichen Zeit folgte James Purefoy.Leo Barraclough: 'Luke Evans, Elisabeth Moss Join Ben Wheatley’s ‘High-Rise’' In: Variety. Abgerufen am 26. Juni 2014.Oliver Lyttelton: In: Indie Wire, 13. Juni 2014. Später wurde die Verpflichtung von Augustus Prew bekannt.
Dreharbeiten und Ausstattung Nach eigenen Aussagen hatte der Regisseur etwas über die Entstehung des Films Trainspotting gelesen und dass man für die Dreharbeiten eine alte Brauerei genutzt habe. Da Wheatley schon immer an einem industriell geprägten Ort drehen wollte, da man dort viele verschiedene und interessante Räume zur Verfügung habe, machte er sich auf die Suche danach. mini|Der Walled Garden am Bangor Castle: im Film der Dachgarten des Architekten Anthony Royal Wheatley schaute sich auch die von Le Corbusier entworfene Unite d' Habitation in Marseille an. Thomas Page von CNN nennt, neben den bereits mit dem Roman in Verbindung gebrachten realen Vorlagen wie dem Balfron Tower, eine Reihe weiterer, in den 1970er Jahren entstandener brutalistischer Gebäude über die Wheatley sagte, von diesen inspiriert worden zu sein. Darunter der 1972 fertiggestellte Trellick Tower in London, der ganz ähnlich wie der Balfron Tower aussieht, das Barbican Centre in London, die Birmingham Central Library und die Red Road Flats in Balornock, Glasgow, in die 1971 die ersten Bewohner eingezogen waren.
Die Dreharbeiten begannen im Juli 2014 in Belfast, NordirlandGeorge Wales: Ben Wheatley confirms Tom Hiddleston for High-Rise. In: gamesradar.com, 5. Februar 2014. und fanden später größtenteils im Seaside Resort Bangor statt. In: northernirelandscreen.co.uk, 30. April 2014. Dort drehte man überwiegend im Old Bangor Castle Leisure Centre, das seit 2012 geschlossen war.Rachel Martin: Hotel plan for Bangor leisure centre used as High Rise movie set In: belfasttelegraph.co.uk, 22. März 2016. Wheatley sagte, er habe in diesem Gebäude ein 1973 eingerichtetes Sportcenter mit einer Sporthalle, einem angeschlossenen Squash-Platz und einem Swimming-Pool vorgefunden, das auch über eine große Zahl von Fluren verfügte und insgesamt doppelt so viel Platz geboten hätte, wie ein Filmstudio. Weitere Aufnahmen wurden am Co-Op-Bankgebäude und im Walled Garden am Bangor Castle gemacht. Durch CGI wurde in einer Nachbearbeitung des Filmmaterials der Eindruck erweckt, dieser befinde sich Hunderte Meter weit oben auf dem Dach des Gebäudes.Sarah Scott: The Co Down filming locations for Hollywood blockbuster High Rise look incredible in the trailer In: belfastlive.co.uk, 15. Februar 2016.