Die mitteldeutsche Stadt Halberstadt erlebte 1944 und 1945 zehn Luftangriffe durch die 8th Air Force, von denen das Flächenbombardement mit fast 600 Tonnen Spreng- und Brandbomben am 8. April 1945 der schwerste war. Dieses löschte, drei Tage vor Einmarsch der US-Bodentruppen, die historische Innenstadt zu über 80 Prozent aus. Dabei gingen auch die meisten wertvollen Baudenkmäler verloren oder wurden schwer beschädigt. Insbesondere der Angriff vom 8. April hat „das Gesicht und die Identität Halberstadts auf Jahrzehnte zerstört“.Schautafel Stadtmuseum Halberstadt, 2015. Insgesamt wurden bei den Luftangriffen auf Halberstadt fast 1400 Tonnen Bomben abgeworfen,Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Berlin 1990, S. 449. und 1850 bis zu 3000 Menschen verloren ihr Leben. mini|hochkant=1.6|Halberstadt Anfang des 20. Jahrhunderts Halberstadt vor dem Krieg Halberstadt war eine im Mittelalter gegründete alte Bischofsstadt, eine Metropole im Harzraum und zudem Verkehrsknotenpunkt mit großer Bahnhofsanlage an der bereits 1843 eröffneten Bahnstrecke von Magdeburg und Oschersleben. Sie galt als „Rothenburg des Nordens“, mit siebenhundert alten, teilweise architektonisch sehr wertvollen Fachwerkhäusern, prächtigen Häusern aus der Gründerzeit, mit schönen Villen und mit Arbeiterwohnungen in der Unterstadt. Mit seinen rund 50.000 Einwohnern war Halberstadt eine geschäftige Handelsstadt und hatte ein reiches kulturelles Leben mit überregional bekanntem Theater, bedeutenden Sporteinrichtungen und vielen Vereinen.
Es war eine traditionelle Garnisonsstadt der Halberstädter Kürassiere vor dem Ersten Weltkrieg und der Reichswehr von 1920 bis 1934. In der NS-Zeit erfolgte die Aufrüstung des Wehrmachtstandortes Halberstadt, mit dem Schwerpunkt Luftwaffe auf dem Fliegerhorst an den Thekenbergen. Auf einem Teil des früheren Werksgeländes der Halberstädter Flugzeugwerke wurde 1935 in der Klusstraße 30–38 ein neues Junkers-Zweigwerk zur Fertigung von Tragflächen für die Junkers Ju 88 errichtet.
Die einzelnen Angriffe mini|hochkant=1|Amerikanische B-17 „Flying Fortress“ beim Bombenwurf mini|hochkant=1|Amerikanischer Langstreckenjäger „Thunderbolt“ mini|hochkant=1|Amerikanische Langstreckenjäger „Mustang“ Alle Luftangriffe erfolgten als Tagesangriffe durch die 8th Air Force der United States Army Air Forces. In den Akten des britischen RAF Bomber Command lagen bereits seit 1942 Pläne zur Bombardierung von Halberstadt unter dem Codenamen „Sardine“.Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Berlin 1990, S. 35. Der Stellvertreter von Arthur Harris, Oberbefehlshaber des Bomber Command, war Air Vice-Marshal Robert Saundby, der als begeisterter Angler alle in Auswahl kommenden deutschen Städte mit einem Fish code versah.Fish code names. (britisches Original, PDF; 292 kB), deutsche Übersetzung (PDF; 214 kB). Bunkermuseum Emden, abgerufen am 2. Oktober 2017.
Angriffe Januar 1944 bis 7. April 1945 Die folgenden Informationen stammen aus dem Standardbuch Halberstadt brennt von Werner HartmannWerner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 15–28 und 82–85. und den Kriegstagebüchern der 8th Air ForceRoger Freedman: Mighty Eighth War Diary. London, 1981..
11. Januar 1944: 52 B-17 „Flying Fortress“ der 1st Bombardment Division der 8th Air Force der USAAF warfen 143 Tonnen Bombenlast auf das Junkers-Zweigwerk, den Hauptbahnhof, die Harzbrauerei und benachbarte Häuser ab. Das Junkers-Werk wurde erheblich getroffen. Ein 16-jähriger Junge im Sommerbad war das erste Todesopfer des Bombenkriegs in Halberstadt.
22. Februar 1944: 18 B-17-Bomber warfen mit dem verfehlten Ziel der Flugzeugwerke aus 6500 bis 7000 Meter Höhe 26,5 (33) Tonnen Bombenlast ins freie Feld zwischen Harsleben und Halberstadt: 150 Bombenkrater. Es gab keine Toten.
11. April 1944: Bei einem US-Luftangriff auf den Fliegerhorst der Luftwaffe in den Thekenbergen wurden zahlreiche Gebäude zerstört, 29 Soldaten kamen ums Leben. Alle acht Besatzungsmitglieder eines am Großen Thekenberg abgeschossenen US-Fernbombers starben.
30. Mai 1944: 107 B-17 warfen 145 Tonnen Bombenlast auf das Flugzeugwerk und Wohngegend. 52 Menschen starben in dem Werk (darunter 20 Italiener), in ihren Häusern und auf den Straßen.
16. August 1944: 13 B-17-Bomber griffen mit 27,5 Tonnen Bomben den Fliegerhorst an. Neun Soldaten und drei Wehrmachthelferinnen kamen ums Leben.
14. Februar 1945: Ein Angriff mit dem Ziel Junkers-Werk führte zur Zerstörung mehrerer Gebäude und Beschädigung des Standortlazaretts. 21 Personen starben, davon 11 Ausländer.
19. Februar 1945: US-Jagdbomber griffen den Hauptbahnhof und Wehrstedt an. Elf Personen, wohl alle Ausländer, kamen ums Leben.
22. Februar 1945: Im Rahmen der Operation Clarion erfolgte gegen 13 Uhr ein Großangriff auf den Hauptbahnhof und auf Wehrstedt, dem 155 Menschen zum Opfer fielen. Der Bahnhof wurde völlig verwüstet und unbrauchbar gemacht, den Bombern folgten gleich die Tiefflieger. Auch in der Stadt und besonders Wehrstedt entstanden schwere Schäden. In der Kirche von Wehrstedt begrub ein Volltreffer viele dort Schutzsuchende.
Durch Bordwaffenbeschuss von Tieffliegern, ebenfalls am 22. Februar, kamen auf einem Transport zwischen Wegeleben und Halberstadt 15 kriegsgefangene Briten und zwei US-Amerikaner ums Leben.Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 18.
7. April 1945: Mehrere US-Jagdbomber warfen bei klarer Sicht Brandbomben in Halberstadt ab und schossen in die Straßen. Dann griffen sie einen auf Gleis 9 im Bahnhofsgelände abgestellten Munitionszug an. Die Jagdbomber wurden nach Angriffsbeginn von Zugflak beschossen.Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 20. Eines der Flugzeuge – eine Thunderbolt – stürzte ab, der Pilot wurde gefangen genommen. Die hochbrisanten Seeminen auf dem Zug explodierten, es entstand ein riesiger Krater, 650 Eisenbahnwaggons und 45 Lokomotiven wurden vernichtet. Der Bahnhof mit seinen Gebäuden, Gleis- und Weichen-Anlagen war außer Funktion gesetzt. Im Stadtgebiet entstanden erhebliche Luftdruckschäden an Fenstern, Türen und Dächern.
Die Lage in Halberstadt Anfang April 1945 Die Stadt war mit 70.000 Menschen übervölkert: darunter befanden sich viele Luftkriegsevakuierte, Tausende Flüchtlinge aus den Ostgebieten, ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene. In 22 Einrichtungen wurden 3000 bis 4000 Verwundete und kranke Soldaten betreut: im Standortlazarett, im Salvator-Krankenhaus, in Privatkliniken, Reservelazaretten und Krankenrevieren der Kasernen.Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 29–30. Die Lazarette waren mit großen und weithin nach oben sichtbaren Rotkreuzzeichen erkennbar. Verteidigungsfähige Kampftruppen oder militärische Stäbe befanden sich nicht in der Stadt, auch andere militärische Ziele gab es nicht mehr.Marcus Ahrens: Operation Sardine. Die Zerstörung von Halberstadt. Dokumentarfilm, Halberstadt 2005. Der Volkssturm war einberufen und hatte „Panzersperren“ gebaut. Flak oder Jagdflugzeuge gab es nicht mehr. Die Bevölkerung war in passivem Luftschutz ausgebildet. Höhlen in den Spiegelsbergen (Lange Höhle, Am Felsenkeller) waren zu sicheren Schutzräumen ausgebaut worden – mussten aber natürlich erst erreicht werden. Auch der Remterkeller der Domklausur war zum Luftschutzraum ausgebaut worden. An verschiedenen Standorten waren große Löschwasserteiche angelegt worden. Im Hauptpostamt befand sich eine Luftwarnzentrale, die auch für die umliegenden Städte und Dörfer zuständig war. Es herrschte praktisch ständig Luftalarm, da dauernd US-Jagdbomber im Einsatz waren oder Überflüge von „Bomberströmen“ erfolgten. Am 8. April befanden sich die US-Panzerspitzen nur noch 40 Kilometer westlich von Halberstadt.
Der Flächenangriff vom 8. April 1945 auf die Innenstadt Unter der Code-Nr. GY 4822, wurde an die 1st Air Division der 8th Air Force der Befehl zum Angriff auf Halberstadt als „Sekundärziel“ gegeben. Die dafür bestimmten 215 oder 218 B-17-Bomber waren eine Teilstreitkraft von insgesamt 339 B-17 mit Eskorte von 239 P-51 Langstreckenjägern, die am 8. April Ziele in Mitteldeutschland ansteuerten. Der Start von den Basen in Mittelengland um Bedford erfolgte um 6:15 Uhr. Als Angriffsziel für die Gruppe von 215 oder 218 B-17 war offiziell mit Priorität 1 Leopoldshall bei Staßfurt angegeben, Halberstadt mit Priorität 2 zum Ausweichziel bestimmt.Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 33. Da der Mosquito-Aufklärer Dunst über Leopoldshall meldete, wurde Halberstadt priorisiert. Hartmann vermutet, dass das Ziel Leopoldshall nur eine Täuschung war und Halberstadt für diese große Bomberflotte der eigentliche Auftrag. Um 11:10 Uhr wurde in Halberstadt Luftalarm gegeben, um 11:31 Uhr erschienen die ersten Bomber über der Stadt und begannen nach Zielmarkierung durch Rauchzeichen aus 6700 Metern Höhe mit dem Abwurf von 504 Tonnen Spreng- und 50 Tonnen Brandbomben. Nach dem Kriegstagebuch der 8th Air Force war die Bombenbeladung zusammen 595 Tonnen. Angewandt wurde die ursprünglich britische „Fächertaktik“ („Todesfächer“), durch die eine hohe Trefferquote und höchstmögliche Vernichtung erreicht werden sollteFächertaktik beim Bombardement. Orientierungspunkt für die Bomberbesatzungen war das markante Gebäude des Lyzeums (Käthe Kollwitz-Gymnasium) im Süden von Halberstadt, das Zielgebiet sollte im Zentrum der Stadt liegen. Sechs Bombergruppen griffen die Stadt aus Himmelsrichtung Süd von 11:31 Uhr bis 11:54 Uhr in mehreren Wellen – ungestört durch Flakfeuer – planmäßig an und zerstörten die Innenstadt. Die Brandbomben waren mit insgesamt 50 Tonnen Gemisch aus Benzin, Viskose und Magnesiumstaub gefüllt. Flüssigkeitsbrandbomben des Typs AN-M47, AN-M50-Stabbrandbomben und Phosphorbrandbomben wurden ebenso eingesetzt. Durch die initialen Sprengbomben waren die Dächer abgedeckt, die Fenster zersprungen und die Häuserwände aufgerissen. Durch die Brandmittel entwickelten sich dann in der gut brennbaren, dicht bebautenMarcus Ahrens: Operation Sardine. Die Zerstörung von Halberstadt. Dokumentarfilm, Halberstadt 2005. Aussage von Jörg Friedrich. Fachwerkstadt schwer zu bekämpfende Flächenbrände, die weitere Gebäude zerstörten. In der Innenstadt entwickelte sich aus den Einzelbränden ein Feuersturm.Alexander Kluge: Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945. Frankfurt 2008, S. 73–74. Rettungs- und Löscharbeiten wurden durch Tiefflieger behindert. Die Fluchtwege von Halberstädtern in Richtung Spiegelsberge wurden bombardiert und mit Bordwaffen der Begleitjäger angegriffen.Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015. Zahlreiche Augenzeugenberichte.Marcus Ahrens: Operation Sardine. Die Zerstörung von Halberstadt. Dokumentarfilm, Halberstadt 2005. Zahlreiche Augenzeugenberichte. Die B-17-Bomber landeten gegen 15 Uhr ohne Verluste auf ihren Stützpunkten in Mittelengland.Werner Hartmann: Halberstadt brennt. Halberstadt 2015, S. 34–35. 25.000 Menschen wurden durch das Bombardement obdachlos. mini|Ruinenstadt Halberstadt 1945, Denkmal für die Trümmerfrauen