mini|275px|Scottish Country Dancing bei Highland Games in Mount Vernon, Washington, 2005 Scottish Country Dancing (kurz „SCD“) ist ein schottischer Gesellschaftstanz, der von Gruppen von meist sechs bis acht Personen zu schwungvoller schottischer Musik (hauptsächlich Reels, Jigs und Strathspeys) getanzt wird.
Allgemeines Zurückgehend auf Kontratänze wird Scottish Country Dance in Sets von zwei bis acht Paaren getanzt, üblich sind Tänze mit drei oder vier Paaren. Die übliche Aufstellung ist die Gasse, das so genannte Longwise Set. Daneben gibt es auch Aufstellungen im Quadrat (Square Set) wie in der Quadrille oder im Squaredance oder dreieckige Sets (Triangular Set). Größere Formationen sind beispielsweise Kreistänze wie auch „Round-the-room“-Tänze, bei denen viele Zwei- oder Drei-Paar-Sets einen großen Kreis bilden.
Die Tänze selbst bestehen aus aneinandergereihten Figuren, die auf die Phrasen der verwendeten Musik abgestimmt sind. Die Figuren sind in der Regel 2, 4 oder 8 Takte lang. Eine solche Sequenz ist üblicherweise 32 Takte lang, aber auch andere Längen wie 24, 40, 48 oder 64 Takte kommen vor. Diese Sequenz wird von jedem Paar einmal oder mehrmals getanzt. In der Sequenz findet in der Regel eine so genannte Progression statt, so dass sich ein Paar im Laufe des Tanzes vom Anfang an das Ende des Sets bewegt. Nach ein oder zwei Durchgängen beginnt das zweite Paar an der Position des ursprünglichen ersten Paares, so dass nach drei bis acht Durchgängen jedes Paar die Figurenfolge von jeder Position getanzt hat. Aus der Zahl der Durchgänge und der Länge der Figurenfolge ergibt sich die Länge des Tanzes; häufig ist eine Länge von 8×32 Takten, das sind etwa vier bis fünf Minuten für einen Reel oder Jig oder acht Minuten für einen Strathspey. Außer progressiven Tänzen gibt es set dances ohne Progression, bei denen nur ein Durchgang getanzt wird; in diesem Fall ist die Figurenabfolge deutlich länger, meist 96 bis 128 Takte. Diese bilden jedoch einen relativ geringen Teil des Repertoires.
In neueren Tänzen werden auch ungewöhnlichere Progressionen und Figurfolgen verwendet, zum Beispiel eine Progression, bei der jeder Durchgang mit einem neuen Partner getanzt wird („Caddam Wood“ von John Mitchell), Tänze mit Palindrom- oder mit Kanon- bzw. Fugenstruktur („Rob Roy“ von Hugh Foss).Hugh Foss: The Waverley Fugues: Twelve-Scottish Country Dances for Demonstrations. 1963, ISBN 0-904102-08-4.
Anders als beim Square Dance gibt es keinen Caller, so dass die Tänzer sich die Figurenabfolge merken müssen. Andererseits gibt es heute über 10.000 Einzeltänze, so dass kein Tänzer alle Tänze auswendig kann. Es ist auch nicht erforderlich, Tänze auswendig zu können, da bei Bällen normalerweise unmittelbar vor jedem Tanz ein „Recap“, eine kurze Erinnerung an die Figurenabfolge, vorgetragen wird, während im Unterricht ausführliche Erklärungen und Übungen dem tatsächlichen Tanz vorausgehen. SCD-Unterricht zielt darauf ab, dass Teilnehmer die grundlegenden Figuren beherrschen und jeweils verbinden können, nicht auf das Einstudieren bestimmter Tänze.
Scottish Country Dance darf nicht mit dem Highland Dancing verwechselt werden, das heute eher ein Wettkampfsport ist und im Wesentlichen aus Solotänzen besteht. Beide Tanzformen gehen aber auf gemeinsame Wurzeln zurück und einige Schritte des Highland Dancing werden auch im Scottish Country Dance verwendet.
Technik Schritte Im Gegensatz zu Ceilidh-Tänzen oder anderen Kontratänzen wie dem English Country Dance, die oft mit normalen Gehschritten getanzt werden, werden im Scottish Country Dance spezielle Schritte verwendet, die korrekt ausgeführt sehr eindrucksvoll aussehen, aber auch Übung und eine gewisse körperliche Fitness erfordern. Dabei werden meist weiche Lederschuhe, Ghillies getragen.
Die Schritte werden unterteilt in Travelling Steps zur Fortbewegung und Setting Steps, die (meistens) auf der Stelle ausgeführt werden.
Reel und Jig Strathspey Travelling Steps Skip change of step Slip step Running Step Strathspey travelling step Setting Steps Pas de basque Strathspey setting step (common Schottische) Highland Schottische
Mit fünf dieser Schritte kann man die Mehrzahl aller Tänze tanzen. Der Running step, ein einfacher Laufschritt, kommt nur in wenigen einfachen Tänzen vor. Einige Tänze enthalten den Highland Schottische Setting Step, und ganz selten kommen andere Schritte vor (rocking step, high cuts u. a.), die aus dem Highland Dancing stammen. Tänze mit solchen besonderen Setting Steps sind z. B. „Glasgow Highlanders“, „Schiehallion“, oder der „Garry Strathspey“.
Teamwork Wichtiger als die korrekte Schritttechnik ist die räumliche und zeitliche Zusammenarbeit der Tänzer. Die Royal Scottish Country Dance Society, RSCDS, nennt hier eine Reihe von wesentlichen Punkten, die für das Scottish Country Dancing charakteristisch sind:
Anticipation (Vorausschauen): Um einen kontinuierlichen Fluss des Tanzes zu gewährleisten, muss jeder Tänzer, egal ob tanzend oder auf seinen Einsatz wartend, die kommende Figur bereits im Kopf haben.
Management of the Set: Die Größe der Aufstellung (des Sets) ist abhängig von den Figuren. Manche Tänze erfordern breitere oder längere Sets als andere. Die Tänzer müssen die Form des Sets während des Tanzes möglichst bewahren, sich dabei aber gemeinsam dem Raumbedarf bestimmter Figuren anpassen und gleichzeitig auf manchmal vorhandene benachbarte Sets Rücksicht nehmen.
Covering (Deckung): Wenn mehrere Paare oder Tänzer die gleichen (oder spiegelbildliche) Figuren tanzen, dann sollten diese Figuren deckungsgleich sein. Jeder Tänzer soll die anderen beobachten und entsprechend langsamer oder schneller, enger oder weiter tanzen, um so ein möglichst einheitliches Bild zu erreichen.
Phrasing (Phrasierung): Zu jeder Figur gehört eine genau definierte Phrase der Musik. Jede Figur sollte mit dem ersten Taktschlag der musikalischen Phrase beginnen und genau mit dem letzten beendet sein. Auch die Schritte müssen mit der Musik übereinstimmen; das bedeutet, dass man die Figuren im Voraus planen muss und von Anfang an je nach Wegstrecke größere oder kleinere Schritte wählt. Bei guter Phrasierung gehen die Figuren fließend ineinander über, ohne dass Pausen entstehen.
Welcher Wert auf diese technischen Elemente gelegt wird, ist von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich. SCD ist eine Freizeitbeschäftigung, die in erster Linie Spaß machen soll. In manchen SCD-Gruppen gibt es Demonstration Teams, die für öffentliche Auftritte eine perfekte Technik anstreben.
Figuren Die Figuren (Formations) im Scottish Country Dance reichen vom einfachen Platztausch bis zu sehr komplexen Figuren, bei denen alle Paare eines Sets gleichzeitig in Bewegung sind. Die RSCDS unterscheidet folgende Gruppen von Figuren, die meist wiederum mehrere standardisierte Figuren umfassen: Advance and Retire Allemande Back to Back Balance in Line Casting Chain formations Corner formations Cross over Crown triangles Double triangles En rond Figure of eight Hands across Hands Round The Knot Lead Down the Middle and Up Petronella turn Poussette Promenade Reels of Four Reels of Three Rights and Lefts The Rondel Set and link Setting in line Set and rotate The Spiral The Spoke The Spurtle Stepping up/down The Swirl The Targe The Tourbillon The Tournée
Musik Die einzelnen Tänze werden nach der verwendeten Musik als Reels, Jigs und Strathspeys bezeichnet. Die ersten beiden Typen (quick-time dances) sind schnell und lebhaft, der dritte ist langsamer und elegant. Daneben gibt es einige wenige Hornpipes, Polkas, 9/8-Jigs, Menuette oder Walzer (z. B. „Waltz Country Dance“ und „Tweedside“), die aber nur einen verschwindenden Teil des Tanzrepertoires ausmachen.
Reels sind schnelle Tänze in einem geraden Takt. Die dazu gespielten Melodien sind nicht nur Reels im eigentlichen Sinn, sondern auch Rants, Scots Measures, Hornpipes, Märsche, Lieder oder Polkas. Das Gemeinsame ist ein einfacher Takt mit zwei Zählzeiten: 2/2 oder 2/4. Oft werden Reels auch im 4/4-Takt notiert, aber die üblichen Takt- und Tempoangaben der Tänze beziehen sich auf halbe Noten im 2/2-Takt. Eine Zählzeit umfasst dann vier Achtelnoten.
Jigs sind ebenso schnell wie die Reels, stehen aber in einem zusammengesetzten Takt (6/8). Auch Jigs haben zwei Zählzeiten pro Takt, hier umfasst jede Zählzeit drei Achtelnoten. Neben Jigs im engeren Sinn werden auch andere Stücke im 6/8-Takt gespielt: Märsche (besonders schottische Pipe marches), Lieder und seit dem 20. Jahrhundert auch Two-Steps.
Die Unterscheidung zwischen Jig- und Reel-Musik fällt selbst manchen Tänzern nicht leicht. Der typische Rhythmus eines Reels entspricht dem der Wörter „animated alligator“, der des Jigs den Wörtern „jiggety jig“.RSCDS-Manual 2005, S. 28
Strathspeys waren musikalisch ursprünglich eine Variante des Reels und wurden deutlich schneller gespielt als heute. Sie entstanden wahrscheinlich Mitte des 18. Jahrhunderts, sind also etwas jünger als das Country Dancing, das bereits zu Anfang des Jahrhunderts nach Schottland kam. Heute werden Strathspeys im Scottish Country Dance nicht nur zu eigentlichen Strathspeys mit ihrem charakteristischen Rhythmus getanzt, sondern auch zu Slow Airs und Liedern im 4/4-Takt. Das Gemeinsame ist ein einfacher Takt mit vier Zählzeiten. Auch hier findet man abweichende Notationen (2/4- oder 2/2-Takt), was beim Auszählen von Schritten und bei Tempoangaben verwirrend sein kann.
Das Tempo der Musik liegt etwa bei 112 bpm (56 TPM) für Jigs und Reels, und 120 bpm (30 TPM) für Strathspeys. Abhängig von den Erfordernissen der einzelnen Tänze, der Tänzer und auch der Musikstücke kann das Tempo aber recht stark variieren.
Geschichte Country Dancing (Kontratanz) war im England des 17. Jahrhunderts die vorherrschende Form des Gesellschaftstanzes. Von dort gelangten die Tänze im 18. Jahrhundert nach Schottland, und zwar zunächst in die größeren Städte wie Edinburgh, von wo aus sie sich allmählich über das Land ausbreiteten. Die englischen Country Dances kamen dabei auch in Kontakt mit älteren schottischen Tänzen wie dem Reel, so dass sich nach und nach eine eigene schottische Form des Country Dancing herausbildete. Im 18. Jahrhundert war es üblich, Tänze nach den zugehörigen Musikstücken zu benennen, und so galten (in England und später Schottland) zunächst diejenigen Tänze als „schottisch“, die auf schottische (oder sich schottisch anhörende, oder mit einem schottischen Titel versehene) Musikstücke choreografiert wurden. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden in Schottland vom schottischen Reel inspirierte Figuren in die Country Dances übernommen.Hugh Foss: Notes On Evolution in Scottish Country Dancing. Dumfries 1973, S. 12
Der geschichtliche Ausgangspunkt für die Verbreitung des Country Dance in Schottland dürfte die Union of Parliaments 1707 gewesen sein, die gesetzliche Vereinigung Englands und Schottlands zum Königreich Großbritannien. Auch wenn diese Vereinigung in Schottland wenig begrüßt wurde, brachte sie letztlich eine deutliche wirtschaftliche Entspannung.Emmerson 1972, S. 86 Gleichzeitig gab es durch den Umzug der schottischen Abgeordneten von Edinburgh nach London einen wesentlich größeren kulturellen Austausch zwischen England und Schottland.