mini|Leo Perutz (vor 1925) Leo Perutz (eigentlich Leopold Perutz; * 2. November 1882 in Prag, Österreich-Ungarn; † 25. August 1957 in Bad Ischl, Oberösterreich) war ein deutschsprachiger Schriftsteller. Im bürgerlichen Beruf war er Versicherungsmathematiker.

Leben Familie Leopold Perutz stammte aus einer jüdisch-sephardischen Familie, die ursprünglich in Spanien gelebt hatte und seit spätestens 1730 im böhmischen Rakonitz ansässig war.Familie Perutz Genealogy; auch bei geni.com; dort aber Rakonitz erst ab etwa 1780 erwähnt Der Vater Benedikt Perutz war ein erfolgreicher Textilunternehmer, dessen Ehefrau war Emilie (geb. Österreicher). Die Eltern zogen noch vor seiner Geburt nach Prag. Es gab die drei jüngeren Geschwister Paul (1885–1956), Charlotte (1888–1980) und Hans (1892–1969). Die beiden Brüder übernahmen später das Textilunternehmen des Vaters in Wien. Die Umgangssprache in der Familie war Deutsch. Die Familie war wenig religiös.

Schul- und Armeezeit Leopold Perutz war kein guter Schüler. Von 1888 bis 1893 besuchte er die angesehene Piaristenvolksschule in der Prager Neustadt, in die ebenfalls auch die gleichaltrigen Kafka-Freunde Felix Weltsch und Max Brod gingen. Danach war er am k.k. Deutschen Staatsgymnasium am Graben, von dem er 1899 (wahrscheinlich wegen schlechten Betragens) verwiesen wurde.Jahresbericht des k.k. Neustädter deutschen Staats-Ober-Gymnasiums in Prag am Graben am Schluss des Schuljahres 1899, S. 61 VI. Classe Perutz, Leopold; auch 1898, S. 44 (V. Classe), 1900 nicht mehr; ein Verweis aus der Schule wurde nicht erwähnt; der Bruder Hans besuchte 1899 die IV. Claase Von 1899 bis 1901 besuchte er das k.k. Gymnasium in Krumau, aber auch hier waren seine Leistungen so schlecht, dass er zur Matura nicht zugelassen wurde.

Die Familie zog 1901 nach Wien, wo der Vater sein Textilunternehmen weiterführte. Leo besuchte das k.k. Erzherzog-Rainer-Gymnasium, das er jedoch 1902 ohne Abschluss verließ. Im Anschluss arbeitete er vermutlich einige Zeit lang in der Firma seines Vaters.

Ab 1. Oktober 1903 leistete er seinen Wehrdienst als Einjährig-Freiwilliger beim k.k. Landwehrregiment Nr. 8 Prag. Am Ende der Dienstzeit wurden die Einjährig-Freiwilligen zu Reserve-Offizieren, vorausgesetzt, sie bestanden die Abschlussprüfung. Dies scheint bei Perutz nicht der Fall gewesen zu sein, denn er verpflichtete sich für ein zweites Jahr. Aus gesundheitlichen Gründen schied er im Dezember 1904 im Rang eines Korporals aus der Armee aus.

Studium und literarische Anfänge Im folgenden Jahr arbeitete Perutz wahrscheinlich wieder als Angestellter in der Firma seines Vaters. Für das Wintersemester 1905/1906 schrieb er sich an der Universität Wien an der Philosophischen Fakultät ein, allerdings als außerordentlicher Hörer, da er nicht über die Hochschulreife verfügte. Er belegte Veranstaltungen in Mathematik und Volkswirtschaftslehre. Zum Wintersemester 1906/1907 wechselte er an die Technische Hochschule Wien und beschäftigte sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung, Statistik, Versicherungsmathematik und Volkswirtschaft. Obwohl es formal eigentlich nicht möglich war, scheint Perutz dort einen Abschluss in Versicherungsmathematik erreicht zu haben, jedenfalls fanden sich in seinem Nachlass Dokumente, die hierauf hindeuten.

In Wien entwickelten sich Kontakte zu angehenden Schriftstellern, die wie Perutz im Verein „Freilicht“ erste literarische Versuche vortrugen. Zu seinen Bekannten aus dieser Zeit gehörten Richard A. Bermann (der später unter dem Pseudonym Arnold Höllriegel bekannt wurde), Berthold Viertel und Ernst Weiß. Ein einflussreiches literarisches Vorbild war Karl Kraus, dessen Fackel-Hefte Perutz regelmäßig las. Eine erste Prosaskizze erschien im Februar 1906 in der Zeitschrift Der Weg, eine Novelle im März 1907 in der Sonntags-Zeit. Perutz schrieb 1919/20 für die linke Wiener Tageszeitung Der Neue Tag.

Versicherungsmathematik und Café mini|Assicurazioni Generali – Trieste mini|Café Central Im Oktober 1907 fand Perutz eine Anstellung als Versicherungsmathematiker bei den Assicurazioni Generali (für diese Gesellschaft war auch Franz Kafka tätig) in Triest. Neben der Arbeit veröffentlichte er weiterhin Rezensionen und Erzählungen. Im Oktober 1908 ging er zurück nach Wien, wo er bis 1923 für die Versicherungsgesellschaft Anker tätig war. Als Versicherungsmathematiker berechnete er u. a. Mortalitätstabellen und darauf basierende Versicherungssätze. Zu diesem Thema veröffentlichte er auch in Fachzeitschriften. Die nach ihm benannte Perutzsche Ausgleichsformel wurde noch längere Zeit in der Branche verwendet. Sein Leben lang interessierte sich Perutz für mathematische Probleme, was sich auch in der Konstruktion einiger seiner literarischen Werke niederschlug.

Über Aspekte der Mathematik, aber auch bedingt durch ästhetische und persönliche Differenzen, ergaben sich Spannungen zwischen Perutz und Robert Musil. Ein Anlass war eine Anekdote, die am 4. April 1926 in der Wiener Tageszeitung DER TAG erschien und als deren Urheber Musil Perutz selbst vermutete:

Musil reagierte auf diese Veröffentlichung, als deren Autor er Perutz selbst vermutete,Musil schrieb: „Denn das Gespräch, aus dem [diese Anekdote] geschöpft ist, hatte nur zwei Zeugen: Herrn Perutz und mich (…)“ Die Musil-Ausgabe merkt hierzu an: „Anlaß hierzu war diese ‚Schriftstelleranekdote‘ von Josef Kalmer (Ps. für Leo Perutz (…)“ Allerdings war Josef Kalmer ein Journalist und kein Pseudonym von Perutz – doch könnte dieser jenem die Anekdote natürlich zugespielt haben. Laut Siebauers Biografie waren Perutz und Kalmer gut bekannt, erwähnt sie diesen doch sowohl als Briefpartner Perutz’, als Kolporteur von Perutz-Anekdoten und als Mitarbeiter bei Perutz’ Bearbeitung eines Romans von Victor Hugo, siehe: Ulrike Siebauer: Leo Perutz – »Ich kenne alles. Alles, nur nicht mich«. 2., korrigierte Auflage. Bleicher, Gerlingen 2001, S. 9, 130 und 150 (). Für die Zitate siehe: Robert Musil: Gesammelte Werke. Band 2: Prosa und Stücke, Kleine Prosa, Aphorismen, Autobiographisches, Essays und Reden, Kritik. Erweiterte Neuausgabe. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2000, ISBN 3-498-04256-4, S. 681 und 1765. u. a. so:

In Wien besuchte Perutz die literarischen Cafés, anfangs das Café Museum, dann das Café Central. Zu seinem Bekanntenkreis gehörten unter anderem Peter Altenberg, Hermann Bahr, Oskar Kokoschka und Alfred Polgar. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nahm Perutz intensiv am literarischen und musikalischen Leben Wiens teil, trieb daneben auch viel Sport wie Skifahren und Schlittschuhlauf und machte mehrere Reisen, so nach Frankreich, Italien, Spanien, Nordafrika, in die Türkei, den Libanon, nach Palästina und Ägypten. Diesen für einen Angestellten vergleichsweise aufwändigen Lebensstil konnte er sich leisten, da er neben seinem Gehalt auch aus der väterlichen Firma Einnahmen bezog.

Erste Erfolge und Krieg Im Jahr 1915 erschien Perutz’ erster Roman, Die dritte Kugel, 1916 ein zweiter Roman, Das Mangobaumwunder, den er zusammen mit Paul Frank geschrieben hatte. Beide Bücher waren recht erfolgreich, und Die dritte Kugel wurde unter anderem von Kurt Tucholsky positiv besprochen. Die Filmrechte am Mangobaumwunder konnten 1917 verkauft werden, die Verfilmung unter der Regie von Rudolf Biebrach wurde 1921 unter dem Titel Das Abenteuer des Dr. Kircheisen uraufgeführt.

Perutz wurde 1914 von der Kriegsbegeisterung, die auch viele Schriftsteller erfasste, nicht mitgerissen. Anfangs wurde er wegen seiner Kurzsichtigkeit nicht eingezogen. Im August 1915 musste jedoch auch er den Kriegsdienst antreten. Eine viermonatige Ausbildung absolvierte er in der Nähe von Budapest, von wo aus er Ende März 1916 an die russische Front geschickt wurde. Am 4. Juli erlitt er in Galizien nahe Chochoniw (einem Dorf bei Rohatyn) einen Lungenschuss, der einen langen Aufenthalt im Lazarett zur Folge hatte. Daran anschließend wurde er zum Leutnant befördert und ab August 1917 im k.u.k. Kriegspressequartier eingesetzt, wo er die Bekanntschaft von Egon Erwin Kisch machte. Im März 1918 heiratete Perutz die 13 Jahre jüngere Ida Weil, die er bereits 1913 kennengelernt hatte und mit der er seit 1917 verlobt war.

Erfolg In Wien verfolgte Perutz die revolutionären Ereignisse von 1918/1919 mit Interesse und besuchte politische Versammlungen, wobei er für die Sozialdemokraten Partei nahm. In dieser Zeit veröffentlichte er mehrere Artikel, in denen er die österreichische Militärjustiz scharf angriff. Zeitweise gehörte er dem Arbeiterrat in der Anker-Versicherung an.

Die Zeit zwischen 1918 und 1928 war Perutz’ literarisch produktivste Periode. Er schrieb sechs bei Kritik und Publikum meist sehr erfolgreiche Romane; von mehreren konnte er auch die Filmrechte verkaufen. Der 1918 publizierte Roman Zwischen neun und neun markierte dabei seinen Durchbruch als Literat, die Rechte verkaufte er 1922 für eine erhebliche Summe an das amerikanische Filmstudio Metro-Goldwyn-Mayer. Perutz gelang 1923 mit dem Roman Der Meister des Jüngsten Tages ein weiterer großer Erfolg bei Publikum und Kritik; das Werk sollte in den folgenden Jahren in viele Sprachen übersetzt und später zu einer nicht unwichtigen Geldquelle für die Exiljahre werden. Sein Roman Wohin rollst Du, Äpfelchen erschien 1928 in Fortsetzungen in der Berliner Illustrirten Zeitung und machte Perutz endgültig einem Millionenpublikum bekannt. Daneben veröffentlichte er Erzählungen sowie Novellen und schrieb Drehbücher. Gelegentlich arbeitete er zudem als Bearbeiter einiger Werke Victor Hugos.

Perutz’ Bekanntenkreis erweiterte sich durch diese Erfolge erheblich. Zu den Schriftstellern, mit denen er verkehrte oder Briefkontakt hatte, gehörten in dieser Zeit Bertolt Brecht, Bruno Brehm, Egon Dietrichstein, Theodor Kramer, Anton Kuh, Robert Musil, Friedrich Reck-Malleczewen, Alexander Roda Roda, Walther Rode, Josef Weinheber und Franz Werfel. Sein Stammcafé war das Café Herrenhof. Im hinteren Raum hatte er dort einen eigenen Tisch, an dem er Karten spielte und wo er im Übrigen für seine oft bösartigen, manchmal auch gewalttätigen Auftritte bekannt war. So kam es dort auch zum Eklat gegenüber dem ebenso zu bösartigen Auftritten neigenden Otto Soyka (vgl. dazu Friedrich Torbergs Tante Jolesch). mini|Gedenktafel, Wien, Porzellangasse 37

Perutz’ Ehe war glücklich. Ida und Leo Perutz wohnten ab 1922 in einer Vierzimmerwohnung im Wiener Bezirk Alsergrund, in der Porzellangasse 37, nahe dem Liechtensteinpark. Die Tochter Michaela wurde 1920 geboren, 1922 eine zweite Tochter, Leonore. Im Jahr 1928, kurz nach der Geburt des Sohnes Felix, starb Perutz’ Frau Ida, was ihn in eine tiefe Krise stürzte.

Krise und Rückzug Nach dem Tod seiner Frau zog sich Perutz für längere Zeit aus dem öffentlichen Leben zurück. Er besuchte Okkultisten, mit deren Hilfe er versuchte, mit seiner toten Frau Kontakt aufzunehmen – wobei er solchen Methoden gleichzeitig weiterhin skeptisch gegenüberstand. Die Wirtschaftskrise ab Ende der 1920er Jahre schmälerte auch Perutz’ Einkünfte, da zum einen die Einnahmen aus Buchverkäufen zurückgingen und zum anderen auch die von seinen Brüdern geführte Firma nicht mehr die früheren Profite abwarf. Politisch wandte sich Perutz in den 1930er Jahren dem Legitimismus zu.Österreichische Literatur im Exil. Universität Salzburg, 2002, Stand: 11. September 2006 (literaturepochen.at [PDF; 538 kB]).

Literarisch versuchte er in dieser Zeit durch die Zusammenarbeit mit Autoren wie Alexander Lernet-Holenia Geld zu verdienen. Dazu kamen Theaterstücke, die er mit mehr oder weniger Erfolg meist gemeinsam mit Co-Autoren schrieb. In Deutschland erschien 1933 noch Perutz’ Roman St. Petri-Schnee, der jedoch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten dort kaum noch vertrieben werden konnte. Zwar stand Perutz selbst nicht auf der „Liste der verbotenen Autoren“, sein Verlag Zsolnay galt jedoch als jüdisch und konnte seine Bücher nicht mehr nach Deutschland ausliefern. Für Perutz verschwand somit sein wichtigster Markt.