mini | hochkant=1 | Emmy Remolt-Jessen als Judith in der Tragödie von Friedrich Hebbel, 1908.
Emmy Remolt-Jessen (* 18. Juli 1876 in München; † 26. September 1948 in Göppingen) war eine deutsche Theaterschauspielerin und Schauspiellehrerin. Sie war als Hof- und Staatsschauspielerin von 1899 bis 1948 am Staatstheater Stuttgart engagiert und bildete als Lehrerin später prominente Bühnen- und Filmstars wie Maria Koppenhöfer, Ruth Kommerell und Kurt Jooss aus.
Leben Jugend Emmy Remolt wurde am 18. Juli 1876 in München geboren. Die Familie wohnte in der Preysingstraße 71, später in der Preysingstraße 24, wo die „nicht wohlhabenden“ Eltern ein „kleines Geschäft“ betrieben. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1900 führte die Mutter das Geschäft allein weiter.#E 18 VI Bü 1270. Die Remolts verkehrten im Hause der beliebten Soubrette und Volksschauspielerin Amalie Schönchen, die damals am Münchener Gärtnerplatztheater engagiert war, so dass Emmy Remolt in frühester Jugend in Berührung mit dem Theater kam. Als „beliebtes Theaterkind“ spielte sie an der Münchener Hofbühne Tells Sohn Walther in Schillers „Wilhelm Tell“, den dreizehnjährigen Olaf in Ibsens „Die Stützen der Gesellschaft“ und einen der beiden Söhne der Medea in Grillparzers „Medea“. Sie zog sich alsdann vom Bühnenleben zurück, „bis ihre Gesundheit so weit gestärkt war“, dass sie sich den Anstrengungen des Künstlerberufs gewachsen fühlte. Zunächst wirkte sie dann bei Liebhabervorstellungen mit, um wieder in Fühlung mit der Bühne zu kommen.#Krauß 1904, #Wittko 1912.
Beruf Anfänge mini | hochkant=0.75 | Jocza Savits, Emmy Remolts Schauspiellehrer.
Im Alter von 22 Jahren begann Emmy Remolt 1898 ihre schauspielerische Ausbildung bei dem Münchener Schauspieler und Oberregisseur Jocza Savits (1847–1915), der sich große Verdienste um die Bühnenreform zur Wiederbelebung der Shakespearebühne erwarb.#Savits 1917. Anfang 1899 empfahl dieser dem Generalintendanten des Stuttgarter Hoftheaters Joachim Gans zu Putlitz seinen Schützling wärmstens zu einem Engagement und hob hervor, dass sie bereits Rollen beherrschte wie die Hero in Grillparzers „Des Meeres und der Liebe Wellen“, die Leonore in Goethes „Torquato Tasso“, die Julia in Shakespeares „Romeo und Julia“, das Clärchen in Goethes „Egmont“ sowie die Titelrollen in Goethes „Iphigenie auf Tauris“ und Schillers „Maria Stuart“. Die Liste ihres Repertoires, die sie 1900 dem Hoftheater vorlegte, umfasste fast 50 Rollen, von denen man annehmen kann, dass sie unter der Ägide von Jocza Savits einstudiert wurden. Außer Klassikern wie Goethe, Schiller und Shakespeare zählten eine ganze Reihe von Rollen in zeitgenössischen Stücken sowie einige Komödienrollen zu ihrem Repertoire.#E 18 VI Bü 1270. – Klassiker und Zeitgenossen: Goethe (6), Grillparzer, Hauptmann, Ibsen, Lessing, Schiller (11), Shakespeare (3), Schnitzler (2), Sudermann (3), Tolstoi. Komödien: Anzengruber (3), Calderón, Nestroy, Raimund, Sardou (Zahlen in Klammern: Anzahl verschiedener Rollen in Stücken des Autors).
mini | hochkant | links | Emmy Remolt als Johanna in Schillers „Jungfrau von Orleans“, 1904.
Baron Putlitz lud Emmy Remolt zu einem Gastspiel nach Stuttgart ein. Nach zwei Probetagen trat sie am 20. März 1899 in Schillers „Jungfrau von Orleans“ als Gast in der Titelrolle auf. Nach ihrer überzeugenden Debütvorstellung engagierte sie Putlitz ab 1. September 1899 für die Dauer von fünf Jahren. Sie sollte das Fach der „jugendlichen Heldin“ übernehmen und so die kurz zuvor entstandene Lücke füllen, die durch den Abgang der „zwei besten Charakterdarstellerinnen“ Louise Dumont und Gertrud Eysoldt nach Berlin entstanden war.#E 18 VI Bü 1270, #Krauß 1904, #Wittko 1912.
Emmy Remolts offizieller Titel wechselte mit dem Namen des Theaters von Hofschauspielerin (bis 1918) über Schauspielerin am Landestheater (1919–1922) bis zu Staatsschauspielerin (ab 1923).Adressbücher der Stadt Stuttgart 1899–1943. Als im Januar 1902 das Alte Hoftheater abbrannte, wurden die Schauspielvorstellungen in das Wilhelma-Theater und ab Oktober in das neu errichtete Interimstheater verlegt, bis 1912 das Neue Hoftheater eingeweiht werden konnte.
Frühzeit mini | hochkant=0.75 | Baron zu Putlitz, 1902. Generalintendant des Stuttgarter Hoftheaters von 1892 bis 1918.
Am Hoftheater bot sich ihr die „Gelegenheit zu zeigen, was sie konnte, und es stellte sich bald genug heraus, daß sie sehr viel konnte. So glückte es ihr, sich binnen wenigen Jahren eine beherrschende Stellung im Ensemble des Stuttgarter Hoftheaters zu schaffen.“#Krauß 1904, Seite 732. Sie entwickelte sich zu einem der Publikumslieblinge und brillierte bis 1915 in vielen Rollen als Erste Heldin (siehe Rollen).
Der Theaterkritiker Paul Wittko (1866–1958) lobte 1912 Emmy Remolt als eine der wenigen meisterhaften Darstellerinnen naturalistischer Rollen, die nur noch von der berühmten Else Lehmann übertroffen würde, einer Schauspielerin, die unter anderem berühmt war für ihre Rollen in Bühnenstücken von Gerhart Hauptmann und Henrik Ibsen. Er attestierte ihr „die kernfeste Urgesundheit ihres kraftvoll erdhaften Charakters“ und ihre „Vollsaftigkeit“, etwa als Mena in Karl Schönherrs „Erde“ oder als Gina in Ibsens „Wildente“. Auch ihrer brillanten Interpretation von Rollen in Komödien und klassischen Stücken zollte Wittko uneingeschränkten Beifall.#Wittko 1912.
Schon 1904 hatte der Theaterkritiker Rudolf Krauß die „Vielseitigkeit ihrer Begabung“ hervorgehoben. Nach ihm umfasste ihr Repertoire „originelle Volkstypen derb realistischen Schlags“, „fesche und resolute Mädels von Arthur Schnitzlers Gnaden“, klassische und nachklassische Rollen sowie „moderne Rollen ernsthafteren Gepräges“.#Krauß 1904.
Fritz Baader (1881–1928), der wie die meisten Theaterkritiker eine schlechte Meinung vom Stuttgarter Hoftheater hatte, äußerte hingegen 1908 über Emmy Remolt: „Aber schon das Tätigkeitsfeld der sogenannten »Heroine« ist sehr beschränkt: Frau Remolt gelingen erdstarke Bauernmädel, auch Schnitzlersche wiener Mädel – Königinnen mißlingen und entgleiten ihr unversehens ins Parvenuhafte.“#Baader 1908, Seite 196.
Spätzeit 1915 war Emmy Remolt fast vierzig Jahre alt und den jugendlichen Charakterrollen entwachsen. Alexandrine Rossi (1861–1953), ihre um 14 Jahre ältere Schauspielerkollegin am Hoftheater schilderte die Probleme der „alternden“ Schauspielerin am Übergang zwischen jugendlichen und „Mütterrollen“ am Beispiel der berühmten Charlotte Wolter. Der Intendant des Wiener Burgtheaters hatte sie aufgefordert, „nunmehr ins Fach der Mütter“ überzugehen. Ein monatelanges Gastspiel in Breslau sollte „nun den Beweis erbringen, daß sie vermöge ihrer großen Kunst noch jedweder Illusion gerecht würde. Doch nur zu bald mußte sie sich eingestehen, ihre Zeit war erfüllt – es galt, Abschied zu nehmen von der künstlerischen Jugend“.#Rossi 1926. Ein weiteres Problem für ältere Schauspielerinnen ergab sich aus dem eingeschränkten Rollenrepertoire im Fach der Mütter und Alten.
Aber auch Rollen, die zu Emmy Remolts Alter passten und die sie glänzend hätte ausfüllen können, blieben ihr öfter versagt. Offenbar hatte sie aus ihrer Enttäuschung gegenüber dem Theaterkritiker Paul Wittko keinen Hehl gemacht, der (wahrscheinlich ohne ihr Zutun und Wissen) einen polemischen Brief an das Stuttgarter Neue Tagblatt sandte. Er wurde unter dem Titel „Woran liegt’s“ mit der Unterschrift „Dr. X“ abgedruckt. Der Tagblatt-Redakteur äußerte in seiner Einleitung zu dem Brief seine „Verwunderung“, dass „ein paar unserer schätzenswertesten Künstlerinnen, nämlich die Damen Emmi Remolt und Grete Lorma mit neuen Aufgaben so spärlich bedacht werden, daß die Besucher der Novitäten meinen könnten, beide seien gar nicht mehr hier oder krank oder zu Gastspiel-Reisen beurlaubt“. Wittko gab in seinem Brief „seinem Erstaunen und Befremden Ausdruck“, „daß eine Künstlerin von der Bedeutung der Frau Emmy Remolt-Jessen neuerdings so wenig Beschäftigung findet und so auffallend zurückgesetzt wird“.#Tagblatt 1915.2.
Emmy Remolt war sich wohl bewusst, dass zu ihrem weiteren künstlerischen Fortkommen der Wechsel an eine andere Bühne geboten erschien. Sie sprach ihr Problem offen bei dem Intendanten Baron Putlitz an, der sich auch in diesem Fall entgegenkommend und hilfsbereit zeigte und ihr zusicherte, sich einem vorteilhaften Wechsel nicht in den Weg zu stellen. Anfragen anderer Theater und Vermittlungsbemühungen von Agenturen führten jedoch zu keinem Abschluss. 1918 hielt sich Emmy Remolt in Berlin auf, wo ihr Carl Meinhard und Rudolf Bernauer, die Direktoren der Meinhard-Bernauer’schen Bühnen, einen „in künstlerischer und pekuniärer Beziehung“ sehr verlockenden Vertrag anboten. Es kam zu keinem Vertragsabschluss mit den Berliner Theatern, und somit war die Chance verloren, auf einer der Bühnen, die im nationalen Rampenlicht standen, aus dem provinziellen Schatten herauszutreten.#E 18 VI Bü 1270.
Emmy Remolt blieb bis zum Ende ihrer Bühnenlaufbahn in Stuttgart, wo sie ab den 1920er Jahren in „bejahrten Fächern“ als „schwere Heldin“ oder „Heldenmutter“ eingesetzt wurde, aber auch als komische Alte, alles Rollen des Ersten Fachs.#E 18 VI Bü 1270. – Fotos von Emmy Remolt in Altersrollen: #Almanach 1902, Seite 102, #Jahrbuch Landestheater 1928-1931, Seite 103, #Jahrbuch Landestheater 1928-1931, Seite 104, #Jahrbuch Landestheater 1928-1931, Seite 105, 106, #Jahrbuch Landestheater 1928-1931, Seite 107, #Jahrbuch Staatstheater 1934, Seite 108.
Soziale Lage Emmy Remolts garantiertes Jahresgehalt stieg nach einer niedrigen Anfangsgage im ersten Jahr kontinuierlich von 3000 Mark im Jahr 1901 auf 10.000 Mark in den Jahren 1910–1914. Nach der Inflation pendelte sich ihr Jahresgehalt ab 1924 bei etwa 10.000 Reichsmark ein.#E 18 VI Bü 1270. Die Schauspielerin verdiente damit ein Mehrfaches, teilweise ein Vielfaches des deutschen Durchschnittsentgelts. Von den Bruttobezügen musste sie nicht nur für ihren Lebensunterhalt sorgen, sondern auch Steuern entrichten und Beiträge zur Pensionskasse leisten, auf eigene Kosten eine moderne Garderobe anschaffen (historische Garderoben wurden gestellt) sowie Kosten für Krankheit (teilweise), Kuren und Urlaube bestreiten. Während der mehrjährigen Krankheit ihres Mannes erhielt sie zwar eine Unterstützung vom Hoftheater, musste aber selbst noch erhebliche Zuschüsse leisten. Hinzu kamen Schulden ihres Mannes, die sie abzutragen hatte.#E 18 VI Bü 1270, #E 18 VI Bü 146.
Alles in allem konnte Emmy Remolt jedoch – im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung – ein „standesgemäßes“ gutbürgerliches Leben führen. Nach ihrer Pensionierung 1944 erhielt sie ein Ruhegehalt der Pensionskasse, über dessen Höhe nichts bekannt ist.
Schauspiellehrerin Emmy Remolt war, wie sie sagte im „Nebenberuf“, auch als Schauspiellehrerin tätig. Sie bildete unter anderem die Theater- und Filmschauspielerinnen Maria Koppenhöfer (ab 1917) und Ruth Kommerell (bis 1941) aus sowie Kurt Jooss (1920–1921), bevor dieser sich für eine Karriere als Tänzer und Choreograph entschied. Ihre Lehrtätigkeit bot ihr auch einen gewissen Ausgleich für das Mutterglück, das ihr versagt geblieben war, denn sie betrachtete ihre Schüler als ihre Kinder. Von Maria Koppenhöfer sagte sie neidlos, ohne sie namentlich zu nennen: „Ja, mein Lieblingskind ist sogar auf dem besten Wege, mir über den Kopf zu wachsen – damit werden sich meine schönsten Wünsche erfüllen.“#Remolt-Jessen 1927. Später war sie auch als Schauspiellehrerin an der Staatlichen Hochschule für Musik tätig.