mini|hochkant|Klaus Müller (2010) Klaus Müller (* 10. August 1944 in Ursprung; † 3. März 2026) war ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Hochschullehrer.
Werdegang Klaus Müller, Sohn von Liesbeth und Paul Müller, legte 1963 an der Erweiterten Oberschule in Stollberg/Erzgeb., DDR das Abitur ab. Nach dem Studium der Finanzökonomik und Außenwirtschaft wurde er 1973 an der Hochschule für Ökonomie in Ost-Berlin über die Ökonomische Bewertung von Varianten der langfristigen Entwicklung am Beispiel der Energiewirtschaft promoviert und habilitierte sich 1978 über Theorien der Einkommensverteilung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Von 1972 bis 1991 lehrte Müller an der Sektion Wirtschaftswissenschaften der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt, ab 1984 als Professor für Politische Ökonomie.Prof. Dr. Klaus Müller, auf tu-chemnitz.de Ab 1991 war er freiberuflicher Dozent für Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, von 1997 bis 2016 externer Lehrbeauftragter für externes und internes Rechnungswesen an der TU Chemnitz. Er leitete von 2000 bis 2009 den Studiengang „Mittelständische Wirtschaft“ an der Staatlichen Studienakademie Glauchau. Ab 2009 war er dort externer Lehrbeauftragter für Volkswirtschaftslehre.
Er veröffentlichte etwa 400 Aufsätze in Zeitschriften und Zeitungen (unter anderem in Wirtschaftswissenschaft, IPW-Berichte, Die Technik, Fertigungstechnik und Betrieb, Die Weltbühne, Das Argument, Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, WISU – Das Wirtschaftsstudium, Marxistische Blätter, Wirtschaftsdienst, Berliner Debatte Initial, Sozialismus), in den Tageszeitungen Neues Deutschland und Junge Welt, der Wochenzeitung Jungle World, Das Blättchen und Ossietzky.
Müller starb nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren. Er war verheiratet und Großvater.
Forschungsschwerpunkte und Positionen Holger Wendt bezeichnete Müller und Stephan Krüger als „die beiden führenden marxistischen Geldtheoretiker“ im deutschsprachigen Raum. Dogan Michael Ulusoy schrieb, dass Müller die Bedeutung der wert- und geldtheoretischen Darlegungen von Karl Marx für die Politische Ökonomie halte, „vergleichbar mit den Newtonschen Gesetzen für die Physik und dem Mendelejewschen Periodensystem für die Chemie.“Dogan Michael Ulosoy: Stephan Krüger, Klaus Müller, Das Geld im 21. Jahrhundert, in: die bank, Zeitschrift für Bankpolitik und Praxis, Nr. 1, Bank Verlag GmbH, Köln 2021, S. 73.
Müller gehörte zu den Ökonomen, die an der währungspolitischen Bedeutung des Goldes festhielten, obwohl das Gold aus der Zirkulation verdrängt wurde und die goldgedeckten Banknoten aus der Zirkulation verschwunden waren. „Dabei vermeidet er zwei komplementäre Fehler, derer sich andere marxistische Autoren regelmäßig schuldig machen“, schrieb Holger Wendt: „Weder sieht er Marx’ Darstellung der Entwicklung der Geldware Gold als das letzte Wort der ökonomischen Wissenschaften an, noch betrachtet er das ‚Kapital‘ als in diesem Punkt durch Papier-, Buch- und Digitalgeld überholt.“ Vielmehr zeige der logisch-historische Zusammenhang von Geldware und Geldzeichen, „dass Geldstellvertreter Abkömmlinge und nicht Konkurrenten der Geldware sind. Von diesem Standpunkt aus gelingt es ihm, Marx’ Ansatz der Gelderklärung weiterzuentwickeln, ihn bruchlos auf die Höhe der modernsten Erscheinungen der Geldmärkte zu bringen.“Holger Wendt, Der Ökonom Klaus Müller wird 80, junge Welt 10.08.2024, S. 10.
Beim Zentralbankgeld handele es sich nach Müller um Papiergeld mit Annahmezwang. Papiergeld, d. h. inkonvertible Noten sind Forderungen nur der buchhalterischen Erscheinung nach. Es gebe kein Forderungsobjekt wie beim Kreditgeld. Kreditgeld sei Zahlungsanspruch. Dem widerspricht Georg Quaas: Zentralbanknoten seien „echte Forderungen an die Zentralbank mit einem im Kreditvertrag definierten Forderungsobjekt – die hinterlegten Sicherheiten.“Georg Quaas, Relationale Geldtheorie. Zur aktuellen Diskussion über das Geld, Metropolis Verlag, Marburg 2018, S. 32.
Müller setzte „einen Kontrapunkt gegen verbreitete Erklärungen der Inflation“, die „naturgesetzliche“ Zusammenhänge zwischen Angebot, Nachfrage und Preisen sowie zwischen Löhnen und Preisen – die Lohn-Preisspirale – erdenken und so die „Verursacher des Preisanstiegs freisprechen.“ Müller hielt „die autonome Preissetzung der Monopole und Oligopole“ für den wichtigsten Inflationsgrund. Die Profit-Preis-Spirale erweise sich als „tief im System verankerte Ursache des Preisanstiegs“. Nach Müller sei, schrieb Dieter Janke, der globale, inflationäre Preisauftrieb in den Jahren 2022/23 ausgelöst worden „durch die großen Ölgesellschaften und Gaslieferanten, die die mit dem Ukraine-Krieg… verbundenen Probleme mit Blick auf ihre Profit- und Renditeziele mit ihrer Preissetzungsmacht“ ausnutzten.Dieter Janke: Kein monetäres Problem allein, neues deutschland, 07.06.2023. Müller sagte laut Malte Kornfeld, dass „bei gegebenen Preisen, sonstigen Kosten und gegebener Produktivität die Profite im Ausmaß der Lohnsteigerung zwingend zurückgehen müssen. Unternehmen wollen dies verhindern und setzen den Preis hoch. Was als lohnbedingte Preissteigerung hingestellt wird, ist der Versuch, eine Korrektur der Verteilung der Einkommen zugunsten der Lohnempfänger zu verhindern“, und verwies auf den Zeitaspekt: „Preissteigerungen sind in aller Regel Lohnerhöhungen zeitlich vorgelagert. Während Unternehmen das ganze Jahr über Preise erhöhen…, müssen Lohnzuwächse von den Tarifparteien erst ausgehandelt werden. Das geschieht maximal einmal im Jahr.“ Hansjörg Tuguntke hob Müllers Standpunkt hervor, „dass die Preise nicht steigen, weil die Kosten gestiegen sind, sondern die Kosten steigen, weil man erwartet, dass die Preise steigen und weil die Anbieter hohe Profite kalkulieren.“ Müller betonte, so Dieter Janke und Holger Wendt, dass die Inflation „kein rein monetäres, sondern auch ein soziales Phänomen ist. Sie entzieht den Lohnabhängigen, Rentnern, Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern Einkommen und preissetzende Unternehmen und der Staat profitieren.“Dieter Janke, Kein monetäres Problem allein, neues deutschland, 07.06.2023.
„Für Galbraith wie für Müller ist die Zentralbank Element einer komplexen wirtschaftlichen Ganzheit, deren Gesetzen und Zwängen sie sich nicht entziehen kann, an die sie sich im Gegenteil anpasst, auf die sie reagiert. Zentralbankpolitik sei zwar nicht wirkungslos, aber keineswegs so souverän, wie oft behauptet, und ihre Wirksamkeit sei unsicher.“
Frank Rehberg verwies auf die rentenpolitischen Vorstellungen Müllers, der dagegen war, die Lebensarbeitszeit zu verlängern, die Rentenbezugsdauer zu kürzen und das Rentenniveau zu senken. Die Finanzierung der Rente hinge nicht ab von der Relation zwischen Beitragszahlern und Rentenempfängern, sondern davon, wie sich das Verhältnis des verteilbaren Reichtums der Gesellschaft zur Zahl ihrer Mitglieder ändert. Diese Relation – das Volkseinkommen pro Einwohner – steige. Das steigende Volkseinkommen müsse gerechter verteilt werden.Frank Rehberg: Die Rente, in: Arbeiterstimme, Zeitschrift für marxistische Theorie und Praxis, Nr. 214, Nürnberg 2021, S. 27.Deutsches Institut für Sozialwirtschaft (DISW): Literaturhinweis: „Die Rente“ als Argumentationshilfe für Senior*innenvertretungen?, 10. Juni 2021.
Müller hielt sich „zu den eher ‚traditionellen‘ oder auch ‚authentischen‘ marxistischen Politökonomen“.Jürgen Leibiger: Über Sinn und Unsinn der politischen Ökonomie, Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 137, März 2024, S. 195. So widersprach er Nobuo Okishio und Michael Heinrich, die versuchten, das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate zu widerlegen. Sie sagten, die Profitrate müsste steigen, werde das Kostenkriterium der Investition eingehalten, also nur akkumuliert, wenn die Kapitalkosten weniger stark stiegen als die Lohnkosten sänken. „Müller hält das Heinrichsche Argument für ein Missverständnis... und rechnet vor, wie sich Heinrichs kurzfristige (Kostpreis-)Profitratensteigerung … in ein Sinken der (Kapitalvorschuss-)Profitrate verwandelt.“
Für Müller war die Wertformanalyse kein logisches Konstrukt ohne praktische Bedeutung, sondern gebe die Geldwerdung aus dem Tausch dem Grunde nach auch empirisch korrekt wieder. Die Wertformen stellten zugleich Praxisformen dar, mit denen Marx den geschichtlichen Prozess der Entstehung des Geldes logisch erkläre. Er stimmte Wolfgang Fritz Haug zu, der sagt, habe „man einmal die Wertform als Praxisform … begriffen, wird ihre dialektische Entfaltung hin zur Geldform im ‚Witz der Widersprüchlichkeiten‘ (Brecht) … nachvollziehbar.“ Jürgen Leibiger schrieb, Müllers Arbeit sei „keine bloße Rekapitulation von Marx’ Geldtheorie, sondern geht darüber hinaus. Sie bietet hinsichtlich der historisch-empirischen Abstützung der Wertformanalyse neues und erstmalig präsentiertes Material.“ Die Wertformanalyse liefere eine genetische Bestimmung des Geldbegriffs. Sie zeige, wie das Wesen des Geldes aus dessen Herkunft, seiner Entstehung erkannt werden könnte. Die einfache und die totale Wertform würden den Zeitraum des Jungpaläolithikums (40 000 bis 10 000 Jahre v. u. Z.) umfassen. Danach folge die dritte Stufe, die allgemeine Wertform. Sie „erstreckt sich über den Zeitraum von 10 000 bis 2 500 Jahre v.u.Z.“ und werde von der Geldform als vierte Wertform abgelöst. Müllers „Darstellung der historischen Entwicklung des Geldes und seiner Vorstufen mit vielen konkreten Beispielen aus mehreren Jahrtausenden und vier Erdteilen ist in diesem Umfang einmalig.“ (Klaus Steinitz) Ihr Vorzug bestehe darin, schrieb Leibiger, dass Müller die Geld- und Münzgeschichte „auf der Grundlage einer zwar sehr komplexen, aber eben auch einheitlichen, in sich widerspruchsfreien und weitgehend gesicherten Geldtheorie behandelt.“
Bücher Irrwege der Verteilungstheorie. Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1980. Das profitable Elend. Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1982 und Nakladatel’stvo Pravda, Bratislava 1985 (slowakisch). Wo das Geld die Welt regiert. Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1985 und Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1986. Ökonomische Relativitätstheorie und „Neoklassische Synthese“. Schriftenreihe der Technischen Universität Karl-Marx-Stadt, Heft 3/1988, mit Eugeniusz Kwiatkowski. Das Geld im gegenwärtigen Kapitalismus. (mit Hannelore Riedel, Paul Danek, Hans Wagner u. a.; hrsg. von Dieter Klein, Peter Hofmann und Hannelore Riedel). Dietz-Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-320-01378-5. Neomonetarismus. Kritische Untersuchungen einer konservativen staatsmonopolistischen Wirtschaftslehre. (mit Manfred Braun und Günter Krause). Akademie Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-05-000281-6, Neuauflage De Gruyter-Verlag, Berlin/Boston 2022, ISBN 978-3-11-254021-3. Börsenroulette. Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1990, ISBN 3-349-00854-2. Buchführung. Lehr- und Übungsbuch. GUC-Verlag Chemnitz 1999, 5., durchgesehene Auflage, Chemnitz 2009, ISBN 978-3-934235-83-0. Mikroökonomie. Eine praxisnahe, kritische und theoriengeschichtlich fundierte Einführung. GUC-Verlag Chemnitz 2000, 8., aktualisierte und verbesserte Auflage, Chemnitz 2020, ISBN 978-3-86367-061-0. Geld. Von den Anfängen bis heute. Ahriman-Verlag, Freiburg 2015, ISBN 978-3-89484-827-9. Profit. PapyRossa-Verlag, Köln 2016, ISBN 978-3-89438-606-1. Boom und Krise. PapyRossa-Verlag, Köln 2017, ISBN 978-3-89438-640-5. Lohnarbeit und Arbeitslohn. PapyRossa-Verlag, Köln 2018, ISBN 978-3-89438-667-2. Auf Abwegen. Von der Kunst der Ökonomen, sich selbst zu täuschen. PapyRossa-Verlag, Köln 2019, ISBN 978-3-89438-714-3. Kontroversen über den Arbeitswert. Eine polit-ökonomische Debatte, mit Georg Quaas, WeltTrends-Verlag Potsdam 2020, ISBN 978-3-947802-48-7. Monopole, PapyRossa-Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-89438-731-0. Das Geld im 21. Jahrhundert. Die Aktualität der Marxschen Wert- und Geldtheorie. (mit Stephan Krüger), PapyRossa-Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-89438-743-3. Die Rente, PapyRossa-Verlag, Köln 2021, ISBN 978-3-89438-760-0.