Max Cohnheim, eigentlich Marcus Cohnheim (* 8. November 1826 in Fraustadt, Provinz Posen; † 25. September 1896 in Newark, New Jersey),Sterbedatum 25. September 1896 und Sterbeort Newark in: Indiana Tribüne, 26. Dezember 1896, Volume 20, No. 99, S. 2, newspapers.library.in.gov; Geburtsdatum 8. November 1826 in: Mulberry Street Burial Index Part 2, newarkreligion.com war ein deutscher Revolutionär, ein deutschamerikanischer Schriftsteller und Publizist sowie ein Aktivist der demokratischen Bewegung, des Republikanismus und der Arbeiterbewegung. Während der Deutschen Revolution 1848/1849 war er ein Autor von Flugschriften, ein Teilnehmer des Struve-Putsches und der Reichsverfassungskampagne, Zivilkommissär sowie Kommandeur einer Volkswehr-Brigade in Wiesloch. Wegen staatlicher Verfolgung im Deutschen Bund emigrierte er in die Schweiz, dann über London in die Vereinigten Staaten von Amerika. Im Amerikanischen Bürgerkrieg diente er – wie viele andere Forty-Eighters – als Offizier auf der Seite der Nordstaaten, danach für einige Jahre als Angestellter des US-Finanzministeriums. Als Redakteur und Herausgeber von deutschsprachigen Zeitungen und Satireblättern in Berlin, Genf, New York City, Washington, D.C. und San Francisco trat er ebenso hervor wie als Schauspieler und als Autor von Volksstücken für deutschsprachige Theater in New Yorks Einwanderermilieu Kleindeutschland.
Leben Bis 1848 Cohnheim stammte aus einer jüdischen Familie in Fraustadt, damals eine Kreisstadt in der Provinz Posen im Königreich Preußen, heute Wschowa in Polen. Bis zur Jahrgangsstufe Tertia, die er im Schuljahr 1841/1842 verließ, besuchte er das Königliche katholische Gymnasium von Glogau.Eduard Wentzel: Jahresbericht des Königlichen katholischen Gymnasiums zu Glogau für das Schuljahr 1841/42. Carl Flemming, Glogau 1842, S. 23 (Google Books) Als Handlungsgehilfe ist er danach in Berlin greifbar.Erhard Kiehnbaum: Von Koblenz in die Welt. Max Joseph Becker (1827–1896). (PDF) In: Walter Schmidt (Hrsg.): Akteure eines Umbruchs. Männer und Frauen der Revolution. Berlin 2010, Band 3, S. 48, Fußnote 130. Dort gehörte er zu jenen, die in der Weinstube von Jacob Hippel, einem Treffpunkt junger Intellektueller, ein und aus gingen.J. H. Mackay: Max Stirner. Sein Leben und sein Werk. ISBN 978-5-87912-273-2, S. 78 (Google Books) Am 1. Oktober 1847 verpflichtete er sich als einjähriger Freiwilliger (Kanonier) bei der preußischen Garde-Artillerie-Brigade.Die Agitation der Juden gegen die preußische Armee im Jahr 1848. In: Berliner Revue. Eine social-politische Wochenschrift. Heft 12 (16. Dezember 1860), S. 468 (Google Books)
Berliner Märzrevolution 1848 Einige Wochen nach dem Barrikadenaufstand vom 18. März 1848, dem Höhepunkt der Märzrevolution in Berlin, wurden Cohnheim und Adolph Reich, ein Freund Cohnheims, Mitglieder des Volksvereins. Der Volksverein war eine politische Vereinigung, die für Urwahlen eintrat, die Vertretung der Interessen von Arbeitern und Besitzlosen verfolgte und nach ihrem Tagungsort In den Zelten auch Volksverein unter den Zelten genannt wurde. Reich übernahm im April 1848 in diesem Verein die Funktion eines Sekretärs.Fünfte Versammlung des Volksvereins am Mittwoch den 12. April (1848). In: Die Volks-Stimme. Blatt des Volksvereines für Arbeiter und Arbeitgeber. Nr. 11 vom 15. April 1848, S. 23 (Google Books) Als Extrablätter der Zeitung des Volksvereins, der Volks-Stimme, erschienen im April 1848 vier Nummern der Schrift Konstitutioneller Katechismus, einer Flugschrift gegen die Fürsten- und Königsherrschaft, verfasst von Cohnheim und Reich.Adolf Wolff: Berliner Revolutions-Chronik. Darstellung der Berliner Bewegungen im Jahr 1848 nach politischen, socialen und literarischen Beziehungen. Zweiter Band, Verlag von Gustav Hempel, Berlin 1852, S. 392 (Google Books) Von der Resonanz ermutigt unternahmen Cohnheim und Reich anschließend den Versuch, ein Satireblatt zu gründen. Am 1. Mai 1848 erschien Der Satyr. Blatt für offene Meinung und freies Wort.Der Satyr. Blatt für offene Meinung und freies Wort, No. 1 vom 1. Mai 1848, zlb.de Allerdings scheiterte dieser Versuch schon mit der Erstausgabe. In der Folgezeit arbeitete Cohnheim als Redakteur an der von David Kalisch herausgegebenen Zeitschrift Kladderadatsch mit. Im Juni 1848 unternahm Cohnheim mit der Flugschrift Republikanischer Katechismus für das deutsche Volk erneut den Versuch, die Revolution anzuheizen. Der Untertitel Von den überflüssigen Fürsten bildete darin den Auftakt einer scharfen Kritik an der monarchischen Staatsform. Mit dem Ausruf Es lebe die deutsche demokratische Republik! ließ er die Flugschrift, die in hoher Auflage gedruckt wurde und rasch bis in die Rheinprovinz Verbreitung fand,Einige Exemplare fanden ihren Weg über den Kölner Arbeiterverein nach Düsseldorf, wo der Republikanische Katechismus von Julius Wulff im dortigen Volksklub verlesen wurde. Die Behörden ließen Wulff wenig später verhaften und des Hochverrats anklagen. in einem Fanal ausklingen.
Im Juni 1848 denunzierte ein Mitglied des mit dem Volksverein konkurrierenden Patriotischen Vereins Cohnheim als den Autor des Republikanischen Katechismus bei den Behörden.Vgl. Artikel Amtlicher Krakehl. In: Berliner Krakehler, Nr. 11 vom 4. Juli 1848, S. 2 Daraufhin begannen sie, Cohnheim wegen des Verdachts auf Hochverrat zu verfolgen. Er entging seinen Verfolgern, indem er untertauchte. Am 7. Juli 1848 erschien im Amtsblatt ein Steckbrief vom 30. Juni 1848, der den damals 21-Jährigen zur Ergreifung ausschrieb.Vgl. Oeffentlicher Anzeiger (No. 2) der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin vom 7. Juli 1848. In: Amts-Blatt der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin, Jahrgang 1848, Potsdam, S. 299 (Google Books)
Badische Revolution 1848/1849 Cohnheim flüchtete nach Südwestdeutschland, wo er im September 1848 am Struve-Putsch teilnahm. Das Verfahren wegen Hochverrats, das in Berlin gegen ihn eröffnet worden war, endete am 28. September 1848 zunächst mit einem Freispruch,Berliner Revue, S. 468 wogegen die Staatsanwaltschaft auf Revision appellierte. In seiner Abwesenheit führte die Verhandlung in zweiter Instanz am 9. Juni 1849 zu einer Verurteilung zu langjähriger Haftstrafe.Veit Valentin: Geschichte der deutschen Revolution von 1848/49. Band 2, Scientia Verlag, Berlin 1968, S. 54 Im November 1848 wurde Cohnheim in Zusammenhang mit seiner Beteiligung an der Badischen Revolution in Bruchsal inhaftiert. Mit seinem Mitgefangenen im Zuchthaus Bruchsal, Adelbert von Bornstedt, stand er im Dezember 1848 in Briefkontakt.Eckhart Pilick (Hrsg.): „Mein Kopf ist voll Hass und Rache!“ Unbekannte Briefe aus dem Jahr 1848 von Adelbert von Bornstadt aus dem Zuchthaus Bruchsal. Verlag Peter Guhl, Rohrbach/Pfalz 2004, ISBN 978-3-930760-34-3 Während der Haft gehörte Cohnheim zu den Mitunterzeichnern des Aufrufs Bruchsaler Gefangener vom 26. Februar 1849 und des Protests vom 2. März 1849.
Die Bildung einer badischen Revolutionsregierung führte im Frühjahr 1849 zu seiner Befreiung. Am 12. Mai tagte ein Freiburger Geschworenengericht, das die angeklagten Revolutionäre – neben Wilhelm Liebknecht, Sigismund Ludwig Borkheim, Adolf Korn und Edmund Rosenblum auch Cohnheim – rasch für unschuldig befand.Andreas Lueneberg: Mannheim und die Revolution in Baden 1848–1849. Herausgegeben von Reinhard Welz, Reinhard Welz Vermittler Verlag, Mannheim 2004, ISBN 3-937636-82-X, S. 139 Die neue Regierung unter Lorenz Brentano ernannte Cohnheim in der Phase der Reichsverfassungskampagne sodann zum Zivilkommissär von Wiesloch. Als preußische und hessische Interventionstruppen unter dem Kommando des preußischen Prinzen Wilhelm und des hessischen Generals Friedrich von Schäffer-Bernstein in Baden eindrangen, um die Revolution niederzuwerfen, wurde unter dem General Ludwik Mierosławski eine badische Revolutionsarmee aus Linien- und Volkswehreinheiten zusammengestellt. Cohnheim bildete in Wiesloch ein Volkswehr-Bataillon, das der 1. Division Badens angehörte und in den folgenden Auseinandersetzungen an Operationen beteiligt war, unter anderem an dem Gefecht bei Waghäusel. Wenig später, noch im Sommer 1849, wurden die badischen Revolutionstruppen endgültig niedergerungen. Dies führte zur erneuten Verhaftung Cohnheims, der anschließend im Amtsgefängnis zu Freiburg einsaß. Am 21. November 1849 gelang ihm von dort die FluchtBamberger Anzeiger, Nr. 329 vom 26. November 1849 in die Schweiz. Ein Gericht des preußischen Armeecorps in Baden ließ Cohnheim am 7. Dezember 1849 wegen „Kriegsverrathes und Entweichung“ steckbrieflich verfolgen.Extra-Beilage zu dem Allgemeinen Polizei-Anzeiger, Band XXXIV, Dresden, 20. Mai 1850, S. 5 (Nr. 37) Der Prozess, der ihm in seiner Abwesenheit in Wiesloch gemacht wurde, trug ihm 1851 eine Verurteilung zu acht Jahren Festungshaftstrafe und zu anschließenden acht Jahren Polizeiaufsicht ein.Adolf Levin: Geschichte der badischen Juden seit der Regierung Karl Friedrichs. ISBN 978-5-87246-666-6, S. 282 (Google Books)
Exil in der Schweiz und in London In der Schweiz fand sich Cohnheim in Genf ein. Zusammen mit Eduard Rosenblum, Sigismund Ludwig Borkheim, Adolf Korn und Max Joseph Becker, alle Teilnehmer der Revolution, bildete er dort eine Gruppe von Gleichgesinnten, die Karl Marx in seiner Schrift Herr Vogt später als „Schwefelbande“ beschrieb. Eine satirische Zeitschrift mit dem Titel Rummeltipuff. Organ der Lausbubokratie, die diese Gruppe herausgab, schaffte höchstens zwei Auflagen.Rolf Dlubek: Ein Fund aus den journalistischen Anfängen von Sigismund Ludwig Borkheim. Der „Rummeltipuff“ (Genf 1849/1850). In: Vom mühseligen Suchen und glückhaften Finden. Kolloquium anlässlich des 75. Geburtstages von Prof. Dr. Heinrich Gemkow am 28. Juni 2003 in Berlin. Teil 2: Helle Panke zur Förderung von Politik, Bildung und Kultur. Berlin 2003, S. 35–44.Ulrich Weitz: Salonkultur und Proletariat. Eduard Fuchs – Sammler, Sittengeschichtler, Sozialist. Kulturwissenschaftliche Bibliothek, Band 2, Verlag Stöffler & Schütz, Stuttgart 1991, S. 39 Mitte 1850 wurde die Gruppe ausgewiesen. Rosenblum und Cohnheim begaben sich nach London, wo Marx sie im Umfeld der Exilanten um Gustav Struve verortete.Marx-Engels-Werke. Dietz Verlag, Berlin, Band 14, 4. Auflage (1972), unveränderter Nachdruck der 1. Auflage, Berlin/DDR 1961, S. 389–397, mlwerke.de
Karriere in den Vereinigten Staaten 1851 verließ Cohnheim Europa und emigrierte in die Vereinigten Staaten. Nach Marx gab Cohnheim bis 1852 zwei Nummern eines New Yorker Kladderadatsch als Fortsetzung des gleichnamigen Berliner Vorbilds heraus. Nachdem das Vorhaben gescheitert sei, habe er dann, ebenfalls mit geringem Erfolg, das Blatt Bumsvallera veröffentlicht.Marx-Engels-Gesamtausgabe: Briefwechsel Januar bis August 1852. Karl Dietz Verlag, Berlin 1987, ISBN 978-3-320-00100-1, S. 506