mini|Stokesay Castle vom Kirchhof aus gesehen, mit dem Nordturm im Vordergrund Stokesay Castle ist ein befestigtes Herrenhaus im Dorf Stokesay in der englischen Grafschaft Shropshire. Laurence of Ludlow, der damals führende Wollhändler in England, ließ es Ende des 13. Jahrhunderts erbauen, da er für sich und seine Familie ein sicheres Wohnhaus und auch Einkommen von einem kommerziell betriebenen Anwesen schaffen wollte. Laurences Nachkommen blieben bis zum 16. Jahrhundert in Besitz der Burg, dann wurde sie an verschiedene private Eigentümer weiterverkauft. Zum Ausbruch des englischen Bürgerkrieges 1641 gehörte Stokesay Castle William Craven, dem ersten Earl of Craven und Unterstützer von König Karl I. Nach dem Zusammenbruch des royalistischen Vorstöße 1645 belagerten die Roundheads die Burg im Juni und zwangen die Garnison schnell zur Aufgabe. Das Parlament ordnete die Schleifung der Burg an, aber es wurden nur geringe Schäden an der Burgmauer angerichtet, sodass die Familie Baldwyn die Burg noch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts als Wohnhaus nutzen konnte.
Im 18. Jahrhundert verpachteten die Baldwyns die Burg für landwirtschaftliche und Fertigungszwecke. Sie verfiel langsam und der Altertumsforscher John Britton notierte bei seinem Besuch 1813, dass sie „aufgegeben, vernachlässigt und schnell zur Ruine wurde.“ In den 1830er- und 1850er-Jahren ließ William Craven, 2. Earl of Craven, Restaurierungsarbeiten durchführen. 1869 wurde das Anwesen der Cravens, die nun hohe Schulden auf sich geladen hatten, an den reichen Industriellen John Derby Allcroft, der in den 1870er-Jahren weitere, teure Restaurierungsarbeiten bezahlte. Beide Eigentümer versuchten, Veränderungen an den bestehenden Gebäuden während der Restaurierungsarbeiten zu begrenzen, was für die damalige Zeit unüblich war. Die Burg wurde bei Touristen und Künstlern beliebt und wurde 1908 offiziell für zahlende Besucher zugänglich gemacht.
Allcrofts Nachkommen kamen Anfang des 20. Jahrhunderts in finanzielle Schwierigkeiten und es fiel ihnen zunehmend schwerer, die Unterhaltungskosten für Stokesay Castle zu tragen. 1986 erklärte sich schließlich Jewell Magnus-Allcroft damit einverstanden, Stokesay Castle unter die Verwaltung von English Heritage zu stellen und nach seinem Tod 1992 ging das Eigentum daran auf die Organisation über. English Heritage ließ Ende der 1980er-Jahre eine umfangreiche Restaurierung der Burg durchführen. Heute, im 21. Jahrhundert, dient Stokesay Castle weiterhin als Touristenattraktion, 2010 von 39.218 Gästen besucht.
Unter architektonischen Gesichtspunkten ist Stokesay Castle laut dem Altertumsforscher Summerson „eines der besterhaltenen befestigten Herrenhäuser in England“. Die Burg besteht aus einer Burgmauer mit Burggraben mit einem Eingang durch ein Fachwerk-Torhaus aus dem 17. Jahrhundert. Im Burghof findet man einen steinernen Rittersaal und einen Solarblock, der durch zwei steinerne Türme geschützt wird. Der Rittersaal ist mit einer Holzbalkendecke aus dem 13. Jahrhundert ausgestattet und behauene Steinfiguren aus dem 17. Jahrhundert schmücken das Torhaus und den Solar. Die sollte nie als ernsthafte militärische Befestigung dienen, aber ihr Stil orientierte sich an den viel größeren Burgen, die Eduard I. in Nordwales bauen ließ. Die Burg war ursprünglich als prestigeträchtiges, sicheres und komfortables Zuhause gedacht und wurde seit dem 13. Jahrhundert nur wenig verändert. So ist sie ein rares Beispiel für ein bis heute erhaltenes, fast komplettes Ensemble mittelalterlicher Bauten. English Heritage hat die Menge auslegenden Materials auf dem Anwesen auf ein Minimum begrenzt und ließ die Burg größtenteils unmöbliert.
Geschichte 13. bis 15. Jahrhundert Stokesay Castle wurde in den 1280er- und 1290er-Jahren im Dorf Stokesay auf Geheiß von Laurence of Ludlow, einem sehr reichen Wollhändler, errichtet. Der Name Stokesay leitet sich aus dem angelsächsischen Wort stoches (dt.: Rinderhof) und dem Namen der Familie Say ab, der das Land ab dem 12. Jahrhundert gehörte. 1241 verkaufte Hugh de Say Stokesay an John de Verdon. Dieser begab sich 1270 auf den Siebten Kreuzzug und verpfändete das Land auf Lebenszeit an Philip de Whichcote. John de Verdon starb 1274 und vererbte die Rechte an seinen Besitzungen an seinen Sohn, Theobald de Verdon.
Laurence of Ludlow kaufte Stokesay 1281 von Theobald de Verdon und Philip de Whichcote, vermutlich für etwa £ 266, die er sich leicht leisten konnte, weil der mit seinem Wollhandel ein Vermögen gemacht hatte. Laurence exportierte Wolle aus den Welsh Marches, reiste durch ganz Europa und unterhielt Büros in Shrewsbury und London. Er war zum reichsten Wollhändler Englands geworden, unterstützte die Regierung bei der Festlegung ihrer Handelspolitik und lieh dem Hochadel Geld. Stockesay Castle sollte ein sicheres Wohnhaus für Laurence sein, günstig gelegen in der Nähe seiner anderen Geschäfte in der Region. Es sollte auch als kommerziell betriebenes Anwesen dienen, da es aus 49 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche, 2,4 Hektar Wiesen, ausgedehntem, lichten Wald, Wassermühle und Taubenhäusern etwa £ 26 im Jahr erbrachte.
Die Bauarbeiten an der Burg begannen irgendwann im Laufe des Jahres 1285 und Laurence zog in sein neues Wohnhaus Anfang der 1290er-Jahre ein. Die Burg war, wie Nigel Pounds sie beschreibt, „sowohl anmaßend als auch komfortabel“. Anfangs bestand sie aus Wohnräumen und einem Turm im Norden. 1291 erhielt Laurence vom König die Erlaubnis, sein Haus zu befestigen (engl.: licence to crenellate), und er nutzte diese Erlaubnis und ließ bald darauf einen Südturm hinzufügen, der besonders martialisch aussah.
Im November 1294 wurde Laurence im Meer vor der Südküste Englands ertränkt und sein Sohn, William of Ludlow, hat vermutlich einige letzte Arbeiten an Stokesay Castle ausführen lassen. Seine Nachkommen, die auch den Namen Ludlow trugen, besaßen Stokesay Castle bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. Dann fiel die Burg durch Heirat an die Familie Vernon.
16. und 17. Jahrhundert mini|Der Burghof mit dem Südturm und dem Solar-Block aus dem 13. Jahrhundert (links), der Kirche (Mitte) und dem Fachwerk-Torhaus aus dem 17. Jahrhundert (rechts) Stokesay Castle wurde 1563 über Thomas Vernon an dessen Enkel Henry Vernon weitervererbt. Die Familie machte sich Hoffnungen, in den Adelsstand erhoben zu werden und – möglicherweise infolgedessen – wurde das Anwesen erstmals in dieser Zeit offiziell als „Burg“ bezeichnet. Henry Vernon verbrachte einen Teil seiner Zeit in Stokesay und den anderen in London. Vermutlich wohnte er im Nordturm. Er bürgte für die Schulden eines Geschäftspartners und, als dieser sie nicht bezahlen konnte, musste er dafür einstehen und eine Zeitlang im Fleet-Gefängnis einsitzen. 1598 verkaufte er die Burg für £ 6000, um seine eigenen, hohen Schulden zu bezahlen. Der neue Eigentümer, George Mainwaring, verkaufte das Anwesen 1620 zum Preis von £ 13.500 weiter über ein Konsortium von Investoren an eine reiche Witwe und frühere Bürgermeistersgattin aus London, Dame Elizabeth Craven. Die Ländereien um Stokesay Castle waren nun wertvoll: Sie erbrachten etwa £ 300 pro Jahr.
Elizabeths Sohn, William Craven, verbrachte nur wenig Zeit auf Stokesay Castle und verpachtete es ab den 1640er-Jahren an Charles Baldwyn und seinen Sohn Samuel. Er ließ das Torhaus in den Jahren 1640 und 1641 zum Preis von etwa £ 533 neu erbauen. 1643 brach der englische Bürgerkrieg zwischen den Anhängern von König Karl I. und denen des Parlaments aus. William Craven, ein Unterstützer der Royalisten, verbrachte die Kriegsjahre am Hofe von Elisabeth Stuart in Den Haag und spendete große Geldsummen für die Kriegsbemühungen des Königs. William Craven bestückte die Burg mit einer Garnison; die Baldwins waren ebenso entschiedene Royalisten und mit Fortschreiten des Konfliktes schlug sich die gesamte Grafschaft Shropshire zunehmend auf die Seite des Königs. Dennoch waren Ende 1644 Gruppen wachsamer Clubmen in Shropshire aufgekommen, die sich über die Aktivitäten der royalistischen Streitkräfte in der Region beschwerten und u. a. die Auflösung der Garnison von Stokesay Castle forderten.
mini|links|Der Solar mit Holzverkleidungen aus dem 17. Jahrhundert Anfang 1645 hatte sich das Kriegsglück entschieden gegen den König gewendet und im Februar nahmen parlamentaristische Kräfte die Stadt Shrewsbury ein. Dies setzte die übrige Region Angriffen aus und im Juni marschierte eine parlamentaristische Truppe von 800 Mann nach Süden Richtung Ludlow, wobei sie unterwegs Stokesay Castle angriffen. Die royalistische Garnison unter Captain Daurett war zahlenmäßig weit unterlegen und es wäre ihnen unmöglich gewesen, das neue Torhaus effektiv zu verteidigen, das im Wesentlichen nur der Zierde diente. Nichtsdestoweniger fügten sich beide Seiten dem Protokoll der damaligen Kriegskunst, was in einem unblutigen Sieg für die parlamentaristischen Truppen endete: Die Belagerer forderten, dass die Garnison sich ergebe, die Garnison weigerte sich, die Angreifer forderten ein zweites Mal eine Aufgabe und diesmal konnte die Garnison sich ehrenvoll ergeben.
Bald danach, am 9. Juni 1645, versuchte eine royalistische Truppe unter der Führung von Sir Michael Woodhouse, die Burg zurückzuerobern, die nun mit einer parlamentaristischen Garnison belegt war. Der Gegenangriff hatte keinen Erfolg und endete mit der wilden Flucht der royalistischen Truppe und einem Scharmützel im nahegelegenen Dorf Wistanstow.
Anders als viele andere Burgen in England, die absichtsvoll schwer beschädigt oder gar geschleift wurden, um sie für den militärischen Einsatz unbrauchbar zu machen, entkam Stokesay Castle einem derartigen Schicksal nach dem Krieg. Das Parlament übernahm zwar die Ländereien von William Craven und ordnete 1647 die Schleifung der Burg an, ließ aber dann nur die Kurtine einreißen und den Rest des Komplexes unangetastet. Samuel Baldwyn kam 1649 zurück und pachtete die Burg in den Jahren des Commonwealth vom Parlament. Er stattete Teile der Burg mit Holzverkleidungen und neuen Fenstern aus. Mit der Rückkehr Karls II. auf den Thron 1660 bekam William Craven seine Ländereien zurück und die Baldwyns pachteten die Burg nun wieder von ihm.
18. und 19. Jahrhundert mini|Eine Skizze des Rittersaals mit Arbeitern und Besuchern von Frances Stackhouse-Acton (1868) Auch im 18. Jahrhundert pachtete die Familie Baldwyn weiterhin die Burg, aber sie verpachteten sie weiter an verschiedene Pächter. Die Burg diente fortan nicht mehr als Wohnhaus. Zwei Fachwerkgebäude, die an den Rittersaal angebaut waren, wurden um 1800 abgerissen und Anfang des 19. Jahrhunderts diente Burg als Kornspeicher und für Handwerksbetriebe, wie Küfer, Münzpräger und Schmiede.
Die Burg begann zu verfallen und der Altertumsforscher John Britton notierte bei seinem Besuch 1813, dass sie „aufgegeben, vernachlässigt und schnell zur Ruine wurde: Das Fensterglas ist zerstört, Decken und Böden brechen ein und der Regen strömt durch das offene Dach auf die feuchten und modernden Wände.“ Der Betrieb der Schmiede im Erdgeschoss des Südturmes führte 1830 zu einem Brand, der die Burg schwer beschädigte und den gesamten Südturm ergriff. Ausgedehnter Verfall der Cruckauflagen im Dach der Burg gefährdeten besonders den Rittersaal, da das faulende Dach die Wände auseinanderdrückte.
William Craven, der Earl of Craven, ließ in den 1830er-Jahren Restaurierungsarbeiten ausführten. Dies war ein Versuch, die existierenden Gebäude zu sichern und sie nicht neu zu bauen. Dies war damals ein unübliches Ansinnen. Bis 1845 hatte man steinerne Strebewerke und Pfeiler eingebaut, die Rittersaal und Dach abstützten. Eine Untersuchung von Thomas Turner, die die Geschichte der Burg aufzeigte, wurde 1851 veröffentlicht. Frances Stackhouse-Acton, ein örtlicher Landbesitzer, zeigte besonderes Interesse an der Burg und überzeugte 1853 William Craven, weitere Reparaturarbeiten daran für £ 103 unter ihrer Aufsicht ausführen zu lassen.