mini|Ökodorf Sieben Linden hinter den Jurten des Landschaftskunstwerks „Globolo“
mini|Vorgefertigte Strohballenwände für das Haus „Windrose“ mini|Fertiges Haus Windrose im Ökodorf Sieben Linden mini|Landschaftskunstwerk Globolo im Ökodorf Sieben Linden mini|Hausgruppe am Standort des nächsten Siebenlinden-Hauses „Nachtigall“ mini|Nordriegel mit Tanzsaal und Haus Strohpolis hinter der Sauna und dem noch ungedeckten Schuppendach mini|Bauwagen als Unterkunft Das Ökodorf Sieben Linden ist eine sozial-ökologische Modellsiedlung und Gemeinschaft in der altmärkischen Gemeinde Beetzendorf (Sachsen-Anhalt). Es versteht sich als Modell- und Forschungsprojekt für eine zukunftsorientierte Lebensweise, in der Arbeit und Freizeit, Ökonomie und Ökologie, Individuum und Gemeinschaft, weltoffene und dörfliche Kultur in kleinen Lebenskreisen zu einem Gleichgewicht finden. Das Ökodorf ist Teil des Global Ecovillage Network Europe.Sieben Linden Ecovillage bei Global Images Network. (englisch) Abgerufen am 2. Mai 2021
Geschichte Ende der 1980er Jahre wurde in der Broschüre Selbstversorgung als Selbstbestimmung die Vision einer autofreien Siedlung beschrieben, in der die Menschen wieder Zeit und Interesse füreinander haben und in Harmonie miteinander und mit der Natur leben. Die Idee eines sich selbst versorgenden, ökologischen Dorfes wurde 1989 in Heidelberg von Menschen aus dem Kreis der Zeitschrift ÖKODORF-Informationen weiterentwickelt. Die ersten Interessenten fanden sich und suchten über Zeitungsanzeigen weitere Interessenten.
Noch im selben Jahr fanden die ersten Treffen zur Gründung eines ökologischen Dorfes statt. Daraus bildete sich der Freundeskreis Ökodorf e. V. mit heute etwa 270 Mitgliedern in ganz Deutschland. Ab 1992 versuchte man, das Konzept eines „Ökodorfes“ zu realisieren. Als möglicher Standort wurde das frühere Dorf Stresow ausgesucht. Es war zu Zeiten der DDR niedergerissen worden, weil es sich zu nahe an der Grenze befand. Die Bürgermeisterin der Gemeinde, auf deren Gemarkung sich das Gelände befand, war an einer Wiederbesiedelung sehr interessiert. Auch das zuständige Regierungspräsidium war bereit, die erforderliche Genehmigung zu erteilen, sodass die Bauvorhaben realisierbar schienen. Letztlich scheiterte das Vorhaben jedoch, unter anderem an der Weigerung der Besitzer, das Land zu verkaufen.
1993 wurde auf einem ehemaligen Hofgelände in der damaligen Gemeinde Groß Chüden bei Salzwedel in Sachsen-Anhalt ein provisorisches Projektzentrum zur Vorbereitung und Dorfplanung eingerichtet. Bald lebte dort eine wachsende Zahl von Ökodörflern gemeinschaftlich zusammen, die bisher als Initiatoren und Unterstützer des Projektes über ganz Deutschland verstreut waren. Allerdings zog vorerst nur eine kleine Gruppe in das Projektzentrum oder in dessen Nähe, während der größte Teil der Interessenten im heimischen Alltag eingebunden blieb.
1997 fand man den neuen und endgültigen Projektstandort, wiederum ein ehemaliges Hofgelände: An den Bronsbergstücken, etwa eineinhalb Kilometer entfernt vom Kern des Dorfes Poppau, das heute Ortsteil der Gemeinde Beetzendorf ist. Seit Frühjahr 1997 entsteht dort auf einem mittlerweile 115 HektarWebsite Ökodorf Sieben Linden. Abgerufen am 9. September 2022 großen Stück Land das Ökodorf Sieben Linden.Geschichte Ökodorf Sieben Linden. Abgerufen am 2. Mai 2021Geschichte des Ökodorfes Sieben Linden bei evangelisch.de. Abgerufen am 2. Mai 2021
Der Filmemacher Michael Würfel verbrachte vier Monate in Sieben Linden und produzierte während dieser Zeit eine ausführliche Filmdokumentation „Leben unter Palmen“Dokumentarfilm „Leben unter Palmen“. Abgerufen am 22. November 2021 über das Leben in dieser Gemeinschaft. Seit September 2007 lebt er auch in Sieben Linden. Im November 2021 wurde seine neue humoristische Dokumentation „Kein richtig falsches Leben“ veröffentlicht.Dokumentarfilm „Kein richtig falsches Leben“. Abgerufen am 22. November 2021 Ein weiterer Film wurde von Andi Stiglmayr produziert, dabei handelt es sich um den Kinofilm „Menschen, Träume, Taten“Dokumentarfilm „Menschen, Träume, Taten“. Abgerufen am 9. September 2022.
Es gibt einige weitere Filme über das Ökodorf aus verschiedenen Perspektiven.Filme über das Ökodorf Sieben Linden bei Youtube. Abgerufen am 2. Mai 2021 2019 zeigte der Fernsehsender Planet Wissen eine Dokumentation über das Projekt.Dokumentation bei Planet Wissen. Abgerufen am 2. Mai 2021.
Seit 18. Mai 2022 gibt es mit der „Webinarwelt Sieben Linden“ ein Online-Angebot, das sich an ein größeres Publikum wendet und Inhalte zu Themen wie Persönlichkeits- und Gemeinschaftsentwicklung, Beziehungsarbeit, Wildkräuter, Tiefenökologie, Yoga uvm. zur Verfügung stellt.Newsbeitrag zum Launch der Webinarwelt auf siebenlinden.org. Abgerufen am 19. Mai 2022 Die Referenten und Referentinnen der Webinare wohnen zum Teil in Sieben Linden oder befreundeten Gemeinschaften. Die Veröffentlichung der Webinarwelt ging einher mit einem Redesign der Corporate Identity.
Ökologie In der Bewirtschaftung der Flächen spielte das Prinzip der Permakultur von Beginn an eine zentrale Rollen und prägt das heutige Bild des Dorfes. Der Entwurf wurde daher von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert und wissenschaftlich unterstützt.Permakultur: Ökodorf Sieben Lindern. Abgerufen am 2. Mai 2021.
Ökonomie Grundsätzlich ist jeder Bewohner des Ökodorfs für seinen Lebensunterhalt selbst verantwortlich, das Ökodorf verfolgt jedoch einige Aspekte einer gemeinsamen ÖkonomieÖkonomie des Ökodorfs Sieben Linden. Abgerufen am 9. September 2022, so sind zum Beispiel Land- und Infrastruktur genossenschaftlich organisiert. Jeder erwachsene Bewohner zeichnet 11 Genossenschaftsanteile und wird so Genosse der Siedlungsgenossenschaft, kurz „SiGe“Genossenschaften des Ökodorfs Sieben Linden. Abgerufen am 9. September 2022.
Andere Elemente einer gemeinsamen Ökonomie umfassen eine Solidarische LandwirtschaftEigenanbau im Ökodorf Sieben Linden. Abgerufen am 9. September 2022, die einen hohen Selbstversorgergrad von etwa 75 % an Gemüse und Obst gewährleistet, sowie eine gemeinsame Forstwirtschaft für Brenn- und Nutzholz.
Es gibt noch weitere solidarische Elemente, zum Beispiel werden im Ökodorf lebende Kinder von der gesamten Gemeinschaft über den sog. „Kindersoli“ mitfinanziertSolidarstrukturen des Ökodorfs Sieben Linden. Abgerufen am 9. September 2022 und es finden regelmäßig Veranstaltungen zum Thema Gemeinwohlökonomie statt, zuletzt mit Christian Felber und anderen Gästen im Rahmen einer PodiumsdiskussionPodiumsdiskussion zum Thema Gemeinwohlökonomie am 3. September 2022. Abgerufen am 9. September 2022 während eines Gemeinwohlökonomie-Festivals„Moving forward: Gemeinwohlökonomie“ Festival in Sieben Linden. Abgerufen am 9. September 2022, das durch den Sonderfonds „JUGEND für Europa – Europäisches Jahr der Jugend 2022“ kofinanziert wurde.
Infrastruktur Der ehemalige Hof war nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossen. Man entschied sich schnell, dies als Teil des ökologischen Projektes zu nutzen, und setzte von Beginn an konsequent selbst entwickelte Komposttoiletten mit Urinseparation ein. Der Fäkalienkompost wird aber nicht beim Gemüseanbau eingesetzt, also nicht in die Lebensmittelerzeugung integriert.Komposttoilette auf Website Ökodorf Sieben Linden. Abgerufen am 9. September 2022
1999 wurde ein wichtiger Teil der Infrastruktur (Energie, Wege, Pflanzenkläranlage für das Grauwasser, Feuerlösch-Bade-Biotop-Teich) geschaffen und die alte Hofstelle nach ökologischen Kriterien wieder aufgebaut. Sie dient jetzt als Regionalzentrum, Seminar- und Gästehaus sowie als Treffpunkt für die Gemeinschaft und beherbergt auch die Büros, eine Food-Coop, eine Schmuckschmiede und einen Gemeinschaftsraum. Ein Amphitheater bietet Platz für kulturelle Feste im Freien. Im Jahre 2000 wurden die ersten Wohnhäuser gebaut. Diese Häuser im Niedrigenergiestandard bieten Wohnraum für rund 20 Personen in Familien und Wohngemeinschaften.
Seitdem wurden die Häuser im Wesentlichen in Strohballenbauweise gebaut. 2004 wurde, als erstes Haus mit Strohballen als genehmigtem Baustoff, ein zweigeschossiges Strohballen-Wohnhaus fertiggestellt. Dieses Haus wurde in reiner Handarbeit nur unter Verwendung von regionalen Baustoffen wie Rundholz, Stroh, Lehm, anderen ökologischen Bau- sowie Recyclingmaterialien errichtet. 2005 wurde der Bau eines dreigeschossigen Wohnhauses in verputzter Strohballen-Ständerbauweise fertiggestellt. Es ist das erste dieser Größe in Europa und bietet Wohnraum für ungefähr 20 Menschen (drei Wohngemeinschaften und zwei Apartments auf etwa 500 m² Wohnfläche). Gefördert wurde es durch das Regionen-Aktiv-Programm. Siedler, die noch keinen Platz in einem Wohnhaus haben, leben in Bauwagen. 2003 entstand die Holzwerkstatt, die auch eine Selbsthilfewerkstatt enthält. Seither sind verschiedene weitere Wohnhäuser in Strohballenbauweise entstanden. Inzwischen stehen in Sieben Linden neun große (150 m² – 500 m²) und mehrere kleinere Strohballenhäuser.
Seit Juli 2021 gibt es auch eine Unterkunft „Strohtel“, die in Strohballenbauweise erbaut wurde. Das Hotel verfügt auf 530 m² über 14 Zimmer mit 32 Betten in Maximalbelegung und einen 70-m²-Seminarraum. Die Wärmeenergie, die das Haus braucht, kommt entweder aus der Solaranlage oder wird aus Holz eigener Produktion gewonnen. Die Toiletten sind Trocken-Trenn-Toiletten ohne Wasserspülung. Gefördert wurde das Projekt unter anderem vom Land Sachsen-Anhalt sowie über die ELER-Richtlinie der Europäischen Union.News-Beitrag der Website des Ökodorf Sieben Linden. Abgerufen am 3. November 2021
Die Bewohner bauen ihre Häuser mit einer eigenen Bauorganisation, müssen dabei aber die Standards einhalten, welche die Siedlungsgenossenschaft Ökodorf e.G. als Grundeigentümerin festgelegt hat. So dürfen beispielsweise nur gesundheits- und umweltverträgliche Baustoffe verwendet werden. Energie, die zur Raumheizung und zur Erzeugung von Warmwasser verwendet wird, darf nur aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen werden. Immobilien sollen stets in Besitz einer juristischen Person sein, die Teil des Projektes ist. Privateigentum an Immobilien wird vermieden, um die Schwierigkeiten, die langfristig aus Verkauf oder Vererbung resultieren können, zu vermeiden.
Inzwischen wurden in Sieben Linden auch mehrere Betriebe eingerichtet: Die Holzwerkstatt, das eurotopia-Verzeichnis, Schmuck & Stein, Uga’s Obstbaumschule, Gemeinschaftsberatung und Kooperative Pferde.
Das Ökodorf ist über eine Stichstraße mit dem ursprünglichen Dorf Poppau verbunden.
Bewohnerstruktur Im Jahr 2019 lebten in Sieben Linden etwa 145 Menschen, darunter etwa 40 Kinder. Der älteste Bewohner ist 80 Jahre, die jüngste weniger als ein Jahr. Im nahegelegenen Dorf Poppau wurde ein größerer Hof gekauft, in dem etwa 15 zur Gemeinschaft gehörende Personen leben.
Organisation 1991 wurde der gemeinnützige Freundeskreis Ökodorf e. V. gebildet. Ein Rundbrief, der halbjährlich erscheint, informiert die bundesweit insgesamt rund 320 Mitglieder und Interessenten über den aktuellen Stand des Projekts. Weitere Anliegen des Vereins sind die Öffentlichkeitsarbeit, die Vernetzung ähnlicher Projekte und das Engagement für eine nachhaltige Regionalentwicklung in der Altmark. Zusammen mit dem Paritätischen Bildungswerk führt er außerdem ca. 80 Seminare jährlich durch.
Die gemeinsamen Zielvorstellungen der Siedler werden organisatorisch durch die 1993 gegründete Siedlungs-Genossenschaft Ökodorf e.G., zusammengefasst, die als oberste Selbstverwaltungseinheit im Dorf und als Grundeigentümerin fungiert. In den Jahren 1996 und 2000 verliehen die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und das Deutsche Institut für Urbanistik der Siedlungsgenossenschaft Ökodorf e.G. als ersten größeren öffentlichen Anerkennungen den Preis Tatorte „für die Entwicklung und Realisierung einer sozialökologischen Modell-Siedlung im ländlichen Raum.“