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Der Begriff der Lichtverschmutzung (auch Lichtsmog oder LichtverunreinigungSimon Mitton: Die Erforschung der Galaxien, Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 1978, S. 19 (online). genannt) bezeichnet die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen. Der Begriff bewertet diesen Sachverhalt zugleich negativ als eine Art der Umweltverschmutzung. Die Vorgänge, die zu diesem Zustand führen, werden Lichtimmission genannt. Gesetzliche Regelungen hierzu finden sich im Bundesimmissionsschutzgesetz §3(2,3). Das Licht wird in den Luftschichten der Erdatmosphäre gestreut, womit die Überlagerung der natürlichen Dunkelheit verbunden ist. Über Städten heißen diese Erscheinungen auch Lichtglocken oder Lichtkuppeln (engl. skyglow).
Kunstlicht und Beleuchtung Die Geschichte der Beleuchtung mit künstlichen Lichtquellen geht mindestens bis in die Zeit der Höhlenmalerei in der Jungsteinzeit zurück. Vor 40.000 Jahren fertigten die Menschen schon Lampen aus Sandstein, um damit Höhlen zu beleuchten. Höhlenmalerei wäre ohne Kunstlicht nicht möglich gewesen. Dass Beleuchtung gerade in Ländern der höheren Breitengrade auch heute geeignet ist, die Effizienz menschlicher Arbeit zu steigern, muss nicht näher erläutert werden. Aber Beleuchtung erhöht auch die Sicherheit im Verkehr und am Arbeitsplatz. Ausreichende Beleuchtung im Tageslichtspektrum fördert das Wohlbefinden. Umgekehrt kann bei entsprechender Veranlagung der Mangel an Tageslicht in der dunklen Jahreszeit zu Stimmungsschwankungen und Antriebsarmut führen.
Unerwünschte Effekte Die als Lichtverschmutzung bewerteten Vorgänge gelten als eine spezielle Form der Umweltverschmutzung, die jedoch atypisch ist, weil durch fiktives Ausschalten aller künstlichen Lichtquellen nahezu völlige Dunkelheit entstehen würde. Der Mangel an Dunkelheit ohne künstliche Lichtquellen hat zahlreiche störende Einflüsse auf Organismen:Travis Longcore, Catherine Rich: Ecological light pollution. In: Frontiers in Ecology and the Environment, Band 2, Nr. 4, 2004, S. 191–198 (PDF).
Flora Das (saisonspezifische) Pflanzenwachstum kann gestört werden, u. a. weil Nacht- und Tageslängen durch ständig beleuchtete Pflanzen falsch interpretiert werden.Silvia Nitschke, Anne Cortleven, Tim Iven, Ivo Feussner, Michel Havaux, Michael Riefler, Thomas Schmülling: Circadian stress regimes affect the circadian clock and cause jasmonic acid-dependent cell death in cytokinin-deficient arabidopsis plants. In: The Plant Cell, Band 28, Nr. 7, Juli 2016, S. 1616–1636, doi:10.1105/tpc.16.00016 (PDF).
Fauna mini|links|Video: Lichtverschmutzung stört Zugvögel Künstliche Dauerhelligkeit kann die Fauna nachhaltig beeinträchtigen.Gerhard Eisenbeis: Künstliches Licht und Lichtverschmutzung – eine Gefahr für die Diversität der Insekten? In: Verhandlungen des Westdeutschen Entomologentag Düsseldorf, Band 2000, 2001, S. 31–50 (). So werden zahlreiche nachtaktive Insekten wie Nachtfalter irritiert. In den letzten zehn Jahren sind in Europa viele nachtaktive Insektenarten ausgestorben. Eine Dauerbeleuchtung kann die Balz- und Brutaktivitäten zahlreicher Tiere wie SingvögelMark W. Miller: Apparent effects of light pollution on singing behavior of American robins. In: The Condor, Band 108, Nr. 1, 2006, S. 130–139.Arnaud Da Silva, Mihai Valcu, Bart Kempenaers: Light pollution alters the phenology of dawn and dusk singing in common European songbirds. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences, Band 370, Nr. 1667, 2015, Artikel 20140126, doi:10.1098/rstb.2014.0126 (Text).Davide M. Dominoni: The effects of light pollution on biological rhythms of birds: an integrated, mechanistic perspective. In: Journal of Ornithology, Band 156, Nr. 1, 2015, S. 409–418 (PDF). oder AmphibienB. J. Baker, J. M. L. Richardson: The effect of artificial light on male breeding-season behaviour in green frogs, Rana clamitans melanota. In: Canadian Journal of Zoology, Band 84, Nr. 10, 2006, S. 1528–1532. stören. Die Orientierung nachtfliegender Vögel kann durch künstliche Lichtquellen behindert werden,Sergio A. Cabrera-Cruz, Jaclyn A. Smolinsky, Jeffrey J. Buler: Light pollution is greatest within migration passage areas for nocturnally-migrating birds around the world. In: Scientific Reports, Band 8, Nr. 1, 2018, S. 1–8 (PDF).Airam Rodríguez, B. Rodríguez, Á. J. Curbelo, A. Pérez, S. Marrero, J. J. Negro: Factors affecting mortality of shearwaters stranded by light pollution. In: Animal Conservation, Band 15, Nr. 5, 2012, S. 519–526, doi:10.1111/j.1469-1795.2012.00544.x (PDF). was ihre Wandertätigkeit einschränken kann. Auf die biologischen Tag-Nacht-Zyklen vieler Tiere kann sich nächtliche Beleuchtung nachteilig auswirken.Thomas Raap, Rianne Pinxten, Marcel Eens: Light pollution disrupts sleep in free-living animals. In: Scientific Reports, Band 5, Nr. 1, 2015, S. 1–8 (PDF). mini|Ansammlung toter Insekten in einer Straßenlaterne Insbesondere die Auswirkungen von nächtlicher Kunstbeleuchtung auf Insekten sind gut dokumentiert. Untersuchungen aus dem Jahr 2000 zeigen, dass in Deutschland an einer einzigen Straßenlampe in jeder Sommernacht durchschnittlich 150 Insekten zugrunde gehen. Wird das auf die ca. 6,8 Millionen Straßenlaternen auf deutschen Straßen hochgerechnet, ergibt dies jede Nacht über eine Milliarde Insekten.Empfehlungen zur Vermeidung von Lichtemissionen, Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL), Bern, 2005. Zahlreiche andere Lichtquellen wie die Beleuchtung von Gewerbe- und Industriegebieten, Werbeflächen oder Privathaushalten sind dabei noch nicht berücksichtigt.Wenn die Nacht zum Tag wird. In: NZZ.ch Je größer die Wellenlänge des Lichts ist, desto geringer ist die Lockwirkung auf Nachtfalter.Cleve 1964. Insbesondere fand ein schweizerisches Forscherteam heraus, dass die Bestäubung durch Bienen und andere Insekten bis zu 62 Prozent abnimmt.
Für Chironomus riparius, eine Mücke innerhalb der Familie der Zuckmücken, wurde 2025 nachgewiesen, dass ihre Larven, wenn diese in der Nacht künstlichem Licht von 100 Lux ausgesetzt werden, Veränderungen in mehr als 1500 ihrer Gene aufweisen. Dies hat im Vergleich mit einer Kontroll-Population, die nachts 8 Stunden im Dunklen gehalten wird, u. a. eine verzögerte Entwicklung, erhöhten oxidativen Stress und eine drastisch reduzierte Fortpflanzungsfähigkeit zur Folge.Linda Eberhardt et al.: Transcriptomics predicts artificial light at night's (ALAN) negative fitness effects and altered gene expression patterns in the midge Chironomus riparius (Diptera:Chironomidae). In: Environmental Pollution. Band 369, 2025, 125827, doi:10.1016/j.envpol.2025.125827.
Neben Insekten werden zahlreiche weitere Tierarten durch Lichtverschmutzung geschädigt. So beeinträchtigt nächtliches Kunstlicht beispielsweise die Orientierung von Zugvögeln und führt unter anderem dazu, dass Vögel in hell erleuchtete Gebäude fliegen und dabei verletzt werden oder zu Tode kommen (das sogenannte „Towerkill-Phänomen“).Travis Longcore, Catherine Rich: Ecological Light Pollution. In: Frontiers_in_Ecology_and_the_Environment, 2(4), 2004, S. 191–198 (PDF). Auch bei anderen Lebewesen wie Säugetiere und Amphibien führt die Lichtverschmutzung zur Desorientierung und damit zur Verminderung des Tierbestands. Selbst Bäume geraten durch die geringere Dunkelheit in Stress, da sie durch das künstliche Licht nachts auch zur Photosynthese angeregt werden. Das führt letztendlich auch zu Ertragseinbußen. mini|hochkant|Seevögel wie dieser Gelbschnabel-Sturmtaucher auf Teneriffa sind oft von Lichtverschmutzung auf Inselarchipelen besonders betroffen. Vor allem junge Vögel werden auf ihren ersten Nachtflügen von Lichtquellen angelockt und können, einmal auf dem Boden, nicht mehr abfliegen, da sie dafür eine erhöhte Position benötigen.
mini|Kurze Folge des Forschungspodcasts Resonator mit Holger Klein und Christopher Kyba zum Thema Lichtverschmutzung Auf Inselarchipelen sind vor allem junge Seevögel wie Sturmtaucher oder Sturmschwalben durch Lichtverschmutzung gefährdet. Bei ihren „Jungfernflügen“ von den in Steilküsten gelegenen Bruthöhlen auf das offene Meer werden sie von starken künstlichen Lichtquellen angezogen, gehen desorientiert zu Boden und können nicht mehr abfliegen, da sie zum Starten eine erhöhte Position benötigen. Oft verhungern oder verdursten sie dann, werden überfahren oder von Prädatoren getötet. Auf den Balearen lag der Anteil der zu Boden gegangenen Jungvögel am jährlichen Bruterfolg aber lediglich zwischen 0,13 und 0,56 %. Die Todesfälle sind daher nicht bestandsgefährdend, dennoch sollte in der Nähe größerer Kolonien durch bauliche Maßnahmen eine Beeinträchtigung verhindert werden.Airam Rodríguez, David García, Beneharo Rodríguez, Esteban Cardona, Lluís Parpal, Pere Pons: Artificial lights and seabirds: is light pollution a threat for the threatened Balearic petrels? In: Journal of Ornithology, 156 (4), 2015, S. 893–902.
Männliche Leuchtkäfer können in lichtverschmutzer Umgebung die leuchtenden Weibchen nicht mehr finden.
Menschen Schon 2018 wurde in einer südkoreanischen Studie gezeigt, dass ein hohes Maß an nächtlicher Beleuchtung zu Schlafstörungen bei Menschen führt. Hierbei wurde die Intensität der Beleuchtung im Freien berücksichtigt, die durch Satellitendaten ermittelt wurde. Dort, wo diese besonders intensiv war, wurden auch besonders viel Schlafmittel konsumiert. Im Oktober 2025 wurde erstmals eine Studie veröffentlicht, bei der die Lichtbelastung nicht im Freien, sondern im Schlafzimmer gemessen wurde. Die Probanden trugen dazu einen Sensor am Handgelenk. Nach einem Beobachtungszeitraum von 8 Jahren hatten die Probanden mit der stärkeren nächtlichen Lichtbelastung ein deutlich erhöhtes Risiko für kardio-vaskuläre Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Vorhofflimmern.
Im Zuge der Erfindung der künstlichen Beleuchtung hat sich bei vielen Menschen der Tag-Nacht-Rhythmus verschoben: Die Menschen waren früher fast ausschließlich tags aktiv und ruhten nachts. Durch die permanente Verfügbarkeit von Beleuchtung hat sich das verändert. Beispielsweise nehmen Fahrpläne keine Rücksicht darauf, ob der Zeitpunkt der Ankunft bzw. der Abfahrt auf einen terrestrischen Tag oder eine terrestrische Nacht fällt; maßgeblich ist bei ihnen die in der jeweiligen Zeitzone gültige Uhrzeit. Es ist umstritten, welche Auswirkungen die von ihm erwartete zeitliche Flexibilität, insbesondere das Tätigsein(müssen) bei künstlicher Beleuchtung, auf den Menschen hat (siehe auch: Subjektiver und sozialer Tag).Dirk Eidemüller: Wo sind die Sterne hin?. spectrum.de. 12. Oktober 2018.
Soziale und kulturelle Folgen „unnatürlicher“ Helligkeit mini|Verschmutzung mit Licht im Alpenrheintal
Auch die Wahrnehmung von Naturphänomenen, die nur bei weitgehender Dunkelheit zu sehen sind, obwohl ihre Sichtbarkeit bei Nacht noch für frühere Generationen selbstverständlich war, ist insbesondere in Großstädten und Ballungsräumen durch die künstliche Erhellung der Nacht stark eingeschränkt. Hierzu zählen zum Beispiel ein leuchtender Sternenhimmel, die Milchstraße, die unmittelbare Erfahrung der Planeten, Sternschnuppen, oder auch Glühwürmchen. Dass solche Naturschauspiele für den ästhetischen Betrachter nicht mehr allgemein erfahrbar sind, gilt als Verlust von Naturschönem. Eine modernere Sichtweise ist folglich die, dass nächtliche Dunkelheit – im Sinne des englischen Heritage-Begriffes – ein Natur- wie auch Kulturgut ist (Natur-/Kulturerbe), das als Basis bedeutender menschheitsgeschichtlicher Erfahrungen und Kulturtechniken zumindest gebietsweise zu erhalten ist.Vergl. Night Sky Heritage. International Dark Sky Association (darksky.org, abgerufen am 10. Februar 2019).