mini|St. Laurentius von Nordost St. Laurentius ist die römisch-katholische Pfarrkirche von Kenzingen, dem namengebenden Stadtteil der 1971 und 1974 durch Eingemeindungen vergrößerten Stadt Kenzingen im Breisgau. Die Kirchengemeinde bildet mit St. Sebastian in Bombach, St. Andreas in Hecklingen und St. Barbara in Nordweil, drei weiteren Stadtteilen von Kenzingen, die Seelsorgeeinheit Kenzingen des Erzbistums Freiburg. Grundlegendes zu Geschichte und Gestalt der Kirche bieten der Artikel von Franz Xaver Kraus in den Kunstdenkmälern des Grossherzogthums Baden, 1904, und neuere Arbeiten des aus Kenzingen stammenden Lehrers Stefan Rieder (* 1965). Die künstlerisch prägenden Teile stammen aus gotisch und barock bauender Zeit. Darüber hinaus ist St. Laurentius kunsthistorisch einiger – zugeschriebener – Frühwerke Johann Christian Wentzingers wegen bedeutsam, entstanden um 1734 nach seiner Rückkehr aus Rom und bald nach dem für ihn gesicherten Taufstein der Kirche des Klosters St. Peter auf dem Schwarzwald.
Geschichte Nach dem Lorscher Codex schenkte im Jahr 772 ein „Eckehard“ zu seinem Seelenheil alles, was er Breisgau in der Gemarkung Kenzingen besaß, dem Kloster Lorsch. Mit diesem „Kenzingen“ war nicht die heutige Stadt gemeint, die erst 477 Jahre später gegründet wurde, sondern ein Dorf östlich davon, in den Gewannen Peters- und Georgenbreite. Dort gab es, 1275 im Liber decimationis des Bistums Konstanz erstmals erwähnt, zwei Kirchen, den Heiligen Petrus und Georg geweiht. St. Peter war mit der elsässischen Abtei Andlau verbunden, St. Georg mit dem Kloster Einsiedeln.Andrae-Rau 1998, S. 30 und Treffeisen 1999 Die kirchlichen Verhältnisse.
Weltliche Herren, wohl auch Vögte der Abtei Andlau, waren die Herren von Kenzingen, die auf dem 1094 bezeugten „castrum Cancingen“ saßen, der heute verschwundenen Burg Kenzingen im Kenzinger Gewann Eyerkuchen. Als sie um 1140 ausstarben, folgten die Herren von Üsenberg. Die Üsenberger erwarben im 12. Jahrhundert umfangreichen Eigenbesitz im nördlichen Breisgau, im Kaiserstuhl und um Kenzingen, darunter die Vogtei für Andlau und Kloster Einsiedeln. 1219 besaßen sie die Kirnburg im Herbolzheimer Stadtteil Bleichheim, später ein Zentrum ihrer Herrschaft.Ältere Angaben, auch in der Kreisbeschreibung der Landesarchivdirektion, mit „castrum Cancingen“ sei die Kirnburg gemeint, sollen irrig sein. Andrae-Rau 1998, S. 33. 1244 gewährten zwei Üsenberger den Schwestern des auf Kenzinger Gemarkung gelegenen Klosters Wonnental besonderen Schutz. Im Jahr 1249 schließlich gründete Rudolf II. von Üsenberg (1231–1258)Treffeisen 1998 Kenzingen als mittelalterliche Stadt, S. 45. die Stadt Kenzingen, nicht zuletzt als militärische Bastion gegen die Grafen von Freiburg. Die Aufwertung des alten Dorfes Kenzingen zur Stadt wäre auf den Widerstand Andlaus und Einsiedelns gestoßen. So aber entstand die neue Stadt, wie in der Gründungsurkunde betont, auf üsenbergischem Grund und Boden. Hier hatten die Üsenberger freie Hand. Das Dorf verfiel seitdem. Man sprach von ihm als „villa Chenzingen“, „Altenkenzingen“ oder „Kenzingen antiqua“. Mitte des 15. Jahrhunderts war es verlassen, ein Ort, „da nit lut wonen“.Andrae-Rau 1998, S. 23.
Der letzte Üsenberger, Friedrich, wollte Kenzingen an den entfernt verwandten Markgrafen Heinrich IV. von Baden-Hachberg vererben. Doch als er 1356 starb, beanspruchte Herzog Albrecht II. von Österreich die Üsenberger Besitztümer als anheimgefallene Lehen für sich. Nach längerer Auseinandersetzung kam Kenzingen 1369 von den Markgrafen an die Habsburger, so wie im Jahr zuvor Freiburg im Breisgau, von den Grafen von Freiburg losgekauft, habsburgisch geworden war. Teil Vorderösterreichs, häufig verpfändet, ist Kenzingen seither geblieben, bis es, sieht man vom Zwischenspiel des Herzogtums Modena-Breisgau 1803 bis 1806 ab, gemäß dem Frieden von Pressburg ans Großherzogtum Baden fiel.
Bei der Stadtgründung 1249 wiesen die Üsenberger auch einen Platz für eine neue Stadtkirche aus. Im Konstanzer Liber decimationis ist 1275 neben St. Peter und St. Georg das „Frauenmünster intra muros“ als dritte Pfarrkirche genannt – Patronin war zunächst die Gottesmutter, erst 1681 wurde der heilige Laurentius Patron.Bader 2014. St. Peter und St. Georg blieben neben der Marienkirche weiter Pfarrkirchen. 1344 verkaufte die Abtei Andlau ihren Besitz in Altenkenzingen – „curiam nostram et ipsius monasterium sitam in villam dicta Altenkenzingen“Andrae-Rau 1998, S. 27. – an die Stadt Kenzingen, ausgenommen das Kirchenpatronat über St. Peter, das die Abtei dreißig Jahre später an die Johanniter in Freiburg im BreisgauInternetseite Klöster in Baden-Württemberg: Johanniterkommende Freiburg. Digitalisat. Abgerufen am 8. Juli 2015. veräußerte. Auch Kloster Einsiedeln verkaufte im 14. und 15. Jahrhundert seinen Altenkenzinger Besitz, zuletzt, 1483, die Georgskirche an das Kloster Ettenheimmünster.Treffeisen 1999 Die kirchlichen Verhältnisse, S. 177. 1806 wurden die beiden alten Dorfkirchen abgerissen.Rieder 1999 St. Peter Altenkenzingen, S. 241.
Baugeschichte mini|Grundriss von St. Laurentius Was ab 1249 gebaut wurde, war zunächst ein Behelf, bestehend aus dem Untergeschoss des jetzigen Südturms als Altarraum und einem einfachen Langhaus aus Holz. Mit dem Freiburger Münster identische Steinmetzzeichen weisen auf dieselben Handwerker dort wie hier hin.Rieder 1999 Pfarrkirche St. Laurentius, S. 216. Der definitive Bau spiegelt mit seiner Größe und seinen zwei Türmen den Ehrgeiz Rudolfs II. und der Kenzinger Bürger wider. Zur Zeit der Ersterwähnung im Liber decimationis standen wohl außer der Turmkapelle nur die Fundamente von Chor und Nordturm. Der Chor ist weitgehend in seinem mittelalterlichen Zustand erhalten. Das Kreuzrippengewölbe mit spätgotischem Hohlkehlenprofil ist frühestens in die Mitte des 14. Jahrhunderts zu datieren.Rieder 1999 Pfarrkirche St. Laurentius, S. 218. Das jüngere Langhaus war ursprünglich eine dreischiffige Staffelhalle mit Gewölben über Mittelschiff und Seitenschiffen. 1517 ließ Ritter Wolf von Hürnheim († 1533), an den Kenzingen verpfändet war, außen an die südliche Langhauswand für sich, seine Gemahlin Beatrix geb. von Hohenrechberg († 1522) und ihre Tochter Veronika († 1517) eine Grabkapelle errichten.Schlicksbier und Schmidt-Thomé 1999.
Unter Pfarrer Johannes Claudius Garnier (1696–1753, Pfarrer an St. Laurentius von 1726 bis 1753)Heil 1999, S. 191. fand ab 1729 der barocke Umbau statt. Sein Prothocollum parochiae Kenzinganae berichtet:Übersetzung nach Rieder 1999 Pfarrkirche St. Laurentius, S. 224. „Selbst die erfahrendsten <sic!> Architekten waren nach nicht nur einmaliger Untersuchung übereinstimmend der Meinung, die ersten Gründer seien entweder durch Krieg oder Armut daran gehindert worden, den Bau zu vollenden, oder sie seien während des Baues gestorben. Das Dach wurde mit Sicherheit niemals repariert. Da wegen der Baufälligkeit des Daches das ganze Bauwerk der Kirche zur Ruine zu werden drohte, war eine grundlegende Renovation der Pfarrkirche erforderlich.“ Die Gewölbe, die Mittelschiffwand und die sie tragenden Arkaden wurden herausgebrochen und der Raum in einen Saal mit einer flachen Holzdecke verwandelt.Rieder 1999 Pfarrkirche St. Laurentius, S. 226. Für sich selbst ließ Pfarrer Garnier an die nördliche Langhauswand eine Kapelle nach dem Vorbild der Hürnheimerkapelle anbauen.
1903 bis 1906 wurden Fassade und Chor re-gotisiert. Im Jahr 1905 erhielt die Pfarrkirche unter anderem mehrere Altäre aus der Werkstätte der Gebrüder Moroder.Werner Scheurer: Die Altäre der Offenburger Altarbauer Moroder. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 147–182, hier: S. 168 f. Im Norden wurde eine Sakristei angebaut. 1960Zimdars 1997. und 1982 bis 1989Rieder 1999 Pfarrkirche St. Laurentius, S. 219. wurde die Kirche restauriert. Der Friedhof um die Kirche wurde 1820 aufgehoben.
Gebäude mini|St. Laurentius von Nordwest Mit seinen zwei Türmen beherrscht St. Laurentius weithin sichtbar die Stadt, ihr ältestes und bedeutendstes Bauwerk. Die Kirche ist geostet. In der seitlich von zwei nachmittelalterlichenKraus 1904, S. 162. Strebepfeilern gestützten Fassade öffnen sich in barocker Umrahmung das reich profilierte gotische Hauptportal, ein großes spitzbogiges Maßwerkfenster mit einer Skulpturennische sowie seitlich zwei kleinere spitzbogige Maßwerkfenster mit Skulpturennischen in Rechteckrahmen darunter. An das Langhaus, einen flachgedeckten Saal mit jederseits drei rundbogigen Fenstern und Stichkappen darüber, schließen sich ein rechteckiges gewölbtes Vorchorjoch und der in fünf Seiten des Achtecks geschlossene, „in schönen, schlanken Verhältnissen“Kraus 1904, S. 159. gewölbte strebepfeilergestützte Chor. Die meisten Gewölbedienste sind nicht auf den Boden herabgeführt, sondern ruhen auf Konsolen, die zum Teil mit Masken verziert sind. Der Schlussstein ist ein von einem Eichenlaubkranz umgebenes Malteserkreuz, dessen senkrechte Achse als Schwurhand gestaltet ist; er wurde vielleicht von den Johannitern gestiftet. Die fünf Chorfenster der Erbauungszeit wurden bei der Barockisierung des Maßwerks beraubt und teilweise zugemauert, bei der Re-Gotisierung aber unter Benutzung der noch vorhandenen Gewände nachgebildet, mit einer großen Mandorla im mittleren Fenster. Ursprünglich waren Langhaus und Chor durch einen spitzbogigen Triumphbogen getrennt, dessen Spitze heute nur noch auf dem Kirchenspeicher sichtbar ist, weil sie bei der barocken Umgestaltung und dann wieder bei der Re-Gotisierung zu einem Korbbogen verkleidet wurde.
Die Hürnheimerkapelle überfängt ein Netzgewölbe mit Rippen, die nördliche Kapelle ein rippenloses Kreuzgewölbe.
Die Chorflankentürme mit ihren Eckquadern und Fenstergewänden aus rotem Sandstein wurden im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verändert. Aus dem Mittelalter stammen die unteren Geschosse einschließlich des mit vier zweiteiligen Maßwerkfenstern versehenen Glockengeschosses. Während der nördliche Turm darunter bis auf ein weiteres Maßwerkfenster nur Mauerschlitze besitzt, ist der südliche mit mehreren schmalen Maßwerkfensterchen ausgestattet. Bei der Re-Gotisierung wurden das Dach und ein Fachwerkgeschoss des 19. Jahrhunderts abgetragen und die heutigen spitzen Helme aufgesetzt. Der Boden des südlichen Turmuntergeschosses liegt etwa 1,60 m unter dem Bodenniveau des Langhauses. Der annähernd quadratische Raum wird von einem Kreuzrippengewölbe überspannt, das von vier Konsolen getragen wird, drei davon mit Köpfen verziert. Der Boden des nördlichen Turmuntergeschosses liegt dagegen über dem Bodenniveau des Langhauses. „Vielleicht hatte man bei der Turmkapelle schon Erfahrung mit dem alljährlichen Elzhochwasser gemacht und versuchte deshalb, durch die Erhöhung des Bodenniveaus dem Wassereinbruch vorzubeugen.“Rieder 1999 Pfarrkirche St. Laurentius, S. 217. Dem Kreuzrippengewölbe fehlen hier die Dekorationen. Westliche Spitzbogenöffnungen aus den Untergeschossen zum Langhaus wurden bei der Barockisierung zugemauert und dafür Zugänge vom Chor geschaffen.
Das fünfstimmige Glockengeläut von St. Laurentius ist auf beide Türme verteilt: Die größte und die kleinste Glocke befinden sich im Nordturm, die anderen drei im Südturm. Die fünf Glocken aus Bronze stammen von verschiedenen Gießern und aus unterschiedlichen Zeiten. Sie hängen in historischen Glockenstühlen aus Holz. Die kleinste Glocke gehört nicht zum Kerngeläut. Sie wird nur bei Taufen und als Totenglocke geläutet. Glocke Gussjahr Giesser Durchmesser Gewicht Schlagton 1 1680 Valentin Algeyer, Freiburg 1360 mm 1650 kg es′ -9 2 1729 Matthäus Edel, Straßburg 1150 mm 780 kg f′ -8 3 1729 Matthäus Edel, Straßburg 950 mm 550 kg as′ -8 4 1953 F. W. Schilling, Heidelberg 900 mm 463 kg b′ -8 5 1714 H. H. Weitnauer, Basel 500 mm 150 kg a″ -11