Juliette ou La clé des songes (tschechisch: Julietta, deutsch: Juliette oder Das Traumbuch) ist eine „lyrische Oper“ in drei Akten von Bohuslav Martinů. Das Libretto verfasste Martinů selbst. Literarische Grundlage ist das Drama Juliette ou La clé des songes (1930) von Georges Neveux. Die Oper wurde am 16. März 1938 im Prager Nationaltheater uraufgeführt.
Handlung
Der Buchhändler Michel besucht eine kleine Stadt am Meer. Er ist auf der Suche nach Juliette, einer schönen jungen Frau, die er einst dort traf und begegnet nun einer Gesellschaft, die das Gedächtnis verloren hat und kein Zeitgefühl mehr besitzt. Dennoch findet er die Gesuchte, die jedoch wieder entschwindet. Er verliert sich schließlich, ebenso wie die übrigen Personen in eine surreale Traumwelt, in der Realität und Illusion, Raum und Ort sowie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht mehr zu trennen sind. Es erscheinen Polizisten, Kommissare, Verbrecher, Bettler, Nachtwächter und graue Gestalten und immer wieder auch die Stimme von Juliette, wobei Phantasie und Wirklichkeit ineinander verschmelzen.
Martinů selbst fasste die Kernaussage seiner Oper folgendermaßen zusammen:
Erster Akt
Platz eines kleinen Hafens
Auf der rechten Seite zwei Häuser, das eine sehr klein, das andere etwas größer mit einem Obergeschoss und einem Fenster. Links die Läden einer Vogel- und einer Fischhändlerin. Darüber eine Lampe. Im Hintergrund führt ein Weg zum Hafen. Ein Schiffsmast und in der Ferne eine Nebelleuchte.
Szene 1. Michel erscheint mit seinem Koffer in der Hand und sieht sich um. Ein kleiner Araber, der am Boden spielt, teilt ihm mit, dass das Hôtel du Navigateur, in dem er einkehren will, nicht existiere. Er könne ihm auch kein anderes Hotel zeigen, da er keine Beine habe. Der Vater des Arabers dagegen zeigt ihm das Hotel direkt am Kai und ergänzt, dass es in der Stadt niemanden ohne Beine gebe. Michel betritt das Hotel, gefolgt vom alten Araber. Der kleine Araber nimmt sein Spiel wieder auf.
Szene 2. Die Vogelhändlerin und die Fischhändlerin treten neugierig aus ihren Läden. Sie glauben, jemanden gehört zu haben, können sich aber an nichts mehr erinnern. Der kleine Araber bestätigt, dass sich niemand an irgendetwas erinnern kann.
Szene 3. Ein Man mit einer Tschapka schaut aus dem Fenster oberhalb des zweiten Ladens, weil er sich durch den Lärm auf dem Platz gestört fühlt. Alle sind verwirrt. Die beiden Verkäuferinnen ziehen sich verstört in ihre Läden zurück.
Szene 4. Der kleine Araber bittet den Mann mit Tschapka, auf seinem Akkordeon zu spielen. Beide träumen – der Araber von einem Strand mit einem Segelschiff, der Mann von einem kleinen Bahnhof. Sie spüren, das irgendetwas nicht stimmt.
Szene 5. Ein Mann mit einem Tropenhelm tritt von der rechten Seite auf die Bühne und bittet auf großtuerische Weise um Ruhe. Er behauptet, dass er in Kürze auf seinem Dampfschiff abreisen werde. Die anderen bezichtigen ihn der Lüge. Michel ruft aus dem Hotel um Hilfe, weil er mit einem Messer angegriffen wird.
Szene 6. Ein Kommissar erscheint von der linken Seite, um nach dem Grund für die Aufregung zu sehen. Weder der Mann mit dem Helm noch der Mann mit Tschapka wissen irgendetwas. Als Michels erneut ruft, verlangt der Kommissar Einlass in das Haus.
Szene 7. Michel teilt dem Kommissar mit, dass man ihn gezwungen habe, seine gesamte Lebensgeschichte zu erzählen. Daraufhin erklärt ihm der Kommissar, dass sämtliche Einwohner der Stadt ihr Gedächtnis verloren haben und als Ausgleich versuchen, die Erinnerungen Fremder zu erlangen, die sie dann für ihre eigenen halten. Er ist erstaunt, als Michel ihm versichert, sich noch an alles erinnern zu können. Die Männer mit Helm und Tschapka mischen sich in das Gespräch ein. Weitere Einwohner kommen hinzu. Plötzlich weiß niemand mehr, worum es überhaupt geht. Der Kommissar glaubt, er müsse Michel verhaften, überlegt es sich dann aber anders. Jedoch stellt er zur Bedingung, dass Michel seine Fragen beantwortet. Auch der Mann mit Tschapka, der Mann mit Helm und der alte Araber wollen Fragen stellen. Der Kommissar möchte wissen, was seine älteste Kindheitserinnerung ist. Michel entgegnet, dass dies wohl eine mechanische Spielzeugente sei, die quaken konnte. Da sich bisher noch niemand an etwas erinnern konnte, das länger als zehn Minuten zurückliegt, ernennt der Kommissar ihn laut Gesetz zum Bürgermeister. Er erhält drei Insignien: einen Hut, den er unter dem Arm tragen kann, wenn er mal unerkannt bleiben möchte, eine Pistole, die er unter keinen Umständen benutzen darf, und einen Papagei, der ihn jede Viertelstunde an sein Amt erinnern wird. Michel weist diese Ehre zurück. Er möchte am liebsten nach Hause zurückkehren. Der Kommissar erklärt ihm, dass das nicht möglich sei. Michel solle stattdessen zur Stadthalle gehen, um den Bürgern seine Kindheitserinnerungen zu erzählen. Der Kommissar entfernt mit den Einwohnern. Die beiden Araber ziehen sich in ein Haus zurück.
Szene 8. Michel ist mit den Männern mit Helm und Tschapka zurückgeblieben. Sie rätseln über Michels Herkunft. Michel möchte mehr über seine merkwürdige Ernennung zum Bürgermeister erfahren, doch die beiden können sich nicht mehr daran erinnern. Der Mann mit Helm bittet ihn, seine Geschichte zu erzählen. Michel teilt ihnen mit, dass er in Périgueux geboren sei und von seinen Eltern eine kleine Buchhandlung in Paris geerbt habe. Seitdem reise er mit seinen Büchern durch das Land. Eines Nachmittags sei er in einer kleinen Stadt angekommen und habe durch ein offenes Fenster eine Frauenstimme singen gehört. Es war das schönste Mädchen, das man sich vorstellen könne. Aus Furcht, sich zu verlieben, sei er am nächsten Morgen mit dem ersten Zug abgereist, doch habe er seitdem in seinen Träumen immer wieder ihre Stimme gehört. Heute sei er in diese Stadt zurückgekehrt, um sie wiederzufinden. Der Mann mit Hut glaubt ihm nicht. Er ist sich sicher, dass diese Stadt gar keinen Bahnhof habe. Inzwischen ist es Abend geworden, und die beiden Händlerinnen verkünden, dass sie ihre Geschäfte schließen wollen und Michel gehen müsse. Die Vogelhändlerin bemerkt seinen Papagei und glaubt, er habe sie bestohlen. Michel bittet den Mann mit Helm als Zeugen um Hilfe, doch dieser kann sich nicht mehr erinnern. Alle ziehen sich zurück und lassen Michel alleine auf dem Platz.
Da erscheint ein junges Mädchen im Fenster des ersten Stocks. Es ist Juliette, und sie scheint Michel tatsächlich wiederzuerkennen. Vor allem aber will sie wissen, ob Michel sie schön findet. Sie bittet ihn zu warten, während sie in ihre Wohnung zurückgeht. Unterdessen kehrt der Kommissar zurück. Er ist nun als Briefträger gekleidet und erinnert sich nicht mehr an seine vorige Funktion. Stattdessen teilt er Michel mit, dass er als Neuankömmling keine Briefe erwarten könne, weil er nur drei Jahre alte Briefe ausliefere – die Menschen würden alte Briefe bevorzugen. Allmählich kommt Michel der Gedanke, dass Alles nur ein Traum sei. Der Briefträger meint, dass das jeder hier denke. Er schlägt ein Kartenspiel vor, um herauszufinden, ob es stimmt. Wer den ersten König ziehe, verliere und sei der Träumer. Doch beide ziehen nur andere Karten. Daraus schließt der Briefträger, dass keiner von ihnen träume. Der Briefträger macht sich auf den Weg, und Juliette erscheint wieder am Fenster, erfreut, dass Michel noch da ist. Michel erzählt ihr von seiner Liebe. Sie bittet ihn, am Waldrand an der Wegkreuzung bei dem Brunnen auf sie warten, wo sie ihm alles erklären möchte.
Zweiter Akt
Im Wald, an der Kreuzung der vier Wege; im Hintergrund ein kleiner Brunnen
(Die Ausstattung des ersten Akts bleibt für das Intermezzo liegen.)
Szene 1. Michel sitzt alleine am Brunnen und spielt mit den Steinen. Drei Herren (Frauen in Travestie, zwei in grauer Kleidung, der dritte blau mit einem Jagdhorn) irren auf der Suche nach einer Feier durch den Wald und rufen lautstark nach Juliette.
Szene 2. Ein gebeugter Mann, Väterchen Jugend, kommt mit einem Korb voller Weinflaschen zu Michel und teilt ihm mit, dass er anderen Menschen alte Geschichten erzähle, um ihnen ihre Erinnerungen zurückzubringen.
Szene 3. Hinter der Szene erklingt ein Jagdhorn. Ein alter Mann und eine kleine alte Frau begrüßen Väterchen Jugend. Michel versteckt sich unterdessen hinter dem Brunnen. Die alten Leute unterhalten sich mit gedämpfter Stimme, wie in einem Traum, über ihre vermeintlichen Jugenderinnerungen.
Szene 4. Nachdem die Alten gegangen sind, kommt aus dem Hintergrund die Handleserin, die ein rotes Tuch trägt, nach vorne. Sie behauptet, nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit ablesen zu können. Obwohl ihr Versuch, die Augenfarbe von Michels Großmutter zu nennen, nicht mit Michels Erinnerungen übereinstimmt, beharrt sie darauf, Recht zu haben und verwirrt Michel dadurch. Als sie vorgibt, auch Träume deuten zu können, erzählt Michel ihm von einem großen Wald, einer kleinen Schenke und einer Wegkreuzung. Die Handleserin erkennt darin Eifersucht und Liebe. Sie warnt Michel vage vor einer Gefahr und zieht sich in die Dunkelheit zurück. Auch Väterchen Jugend ist fort.
Szene 5. Endlich kommt Juliette. Sie und Michel begrüßen sich freudig und nennen sich erstmals ihre Namen. Juliette kann sich jetzt nicht mehr an ihre erste Begegnung erinnern. Michel aber versichert ihr, dass er sie nie vergessen habe. Beide erklären sich ihre Liebe. Ein Echo wiederholt ihre Worte.
Szene 6 (A). Ein Andenkenhändler preist seine Ware an: Alte Fotografien aus Ägypten, Spanien und Italien. Schon „erinnert“ sich Juliette an einen gemeinsamen Urlaub mit Michel in Spanien. Michel will von diesen Fälschungen nichts wissen. Er verspricht Juliette, ihm stattdessen seine echten Erinnerungen zu erzählen. Der Verkäufer zieht enttäuscht weiter.
Szene 6 (B). Michel berichtet Juliette von ihrer ersten Begegnung. Er sei grau gekleidet gewesen und habe einen Koffer aus Krokodilleder getragen. Sie habe auf sein Winken mit Lachen reagiert. Juliette ist zunächst enttäuscht, dass nichts Aufregenderes passiert sein soll. Nach einigem Nachdenken erinnert sie sich aber: Sie habe gelacht, weil er sie an das größte der ausgestopften Krokodile in ihrer Wohnung erinnert habe. Da erklingen Hornklänge aus dem Wald. Juliette verliert das Interesse an Michel und verabschiedet sich. Als Michel sie nach Hause begleiten will, schreit sie, er solle sie in Ruhe lassen. Er lässt sie ziehen und schaut ihr nach, wie sie im Wald verschwindet. Dann zieht er die Pistole aus seiner Tasche und zielt in ihre Richtung. Ein Schuss fällt, und Juliette schreit auf. Michel kann nicht glauben, tatsächlich geschossen zu haben. Er läuft in die Richtung, in die Juliette verschwunden ist.
Szene 7. Von der anderen Seite kommen der alte Araber, der Mann mit dem Tropenhelm, der Mann mit Tschapka und weitere Einwohner. Sie scheinen etwas auf dem Boden zu suchen. Michel versucht, sich zu verstecken, wird aber vom alten Araber entdeckt. Die Leute wollen wissen, wer geschossen habe. Sie seien ein Tribunal. Der Mann mit Tschapka stellt sich als Staatsanwalt vor. Der Mann mit Tschapka übernimmt die Aufgabe eines Richters und verurteilt Michel zum Tode. Der alte Araber ist der Henker. Da erscheint die Handleserin und flüstert Michel zu, dass er lediglich eine Geschichte aus seiner Jugend zu erzählen brauche, damit sie alles vergessen. Michel erzählt ihnen die vermeintlichen Erinnerungen Juliettes aus Spanien und führt sie dabei allmählich in den Wald. Der Vorhang fällt.
Intermezzo (Szene 8, vor dem Vorhang). Nachdem Michel dem Tribunal entkommen ist, trifft er wieder auf den Kommissar aus dem ersten Akt, der jetzt als Waldhüter gekleidet ist. Er teilt Michel mit, dass er selbst den Schuss abgefeuert habe, um ein Wasserhuhn zu jagen. Der Waldhüter weist Michel den Weg zur Stadt und entfernt sich.