Die Mathildenhöhe Darmstadt oder kurz Mathildenhöhe in der südhessischen Großstadt Darmstadt ist ein in den Jahren 1897 bis 1914 auf der gleichnamigen Erhebung im Osten der Darmstädter Innenstadt entstandenes Gebäude- und Parkensemble des Jugendstils und der frühen Moderne. Sie ist Ergebnis der vom damaligen hessischen Großherzog Ernst-Ludwig initiierten Künstlerkolonie Mathildenhöhe, in der bedeutende Künstler und Architekten wie Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens und Albin Müller mit einem ganzheitlichen Ansatz neue Wege in experimenteller Architektur, neuer Raumkunst und zukunftsweisendem Design bestritten haben. Wegen ihres bedeutenden Beitrages zur Entwicklung der modernistischen Architektur, zur städtischen Landschaftsgestaltung und der avantgardistischen Prozesse, in der dies geschah, wurde sie am 24. Juli 2021 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.Deutsche UNESCO-Kommission: Beschreibung in der Tentativ-Liste Benannt ist die Mathildenhöhe nach Großherzogin Mathilde, Ehefrau des Großherzogs Ludwig III. von Hessen und bei Rhein.

Lage und Grenzen des Welterbes Geografische Lage Die Mathildenhöhe liegt am östlichen Rand der Darmstädter Innenstadt im Stadtteil Darmstadt Ost und war im 19. Jahrhundert eine Gartenanlage des großherzoglichen Hofes, die ab 1833 im Stil eines Englischen Landschaftsparks gestaltet wurde. Sie befindet sich heute vollumfänglich innerhalb der städtischen Siedlungsfläche. mini|Von Joseph Maria Olbrich für die dritte Ausstellung 1908 entworfener Hochzeitsturm (links) – wegen seiner markanten Spitze auch Fünf-Finger-Turm genannt – und Russische Kapelle (rechts), die als einziges Gebäude bereits vor Gründung der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe existierte

Kernzone des Welterbes Die Kernzone des Welterbe-Gebiets umfasst insgesamt 5,37 ha, bestehend aus zwei Teilflächen, einer größeren (Unesco-ID 1614-001) mit einer Größe von 5,21 ha (etwa 250 m mal 200 m) sowie einer etwa 150 m südwestlich davon gelegenen kleineren an der Ecke Stiftstraße/Prinz Christian-Weg mit einer Größe von 0,16 ha, auf der sich die Drei-Häuser-Gruppe befindet (Unseco-ID 1614-002). Die große Teilfläche wird grob umgrenzt im Norden vom Olbrichweg, im Osten vom Olbrichweg und vom Mathildenhöhweg, im Süden vom Prinz-Christian-Weg und im Westen vom Eugen-Bracht-Weg, Nikolaiweg und der Westgrenze des Platanenhains. Innerhalb dieses Gebietes liegen 22 der 23 Objekte (siehe weiter unten). Die Grünfläche an der Ecke Prinz-Christian-/Egen-Bracht-Weg gehörte ursprünglich nicht zur nominierten Fläche, wurde aber im Zuge des Bewerbungsverfahrens noch mit einbezogen.

Pufferzone Umgeben wird die soeben beschriebene Kernzone von einer 76,54 ha großen Pufferzone. Im Nominierungsdossier war diese zunächst nur rund 37 ha groß und wurde begrenzt im Norden von der Dieburger Straße, im Osten von Wolfskehlstraße, Seitersweg und Fiedlerweg, im Süden von der Landgraf-Georg-Straße und im Westen von der Pützerstraße. Im Zuge des Bewerbungsverfahrens wurde diese Fläche jedoch noch um den östlich der Mathildenhöhe gelegenen Park Rosenhöhe, um den südlich gelegenen Großen Woog – einem innerstädtischen Naturbadesee mit umgebender Grünanlage – sowie dem dazwischen liegenden Gebiet um den Ostbahnhof und die beiden Häuserblocks südöstlich von Seitersweg und Fiedlerweg erweitert. Der Park Rosenhöhe bildet mit der Mathildenhöhe ein historisches und städtebauliches Ensemble; sein westlicher, nach der Mathildenhöhe ausgerichteter Eingang wird gebildet vom Löwentor, dessen Löwenplastiken vom ehemaligen Hauptportal zur vierten Künstlerkolonie-Ausstellung von 1914, das sich vor dem Lilienbecken befand, stammen.

Die Pufferzone umfasst den kompletten statistischen Bezirk Mathildenhöhe innerhalb des Stadtteils Darmstadt Ost sowie südlich der Erbacher Straße noch einen Teil des Woogsviertels. Die Rosenhöhe liegt dagegen bereits im Bezirk Oberfeld.

Geschichtlicher Hintergrund mini|Eingangsportal des Ernst-Ludwig-Hauses, von Olbrich entworfen und 1901 als Ateliergebäude für die Künstler der Künstlerkolonie errichtet. Heute Heimat des Museums Künstlerkolonie Darmstadt. mini|Eingangsportal des Großen Hauses Glückert, ebenfalls 1901 von Olbricht als Künstlerhaus entworfen, erworben vom Möbelfabrikanten Glückert mini|Eingangsportal von Haus Deiters, entworfen von Olbrich als Wohnhaus für den Geschäftsführer der Künstlerkolonie, Wilhelm Deiters. Einst kultivierte man auf der Anhöhe am Ostrand der Stadt Wein. Um 1800 wurde im Auftrag von Prinz Christian, dem jüngsten Bruder des damaligen Landgrafen Ludwig I., ein auch für die Öffentlichkeit zugänglicher Park angelegt, der unter seinem Nachfolger, Ludwig III., dessen Gattin Mathilde dem Hügel fortan ihren Namen lieh, mit Gartenhäuschen und Pavillons ausgestattet wurde. Aus dieser Zeit, um 1830, stammt auch der heute noch erhaltene Platanenhain. Als die prosperierende Landeshauptstadt gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs, entstanden am Fuß des Hügels großbürgerliche Villen. In den Jahren 1877 bis 1880 baute man auf der Kuppe der Mathildenhöhe, innerhalb des Parks, nach Plänen des Ingenieurs Otto Lueger ein Wasserreservoir, das die Wasserversorgung der Stadt verbessern sollte.

1897 bis 1899 errichtete der französischstämmige Petersburger Architekt Leonti Benois im Auftrag des russischen Zaren Nikolaus II. – der mit der Darmstädter Prinzessin Alix verheiratet war und der für sich und seine Familie bei seinen Besuchen in der Stadt nicht auf einen orthodoxen Gottesdienst verzichten wollte – auf der Mathildenhöhe anstelle eines zuvor von Georg Moller errichteten Gartenhauses die der Heiligen Maria Magdalena geweihte Russische Kapelle. Die Grundsteinlegung fand ein Jahr nach der Grundsteinlegung der vom selben Architekten entworfenen ähnlichen russische Kapelle in Bad Homburg statt; die Einweihung in Anwesenheit des Zaren folgte am 8. Oktober 1899.

Ebenfalls ab 1897 hatte der kunstsinnige Großherzog Ernst Ludwig dann gemeinsam mit dem Verleger Alexander Koch die Idee, auf der Mathildenhöhe ein Zentrum für die damals aufkommende Reformbewegung in Architektur, Kunst und Handwerk zu begründen, inspiriert von der Arts-and-Crafts-Bewegung in Großbritannien sowie der im selben Jahr gegründeten Wiener Secession. Dazu ließ er zunächst von dem Architekten Karl Hofmann einen Bebauungsplan für die Mathildenhöhe konzipieren, der um eine zentrale Grünanlage um den Platanenhain und die Russische Kapelle Straßenzüge für großbürgerliche Villen vorsah.Reinhard Dietrich und Ferdinand Werner: Karl Hofmann – nicht nur in Worms. In: Der Wormsgau 39 (2024), S. 97–126 (106). In der Folge entstand hier die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe, zu der der Großherzog junge Künstler aus Deutschland und dem nahen Ausland einlud, nach Darmstadt zu kommen, um hier neue Ideen zu verwirklichen. Zu den Eingeladenen gehörte der junge Architekt Joseph Maria Olbrich, Mitbegründer der Wiener Secession, der gerade mit seinem Erstlingsentwurf für das Wiener Secessionsgebäude Aufsehen erregt hatte und der fortan zum Spiritus rector der Darmstädter Künsterkolonie werden sollte. Aus Paris holte Ernst Ludwig den Bildhauer und Medailleur Rudolf Bosselt, aus München den Maler Peter Behrens, der sich in Darmstadt erstmals mit Architektur beschäftigen sollte, und ebenfalls aus Paris den Maler Hans Christiansen.

Die Gebäude auf der Mathildenhöhe wurden einschließlich der Möbel und aller Gebrauchsgegenstände von den eingeladenen Künstlern als experimentelle Lebens- und Arbeitswelten der frühen Moderne selbst entworfen und während vier bahnbrechender und international hochbeachteter Ausstellungen gezeigt. Die erste große Ausstellung mit dem Titel Ein Dokument deutscher Kunst fand bereits 1901 statt, die zweite, etwas kleinere, drei Jahre später. 1908 folgte die dritte unter dem selbstbewussten Titel Hessische Landesausstellung für freie und angewandte Kunst, bevor die vierte und letzte am Vorabend des Ersten Weltkriegs 1914 die interessierte Öffentlichkeit auf den Musenhügel zog. In den 15 Jahren ihres Bestehens entstanden auf der Mathildenhöhe unter anderem Ateliergebäude, ein großes Ausstellungsgebäude, Künstlerhäuser, die als Musterbauten dienten, sowie als prominentestes Bauwerk und als Geschenk der Stadt Darmstadt an den Großherzog anlässlich seiner zweiten Eheschließung 1905 mit Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich der Hochzeitsturm, heute Wahrzeichen der Stadt Darmstadt.

Nach schweren Beschädigungen während des Zweiten Weltkrieges in der Darmstädter Brandnacht, der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944, und nachfolgender teilweisen Beseitigung der Schäden ist die Mathildenhöhe heute ein bedeutendes Zeugnis frühmoderner Architektur-, Stadt- und Landschaftsgestaltung in Südwestdeutschland und seit 2021 Weltkulturerbe. Sie gilt heute als ein Wegbereiter der Moderne.

Bewerbungsverfahren bei der Unesco mini|Ausstellungsplakat zur zweiten Ausstellung der Künstlerkolonie 1904, entworfen von Johann Vincenz Cissarz Die Bewerbung der Mathildenhöhe Darmstadt zur Eintragung in die UNESCO-Welterbe-Liste zog sich über einen Zeitraum von anderthalb Jahrzehnten hin. Der Startschuss fiel im Jahr 2006, als die Stadt Darmstadt die Bewerbung initiierte, indem sie ein Forum zur Entwicklung des Ensembles veranstaltete. Ziel war, langfristige Perspektiven und Leitlinien für den Erhalt des Kulturdenkmals zu entwickeln und herauszufinden, ob die Voraussetzungen für eine potentielle Welterbe-Stätte gegeben seien. Dazu waren insbesondere Fragen zur Einzigartigkeit, Echtheit und Unversehrtheit zu beantworten. Der Schweizer Kunsthistoriker Werner Oechslin bestätigte schließlich 2011 in seinem Fachgutachten „die außergewöhnliche kulturhistorische Bedeutung der Stätte im internationalen Vergleich“, woraufhin der damalige Oberbürgermeister der Stadt, Jochen Partsch, im Sommer 2012 offiziell den Antrag zur Aufnahme in die deutsche Tentativliste bei der deutschen Kultusministerkonferenz einreichte. Am 15. Januar 2015 erfolgte die offizielle Aufnahme. Anschließend wurde der verpflichtende Managementplan zum Schutz und Erhalt des Ensembles von einem eigens dazu einberufenen Gremium aus Wissenschaft, Verwaltung und Politik aufgestellt. Im Januar 2019 reichte die Bundesrepublik Deutschland schließlich das finale Nominierungsdossier einschließlich Managementplan bei der UNESCO in Paris ein, bevor im Herbst desselben Jahres Experten des Internationalen Rats für Denkmalpflege (ICOMOS) vor Ort waren und das Ensemble auf die geforderte Authentizität prüften.

Ursprünglich sollte im Sommer 2020 über den Eintrag in die Welterbe-Liste entschieden werden; dies wurde jedoch wegen der Corona-Pandemie verschoben. Schließlich erfolgte die offizielle Ernennung ein Jahr später, am 24. Juli 2021 während der (wegen der anhaltenden Pandemie online abgehaltenen) 44. Sitzung des Welterbekomitees im chinesischen Fuzhou. Seitdem ist die Mathildenhöhe die 48. deutsche Welterbe-Stätte.

Begründung für die Ernennung zum Unesco-Weltkulturerbe mini|Hochzeitsturm (links) und Ausstellungsgebäude (rechts) mit repräsentativem Treppenaufgang. Letzteres wurde 1905 bis 1908 auf einem Wasserreservoir errichtet und 2024 nach 12-jähriger umfassender denkmalgerechter Sanierung wiedereröffnet. In ihm finden seitdem wieder Wechselausstellungen statt.

Die Mathildenhöhe Darmstadt ist laut Begründung der UNESCO ein Prototyp der Moderne, der ein kompaktes und außergewöhnliches Zeugnis für die Entstehung der modernistischen Architektur und der städtischen Landschaftsgestaltung des zwanzigsten Jahrhunderts sowie für die avantgardistischen Prozesse, durch die dies geschah, darstellt. (Kriterium II)Damit sei sie "wegweisend für die Architekturgeschichte" und ein außergewöhnliches Ensemble von architektonischen Elementen in einer gestalteten Landschaft und stellt einen Prototyp der Moderne dar, der die Entstehung der modernistischen Architektur und der städtischen Landschaftsgestaltung des 20. Jahrhunderts dokumentiert. (Kriterium IV)

Bestandteile des Welterbes