mini|Das Kloster auf dem Frauenberg in Fulda, bis 2010 Provinzialat Die Thüringische Franziskanerprovinz von der heiligen Elisabeth (Thuringia) war eine Ordensprovinz der Franziskaner, die mit mehrfacher Unterbrechung seit dem 16. Jahrhundert bis 2010 bestand, als sie sich mit den anderen deutschen Ordensprovinzen zur Deutschen Franziskanerprovinz von der hl. Elisabeth zusammenschloss.
Kustodie Thuringia (ab 13. Jahrhundert) Nach einem erfolglosen ersten Versuch 1217 kamen die Brüder des 1209 von Franz von Assisi gegründeten und 1210 von Papst Innozenz III. bestätigten Franziskanerordens 1221 von Italien nach Deutschland und ließen sich zunächst in Augsburg und bald in zahlreichen anderen Städten nieder. 1222 erreichten die ersten Franziskaner Köln, das daraufhin zum Zentrum der ursprünglich einzigen deutschen Provinz Teutonia wurde. Weil sich die franziskanische Bewegung jetzt auch in Deutschland mit erstaunlicher Schnelligkeit entfaltete, wurde die Teutonia bereits 1230 in eine rheinische (Provincia Rheni) und eine sächsische Provinz (Provincia Saxonia) geteilt.Willibald Kullmann: Die Sächsische Franziskanerprovinz, ein tabellarischer Leitfaden ihrer Geschichte. Düsseldorf 1927, 9.14-20.
In thüringisches Gebiet kamen die Minderbrüder von Mainz aus, wo sie am 26. Oktober 1224 aufbrachen. Am Martinstag, dem 11. November 1224, erreichten sie Erfurt. Sie fanden hier „auf Beschluss der Bürger und etlicher Kleriker“ Unterkunft in der „Wohnung des Priesters für die Aussätzigen außerhalb der Mauern“, 1225 erhielten sie die verlassene Kirche vom Heiligen Geist, bis sie 1232 eine neue Kirche errichteten. 1225 kamen sie nach Eisenach und gründeten an der Michaeliskapelle unweit der Wartburg, gefördert von der Landgräfin Elisabeth, eine Niederlassung, die mit vier Priesterbrüdern und zwei Laienbrüdern nicht die auf 12 Brüder festgelegte Mindestgröße eines Konventes erreichte und hauptsächlich für die Seelsorge des landgräflichen Hauses bestimmt war. 1236 begannen sie mit dem Bau einer Kirche.Johannes Schlageter: Die Anfänge der Franziskaner in Thüringen. In: Thomas T. Müller u. a.: Für Gott und die Welt. Paderborn u. a. 2008, S. 32–37, hier S. 34f., nach der Chronica Fratris Jordani;Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 23.35.Bernd Schmies: Aufbau und Organisation der Sächsischen Franziskanerprovinz und ihrer Thüringischen Kustodie von den Anfängen bis zur Reformation. In: Thomas T. Müller u. a.: Für Gott und die Welt. Paderborn u. a. 2008, S. 38–49, hier S. 43.
Ab 1230 gehörten die Klöster im Thüringischen zur sächsischen Ordensprovinz, die zwei Verwaltungsbereiche, „Kustodien“ genannt, umfasste: eine custodia thuringia unter Leitung des Jordan von Giano und eine custodia saxonia unter Leitung von Leonhard Lombardus. Auf dem Generalkapitel des Ordens in Lyon 1274 wurde die Sächsische Provinz weiter untergliedert. Die Kustodie Thüringen war jetzt eine von 12 Kustodien der Provinz; zu ihr zählten um 1340 die Klöster in Arnstadt, Coburg, Eisenach, Erfurt, Meiningen, Mühlhausen, Nordhausen und Saalfeld. Die Klöster in zwei weiteren im heutigen Bundesland Thüringen liegenden Orten, Altenburg und Weida, gehörten zur Kustodie Leipzig.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 29.67Bernd Schmies: Aufbau und Organisation der Sächsischen Franziskanerprovinz und ihrer Thüringischen Kustodie von den Anfängen bis zur Reformation. In: Thomas T. Müller u. a.: Für Gott und die Welt. Paderborn u. a. 2008, S. 38–49, hier S. 41f.
Nach einer Phase der Expansion im 13. Jahrhundert ist das 14. Jahrhundert als Phase der Konsolidierung anzusehen. Neue Konvente wurden nur vereinzelt gegründet, aber die Franziskaner begannen, das Umland ihrer Standorte flächendeckend „als Seelsorgsfeld und materiellen Versorgungsraum zu erschließen“, indem sie Termineien als Stützpunkte für die regionale Seelsorge, aber auch für die Sammlung von Lebensmitteln und Geld sowie die Gewinnung von Ordensnachwuchs gründeten. Erfurt hatte für die gesamte Sächsische Provinz zu der Zeit eine herausgehobene Bedeutung. Das Studium des Ordens am dortigen Kloster, das 1395 in die Universität Erfurt inkorporiert wurde, war der bedeutendste Studienort („studium generale“) der Provinz, 15 Provinzkapitel fanden im 13. bis 15. Jahrhundert in der Stadt statt.Bernd Schmies: Aufbau und Organisation der Sächsischen Franziskanerprovinz und ihrer Thüringischen Kustodie von den Anfängen bis zur Reformation. In: Thomas T. Müller u. a.: Für Gott und die Welt. Paderborn u. a. 2008, S. 38–49, hier S. 43.
Observanzbewegung und erste Thüringische Provinz (ab 1521) Die Auseinandersetzungen im Armutsstreit, der den Franziskanerorden seit dem 14. Jahrhundert stark beschäftigte, erreichte die Sächsische Provinz in Brandenburg 1428 und ihre thüringische Kustodie 1438, als Landgraf Friedrich der Friedfertige eine Reform des Klosters in Eisenach im Sinne der Observanzbewegung durchsetzte. Gegenstand des Konfliktes war die Einstellung zu Geld und Immobilien durch einzelne Franziskaner oder die Ordensgemeinschaft. Die Observanzbewegung forderte im Sinne des Armutsideals den rigorosen Verzicht auf Geld, Grundbesitz und feste Einkünfte, was für die Franziskaner ein Leben in materieller Unsicherheit bedeutete. Der Braunschweiger Franziskaner Johannes Kerberch rief reformwillige Brüder in den 1420er-Jahren dazu auf, den Konventen zu entfliehen und in eigenen Konventen zusammenzuleben. Der Orden stand in dem Konflikt „Observanz (Regeltreue) gegen Obödienz (regelgemäßer Gehorsam)“. Mit Billigung des Konzils von Konstanz begannen sich zunächst in Frankreich eigene observante Provinzstrukturen herauszubilden.Bernd Schmies: Aufbau und Organisation der Sächsischen Franziskanerprovinz und ihrer Thüringischen Kustodie von den Anfängen bis zur Reformation. In: Thomas T. Müller u. a.: Für Gott und die Welt. Paderborn u. a. 2008, S. 38–49, hier S. 47f.
Die Kustodie Thüringen wurde in der Mitte des 15. Jahrhunderts mit der Reform der Klöster in Arnstadt und Eisenach sowie Neugründungen in Weimar und Langensalza zum Kerngebiet der Observanz in der Sächsischen Ordensprovinz; weitere Gründungen kamen bis zum Ende des Jahrhunderts hinzu. Aus dem einflussreichen Kloster in Erfurt heraus konnte, zusammen mit Mühlhausen und Nordhausen, eine noch größere Expansion verhindert werden. Allerdings zerfielen in diesen Konflikten zusehends die Provinz- und Kustodiestrukturen. Die Saxonia teilte sich 1518 in eine observante „Sächsische Provinz vom heiligen Kreuz“ (Saxonia S. Crucis) und eine gemäßigt reformierte Provinz, die nach den Martinianischen Konstitutionen Papst Martins V. lebte, die „Sächsische Provinz vom heiligen Johannes dem Täufer“ (Saxonia Johannis Baptistae). Beide Provinzen überlappten sich räumlich.Bernd Schmies: Aufbau und Organisation der Sächsischen Franziskanerprovinz und ihrer Thüringischen Kustodie von den Anfängen bis zur Reformation. In: Thomas T. Müller u. a.: Für Gott und die Welt. Paderborn u. a. 2008, S. 38–49, hier S. 48f.
Durch Teilung der Provinz vom hl. Johannes dem Täufer entstand 1521 erstmals eine eigenständige Thüringische Provinz: die Saxonia superior („Obersächsische Provinz“), der das Generalkapitel von Burgos 1523 den Namen Thuringia gab. Sie umfasste die Kustodien Leipzig, Meißen, Thüringen, Breslau, Goldberg und Preußen. Die „Untersächsische Provinz“ (Saxonia inferior) behielt den Namen Saxonia Johannis Baptistae und gliederte sich in die Kustodien Brandenburg, Magdeburg, Halberstadt, Lübeck, Stettin und Bremen.
Beide Provinzen konnten sich allerdings nicht mehr entfalten und gingen infolge der Klosterschließungen durch die Reformation und die Bauernkriege bereits bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts wieder unter, und es ist nicht mehr zu klären, inwieweit die Teilung der Provinzen tatsächlich bereits umgesetzt worden war.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 255.257. Die beiden letzten Konvente der Provinz vom heiligen Johannes dem Täufer schlossen sich der Provinz vom hl. Kreuz an: 1541 Halberstadt und 1550 Greifswald.
Thüringische Provinz (1633 bis zur Säkularisation) Am 14. Mai 1633, mitten im Dreißigjährigen Krieg, wurde die Thüringische Provinz vom Generalkapitel des Ordens in Toledo restituiert, nachdem Kaiser Ferdinand II. 1629 die Rückgabe der von den Protestanten beanspruchten Kirchengüter forderte. Sie wurde unter den Schutz der heiligen Elisabeth gestellt und am 22. November 1637 von Papst Urban VIII. bestätigt, der ihr Thüringen, Hessen und westlich die Gebiete bis zum Rhein einschließlich Siegen und Attendorn zuwies. Die südliche Grenze bildete der Main. Die bereits 1625 restituierte Saxonia trat hierzu einige Territorien an die neue Provinz ab, so die Hessisch-Thüringische Kustodie.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 355. Als Grenze wurden nach Konflikten um die Terminierbezirke die Flüsse Diemel und Ruhr festgelegt. Nach Osten wurde keine Grenze definiert, um eine Rekatholisierung protestantisch gewordener Gebiete zu ermöglichen. Tatsächlich festigte sich die Provinz aber in Richtung Süden und Westen. Alle Klöster gehörten wie die der Colonia und der Saxonia innerhalb der Observanz-Bewegung sämtlich zu den Rekollekten, so dass es nicht zu einer Spaltung der Provinz in dieser Frage kam.
Die Provinz bestand anfangs nur aus den Klöstern in Fulda und Limburg, die 24 Brüder kamen aus der Kölnischen Provinz (Colonia). In den nächsten Jahren kamen die Konvente Erfurt, Wetzlar, Gelnhausen und Hersfeld sowie die Residenzen in Hadamar und Krottorf/Friesenhagen hinzu. Einige Gründungen oder Wiederbesetzungen von Klöstern (u. a. Frankfurt/Main, Fritzlar, Siegen) blieben erfolglos. Wegen der Unterstützung durch verschiedene Landesherren, etwa die Fürstäbte von Fulda und die Kurfürsten von Mainz und Trier, konnte die Thuringia in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts expandieren. Die Zahl der Mitglieder betrug 1651 39 Brüder und vergrößerte sich durch Übertritte aus anderen Provinzen und Neueintritte bis 1656 auf 110 Brüder. Ihre Blütezeit mit 22 Häusern erreichte die Provinz in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Das Territorium reichte von Sauerland (Attendorn) und Siegerland (Friesenhagen) im Westen bis nach Franken (Schillingsfürst, Hammelburg und Volkersberg) und ins kurmainzische Eichsfeld (St. Antonius (Worbis)). Das Provinzialat war bis 1762 in Limburg, dann in Hammelburg. Die Neugründungen wurden meist so ausgewählt, dass die Niederlassungen etwa eine Tagesreise auseinander lagen, so dass sie als Übernachtungsstationen dienen konnten.Christian Plath: Aufbau und Entwicklung der Thüringischen Franziskanerprovinz (Thuringia). In: Thomas T. Müller u. a.: Für Gott und die Welt. Paderborn u. a. 2008, S. 50–66, hier S. 42.50f.Christian Plath: Zwischen Gegenreformation und Barockfrömmigkeit. Mainz 2010, S. 37-40.55.88.90.
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