Walter Hoffmann-Axthelm (* 29. April 1908 in Friedenau bei Berlin; † 3. August 2001 in Berlin) war ein deutscher Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Hochschullehrer und Medizinhistoriker.Nachruf. Ancestry.com; abgerufen am 3. Juli 2015. Insbesondere sind Die Geschichte der Zahnheilkunde und das Lexikon der Zahnmedizin fest mit seinem Namen verbunden.
Leben Walter Hoffmann, Sohn des Kaufmanns Karl Hoffmann und dessen Ehefrau Anna (geb. Axthelm), besuchte zunächst das Gymnasium Friedenau, nach dem Einjährigen dann das Helmholtz-Realgymnasium.Walter Hoffmann: Über die Beteiligung der Schleimhaut an der Hauttuberkulose. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der zahnärztlichen Doktorwürde der medizinischen Fakultät an der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin. Referent: Prof. Dr. Fr. Blumenthal, Korreferent: Geh. Med. Rat Prof. Dr. His. Tag der Promotion: 15.5.1931.Alfred Bürkner: Friedenau – Straßen, Häuser, Menschen. Stapp-Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-87776-065-1, S. 124. Nach seinem Abitur 1927 studierte er bis 1931 Zahnheilkunde in Freiburg im Breisgau und in Berlin. Seit 1927 gehörte er der Burschenschaft Gothia Berlin (DB) an.Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 206. Am 15. Mai 1931 promovierte er unter Franz Blumenthal an der „Universitäts-Hautklinik zu Berlin“ mit einer Arbeit „Über die Beteiligung der Schleimhaut an der Hauttuberkulose“ zum Dr. med. dent. Es folgte eine zahnärztliche Assistentenzeit in den Jahren 1931–1933 und 1933 übernahm er eine Zahnarztpraxis in Perleberg, die „durch Tod freigeworden war.“W. Hoffmann-Axthelm: Chronik zwischen Ost und West … 1935 heiratete er die Zahnärztin Gerda Hemmerling, die 1938 nach der Geburt von Tochter Gisela an einer Lungenembolie verstarb. Während einer Urlaubsreise vertrat ihn in seiner Praxis Irmtraut Milisch („Irmlein“), Tochter von Leopold Milisch, eine junge frisch promovierte Kollegin, die er erst nach seiner Rückkehr persönlich kennenlernte und am 17. Mai 1939 heiratete. Nachdem eine Postsendung für ihn an einen der vielen Hoffmanns im Ort fehlgeleitet worden war, nahm er 1939 eigenständig eine Änderung seines Nachnamens vor. Um sich von anderen Trägern des Namens zu unterscheiden, erweiterte er seinen Nachnamen um den Mädchennamen seiner Mutter und nannte sich Hoffmann-Axthelm. Offiziell genehmigt wurde die Namensänderung erst im Juni 1952.S. Paprotka: Walter Hoffmann Axthelm. Vom NSKK Standartenzahnarzt zum Medizinhistoriker. LIT Verlag, Berlin, 2018, S. 1 und S. 2, Fußnote 1. Ende 1939 wurde er zum Wehrdienst einberufen. Von 1940 bis 1945 war er Kriegszahnarzt in der Abteilung für Kiefer- und Gesichtschirurgie des Reservelazaretts 122 in Berlin, Görden, Itzehoe und Hamburg unter Karl Schuchardt, der von der NS-Prominenz als Behandler auserkoren war. Von 1943 bis 1944 folgte ein Teilstudium der Medizin.
In seinem Rückblick auf die „Machtergreifung vor 50 Jahren“ schrieb er 1983, dass er dem „allgemeinen Begeisterungsrausch“ nicht erlag und sich „mehr als einmal fragte: Warum machst du denn eigentlich da nicht mit?“ Durch seine Weigerung, einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) auszufüllen, sei er schriftlich der Ehre enthoben worden, „in Reihenuntersuchungen gemeinsam mit unserem Hausarzt den Männern des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) in den Mund zu sehen, was ich 2–3 mal getan hatte.“Walter Hoffmann-Axthelm: „Machtergreifung“ vor 50 Jahren: Ein äußerst unerfreuliches Jubiläum. In: Zahnärztliche Mitteilungen, Band 73, 1983, S. 2499. In einer Beurteilung durch Stefan Paprotka über Hoffmann Axthelm heißt es, er persönlich habe sich immer geweigert, Menschen aus seinem privaten und beruflichen Umfeld in der Zeit von 1933 bis 1945 im Nachhinein zu beurteilen und sie einer Kritik zuzuführen, weil er wie diese seine Mission als Agierender, insbesondere als Standartenzahnarzt des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK), einer paramilitärischen Unterorganisation der NSDAP, in einer tiefen Überzeugtheit von der Notwendigkeit der damit verbundenen Aufgaben gesehen hat. „Unschwer ist sein Stolz zu erkennen, dabei gewesen zu sein, und seine Aufgabe und Pflicht erfüllt zu haben. Seine Loyalitat und Zielstrebigkeit, sein Pflichtgedanke und sein soldatischer Gehorsam sowie die daraus resultierende Andienung an den Nationalsozialismus und seine Verwendung durch das System ließen Hoffmann-Axthelm letztlich doch zu einem mitwissenden Mittäter avancieren“.
Durch Vermittlung Schuchardts war Hoffmann-Axthelm von 1945 bis 1948 Assistenzarzt in der ehemaligen Lazarettabteilung in Hamburg und Lübeck, 1948 Assistenzarzt an der Nordwestdeutschen Kieferklinik. Am 21. August 1948 kehrte er von dort nach Perleberg zurück, weil seine Frau Irmtraut (* 1913) und seine vier Kinder in Hamburg keine Wohnmöglichkeit fanden. Wolfgang Rosenthal, der 1950 von Georg Axhausen die Leitung der chirurgischen Abteilung der Universitätsklinik und Poliklinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten der Charité übernommen hatte, bot Hoffmann-Axthelm eine Oberarzt-Stelle an, die bis dahin mit Hans Joachim Schmidt (* 1912) besetzt war. Sein Vorgänger, mit Praxis und Wohnung in Westberlin, sei am 16. November 1950 nicht mehr in der Ostzone erschienen, erklärte Hoffmann-Axthelm, und habe so einen gewissen Notstand verursacht, der zu Hoffmann-Axthelms Einstellung zum 19. November führte.
Wie Drum die Quintessenz, betreute Hoffmann-Axthelm die 1951 von Wolfgang Rosenthal gegründete und seither herausgegebene Zeitschrift Deutsche Stomatologie als Schriftleiter.siehe z. B. Impressum auf Titelblatt Deutsche Stomatologie. Band 5, Nr. 1, 1955. Ab 1951 setzte Hoffmann Axthelm an der Charité sein Studium der Medizin fort und promovierte 1953 zum Dr. med.Stefan Paprotka: Walter Hoffmann Axthelm. Vom NSKK Standartenzahnarzt zum Medizinhistoriker..LIT Verlag, Berlin 2018, S. 64.F. Blankenstein: 110 Jahre zahnärztliches Institut Berlin 1884–1994. Festschrift. Quintessenz, 1994. Thema seiner Dissertation war eine Untersuchung über Dentalfluorose in Berggießhübel, die dort von einer Zahnärztin aus Pirna erstmals festgestellt worden war. Dass die sich nicht selbst mit dem Thema befassen wollte, brachte ihr einen hämischen Kommentar durch Walter Drum ein.W. Hoffmann-Axthelm, R. Wohinz: Erste Beobachtungen über das Auftreten von Dentalfluorose in Deutschland (mit Kommentar von Schriftleiter Walter Drum). Quintessenz (August 1952), Referat 221W. Hoffmann-Axthelm: Beobachtungen über den Einfluß des Fluors auf Zahnschmelz und Schilddrüse. Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift 8 (1953) 757 1954 habilitierte er sich (zum „Dr. med. habil.“),W. Hoffmann-Axthelm: Weitere Beobachtungen über den Einfluß chronisch zugeführten Fluors auf den Organismus. DZZ 9 (1954) 358Mitteilungen und Berichte. Berlin. ZWR 9 (1954) 315 wurde zum Dozenten ernanntHochschulnachrichten. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 43, 1955, S. 136. und erhielt einen Ruf als Professor mit Lehrauftrag an die Universität Jena, den er ablehnte.Hochschulnachrichten. In: Zahnärztliche Mitteilungen. Band 43, 1955, S. 867. In seiner 1954 publizierten Arbeit über den Einfluss „chronisch zugeführten Fluors auf den Organismus“ und in einem Vortrag beim ORCA-Kongress im Mai 1955 in Genf bezog er Stellung zu früheren Arbeiten des britischen Mediziners Leo Spira, der ein als Spira Syndrom bekannt gewordenes KrankheitsbildThilo Gaspar: Studien zur Geschichte des Spira-Syndroms (Dentalfluorose). Inaugural-Dissertation, Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Mai 1993. auf eine chronische Fluoridvergiftung zurückführte.Leo Spira: The Drama of Fluorine: Arch Enemy of Mankind. Milwaukee, Wisconsin, 1953 Ein Teil dieser Untersuchungen beruhte auf einer Fragebogen-Aktion.L. Spira: Chronic Fluorine Poisoning (Fluorosis) Signs and Symptoms. Edinb. Med. J. 49:Nr. 11 (1942) 707 In ähnlicher Form in Berggießhübel ausgeführt, habe sich Spiras Ergebnis aber dort nicht bestätigt.W. Hoffmann-Axthelm: Fluor und Organismus. Schweizerische Monatsschr.f.Zahnheilk. 65 (1955) 729 Hoffmann-Axthelms Aktion inspirierte dann Heinrich Hornung zu einer Rufmord-Kampagne gegen den amerikanischen Allergologen George Waldbott, der chronische Fluoridvergiftungen infolge der Trinkwasserfluoridierung beschrieb, sich laut Hornung dabei aber ausschließlich auf Suggestiv-Fragen auf einem Fragebogen stütze.H. Hornung: Fluoridation: Observations of a German Professor and Public Health Officer. J. Am. Dent. Assoc. 53 (1956) 325G. Waldbott: The Reader Comments. Waldbott presents his views on fluoridation. J. Am. Dent. Assoc. 55 (1957) 873K. M. Hartlmaier: Dem Kariesgeschehen auf der Spur. Schlaglichter auf den ORCA-Kongress. Zahnärztl. Mitteil. 48-50:Nr. 15 (1960) 662G. Waldbott: A Struggle with Titans. Carlton Press. New York 1965; S. 229
Im Jahr 1959 verfasste Hoffmann-Axthelm als Leiter der Chirurgischen Abteilung der Universitäts-Klinik und Poliklinik für Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten der Berliner Charité eine Zusammenfassung seiner Untersuchungen zur FluorproblematikW. Hoffmann-Axthelm: Untersuchungen zum Fluorproblem unter besonderer Berücksichtigung der Kariesverhütung. Sammlung Meusser, herausgegeben von Eugen Wannenmacher, Johann Ambrosius Barth Verlag, Leipzig 1959 und wurde zum Professor mit Lehrauftrag für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde ernannt.Kurze Nachrichten. Dtsch. Stomatol. 9 (1959) 722F. Blankenstein: 110 Jahre... S. 61 f. Trotz Überwachung durch den Staatssicherheitsdienst konnte er sehr umsichtig für sich und seine Familie die Übersiedlung aus dem „System des Zwangs, der Angst und der Lüge“ nach Westdeutschland, zunächst Westberlin planen, während er noch in der Sowjetischen Besatzungszone arbeitete. Er kehrte nach dem 13. August 1961 nicht mehr nach Ost-Berlin zurück.B. Kanther: Schulzahnarzt Hans Joachim Tholuck (1888–1972) und das Frankfurter System der Schulzahnpflege (= Abhandlungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Heft 83). Matthiesen Verlag, Husum 1998, S. 297. Er nahm 1962–1963 eine Tätigkeit an der Westdeutschen Kieferklinik in Düsseldorf wahr. Seinen weiteren Interessenbereich nahm er 1964 als Assistent und Dozent am Institut für Geschichte der Medizin an der Freien Universität Berlin auf. Einen offiziellen Lehrauftrag für Geschichte der Zahnheilkunde erhielt er hier im Jahr 1965.Der erste Lehrauftrag für Geschichte der Zahnheilkunde. In: Zahnärztl. Mitteil. 55, 1965, S. 683. Von 1967 bis 1978 war er Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins. Im Jahr 1970 habilitierte er sich im Fach Geschichte der Medizin, 1971 folgte seine Ernennung zum Professor und er wurde geschäftsführender Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin, 1973 folgte seine Emeritierung, wobei er seine Tätigkeit als Direktor bis 1977 fortführte. Med. dent. Diss. Berlin, S. 11–20.