Souls at Zero ist das stilprägende dritte Studioalbum der Post-Metal-Band Neurosis. Es erschien am 19. Mai 1992 bei dem vornehmlich auf Hardcore Punk und Post-Hardcore spezialisierten Independent-Label Alternative Tentacles. Die Kooperation mit dem für die Veröffentlichung unterschiedlicher und zum Teil außergewöhnlicher Musik bekannten Label vergrößerte und festigte das Publikum der Band.
Die Musik des Albums wird als langsam gespielte Mischung aus Noiserock, Hardcore Punk und Doom Metal beschrieben. Es gilt als wegweisende Veröffentlichung für das Post-Metal-Genre und als erstes vollwertiges Album des Stils. Die Texte behandeln überwiegend soziale Isolation, Aggression und das Gefühl der Depression.
Geschichte Vorgeschichte Die ersten Alben von Neurosis galten als Hybrid aus Thrash Metal und Post-Hardcore. Dabei wurde der Gesang noch mit jenem des Slayer-Sängers Tom Araya verglichen. Die erste Idee für eine veränderte Grundkonzeption des eigenen Stils entstand während der Tournee zu dem mehr im Thrash Metal verorteten Vorgängeralbum The Word as Law. Die Musiker waren mit dem Album unzufrieden und interessierten sich für neue Methoden, ihr Klangbild zu erweitern. Insbesondere Geräuscheffekte, Samples und für den damaligen Hardcore und Metal unorthodoxe Instrumente interessierten die Musiker, nachdem sie feststellten, dass sie den gewünschten Klang nicht mittels einer klassisch besetzten Rockband erzeugen konnten. Die Idee, die Musik durch Samples und Keyboards zu erweitern, ging auf die Beschäftigung mit Throbbing Gristle und Coil zurück. Infolge der Entscheidung, neue Elemente in die Musik aufzunehmen, suchten Neurosis nach einem ergänzenden Musiker, der einen Sampler bedienen konnte, ein zuvor im Metal und Hardcore lediglich gering verbreitetes Instrument. In dem Dark-Wave-Interessierten Simon McIlroy fand die Gruppe den gesuchten Musiker. Obwohl dieser zuvor keine aktive Erfahrung in Metal- oder Hardcore-Bands gemacht hatte, nahmen Neurosis ihn als vollwertiges Mitglied auf. Die so neu formierte Band griff auf gemeinsame musikalische Vorlieben, insbesondere Joy Division, zurück, um gemeinsam neue musikalische Ausdrucksformen zu erschließen. Scott Kelly bezeichnet den Schreibprozess zu Souls at Zero als anhaltendes Experiment. Die Band hatte derweil nur vage Vorstellungen von ihrem angestrebten Klang. Laut Kelly war für die Musiker unklar, ob das von der Gruppe vage erdachte Ziel erreichbar sei. Dennoch nennt er die Phase einen ersten Schritt hin zu einem bleibenden eigenen Klang. Laut Steve von Till befand sich die Band in einer äußerst produktiven Phase. Die Musiker hatten genügend Erfahrung und Equipment gesammelt, um neue Songs experimenteller als zuvor zu arrangieren. Zu dem Equipment, das Neurosis hierzu nutzten, gehörten die Verstärker der Band, mit welchen sie im Studio und während der Proben intuitiv experimentierten, um den meditativen Eindruck zu verstärken. Von Till spricht hierbei von einem Bauchgefühl sowie einem instinktiven und experimentellen Umgang mit den über die vorherige Tour vertraut gewordenen Geräten.
Trotz des Hangs zum Experiment entstanden die Stücke nicht ausschließlich in Jamsessions. Viele der Elemente der später zusammengefügten Stücke wurden von den einzelnen Musikern vorausgehend komponiert und in den Proben zusammengetragen. Laut Kelly hat sich an dieser Form des Musikschreibens seither nichts verändert. Trotz der Benennung als „harte Arbeit“ hält die Gruppe seither an dieser Schreibweise fest.
Kelly bezeichnete den Zeitabschnitt der Entstehung des Albums als eine persönlich kompromisslose und selbstzerstörerische Lebensphase, die jedoch mit einem besonders kreativen Zeitraum in der Gruppe einherging. Die Musiker hätten sich in dem Zeitraum der Entstehung von Souls at Zero und den folgenden Alben bis einschließlich zu Through Silver in Blood keinerlei Gedanken um die Zukunft gemacht und sich lediglich der Musik gewidmet.
Aufnahme mini|Scott Kelly und Steve von Till bei einem Auftritt 2007 Zu den Albumaufnahmen buchte die Band die Starlight Sound Studios in Richmond, Kalifornien, in welchen auch das Debüt des Rappers 2Pac 2Pacalypse Now sowie die ersten Alben der Death-Metal-Band Autopsy, Severed Survival und Mental Funeral, aufgenommen wurden. Als ersten Tontechniker brachte sich der Studiomitarbeiter Bill Thompson ein. Für eine Erweiterung des Klangs durch die Einbindung einer bis dahin für die Band untypischen Instrumentierung suchten die Mitglieder der Gruppe in ihrem Bekanntenkreis nach potentiellen Begleitmusikern. Neben Highschool-Bekanntschaften, wie der Flötistin Sarah Augros, spielte so unter anderem Kris Force, die später mit Amber Asylum bekannt wurde, auf Souls at Zero. Die erste Studiokooperation mit den für Rockmusik ausgefallenen Musikern beschrieb Kelly als unkompliziert und pragmatisch. Da die Neurosis-Musiker keine Erfahrungen mit Blas- und Streichinstrumenten hatten, luden sie die Musiker weitestgehend vorgabenfrei ein. Ihnen wurden zuvor lediglich rohe Demoaufnahmen gegeben, zu welchen sie im Studio Passagen auf ihren Instrumenten einspielen sollten.
Nachdem die Band das gesamte geplante Material zufriedenstellend binnen zwei Tagen aufgezeichnet hatte, stellte sie noch weitere, bis dahin unfertige Stücke im Proberaum fertig und nahm auch diese als Teil des Albums auf. Nach den Aufnahmen scheiterten Musiker und Studiomitarbeiter allerdings an der Abmischung. Zur Unterstützung baten sie den in der Benutzung der Studiotechnik erfahrenen Labelinhaber Jello Biafra als weiteren Tontechniker hinzu. Biafra war für den endgültigen Mix verantwortlich. Kelly betonte später, dass er es aufgrund der wirtschaftlicher Konflikte mit Alternative Tentacles bevorzugen würde, Biafra nicht im Begleitheft aufzuführen. Er müsste ihm jedoch zugestehen, dass er dessen Beitrag zu der Veröffentlichung als „gute Arbeit“ anerkennen würde. Der mit Alternative Tentacles geführte Rechtsstreit ging um 3000 $ Tantieme für die Alben Souls at Zero und Enemy of the Sun, die Biafra laut Kelly unterschlagen habe. Kelly gab an, Biafra hätte die Buchhaltung des Labels zum Nachteil der Band manipuliert. Er sprach in diesem Zusammenhang von einem Vertrauensbruch.
Veröffentlichungen Das Album erschien am 19. Mai 1992 bei Alternative Tentacles als Kassette, CD und LP sowie im gleichen Jahr über Toy’s Factory für den japanischen Markt als Doppel-LP. Nach einem längeren Konflikt über die korrekte Auszahlung der Künstleranteile der Alben Souls at Zero und Enemy of the Sun erstritten Neurosis die Verlagsrechte an beiden Alben und ließen das Album über verschiedene Firmen erneut auflegen. Beide auf Alternative Tentacles verlegten Alben erschienen 1997 als Doppelalbum über Iron City Records. In den Jahren 2000 und 2011 gestalteten Neurosis weitere Wiederveröffentlichungen mit leicht veränderter Gestaltung und einer Ergänzung um drei zusätzliche Stücke über das bandeigene Label Neurot Recordings. Im Jahr 2014 ließen sie die zuletzt auf Neurot erschienene Version von Relapse Records erneut veröffentlichen.
Tour Steve von Till bezeichnete die anschließende Tour im Jahr 1992 als eine Lernphase der Band. Die Musiker seien zu technisch orientiert und zu kontrolliert gewesen, um den bewusstseinserweiternden Aspekt der Musik auf das Publikum übertragen zu können. Erst nachdem sie den Versuch aufgegeben hatten und die Musik laufen ließen, übertrug sich die Stimmung auch auf das Publikum. Nachdem sich die Band von dem Anspruch des spielerischen Perfektionismus gelöst hatte, konnten sich die Musiker laut von Till im Spiel „hypnotischer, enorm harter und lauter Musik“ verlieren, woraufhin die Band feststellte, dass sie so ihren musikalischen Vorstellungen näher kamen und diesen Weg weiter verfolgen wollten. Das Ziel sei fortan gewesen, tiefere, emotionalere und elementarere Musik zu spielen. Zur Untermalung ihrer Auftritte projizierten Neurosis Bilder aus „einem alten Diaprojektor durch eine mit farbigen Folien bespannte Fahrradfelge“. Nach Melanie Schmidt formt die Darbietung des Albums bei Auftritten der Band besonders durch den „Einsatz aufwühlender Projektionen einen Strudel der Emotionen“. Steve von Till erläuterte, dass Neurosis die visuellen Effekte dazu nutzen wollten, die unterschiedlichen Clubs mit ihren jeweils eigenen Atmosphären zu einem Ort der Band und der von ihr gespielten Musik zu machen.
Stil Titelliste LP/MC CD/LP-Doppelalbum A-Seite To Crawl Under One’s Skin – 7:51 Souls at Zero – 9:18 Zero – 1:40 The Web – 4:55 B-Seite Chronology for Survival – 9:34 Stripped – 8:00 Takeahnase – 7:56 Empty – 1:36 To Crawl Under One’s Skin – 7:51 Souls at Zero – 9:18 Zero – 1:40 Flight – 4:05 The Web – 4:55 Sterile Vision – 6:20 A Chronology for Survival – 9:34 Stripped – 8:00 Takeahnase – 7:56 Empty – 1:36 Souls (Bonusstück, Demo Version) – 8:28 Zero (Bonusstück, Demo Version) – 1:14 Cleanse III (Bonusstück, Live in London) – 5:38
Musik und Konzept Laut Steve von Till entlehnte sich das musikalische Grundkonzept des Albums der Psychologie, im Besonderen der freudschen Psychoanalyse. Souls at Zero sei, so von Till, der erste Versuch gewesen, die Rezipienten mit schnell aufeinanderfolgenden Archetypen zu konfrontieren, um eine mentale Öffnung zu bewirken. Archetypen beschreiben im kollektiven Unterbewusstsein angesiedelte Urbilder menschlicher Vorstellungsmuster. Von Till ergänzte in einer weiteren Stellungnahme zum Album, dass dieses Konzept der Archetypen auch von Throbbing Gristles Idee, unterschwellig wahrnehmbare Frequenzen zur Erzeugung von Emotionen zu nutzen, inspiriert sei.
Für Souls at Zero arbeiteten die Musiker erstmals mit Streich- und Holzblasinstrumenten sowie mit Filmsamples. Die gegeneinander gesetzte Verwendung von Tonfragmenten des nationalsozialistischen Propagandafilms Triumph des Willens einerseits und des Science-Fiction-Films Krieg der Sterne andererseits entsprach dem Bestreben, den Zuhörer mit von Carl Gustav Jung definierten Archetypen zu konfrontieren. Die Konfrontation und Beschäftigung mit solchen Archetypen soll nach Jung zu einem besseren Ich-Bewusstsein verhelfen sowie Ich-Störungen aufdecken und lösen. Neurosis konfrontieren den Hörer hier im Sampling, in der Dynamik sowie in der Instrumentierung mit Absolut- und Idealvorstellungen von Gut und Böse in einem rapiden Wechsel, der laut von Till dazu führen soll, diese Vorstellungen zu überwinden.
Des Weiteren nutzte die Band, in Anlehnung an Entwicklungen im Hip-Hop, insbesondere die Veröffentlichungen von Dr. Dre, das Sampling als kakophonen Rhythmus. Die Verwendung des Samplings von Dr. Dre war Kelly zufolge zu dieser Zeit einzigartig. Insbesondere die Arrangements sowie die erzeugte Spannung waren für Neurosis wegweisend.
Nach Garry Sharpe-Young flossen Stilfragmente aus Grunge, Gothic Rock und Metal in das musikalische Konzept mit ein. Laut Daniel Buszpan nahmen Neurosis auch zum ersten Mal Elemente des Industrials sowie folkloristische Instrumente und Rhythmen auf. Besonders diesem veränderten Rhythmus wird in den Rezensionen des Albums eine herausstechende und für den Post-Metal wegweisende Dynamik zugesprochen. Als weiterer bedeutsamer Aspekt des Albums wird von einigen Rezensenten der mehrstimmige Gesang genannt, welcher mehr die Wirkung eines Kollektivs als verschiedener Einzelmusiker habe. Von anderer Seite wird allerdings Scott Kellys Gesang zwischen „flehen, schreien und wimmeren“ als herausstechend hervorgehoben. Das Gitarrenspiel auf Souls at Zero wird als besonders hart wahrgenommen und als „krachige Gitarrenwände“ umschrieben. Trotz der vielfach betonten Härte des Albums agiert die Band mit einem stetigen Wechsel zwischen lauten und leisen Passagen. Neurosis verstünden es, „plötzliche Pausen in ihre Endzeit-Musik zu bauen“. Derartig „abwartende Passagen“ ließen die „noisigen Gewitter nur noch apokalyptischer erscheinen.“
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