Nauheim ist eine Gemeinde im südhessischen Landkreis Groß-Gerau, südwestlich von Frankfurt am Main. Sie ist wegen der seit 1970 durchgeführten Nauheimer Musiktage bekannt. Nauheim ist Teil der Stadtregion Frankfurt am Main.
Geographie Geographische Lage Nauheim liegt nordwestlich der Kreisstadt Groß-Gerau und südlich der Stadt Rüsselsheim am Main in der Untermainebene an der Grenze zum Hessischen Ried. Durch die Ortslage fließt, von Nordosten kommend und hier im annähernd rechten Winkel nach Süden abknickend, der Schwarzbach. Der alte Ortskern liegt an seinem Ostufer. Von 1377 Hektar Gemarkungsfläche sind 555 Hektar bewaldet. Nordöstlich des Ortes erstreckt sich die Nauheimer Gemarkung im Treburer Unterwald zwischen Schwarzbach im Nordwesten und Hegbach im Südosten bei einer Breite von rund eineinhalb Kilometer bis vor das Jagdschloss Mönchbruch. In Ortsnähe liegt um den künstlich entstandenen Hegbachsee ein Naherholungsgebiet. Im Südwesten reicht die Feldgemarkung bis in die Ortsnähe von Trebur. Daraus ergibt sich eine Längenausdehnung des Gemeindegebietes von etwa acht Kilometern.
Nachbargemeinden Nauheim grenzt im Norden an den Ortsteil Königstädten der Stadt Rüsselsheim am Main, im Osten an die Stadt Mörfelden-Walldorf, im Süden an die Stadt Groß-Gerau sowie im Westen an die Gemeinde Trebur.
Geschichte Vor- und Frühgeschichte In der Antike befand sich im Gebiet des heutigen Nauheim ein kurzzeitig genutztes römisches Militärlager.Thomas Becker: Keltisch – römisch – germanisch? Wer bin ich eigentlich und wo komme ich her? Gräber des 1. Jh. n. Chr. im Hessischen Ried im Vorfeld des Legionsstandortes Mainz. In: Lucia Clara Formato (Hrsg.): Gräber in Kontaktregionen. Aussagepotenzial und Methoden bei der Auswertung römerzeitlicher Nekropolen (= ArchaeoPlus. Band 14). Universität Salzburg, Salzburg 2023, ISBN 978-3-9504667-4-4, S. 27–39, hier S. 211.
Mittelalter Im Lorscher Codex wird die Gemeinde 851 erstmals urkundlich unter dem Namen Niewenheim erwähnt. Die Endung -heim lässt auf eine fränkische Gründung schließen. In den historischen Unterlagen findet Nauheim in den folgenden Jahrhunderten unter anderem mit diesen Ortsnamen Erwähnung: Nuheim im Jahr 1211, Nuwenheim vor dem Chammerforste 1317, Nuweheym 1431, Nwheim und Nawheym 1521 und Nauheim ab 1550.
Wechselnde Herren kennzeichnen die frühe Geschichte Nauheims. Grundbesitz in Nauheim hatten das Kloster Eberbach, die Herren von Falkenstein und die Herren von Hanau. Im Jahr 1468 kam das Dorf in den Besitz der Grafen von Isenburg-Büdingen.
Neuzeit mini|Historisches Rathaus
1600 wurde der Ort mit fünf weiteren zur Dreieich gehörenden Dörfern von Graf Heinrich von Isenburg-Ronneburg dem Landgrafen Ludwig V. von Hessen-Darmstadt verkauft. Verwaltungsmäßig gehörte Nauheim dann bis 1820 zum Amt Kelsterbach, das ab 1816 zur Provinz Starkenburg des Großherzogtums Hessen (Hessen-Darmstadt) gehörte. 1821 wurden im Großherzogtum Landratsbezirke eingeführt und Nauheim wurde dem Landratsbezirk Dornberg zugeteilt. 1832 wurden die Einheiten ein weiteres Mal vergrößert und es wurden Kreise geschaffen. Dadurch gelangte Nauheim in den Kreis Groß-Gerau. Die Provinzen, die Kreise und die Landratsbezirke des Großherzogtums wurden am 31. Juli 1848 abgeschafft und durch Regierungsbezirke ersetzt, was jedoch bereits am 12. Mai 1852 wieder rückgängig gemacht wurde. Dadurch gehörte Nauheim von 1848 bis 1852 zum Regierungsbezirk Darmstadt, bevor wieder der Kreis Groß-Gerau für die übergeordnete Verwaltung zuständig war. Dort verblieb der Ort durch alle weiteren Verwaltungsreformen bis heute. Die zuständige Gerichtsbarkeit war während der Zugehörigkeit zu Hessen-Darmstadt von 1821 bis 1879 das Landgericht Großgerau und seit 1879 das Amtsgericht Groß-Gerau.
Um 1600 zählte Nauheim ca. 170 Einwohner, diese wurden jedoch durch die Ereignisse des Dreißigjährigen Kriegs stark dezimiert.
Weitere geschichtliche Ereignisse in Nauheim waren: Bereits im Jahre 1593 wurde die Schule als Kirchenschule gegründet. 1753 fand die Einweihung der evangelischen Kirche (erbaut nach Plänen von Johann Conrad Lichtenberg) statt. 1755 wurde das neue Rathaus auf den Grundmauern des bereits 1588 in der Rathausstraße (heute: Heinrich-Kaul-Platz) gebauten errichtet.
In den folgenden Jahren wurde die Gemeinde immer wieder Opfer von Naturkatastrophen, wie großen Überschwemmungen, Erdbeben, Dürren oder Trockenheiten. In den Jahren 1793–1799 war Nauheim Quartier für preußische und österreichische Truppen, die das napoleonisch besetzte Mainz belagerten. 1806 wurde die Gemeinde von französischen Truppen besetzt. Johannes Kuhlmann wurde 1821 zum ersten Nauheimer Bürgermeister gewählt.
Die Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen berichtet 1829 über Nauheim:
1838 wurde das erste Schulhaus errichtet. Es folgte die Pflasterung der Straßen und der Ausbau der Chaussee nach Königstädten. Aufgrund von großer Not übernahm die Gemeinde 1853 die Kosten der Auswanderung von 20 Familien nach Amerika. Bereits 1866 diente Nauheim erneut als Quartier von Truppen. Im Jahre 1877 folgte der Bau des sogenannten mittleren Schulhauses. Heute dient es als Sitz des Nauheimer Heimatmuseums. 1881 wurde der Friedhof in der Waldstraße eingeweiht. Nach dessen Schließung stand dort das alte Feuerwehrhaus, das 2007 nach dem Neubau des Feuerwehrhauses an der Ortsumgehung abgerissen wurde.
Industrialisierung Die starke Industrialisierung der Nachbarstädte Rüsselsheim am Main und Mainz brachte vielen Kleinbauern zusätzliche Arbeit; in Nauheim selbst wuchs die Bedeutung des Obst- und Spargelanbaus. Der Aufschwung erfuhr jedoch durch den Ersten Weltkrieg ein jähes Ende. 1918 wurde Nauheim erneut von Franzosen besetzt, es mehrte sich jedoch der passive Widerstand. Nachdem die Besatzungstruppen abgezogen waren, begann sich die Gemeinde weiterzuentwickeln. Der Sportplatz wurde gebaut, es entstand der neue Friedhof. 1931 wurde für den gut gehenden Handel mit Obst und Gemüse eine Markthalle errichtet.
Zeit des Nationalsozialismus Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten brach auch in Nauheim die Hitler-Diktatur an. Anfang der 1930er Jahre lebten in Nauheim noch etwa 20 jüdische Einwohner. 1934 erfolgte die Gleichschaltung aller Vereine. Jüdische Bürger wurden denunziert, verfolgt, misshandelt, verloren ihre Heimat und wanderten nach Amerika aus. Die Verbliebenen fielen dem Holocaust zum Opfer, wurden 1940 in Konzentrationslager deportiert und ermordet. Für die Opfer wurden ab 2014 Stolpersteine verlegt. An der Hofmauer des Historischen Rathauses in der Hintergasse erinnert seit 2008 eine Gedenktafel an die ermordeten jüdischen Bürger. 1945 wurde Nauheim durch US-amerikanische Truppen besetzt. Eine inhaltliche Auseinandersetzung der Gemeinde mit ihrer eigenen Geschichte in der NS-Zeit fand bislang nur oberflächlich statt.
Nachkriegszeit Die US-amerikanische Militärregierung setzte 1945/1946 den Pfarrer Friedrich Daum und Friedrich Förster als Nachkriegsbürgermeister ein. 1946 fanden die ersten Nachkriegswahlen statt. Zum Bürgermeister gewählt wurde damals Heinrich Kaul IV. Er war zusammen mit den Gemeindevertretern dafür verantwortlich, dass viele heimatvertriebene Musikinstrumentenbauer aus dem Musikwinkel im Egerland und dem Vogtland sich in Nauheim ansiedelten und die Nauheimer Musikindustrie begründeten, zu der unter anderem die Holzblasinstrumentenbauer Schreiber und Keilwerth sowie die Firma Koestler zählten. Dadurch stieg die Einwohnerzahl Nauheims stetig an. Bereits 1951, zur 1100-Jahr-Feier, zeigte sich Nauheim als ein schöner und fortschrittlicher Wohnstandort im wirtschaftlich stark expandierenden Rhein-Main-Gebiet. Im Jahre 1956 fand die Grundsteinlegung für die katholische Kirche St. Jakobus der Ältere statt, ein Jahr später wurde sie feierlich geweiht. Im selben Jahr feierte auch die Nauheimer Musikindustrie ihr zehnjähriges Bestehen. 1958 legte man den Grundstein für das neue Rathaus in der Weingartenstraße. 1960 wurden weitere Baugebiete erschlossen. Dadurch dehnte sich Nauheim in Richtung Königstädten aus. 1963 wurde Herbert Fürbeth (SPD) zum Bürgermeister gewählt. In seiner Amtszeit gelang die Erschließung des Erholungsgebiets Hegbachsee sowie die Eröffnung des Kindergartens Schulstraße, dessen Gebäude heute Sitz des Heimatmuseums ist.
Im Jahr 1970 feierte man die ersten Nauheimer Musiktage, die zu einer Tradition geworden sind und immer wieder ein kultureller Höhepunkt sind. 1971 verschwisterte sich die Gemeinde Nauheim mit Born (Niederlande). 1972 feierte die Nauheimer Musikindustrie ihr 25-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass veranstaltete man die zweiten Nauheimer Musiktage. Im selben Jahr eröffnete auch der neue Sportpark für die Sportlerinnen und Sportler. 1976 erhielt die Freiwillige Feuerwehr Nauheim auf dem Gelände Feldchen in der Waldstraße ihr neues Feuerwehrhaus, welches aufgrund eines Neubaus am Ortsrand Ende 2007 abgerissen wurde. Im selben Jahr (1976) fand die 1125-Jahr-Feier nach der ersturkundlichen Erwähnung Nauheims statt. 1978 wurde die Verschwisterung mit der französischen Stadt Charvieu-Chavagneux feierlich besiegelt.
2008 ist Nauheim Kulturgemeinde des Landkreises Groß-Gerau.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Nauheim angehört(e):
vor 1600 Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Isenburg-Ronneburg, (1556 Amt Langen, später Amt Kelsterbach) ab 1600: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Obergrafschaft Katzenelnbogen, Amt Kelsterbach ab 1803: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Fürstentum Starkenburg, Amt Kelsterbach ab 1806: Großherzogtum Hessen, Fürstentum Starkenburg, Amt Kelsterbach ab 1815: Großherzogtum Hessen, Provinz Starkenburg, Amt Kelsterbach ab 1821: Großherzogtum Hessen, Provinz Starkenburg, Landratsbezirk LangenTrennung zwischen Justiz (Landgericht Langen) und Verwaltung. ab 1832: Großherzogtum Hessen, Provinz Starkenburg, Kreis Groß-Gerau ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Starkenburg, Kreis Groß-Gerau ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Starkenburg, Kreis Groß-Gerau ab 1918: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Provinz Starkenburg, Kreis Groß-Gerau ab 1938: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Landkreis Groß-Gerau ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Groß-Gerau ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Groß-Gerau ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Groß-Gerau
Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 Nach den Erhebungen der Volkszählung in der Europäischen Union 2011 lebten am Stichtag, dem 9. Mai 2011, in Nauheim 9911 Einwohner. Darunter waren 933 (9,4 %) Ausländer, von denen 453 aus dem EU-Ausland, 317 aus anderen europäischen Ländern und 163 aus anderen Staaten kamen. Von Nauheims Einwohnern hatten 13,4 % einen Migrationshintergrund. Die Einwohner lebten in 4530 Haushalten. Davon waren 1496 Singlehaushalte, 1440 Paare ohne Kinder und 1183 Paare mit Kindern, sowie 323 Alleinerziehende und 88 Wohngemeinschaften.
Einwohnerentwicklung 1629: 46 Hausgesesse 1806: 502 Einwohner, 74 Häuser 1829: 606 Einwohner, 84 Häuser 1867: 886 Einwohner, 134 Häuser
Konfessionsstatistik War Nauheim 1829 noch evangelisch, derzeit sind Sonstige die absolute Mehrheit. 1829: 581 lutherische (= 95,87 %), ein reformierter (= 0,17 %), 16 jüdische (= 2,64 %) und 8 katholische (= 1,32 %) Einwohner 1961: 3173 evangelische (= 60,31 %), 1762 römisch-katholische (= 33,49 %) Einwohner