Als Befreiung vom Nationalsozialismus wird in Deutschland und Österreich die Beseitigung der nationalsozialistischen Herrschaft durch die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg im Jahr 1945 bezeichnet. Der Begriff betont den Teilaspekt des Endes der nationalsozialistischen Diktatur. In der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland wurden dagegen überwiegend die Begriffe „Zusammenbruch“ oder „Stunde Null“ verwendet, die eher materielle Not, Zerstörungen, Demontagen, Flucht und Vertreibung sowie den Aspekt des Neuanfangs betonen. In der Geschichtswissenschaft wird hervorgehoben, dass das Kriegsende damals für die meisten Deutschen eine Niederlage bedeutete.
In der DDR wurde die Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus in Erinnerung an den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung gefeiert. Von 1950 bis 1966 und 1985 war dieser Tag ein gesetzlicher Feiertag.Hintergrund aktuell: 8. Mai 1945. Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 15. August 2026.
Bedeutungsentwicklung In einer Rede zum Ende des Zweiten Weltkriegs sagte Bundespräsident Walter Scheel im Jahr 1975: „Wir wurden von einem furchtbaren Joch befreit, von Krieg, Mord, Knechtschaft und Barbarei. […] Aber wir vergessen nicht, dass diese Befreiung von außen kam.“ Seit der Rede von Bundespräsident Richard Weizsäcker Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft anlässlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes in Europa am 8. Mai 1985 wurden nicht mehr die in der frühen Nachkriegszeit für dieses Ereignis teilweise verwendeten Begriffe „Kapitulation“ oder „Niederlage“, sondern die Beendigung der Diktatur in den Mittelpunkt gestellt. Von Weizsäcker wies in seiner Rede auch auf die Zwiespältigkeit des Jahrestages hin:
Während der 8. Mai in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Zusammenbruch oder Stunde Null beschrieben wurde, gehört heute zum politischen Konsens, im 8. Mai 1945 vor allem einen Tag der Befreiung zu sehen: „Niemand bestreitet heute mehr ernsthaft, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung gewesen ist – der Befreiung von nationalsozialistischer Herrschaft, von Völkermord und dem Grauen des Krieges“, betonte der Bundeskanzler des wiedervereinigten Deutschlands, Gerhard Schröder, am 8. Mai 2000.Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich der Ausstellungseröffnung „Juden in Berlin 1938–1945“ im Centrum Judaicum. In: hu-berlin.de, abgerufen am 14. August 2026.
In Deutschland gehört der Begriff Befreiung vom Nationalsozialismus seither zum Kern der nationalen Erinnerungskultur.
Geschichtswissenschaftlicher Diskurs In der Geschichtswissenschaft wird darauf hingewiesen, dass die Massenvergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee, der Hunger und die neue Unterdrückung in der sowjetischen Besatzungszone das Ende des NS-Regimes und des Krieges nicht als Befreiung empfinden ließen.Klaus Hildebrand: Das Dritte Reich. 4. Auflage. Oldenbourg, München 1991, S. 104. Der Berliner Historiker Henning Köhler verweist darauf, dass es gar nicht das Ziel der Siegermächte gewesen sei, Deutschland zu befreien. Die deutsche Bevölkerung habe allenfalls „Erleichterung“ über das Ende des Kriegs empfunden, das „keine Befreiung“ gewesen sei, sondern „die umfassendste Niederlage, das größte Debakel der deutschen Geschichte“.Henning Köhler: Deutschland auf dem Weg zu sich selbst. Eine Jahrhundertgeschichte. Hohenheim-Verlag, Stuttgart 2002, S. 437 f. Auch der Historiker Hans-Ulrich Wehler hält es für verständlich, „daß die Niederlage mit ihren Folgen aus der Sicht der meisten deutschen Zeitgenossen als deprimierende Katastrophe empfunden wurde“, betont aber gleichzeitig, es sei „unleugbar“, dass „der Mai 1945 eine Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur bedeutete“.Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949. C.H. Beck Verlag, München 2003, S. 941 f. Der Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Hubertus Knabe mahnt, zwischen Ost- und Westdeutschland zu unterscheiden, da die Bürger der DDR erst ab 1989 die Chance erhalten hätten, eine Demokratie aufzubauen. Josef Stalin habe zwar entscheidend zur Niederlage des Nationalsozialismus beigetragen, den Sieg aber dazu benutzt, seine eigene Diktatur zu stärken.Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland. Propyläen, 2005, ISBN 3-549-07245-7. Der britische Historiker Richard J. Evans kommt zu dem Ergebnis, dass das Kriegsende 1945 nur von heute aus betrachtet wie eine Befreiung wirke: Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen sei es eine eindeutige Niederlage gewesen, die sich als ein mehrmonatiger Prozess vergleichsweise langsam vollzogen habe.Richard J. Evans: Das Dritte Reich. Band III: Krieg. Deutsche Verlagsanstalt, München 2009, S. 920.
Sowjetunion In der Sowjetunion wurde der Sieg über Nazideutschland als Tag des Sieges zur Begründung eines imperialen Mythos von Russland als Befreier der Menschheit benutzt. Der Sieg wurde mit früheren historischen Ereignissen, mit der Schlacht auf dem Kulikowo Pole und dem Russlandfeldzug 1812, verknüpft, in denen Europa durch das selbstlose russische Opfer gerettet worden sei. Zur Konstruktion dieses messianischen Mythos wurden die riesigen sowjetischen Kriegsopfer instrumentalisiert, die nicht als Zeugnis für die sowjetische Ineffizienz und Missachtung für Menschenleben, sondern als Beweis für Russlands Opfer für die Rettung der Menschheit ausgelegt wurden.Orlando Figes: Eine Geschichte Russlands. Stuttgart 2022, S. 336.
DDR Der untrennbare Zusammenhang zwischen der Befreiung durch die Sowjetarmee und der Gründung der DDR war ein Grundpfeiler der Ideologie des ostdeutschen Staates.Dieser Abschnitt beruht, wenn nicht anders vermerkt, auf: Gerhart Hass: 8. Mai 1945 im Spiegel der Geschichtsschreibung in der DDR. In: Hans-Adolf Jacobsen, Jochen Löser, Daniel Proektor, Sergej Slutsch (Hrsg.): Deutsch-russische Zeitenwende. Krieg und Frieden 1941–1995. Baden-Baden 1995, S. 538 ff. Die Anerkennung der entscheidenden Rolle der Sowjetunion beim Sieg über Deutschland und ihre Rolle als Befreier hatten einen hohen Stellenwert in den Beziehungen zwischen den Ostblockstaaten im Warschauer Pakt und der Sowjetunion. Die Propaganda und Geschichtsschreibung der DDR verfochten im völligen Gleichklang die sowjetische Version des Kriegsendes. In seiner ersten Kriegsrede vom 3. Juli 1941 hatte Josef Stalin vorausgesagt, der Krieg werde zu einem „Befreiungskrieg“, der mit dem Kampf der Völker Europas und Amerikas verschmelzen werde. Eines der Hauptthemen der sowjetischen Propaganda um die Soldaten zum Kampf zu motivieren war die Mission der Befreiung Europas von der „faschistischen Bestie“.Roger R. Reese: Why Stalin's Soldiers Fought. University Press of Kansas, 2011, S. 195. Als 1965 die Sowjetunion eine große nationale und internationale Kampagne startete, um ihre Rolle als Befreier nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, nahm die Volkskammer der DDR am 5. Mai 1965 ein „Manifest zum 20. Jahrestag der Befreiung“ an, in dem es hieß, dass die Völker der Sowjetunion die entscheidende Tat vollbracht haben bei der „Befreiung auch des deutschen Volkes von der braunen Pest“. 1973 erschien in der DDR das Buch des sowjetischen Verteidigungsministers A. A. Gretschko Die Befreiungsmission der Sowjetstreitkräfte im Zweiten Weltkrieg.
Rezeption Alexander Kluge: 30. April 1945. Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann. Mit einem Gastbeitrag von Reinhard Jirgl. Suhrkamp, Berlin 2014, ISBN 978-3-518-42420-9. Ausstellung Deutsches Historisches Museum Berlin: 1945. Berlin 2015.Christiane Habermalz: Ausstellung „1945“ im DHM: Eine Zeit des großen Umbruchs. In: deutschlandradiokultur.de, 22. April 2015, abgerufen am 15. August 2026.Paul Stänner: Luxemburg 1945: Überfallen, unterdrückt, befreit. In: deutschlandradiokultur.de, 22. April 2015, abgerufen am 15. August 2026.Burkhard Birke: Ausstellung „1945“ in Berlin: Ein Mädchen ohne Kindheit. In: deutschlandradiokultur.de, 24. April 2015, abgerufen am 15. August 2026.
Siehe auch Zur französischen Sicht siehe La Libération.
Literatur Richard von Weizsäcker: Rede vom 8. Mai 1985. Hintergrund aktuell: 8. Mai 1945. Bundeszentrale für politische Bildung. 4. Mai 2006. Monika Flacke (Hrsg.): Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Katalog zur Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin. Philipp von Zabern Verlag, Mainz am Rhein 2004, ISBN 3-8053-3298-X (Rainer Eckert: Rezension – H-Soz-Kult). Michael Klundt, Samuel Salzborn, Marc Schwietring, Gerd Wiegel: Erinnern, verdrängen, vergessen. Geschichtspolitische Wege ins 21. Jahrhundert. Gießen 2003, ISBN 3-00-010741-X. Alexander Mitscherlich, Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens. München 1967. Margarete Mitscherlich: Erinnerungsarbeit. Zur Psychoanalyse der Unfähigkeit zu trauern. Frankfurt am Main 1993. Edgar Wolfrum: Die beiden Deutschland. In: Volkhard Knigge, Norbert Frei (Hrsg.): Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord. München 2002. Moshe Zuckermann: Zweierlei Holocaust. Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands. Göttingen 1998. Gabriele Senft: Leuchtend prangten ringsum Apfelblüten. Der lang ersehnte Frühling. Arbeiterlogik im Verlag Wiljo Heinen, Berlin / Böklund 2020, ISBN 978-3-95514-913-0.
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