Müller-Thurgau, in der Schweiz häufig Riesling-Silvaner und heute aus Rechts- und Marketinggründen auch Rivaner genannt, ist eine Weißweinsorte. Sie wurde 1882 vom Schweizer Hermann Müller aus dem Schweizer Kanton Thurgau an der Forschungsanstalt Geisenheim im Rheingau gezüchtet und ab 1891 an der Deutschschweizer Versuchsstation und Schule für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil im Kanton Zürich (heute zu Agroscope gehörig) weiterentwickelt. Müller-Thurgau ist mit 22.934 ha (2010) Anbaufläche weltweit die erfolgreichste Weißweinzüchtung. Vom Originalrebstock ist ein Exemplar in Wädenswil erhalten geblieben.
Abstammung mini|hochkant|Hermann Müller (1850–1927) Die Sorte ist eine Kreuzung aus Riesling und Madeleine Royale von Hermann Müller.
Entstehungsgeschichte Hermann Müller nahm ab 1882 in der Forschungsanstalt Geisenheim erste Kreuzungsversuche vor. Die Vorprüfung der Neuzuchten dauerte bis 1890. 1891 wechselte er an die Versuchsstation für Obst-, Wein- und Gartenbau in Wädenswil, und 150 Stecklinge der Geisenheimer Neuzuchten wurden in die Schweiz gesandt. Die Stecklinge wurden von 1892 bis 1893 am schweizerischen Zürichsee angezüchtet. 1894 konnten 73 Sorten im Freiland ausgepflanzt werden. Der Riesling × Silvaner trug die Zucht-Nr. 58. Die Vermehrung mit Stecklingen von Heinrich Schellenberg in Wädenswil erfolgte 1897.
Die erste Veredelung auf Unterlagsreben fand 1901 statt und 1903 wurden die ersten Ertragsanlagen der neuen Sorte erstellt. Die Versuchsanlage bestand 1906 bis 1907 aus 894 veredelten Riesling × Silvaner auf sieben Unterlagsreben. Im Jahr 1908 wurden 22.000 Pfropfreben in der Schweiz und dem Ausland verteilt. Die erste Rückführung von 100 Reben nach Deutschland fand 1913 durch Dern unter Verwendung der Sortenbezeichnung Müller-Thurgau-Rebe statt.
In den 1930er Jahren wurden Versuchsanlagen in allen deutschen Weinbaugebieten erstellt sowie Selektionen durch Hartmut Fueß vorgenommen. Die Anbauergebnisse wurden 1938 auf einer Müller-Thurgau-Tagung in Alzey gesichtet. Seit 1945 wurde die Sorte zunehmend im Wiederaufbau und bei Umstellungen gepflanzt. Die saatgutrechtliche Eintragung erfolgte 1956. In den 1960er Jahren trug der aus der Sorte Müller-Thurgau gewonnene Wein zu einer vom bayerischen Landwirtschaftsministerium finanziell unterstützte Wiederbelebung „Weinfrankens“ bei, nachdem um das Jahr 1900 wegen einer Reblausepidemie die Weingärten nicht bestellt wurden.Martin Droschke: Was trinken wir heute? Einen Müller-Thurgau ... alias Rivaner. In: Franken 2024. Franken-Wissen für das ganze Jahr. Emons Verlag, Köln 2023, ISBN 978-3-7408-1797-8, Blatt 16. November Ab 1969 ist Müller-Thurgau in die Sortenliste nach dem Saatgutverkehrsgesetz eingetragen. Die Klassifikation als empfohlene Sorte in allen Weinbaugebieten Deutschlands erfolgte 1970. Der Müller-Thurgau drang in Deutschland bis 1975 auf den ersten Platz bezogen auf die Anbaufläche vor. Die Vermehrung als Klone der Sorte Müller-Thurgau, Basis- und zertifiziertes Pflanzgut, erfolgte ab 1980.
Klärung der Kreuzungspartner Hermann Müller selbst war sich jedoch nicht ganz sicher, welche Eltern-Rebsorten tatsächlich von ihm verwendet worden waren. Deswegen gab es auch von Anfang an Zweifel. Versuche, die Züchtung nachzuvollziehen, scheiterten. Lange Zeit ging man davon aus, dass es sich um eine Kreuzung aus Riesling mit sich selbst handle.
Im Jahr 1957 konnte Heinz-Martin Eichelsbacher (* 29. Dezember 1924 in München; † 3. September 2003 in Würzburg) bei seiner Promotion an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim (Franken) das Fehlen von Silvaner-Erbgut nachweisen.
Nochmals wurde 1998 in der Klosterneuburger Weinbauschule in Österreich mit Hilfe gentechnischer Verfahren (Verwendung spezifischer Mikrosatelliten) der Silvaner als Kreuzungspartner ausgeschlossen. Das Ergebnis ließ auf Chasselas als Kreuzungspartner (Vater-Kandidat) schließen. Wissenschaftler der Deutschen Bundesanstalt für Züchtungsforschung in Siebeldingen/Pfalz konnten dann 1999 mit neuen, erweiterten gendiagnostischen Möglichkeiten die Herkunft der Müller-Thurgau-Rebe noch genauer bestimmen: Sie ermittelten die Rebsorte Madeleine Royale als Vater.Erika Dettweiler et al.: Grapevine cultivar Müller-Thurgau and its true to type descent. In: Vitis. Bd. 39, Nr. 2, 2000, S. 63–65, (). Madeleine Royale wurde als eine Züchtung aus dem Formenkreis des Chasselas (Gutedel) angesehen, gilt aber seit einer Untersuchung aus dem Jahr 2009 als eine Kreuzung des Pinot mit dem Trollinger.Javier Ibáñez, Alba M. Vargas, Margarita Palancar, Joaquín Borrego, M. Teresa de Andrés: Genetic Relationships among Table-Grape Varieties. In: American Journal of Enology and Viticulture. Bd. 60, Nr. 1, 2009, S. 35–42, (Abstract).
Nachkommen Sortenname KreuzungspartnerAlbalongaRieslaner × SilvanerArnsburgerRiesling CL. 88 Gm × Riesling CL. 64 GmBacchus(Silvaner × Riesling) × Müller ThurgauBoschidar Rieslaner × Müller ThurgauCumdeo blancGewürztraminer × Müller ThurgauDiana Silvaner × Müller ThurgauElegancia (Traminer × Elbling) × Müller ThurgauEzmet / AEzerjó × Müller ThurgauFaber (Rebsorte)Chardonnay × Müller ThurgauFloriánkaVeltliner frührot × Müller ThurgauFontanaraRieslaner × Müller ThurgauFreiburg 90- 64Müller Thurgau × FREIBURG 587-54Freiburg 986- 60SV 12-481 × Müller ThurgauGarnier 15-6SV 18-315 × Müller ThurgauGeilweilerhof 30N- 9- 35Silvaner × Müller ThurgauGeilweilerhof 30N- 9- 83Silvaner × Müller ThurgauGeilweilerhof 30N- 9-129Silvaner × Müller ThurgauGeilweilerhof 31- 1-118Silvaner × Müller ThurgauGeilweilerhof B- 8- 20Oberlin 702 OP × Müller ThurgauGeilweilerhof KOE- 50- 24(Silvaner × Müller Thurgau) Müller ThurgauGeilweilerhof KOE- 50-100(Silvaner × Müller Thurgau) × Müller ThurgauGeisenheim 17- 59Chasselas Napoleon × Müller ThurgauGeisenheim 17-103Müller Thurgau × Pirovano 1Geisenheim 18- 1Müller Thurgau × bewundernswert de CourtillierGeisenheim 18- 26Müller Thurgau × bewundernswert de CourtillierGeisenheim 18- 54Müller Thurgau × (Madeleine Angevine × Calabreser Fröhlich)Geisenheim 18- 58Müller Thurgau × (Madeleine Angevine × Calabreser Fröhlich)Geisenheim 18- 62Müller Thurgau × (Madeleine Angevine × Calabreser Fröhlich)Geisenheim 18- 91Müller Thurgau × (Madeleine Angevine × Calabreser Fröhlich)Geisenheim 6437Müller Thurgau × (Wälsche Frühe Blaue × Färber 1)Geisenheim 6441- 4(Seibel 7053 × Riesling) × Müller Thurgau Geisenheim 7213Kolor × Müller ThurgauGeisenheim 7221Deckrot × Müller ThurgauGloria Silvaner grün × Müller ThurgauGloriosa(Riesling x Silvaner) × Müller ThurgauGoldrieslingWelschriesling × Müller ThurgauGrando(Riesling x Silvaner) × Müller ThurgauGutbornerMüller Thurgau × Chasselas NapoleonHildegardistraubeMüller Thurgau × SiegerrebeJakob Gerhardt blancMüller Thurgau × GewürztraminerKanzler (Rebsorte)Müller Thurgau × SilvanerMariensteiner Silvaner × RieslanerMarkantMüller Thurgau × Madeleine RoyaleMedeaRivaner × GewürztraminerMilia Müller Thurgau × Tramin CervenyMontagnaRieslaner × Müller ThurgauMuscabonaSiegerrebe × Müller ThurgauOptima (Rebsorte)(Silvaner × Riesling) × Müller ThurgauOrtega (Rebsorte)Müller Thurgau × SiegerrebeOsiris Riesling × RieslanerPalava Traminer × Müller ThurgauPerle von Alzey Gewürztraminer × Müller ThurgauR- 71ERAPL. Müller Thurgau × Teli MuskotályRabanerRiesling Klon 88 GM × Riesling KLON 64 GMRegner Luglienca bianca × Gamay frühReichensteinerMüller Thurgau × (Madeleine Angevine × Weisser Calabreser)Sauvignon superMüller Thurgau × Sauvignon 13/21SchantlrebeMüller Thurgau × RuländerSeptimerGewürztraminer × Müller ThurgauTamaraMüller Thurgau × SiegerrebeTC / MT 0103Traminer ROT × Müller ThurgauTheklatraubeMüller Thurgau × SiegerrebeThürlingMüller Thurgau × RieslingWeinsberg S 431Müller Thurgau × BlaufränkischWürzburg 80- 09- 001Thürling × Müller Thurgau 04.12Würzburg B 51-04-008 Rieslaner × Müller ThurgauWürzburg B 55-08-162 S. 2765 × Müller ThurgauWürzburg B 64-22-031 B 13-56 × Müller ThurgauWürzerGewürztraminer × Müller Thurgau
Mutationen 1978 wurde eine rote Mutation gefunden. Der Rote Müller-Thurgau wurde 2014 beim Bundessortenamt in Deutschland zur Sortenzulassung angemeldet.
Ampelografische Merkmale
Die Triebspitze ist schwach wollig behaart und ist hellgrün mit rötlichem Anflug. Das junge Blatt ist hellgrün, tief gebuchtet und das ausgewachsene Blatt ist mittelgroß, fünflappig, tief gebuchtet, stark gewellt und die Mittellappe deutlich verdreht. Die Stielbucht überlappend mit V-förmiger Basis. Die Traube ist mittel bis groß, locker- bis dichtbeerig, konisch, oft geschultert. Die Beeren sind mittelgroß, oval, gelblichgrün gefärbt und leicht beduftet. Das Beerenfleisch ist ungefärbt und saftig mit einem dezenten Muskatgeschmack. Der Triebwuchs ist stark.
Reife: früh, Anfang bis Mitte September
Eigenschaften mini|Müller-Thurgau Ansprüche an Boden und Lage Die Sorte Müller-Thurgau stellt an Klima und Bodenbeschaffenheit relativ geringe Ansprüche. Sie benötigt tiefgründige Böden mit guter Wasserversorgung. Keine zur Trockenheit neigenden Standorte und nährstoffarme leichte Böden. Sie ist auch für späte Lagen geeignet, aber tiefe, eingeschlossene Lagen sind ungeeignet. Die Holzreife kann schwach sein, dadurch können häufig schon ab −15 °C Frostschäden auftreten.
Vor- und Nachteile Die Vorteile der Sorte sind die frühe Reife, dass sie geringe Lageansprüche stellt und wenig blüteempfindlich ist.
Nachteilig ist die schlechte Holzreife und damit bedingt die hohe Winterfrostempfindlichkeit. Sie ist sehr anfällig gegen den Oidium und Peronospora, Botrytis cinerea, Roten Brenner, Phomopsis und Stiellähme. Bei Überreife fallen die Beeren leicht ab.
Ertrag Die Sorte bringt hohe und regelmäßige Erträge. Ein Mostgewicht von 65–90 °Oechsle kann bei 80–150 hl/ha erreicht werden. In sehr seltenen Fällen sind auch Mostgewichte bis über 150 °Oechsle möglich.
Wein Der Wein ist mild (wenig Säure), leicht süffig und besitzt einen leicht muskierten Duft und Geschmack. Der Weinausbau erfolgt sehr rasch – die Weine sind deshalb früh trinkreif (abgesehen von Prädikatsweinen). Durch den geringen Säuregehalt ergibt sich häufig eine frühzeitige Alterung des Weines mit geringer Lagerfähigkeit (ausgenommen Prädikatsweine).
Verbreitung Deutschland mini|400px|Flächenmäßige Entwicklung der Sorten Müller Thurgau, Riesling und Silvaner ab 1964 Die Anbaufläche der Rebsorte Müller-Thurgau in Deutschland betrug im Jahr 2019 11.736 ha, das entspricht 11,4 % der Rebfläche. Zwischen 1975 und 1995 behauptete sie mit rund 25 % der Rebfläche den ersten Platz, bis sie wieder vom Riesling abgelöst wurde.
WeinbaugebietFläche haQuelle: Deutscher Wein – Statistik 2025/2026Deutsches Weininstitut (Hrsg.): ’25/’26 Deutscher Wein. Statistik. Bodenheim o. J. S. 8.pdf. Ahr Baden Franken Hessische Bergstraße Mittelrhein Mosel Nahe Pfalz Rheingau Rheinhessen Saale-Unstrut Sachsen Stargarder Land Württemberg insgesamt Deutschland 2024 10.511
Andere Länder Land Rebfläche haK. Anderson, N. R. Aryal: Database of Regional, National and Global Winegrape Bearing Areas by Variety, 2000 and 2010, Wine Economics Research Centre, University of Adelaide, December 2013 (first revision April 2014) (second revision May 2014) (third revision July 2014). Österreich (2015) Slowakei Frankreich Japan Luxemburg Moldawien Schweiz Kanada Kroatien Tschechien Deutschland (2015) Ungarn Italien Russland Vereinigtes Königreich Neuseeland Weltanbaufläche 2010 22934
Synonyme Laut den EU-Sortenverordnungen dürfen nur die Bezeichnung „Müller Thurgau“ oder „Rivaner“ für den Wein verwendet werden.