Tollkühnheit bezeichnet eine Charaktereigenschaft, die zum Eingehen außergewöhnlicher, höchster Risiken befähigt. Es kann sich dabei um eine krankhaft übersteigerte, vernunftwidrige Tat handeln, die das Maß des rational Sinnvollen und Nützlichen sprengt. Sie kann aber auch im positiven Sinne die Bereitschaft zur Bewältigung einer hoch gefährlichen Aufgabe, etwa einer extrem schwierigen Hilfeleistung in einer Notsituation, darstellen.
Wortbedeutung Das Kompositum Tollkühnheit setzt sich aus den Wortanteilen „Toll“ (<ahd / mhd tol, ags. dol = einfältig, anmaßend < got. dwals = töricht, griech. tholeros = verwirrt, verrückt, wahnsinnig) und „Kühnheit“ (von ahd kuoni, mhd küene = wagemutig, beherzt) zusammen. Mit dem Wortanteil „Toll“ ergibt sich dabei eine Wortverbindung, die ein Übermaß des als normal Angesehenen kennzeichnen soll, das ursprünglich negativ konnotiert war. WahrigRenate Wahrig-Burfeind: Brockhaus. Wahrig. Deutsches Wörterbuch. 9., vollständig aktualisierte Ausgabe. 2011, Spalte 3575/76. führt dazu eine Reihe paralleler umgangssprachlicher Redewendungen auf, die die figurative Bandbreite der heutigen Bedeutungen zeigen. Sie etikettieren jeweils ein außerhalb der Normalität liegendes Phänomen wie: eine tolldreiste (= verrückte) Tat, eine tolle (= hoch attraktive) Frau, ein tolles (= ganz außergewöhnliches) Buch, ein toller (= sehr sympathischer) Bursche, eine tolle (= aufregende) Party, ein toller (= unerträglicher) Lärm, ein toller (= exzellenter) Einfall etc. Die Bedeutungsvielfalt kennzeichnet auch die Einschätzung der Tollkühnheit von abwertenden Etikettierungen wie „total verrückt“, „krankhaft“, „unvernünftig“ über neutrale Kennzeichnungen wie „außergewöhnlich“, „enorm“, „verwegen“ bis zu bewundernden Aussagen wie „großartig“, „phantastisch“, „unglaublich“, „heldenhaft“, „exzellent“. Die jeweils gewählte sprachliche Ausdrucksform deutet bereits auf die unterschiedlichen Bewertungen mit der Tollkühnheit verbundener Aktionen hin.
Motivation Die Bereitschaft zu tollkühnen Aktionen erwächst aus sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, Situationen und Motiven: Nach Auffassung des Psychoanalytikers Michael BalintMichael Balint: Angstlust und Regression. 5. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 1999. hat sie eine anlagebedingte Grundlage, die er philobatisch nennt. Das Naturell des Philobaten tendiert zu extrem wagnisbereitem Handeln. Im Gegensatz zu seinem Gegentypus, dem Oknophilen, sind seine Bestrebungen auf Erfolg ausgerichtet und die Erwartungen des Gelingens stärker ausgeprägt als die Furcht vor dem Misserfolg und dessen Folgen. Die Handlungen des Philobaten geschehen nach Balint eher trieb- als vernunftgesteuert. Er stuft sie wie die des Gegentypus als krankhaft ein. Für den Wagnisforscher Siegbert A. WarwitzSiegbert A. Warwitz: Vom Sinn des Wagens. Warum Menschen sich gefährlichen Herausforderungen stellen. In: DAV (Hrsg.): Berg 2006. München/Innsbruck/Bozen 2006, S. 96–111. basieren die Wahl der Aktionen und deren Sinngebung zusätzlich zu der förderlichen Charaktereigenschaft auf bestimmten persönlichen Wertvorstellungen. Diese können in sehr unterschiedlichem Maße von Reflexion geleitet und von Verantwortungsbewusstsein getragen sein, aber auch nur aus Geltungssucht und spontanem Übermut erwachsen, wie etwa beim sogenannten Balconing.Gefährlicher Urlaubstrend „Balconing“. In: RP Online. 23. Juni 2013. Der Soziologe Horst W. OpaschowskiHorst W. Opaschowski: Xtrem. Der kalkulierte Wahnsinn. Extremsport als Zeitphänomen. Germa-Press Verlag, 2000. sieht in der Tendenz zu extremen Mutproben und Extremsportarten ein „Zeitphänomen“ und Indiz für eine sich in der übersicherten Gesellschaft zunehmend langweilende Jugend. Extremsportler wie Iris HadbawnikIris Hadbawnik: Bis ans Limit und darüber hinaus. Faszination Extremsport. Verlag die Werkstatt, 2011. bekennen offen ihre Faszination am überdimensionierten Wagnis und Extremsport, weil sie ihr Leben bereichern.
Erscheinungsformen Tollkühnheit in Freizeit und Sport Die sozialen Netzwerke bieten heute mit ihrer Internetverbreitung schon Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit sogenannten Selfies im Selbstporträt als tollkühne Helden zu präsentieren: So posieren sie in hoch riskanten Momentaufnahmen auf den Gleisen vor einem heranrasenden Zug, auf einem ausgesetzten Brückengeländer oder am Rand der 604 Meter senkrecht in den Lysefjord abfallenden Felsplatte des Preikestolen in Norwegen.
In den Flugsportarten haben sich sogenannte AkromanöverEine gute Beschreibung diverser Akro-Manöver etabliert, die dem Piloten wie den Fluggeräten das Äußerste abverlangen, wie etwa das sogenannte „Tumbling“ in der Gleitschirmakrobatik, bei dem der Pilot nicht nur mit einem klassischen Looping über den Schirm hinwegfliegt. Der Schirm wird vielmehr nach einem entsprechenden Energieaufbau, etwa durch hohe „Wingover“, unter dem Piloten hindurchgeschleudert. Dabei wurden Körperbelastungen bis zu 7,5 g gemessen. Bei einem Rekordversuch wurden nach einem Hubschrauberabsprung aus 5800 Metern Höhe insgesamt 568 Tumbling-Überschläge erreicht.568 Überschläge – Offizielle Pressemitteilung mini|Base-Jump von einem Turm in Istanbul Aus dem Fallschirmsport hat sich als extreme Variante das Base-Jumping entwickelt, bei dem von Brücken, Hochhäusern, Türmen oder von Felswänden gesprungen wird. Zwischen 1981 und 2015 starben 253 Personen an den Folgen solch eines sogenannten „Objektsprungs“.BASE Fatality List, Liste von beim Objektsprung getöteten Personen () In dem bei Basejumpern sehr beliebten Lauterbrunnental in der Schweiz werden pro Saison zwischen 15.000 und 20.000 Absprünge gezählt.Besuch an der Wallfahrtsstätte einer Sportart, bei der nur Fehler verboten sind, Tages-Anzeiger Online / Newsnet, 29. Mai 2012.
Eine Sonderform des Base-Jumping ist das Fliegen mit Flügelanzügen, sogenannten Wingsuits. Der Objektspringer trägt dabei meist keinen Reservefallschirm, da dieser im Notfall ohnehin nicht rechtzeitig rettend wirken könnte. Charakteristisch für die extremsten Sportarten wie Freeclimbing oder Wingsuitfliegen ist, dass sie nahezu keinen Fehler erlauben und stark von nicht kalkulierbaren Risiken wie Felsbeschaffenheit, Windströmungen oder Wetter abhängig sind.
Als tollkühn kann zweifellos auch der Stratosphärensprung des österreichischen Extremsportlers Felix Baumgartner vom 14. Oktober 2012 aus einem Heliumballon gelten, bei dem er aus 38.969 Metern Höhe im freien Fall von 36.402,6 Metern eine Geschwindigkeit von 1357,6 km/h erreichte und dabei in einem Druckanzug die Schallmauer durchbrach. Dabei verlor er über einen Zeitraum von mehr als 40 Sekunden die Kontrolle über seine Flugposition. Obgleich seitens der Sponsoren auch wissenschaftliche Argumente für das gewagte Experiment ins Feld geführt wurden, dürfte das Hauptinteresse, vor allem des Akteurs, am Erreichen von vier geplanten sportlichen und aeronautischen Weltrekorden und ein entsprechender Marketingeffekt gewesen sein.
Tollkühnheit als Beruf mini|hochkant=1.2|Hoch riskante Stuntszene Hochseilakrobaten, Luftakrobaten, Stuntmen oder Stuntwomen haben ihre Bereitschaft und Fähigkeit zur Tollkühnheit zu ihrem Beruf gemacht. Das Wort Stunt kommt aus dem Englischen und bedeutet „besonders geschicktes bzw. gewagtes Kunststück“. Sie erfüllen damit in der Unterhaltungsbranche ein Bedürfnis sensationshungriger Zuschauermassen und entlasten mit ihrer Professionalität das Gefährdungspotenzial von Schauspielern in Actionfilmen. Auch um den Marktwert für Sponsoren zu steigern und sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen, besteht dabei eine Tendenz zu immer waghalsigeren Kunststücken: mini|links|Wingwalking kombiniert mit Kunstflug Als Barnstormer bezeichnete fliegende Schausteller zogen mit ihren kunstflugtauglichen Doppeldeckern in den 1920er Jahren durch die USA. Sie boten ihren Zuschauern eine exzentrische Luftakrobatik, die immer spektakulärer wurde und sich nicht mehr allein auf das bloße Wingwalking (), das Bewegen auf den Flugzeugtragflächen, beschränkte. So wurde u. a. der Umstieg von einem fahrenden Auto auf ein Flugzeug oder Schiff und der Sprung von Flugzeug zu Flugzeug vorgeführt. Es wurde auf den Tragflächen Tennis gespielt (siehe Weblink). Da es bei diesen Stunts häufig zu Todesfällen kam, sah sich die zivile amerikanische Luftfahrtbehörde 1936 schließlich gezwungen, Wingwalking unterhalb 1500 ft zu verbieten. Da die Wingwalker oberhalb dieser Höhe aber nicht mehr zu erkennen waren, erlosch das Interesse an dieser Akrobatik zunächst. Sie lebte aber mit den modernen Airshows und teilweise verheerenden Massenunfällen wie bei der Ramstein-Flugschau vom 28. August 1988, bei der es 70 Todesopfer und fast tausend Verletzte gab, wieder auf.
Tollkühnheit im Krieg Der Heerführer Alexander von Makedonien wagte es, mit einer Armee aus nur 35.000 Makedonen und Griechen die damals größte Territorialmacht der Erde, das Weltreich des Perserkönigs Dareios III., anzugreifen. Er zeichnete sich dabei außer als genialer Stratege auch als ein tollkühner Krieger aus, der sich bis ins Zentrum der persischen Übermacht vorkämpfte, um seinen Hauptgegner, den Perserkönig, persönlich zu stellen. Seine flexible Kriegstaktik widersprach immer wieder der gängigen Militärdoktrin und überrumpelte den Gegner. In der berühmten Schlacht bei Issos (333 v. Chr.) trieb er mit seiner Angriffsstärke den zahlenmäßig drei- bis vierfach überlegenen Feind zur Flucht.Karl Julius Beloch: Griechische Geschichte. 2. Auflage. Band 3.2, S. 361; vgl. auch Siegfried Lauffer: Alexander der Große. 4. Auflage. München 2004, S. 77. Die Bewunderung für seine militärischen Erfolge trugen ihm schließlich den Namenszusatz „der Große“ ein. Aufgrund seiner u. a. von den römischen Philosophen wie Cicero oder Seneca und Historikern wie Livius oder Orosius beschriebenen Maßlosigkeit hinterließ Alexander der Nachwelt bis heute von sich ein zwiespältiges Charakterbild.
Auch der römische Feldherr Caesar war sich bewusst (Sueton: Divus Iulius. 32 f.), dass er mit der tollkühnen Überschreitung des Grenzflusses Rubikon mit seinem römischen Heer eine rote Linie passierte, die einen Bürgerkrieg entfesselte und er nach dem Prinzip „Alles oder Nichts“ damit seine militärische Karriere und sein Leben aufs Spiel setzte. Mit seiner Ambition zum Alleinherrscher forderte er die demokratisch gesinnten Senatoren Roms heraus, was er mit seiner Ermordung im Jahre 44 v. Chr. bezahlen musste. Die militärischen und politischen Erfolge machten den Namen „Cäsar“ jedoch nicht nur zum Bestandteil der Titel aller nachfolgenden römischen Herrscher, sondern auch zum Namensgeber für die Kaiserreiche bis in die Neuzeit und zum angestrebten Herrschertitel für Potentaten in aller Welt (Kaiser, Zar etc.). Caesars Nachruhm bleibt jedoch nach der modernen Genozid-Forschung vom Vorwurf des Völkermords belastet, nachdem er entsprechend eigenen AngabenCaesar: De bello Gallico 4, 15 im Jahre 55 v. Chr. 430.000 Menschen der führerlosen Germanenstämme der Usipeter und Tenkterer, die sich bereits ergeben hatten, brutal hinmetzeln ließ.Ben Kiernan: Blood and soil. A World History of Genocide and Extermination from Sparta to Darfur. Yale University Press, 2007, S. 58.
Bei Kommandounternehmen in modernen Kriegen, die mit einem hohen Todesrisiko verbunden sind, aber große Karrieresprünge und hohe Auszeichnungen versprechen, wird in der Regel auf Freiwillige und gleichzeitig professionell ausgebildete Elitesoldaten zurückgegriffen. Diese müssen zu ihrer extremen Kampf- und Leidensbereitschaft auch über einen hohen Grad an Selbstbeherrschung und Intelligenz verfügen. Sie rekrutieren sich in der Regel aus militärischen Spezialeinheiten wie etwa dem deutschen Kommando Spezialkräfte (KSK) oder dem britischen Special Air Service (SAS). In der Öffentlichkeit gelten sie oft als Geheimnisumwitterte Elitekämpfer.Kommando Spezialkräfte: Geheimnisumwitterte Elitekämpfer. FAZ.net; abgerufen am 29. August 2008.
Tollkühnheit im Geist der Wissenschaft