mini|Hauptgebäude der Kolonialen Frauenschule in Rendsburg, Schülerinnen winken bei der Passage eines Schiffes auf dem Kaiser-Wilhelm-Kanal Die Koloniale Frauenschule Rendsburg (KFS) bestand von 1927 bis 1945. Ihre Gründung erfolgte damit in einer Zeit, in der es keine deutschen Kolonien mehr gab. Sie entstand im Rahmen des in der Weimarer Republik bestehenden Kolonialrevisionismus und bildete junge Frauen für Tätigkeiten in den Gebieten der ehemaligen deutschen Kolonien aus. Während der nationalsozialistischen Herrschaft verschob sich das Ziel auf die Vorbereitung für Arbeitseinsätze in besetzten Gebieten Osteuropas. Der KFS-Betrieb wurde, auf ausdrückliche Anweisung Heinrich Himmlers, bis wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs aufrechterhalten.
Die KFS-Ausbildung in Rendsburg durchliefen etwa 1100 Frauen. Das während dieser Ausbildung vermittelte Frauenbild war ein traditionelles. Die meisten Schülerinnen strebten zwar ein selbstbestimmtes Leben in Übersee an. Doch Heirat mit Siedlern und Familienbildung war eine „unsichtbare Mission“ der KFS.
Nach 1945 bezog die Rendsburger Heimvolkshochschule das KFS-Hauptgebäude, 1977 wurde es wegen einer Erweiterung des Nord-Ostsee-Kanals, an dessen Nordufer es sich befand, abgerissen. Andere Gebäude der ehemaligen KFS werden aktuell vom Nordkolleg Rendsburg genutzt.
Vorgeschichte und Gründung Im Deutschen Kaiserreich war Kolonialismus anfangs ein ganz überwiegend „männliches Projekt“, Frauen waren meist nur befristet als Krankenschwestern in den überseeischen Besitzungen tätig oder als Ehefrauen von Missionaren. Das änderte sich ab Mitte der 1890er Jahre, als beobachtet wurde, dass in den deutschen Kolonien die Anzahl der Ehen zwischen deutschen Männern und einheimischen Frauen zunahm. Das störte die „Rassenhierarchie“, auf die sich der deutsche Kolonialismus zur Rechtfertigung seines Herrschaftsanspruchs berief.Dorothea Siegle: „Trägerinnen echten Deutschtums“. Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, ISBN 3-529-02806-1, S. 23. Um eine „Verkafferung“ der Männer zu verhindern, sollten unverheiratete deutsche Frauen in die Kolonien geschickt werden, um dort zu heiraten und weiße Kinder zu gebären. Neben dieser „biologischen Mission“ sollten die Frauen, etwa als Haushaltshelferinnen, auch als Arbeitskräfte dienen.Joana Schröder: Von Rendsburg in die weite Welt. Die Koloniale Frauenschule. Ausstellungskatalog, Schriften des Museums im Kulturzentrum 12, Rendsburg 2023, S. 16. Darüber hinaus wurde die deutsche Kolonialfrau zur „Kulturträgerin und Grenzwächterin“ stilisiert.Monika Mattlener: Die koloniale Frauenschule in Rendsburg – „deutsche Mädel als Kolonialpioniere“. In: Marco L. Petersen (Hrsg.): Kolonialismens kulturelle arv i regionen mellem Kongeåen og Ejderen / Das kulturelle Erbe des Kolonialismus in der Region zwischen Eider und Königsau. Syddansk Universitetsforlag, Odense 2018, ISBN 978-87-408-3161-0, S. 305–322, hier S. 307.
Das koloniale Frauenengagement wurde institutionell vom Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft getragen, dazu gehörte auch die Einrichtung kolonialer Frauenschulen. Die erste dieser Schulen wurde 1908 in Witzenhausen gegründet, dort befand sich bereits seit 1898 die Deutsche Kolonialschule für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe. Wegen finanzieller Schwierigkeiten wurde die Frauenschule aber schon 1910 wieder geschlossen. Auch die 1911 eröffnete Frauenschule in Bad Weilbach konnte sich nicht halten, ihr Betrieb wurde 1914 eingestellt.Joana Schröder: Von Rendsburg in die weite Welt. Die Koloniale Frauenschule. Ausstellungskatalog, Schriften des Museums im Kulturzentrum 12, Rendsburg 2023, S. 16 f.
Nach Ende des Ersten Weltkrieges musste das Deutsche Reich gemäß Friedensvertrag von Versailles auf alle seine überseeischen Gebiete verzichten. Doch die Begeisterung für Koloniales blieb auch in der Weimarer Republik groß, Forderungen nach Wiedererlangung der Kolonien verstummten nicht. Seit 1925 durften sich deutsche Staatsbürger und auch ehemalige Kolonisten wieder in den einstigen Überseegebieten des Reiches ansiedeln. Damit stieg die Hoffnung auf Zurückgewinnung der Kolonien. Auf Basis dieses Kolonialrevisionismus der Zwischenkriegsjahre wurde die KFS in Rendsburg gegründet.Joana Schröder: Von Rendsburg in die weite Welt. Die Koloniale Frauenschule. Ausstellungskatalog, Schriften des Museums im Kulturzentrum 12, Rendsburg 2023, S. 9.
Nachdem die Ansiedlung von Deutschen in den ehemaligen Kolonien wieder zugelassen war, initiierte der Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft die Gründung einer neuen Kolonialschule für Frauen und wurde dabei von der Krankenpflegeorganisation Frauenverein vom Roten Kreuz für Deutsche über See sowie dem Reichsministerium des Innern unterstützt. Der zuständige Ministerialdirektor Bruno Dammann wandte sich bei der Suche nach einem Standort an seinen Bekannten Theodor Steltzer, Landrat des Kreises Rendsburg. Der sondierte ein Areal, das akzeptiert wurde. Den Bauplatz der künftigen Schule überließ die Stadt kostenlos.Dorothea Siegle: „Trägerinnen echten Deutschtums“. Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, S. 62 f.
mini|Ehemaliges Gartenhaus der Frauenschule, inzwischen Hauptgebäude des Nordkolleg Rendsburg Die Gebäude und Anlagen der Kolonialen Frauenschule lagen im Westen Rendsburgs zwischen dem Kaiser-Wilhelm-Kanal und der Eider. Das Haupthaus befand sich in direkter Nähe zum Kanal. Andere Gebäude (Gartenhaus, Wohnhäuser sowie Sporthalle, Werkstätten, Gewächshaus und Ställe) und Anlagen (Sportplatz, Reitbahn) lagen vom Haupthaus durch das Wäldchen Gerharsdshain getrennt im Norden des Grundstücks.Joana Schröder: Von Rendsburg in die weite Welt. Die Koloniale Frauenschule. Ausstellungskatalog, Schriften des Museums im Kulturzentrum 12, Rendsburg 2023, S. 17 sowie Lagepläne S. 8 und 20. Diese Lage fand in den folgenden Jahren immer wieder mediale Beachtung: eine koloniale Frauenschule, die an einer internationalen Schifffahrtsstraße lag, welche die kleine Stadt in Schleswig-Holstein mit der weiten Welt verband.Dorothea Siegle: „Trägerinnen echten Deutschtums“. Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, S. 63.
Am 24. März 1926 wurde im Reichsministerium des Innern die „Koloniale Frauenschule Rendsburg m. b. H.“ gegründet, Gesellschafter waren Wilhelm Arning, Mitbegründer und späterer Leiter der Deutschen Kolonialschule für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe in Witzenhausen als Treuhänder des Deutschen Reiches. Er hielt ein Stammkapital von 12.000 Reichsmark. Landrat Steltzer und Pastor Johannes Tonnesen mit 3.000 Reichsmark als Vorstandsmitglieder der Schleswig-Holsteinischen Gesellschaft für deutsche Volkserziehung. Die Gesellschaft war Trägerin der Rendsburger Heimvolkshochschule, die unweit der KFS ihren Sitz hatte. Stelzer war 1921 Mitbegründer dieser Volkshochschule nach dänischem Modell gewesen. Bürgermeister Christian Timm (4.000 Reichsmark) als Vertreter der Stadt Rendsburg, Agnes von Boemcken (1.000 Reichsmark) als Vertreterin des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft
Erster Geschäftsführer der KFS wurde Pastor Tonnesen; als zweiter Geschäftsführer war der künftige Schuldirektor vorgesehen.Dorothea Siegle: „Trägerinnen echten Deutschtums“. Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, S. 63 f.
Die KFS-Direktoren Helling und Körner Zum ersten KFS-Direktor wurde der 1897 geborene Hans Helling bestellt. Der promovierte Landwirt hatte 1924 zusammen mit seiner Frau Gertrud ein Waldgebiet in Brasilien gekauft und dort eine Farm angelegt, auf der unter anderem Baumwolle und Mais angebaut wurde. Er selbst hatte sich nicht beworben. 1926 reiste seine schwangere Frau nach Deutschland, um dort ihr Kind zur Welt zu bringen. In einer Zeitung las sie die KFS-Stellenausschreibung und bewarb sich für ihren Mann. Der wurde von Landrat Steltzer ausgewählt, erhielt einen Zweijahresvertrag und trat seinen Posten am 1. Januar 1927 an. Der Lehrbetrieb wurde am 1. Mai 1927 aufgenommen.
Bis 1930 schwankte der Charakter der KFS zwischen einer Volkshochschule und einer landwirtschaftlichen Frauenschule. Erst mit dem Wechsel des Direktors begann die Entwicklung einer kolonialen Frauenschule im eigentliche Sinne.Karsten Linne: Rendsburg: Zwischen Afrika-Träumereien und „Osteinsatz“ – Die Koloniale Frauenschule. In: Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonialismus hierzulande – Eine Spurensuche in Deutschland. Sutton Verlag, Erfurt 2007, ISBN 978-3-86680-269-8, S. 131–136, hier S. 131. Im Gesellschaftsvertrag der Schule war eine klare Festlegung auf Auslandstätigkeiten als Ziel der Ausbildung vermieden worden. In Paragraph 2 hieß es: „Gegenstand des Unternehmens ist die land- und hauswirtschaftliche Ausbildung von Mädchen und Frauen für Siedlungszwecke im In- und Ausland.“Zitiert nach Dorothea Siegle: „Trägerinnen echten Deutschtums“. Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, S. 73. Der Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft wollte dagegen nur solche Schülerinnen fördern, die ausdrücklich bekundeten, nach der KFS-Ausbildung eine Stellung in deutschen Familien in Afrika anzunehmen.Dorothea Siegle: „Trägerinnen echten Deutschtums“. Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, S. 73.
Die unterschiedliche Vorstellung über den KFS-Zweck und zunehmende finanzielle Schwierigkeiten führten dazu, dass der Vertrag Hellings nicht über 1928 hinaus verlängert wurde. Bald darauf gab auch Landrat Stelzer seine Funktion als Gesellschafter der KFS auf. Er stand dem Heimvolkshochschulkonzept näher als dem kolonialen Gedanken.Dorothea Siegle: „Trägerinnen echten Deutschtums“. Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, S. 71. Kommissarische Schulleiterin wurde für 16 Monate die KFS-Lehrerin für Näh- und Schneiderunterricht, Anna Pahl.
Am 16. Mai 1930 wurde Karl Körner (1885–1976Lebensdaten gemäß Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte: Koloniale Frauenschule.) Direktor und Geschäftsführer der KFS und blieb es bis 1945. Nach seiner Auffassung war die Schule in den Jahren vor seiner Direktorenschaft „Opfer eines törichten Dillentantentums“ gewesen und ein „groteskes Kleinstadtidyll“, inszeniert „von einem geschäftigen Pastor und einem Landrat, die beide den kolonialen Fragen ganz fern standen.“Karl Körner in einem Brief von 26. Januar 1941, zitiert nach Dorothea Siegle: „Trägerinnen echten Deutschtums“. Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, S. 74.
Der gelernte Steinhauer Körner hatte ab 1902 das Lehrerseminar in Wolfenbüttel besucht, wurde Volksschullehrer, studierte dann Mathematik und Naturwissenschaften an der Technischen Hochschule Braunschweig. Anschließend war er Studienrat am Lyzeum in Wolfenbüttel, Leiter der deutschen Schule im türkischen Adana, Seminarprorektor in der Lehrausbildung, Leiter einer Oberrealschule. Schließlich baute er in Windhuk (Südwestafrika) die deutsche Oberrealschule aus. 1928 kehrte Körner nach Deutschland zurück und wurde bis zu seinem KFS-Engagement wieder in der Lehrerausbildung tätig. Körner war erklärter Gegner der Weimarer Demokratie. Ein NSDAP-Aufnahmenantrag, den er 1937 stellte, wurde jedoch abgelehnt.Dorothea Siegle: „Trägerinnen echten Deutschtums“. Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, S. 75 f.
Siegle erscheint Körner als ein typischer Vertreter der Kolonialbewegung in der Weimarer Zeit: „deutsch-national, demokratiefeindlich, aber nicht von Herzen Hitler und seiner Bewegung zugneigt.“Dorothea Siegle: „Trägerinnen echten Deutschtums“. Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, S. 77.